Das Patriarchiat ist tot, es lebe das Patriarchiat!

Das Patriarchiat ist tot, es lebe das Patriarchiat!

von SPuK in Pankow – „Subversive Philosophie und Kommunismus“

Endlich! Noch die letzte muß es jetzt verstanden haben! Angela Merkel wird Bundeskanzlerin und niemand kann mehr daran zweifeln, daß Ungleichheit zwischen den Geschlechtern von mindestens vorgestern ist. Mit ausreichend Leistungsbereitschaft und ordentlich selbstbewußten Auftreten, bleiben keine Türen verschlossen! Es liegt also bloß an den Frauen selbst, wenn sie nicht Vorstandsvorsitzende von VW oder Siemens werden. Peanuts daher, daß jede vierte Frau Opfer häuslicher Gewalt wird oder Frauen nur über 1% des gesamten Eigentums weltweit verfügen, daß Angestellte 33% und Arbeiterinnen 25% weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen [1] oder als Hausfrauen gleich gar nicht bezahlt werden.
Merkwürdig dann doch, daß es kaum jemanden interessierte, als das Frauen-Fußballnationalteam im Sommer zum x-ten Mal in Folge Europameisterin wurde. Mensch möge sich vorstellen, was in Deutschland schon los gewesen wäre, hätten die Männer bloß die Vorrunde überstanden, was 2004 ja mal wieder nicht gelang. Ähm…, wie war das mit der Leistungssache? Und was meinte Theo Zwanziger, Präsident des DFB, eigentlich damit, als er nach dem EM-Titel erklärte, die Damen müßten ihre spezifisch weiblichen Qualitäten besser vermarkten? Engere, bauchfreie Trikots? Gleich ganz ohne? Werbung für Haushaltswaren? Und warum mag der durchschnittliche deutsche Fußballfan gedacht haben: „Recht hat er, der Zwanziger! Aber zum Fußballspielen sind die Weiber trotzdem nicht gemacht.“?

Warum also?
Der Versuch, Geschlechterverhältnisse zu erklären und zu kritisieren, sieht sich einem komplexen Zusammenhang mit allerlei verschiedenen Problematiken gegenüber. So muß z.B. überlegt werden, ob und wie kapitalistische Produktion sich auf die ökonomische Ungleichheit zwischen Frauen und Männern auswirken. Anderseits sollte auch geklärt werden, wie Menschen im Alltag mit Geschlecht umgehen, z. B. im Zusammenleben innerhalb von Familien. Und: wie sprechen wir eigentlich darüber? Was tragen medizinische Kategorien zu unser Vorstellung von Geschlechtern bei? Warum werden immer noch 10% aller Neugeborenen zu Mann oder Frau zurechtgeschnippelt? Solche und ähnliche Fragen sind von Feministinnen mit Hilfe materialistischer und postmoderner Theorien immer wieder formuliert worden. Die Postmoderne fragt dabei eher danach, wie durch Sprache, „wissenschaftliche“ Definitionen und im täglichen Umgang miteinander Geschlechter konstruiert werden. Materialistische Ansätze suchen dagegen vor allem im Kontext von kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsverhältnissen nach funktional und historisch herleitenden Erklärungen.
Wir denken, daß es am Sinnvollsten wäre, das Plausibelste aus beidem zu verbinden und die Ansätze miteinander zu kritisieren. In diesem Sinne möchten wir hier einige Thesen vorstellen, die hoffentlich zu manchen Fragen Erklärungsansätze bieten können. Sie sollen bei unserer Veranstaltung am 26.9.05 im Café Morgenrot untermauert, diskutiert und um weitere Aspekte ergänzt werden.

I) Ob in der Mitte der Gesellschaft oder in Teilen der Linken: daß es das Patriarchat, die Männerherrschaft, nicht mehr gibt, ist klar. Sicher, es kann, wird heute den Begriff Patriarchat gebraucht, natürlich nicht mehr um die direkte Herrschaft eines männlichen Oberhaupts (‚pater familias’) gehen. Trotzdem gibt es aber neben den oben genannten Fakten auch strukturelle Gründe, weshalb es an einem veränderten Begriff des Patriarchats festzuhalten gilt.
So hat sich Hausarbeit inkl. Kinderbetreuung erst mit der Durchsetzung kapitalistischer Gesellschaft herausgebildet und wird in erster Linie von Frauen verrichtet, die für diese Arbeit nicht bezahlt werden. Das hat zur Folge, daß Frauen entweder von ihrem lohnarbeitenden Ehemann abhängig sind oder aber einer doppelten Belastung unterliegen: in minder entlohnten Arbeitsverhältnissen und im Haushalt zugleich beschäftigt. Aber hey, es gibt ja ansonsten noch die „Karrierefrau“!
Das Zusammenspiel aus unbezahlter Arbeit in der Familie und billiger Arbeitskraft ist für kapitalistische Produktion kostengünstig und effektiv: ohne dafür bezahlt zu werden, sorgen Frauen dafür, daß der Mann am nächsten Tag gut gestärkt wieder produzieren gehen kann, oder sie kümmern sich um die Erziehung der Kinder – künftige ArbeitnehmerInnen oder Hausfrauen. Die Reproduktion der Arbeitskraft ist so in die häusliche, mit Frauen verbundene Sphäre verlagert. Ungleichheit der Geschlechter scheint also ein Grundzug kapitalistischer Gesellschaft zu sein [2] und in Teilen der Linken kursierende Theorien, nach denen sich alle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auflöse, weil auf dem Markte jedeR gleich sei, erscheinen unplausibel. Wir schlagen deshalb vor, vom modernen Patriarchat zu sprechen.

II) Die Idee, daß Frauen nicht Fußball spielen können, aber für Hausarbeit besonders geeignet sind, weist auf einen anderen Komplex hin, der bezüglich einer Theorie und Kritik des modernen Patriarchats zu beachten ist.
Wurden in der Zeit vor der Aufklärung die ungleichen Positionen von Männern und Frauen noch als Teil einer göttlichen Ordnung begründet, sieht es seitdem anders aus. Warum Frauen besonders gut Kinder erziehen können, Männer hingegen das Kriegshandwerk oder Mathe besser beherrschen sollen, wird nun durch das „natürliche“ Wesen von Männern und Frauen begründet. Frauen seien von Natur aus emotional, Männer hingegen rational, ihr Körper eigne sich weniger gut zum Fußball spielen als seiner usw..: geschlechtliche Ungleichheit wird naturalisiert. Auch das ist eine Besonderheit moderner Gesellschaften. Durch Natur begründete geschlechtliche Ungleichheit wird vor allem durch wissenschaftliche, kulturelle und institutionelle Bestimmungen und deren ökonomische Rahmenbedingungen hervorgebracht – und schließlich von den Individuen verinnerlicht. Kurz gesagt, die Frau übernimmt z.B. die Idee, daß sie emotionaler sei als der Mann – à la: ‚Wir Frauen sind doch gefühlvoller’. So akzeptieren Menschen geschlechtliche Ungleichheit und Herrschaft, indem sie diese rationalisieren, d.h. sie sich vernünftig zurechterklären und legitimieren.

III) Geschlechter, Körper und Geschlechterverhältnisse sind aber sozialisiert.
Vorstellungen darüber, was die Geschlechts-identität (d.h. die Zuschreibung von Eigenschaften auf einen Körper und deren Verinnerlichung durch das Individuum) einer Frau, eines Mannes ausmacht, variieren quer durch die Geschichte. Sie sind z.B. davon abhängig, ob eine Gesellschaftsordnung sich religiös oder wissenschaftlich-rational legitimiert. Und ebenso davon, welche Stellung Frauen und Männer im Arbeitsprozeß einnehmen sollen. Ob sie mit vor allem sog. körperlich leichter Arbeit im Haushalt identifiziert werden oder ob sie, wie im Mittelalter, mit den Männern zusammen auf dem Feld arbeiten. Es ist einleuchtend, daß die Idee des ‚schwachen Geschlechts’ kaum mit letzterem zu vereinbaren ist, aber großartig dabei hilft, Frauen auf den Herd oder qua Emotionalität auf die Kindererziehung festzulegen. Und nicht zuletzt ist die Stabilität einer Geschlechtidentität natürlich auch daran gebunden, wie wir mit ihr umgehen: affirmieren oder hinterfragen wir sie in unseren Worten und Praktiken? Oder treiben wir gar Subversion mit unsere(r/n) Geschlechtsidentität(en)? [3]
… und beim Hinterfragen hülfe dann vielleicht auch schon ein wenig, wenn Birgit Prinz, Teamführerin des deutschen Frauen-Fußballnationalteams, Theo Zwanziger samt Oliver Kahn einmal ordentlich umgrätschen würde.

Anmerkung:
[1] Vgl.: http://www.bmfsfj.de/Politikbereiche/gleichstellung,did=1495 2.html (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 17.02.2004); Newsletter des „Bundeswirtschaftsministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit“ (April 2005); Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Frauen in Deutschland. Wiesbaden 2004, 49 – 53.
[2] Die strikte, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Produktion und Reproduktion wurde während aller Phasen des Kapitalismus immer wieder unterhöhlt und durchlöchert, z.B. durch gesteigerte Erwerbstätigkeit von Frauen. Dass dies jedoch an den modern-patriarchalen Verhältnissen nichts Grundlegendes ändert, ist an drei Aspekten zu erkennen: konstant niedrigerer Bezahlung von Frauen; Bildung typischer, in der Regel mit Reproduktion verbundener Frauenberufe (Pflegerin etc.) und Ausschluß aus sog. „Männerdomänen“; Führungspositionen (vor allem in Wirtschaft und Universität) bleiben vorwiegend Männern vorbehalten.
[3] Im Hinblick auf Sexualität, das sei hier noch angemerkt, gilt übrigens Ähnliches. Sexualität kann nicht als Ausleben irgendwelcher, scheinbar im Menschen angelegter Triebe verstanden werden, sondern als sozial bedingtes Verhältnis, als wechselseitige und intersubjektive Praxis, in der es genauso um die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse wie der des/der Anderen geht.