Eine klitzekleine Geschichte durch den Feminismus

Eine klitzekleine Geschichte durch den Feminismus

von a.g.gender-killer

Der historische Verlauf der feministischen Theoriebildung war zunächst auf die Gleichheit der Geschlechter ausgerichtet. Mit dem Gewinn von Freiräumen, die von der Frauenbewegung erkämpft wurden, rückten zudem „interne“ Fragestellungen immer weiter in den Mittelpunkt, beispielsweise nach der Homogenität der Frauen als solche oder der differenten Vorstellung von Emanzipationsstrategien. Feministische Theorien orientierten sich meist an einer ausschließlich heterosexuellen Perspektive, welche zudem weitere Felder von Unterdrückung wie beispielsweise die der „Class and Race“ [1] unberücksichtigt ließ. Darüber hinaus wurde die Frage aufgeworfen, ob es sinnvoll sei, sich im Ziel einer Emanzipationsbewegung an den traditionell männlich kodierten Werten, welchen im Kapitalismus höhere Bewertung zukommt, zu orientieren. Oder ob vielmehr traditionell weiblich kodierte Werte eine Aufwertung erfahren sollten.

Die differenzfeministische Theoriebildung [2] verfolgt letztere Vorgehensweise. Der Gleichheitsansatz hingegen will Frauen, vor allem auch in ökonomischer Hinsicht, den Männern gleichstellen und bezieht sich damit auf eine Umverteilung.
Ob es letztendlich durch Abgrenzung der Identitäten Weiblich-Männlich zu einer Gleichheit der Geschlechter kommen kann, ist dabei zweifelhaft. Nach der These von Poststrukturalistinnen zieht Differenz immer Defizienz nach sich. D.h. durch die Benennung einer Diskriminierung erfolgt auch immer ein Moment der Reproduktion von Differenz. So wird das Konzept von Norm und Abweichung verfestigt. Zentrale Kritik an Frauenförderungsprogrammen wurde insofern laut, als dass ein Strukturproblem der Geschlechterverhältnisse, das alle Ebenen des öffentlichen wie privaten Lebens durchzieht, durch die explizite Förderung von Frauen zu einem Frauenproblem erklärt wurde.
Dieses entspricht wiederum dem Stereotyp der defizitären Frau [3].
Simone de Beauvoir gilt als Vorläuferin der Trennung von Geschlechtlichkeit in sex und gender. An dieser Unterscheidung wird aufgezeigt, dass die biologische Einteilung in Mann und Frau zwar real existiert, das Rollenverhalten jedoch ein rein soziokulturelles Konstrukt darstellt. Sex stellt dabei das biologische und damit unvergängliche Geschlecht dar, während sich gender an sozialisatorischen Einflüssen fest macht [4]. Ausgehend von dieser Trennung hinterfragt Judith Butler, ob es sinnvoll für die Auflösung der Geschlechterungleichheit sei, wenn es überhaupt zu einer identitären Bezugnahme in punkto Geschlecht kommt.
Deswegen erweitert sie die Zweiteilung in sex und gender durch den Begriff des sexuellen Begehrens, im Englischen desire. Bei ihren Überlegungen zur Herrschaftsbeziehung zwischen Mann und Frau kommt sie zu dem Ergebnis, dass die Zwei-Geschlechtlichkeit der heterosexuellen Matrix [5] die eigentliche Grundlage für eine Hierarchisierung bildet. Ihrer Ansicht nach in jeder Bi-Polarität immer eine Kategorie als Norm gesetzt und die andere als defizitär dazu abgeleitet wird. Dabei entsteht der bislang „unvergängliche“ Aspekt sex bei Butler ausschließlich durch den Diskurs [6]. Demzufolge ist Geschlechtlichkeit nichts, was man hat, sondern das, was man tut [7]. Das natürliche Geschlecht ist demnach erst durch die Sozialisation des gender und die Aufteilung einer Zwangs-Heterosexualität entstanden. Der vorsoziale Moment wird hierbei geleugnet. Das natürliche Geschlecht ist demnach erst durch die Sozialisation des gender und die Aufteilung einer Zwangs-Heterosexualität entstanden [8].
Unserer Meinung nach, kann in einer Gesellschaft, die bisher patriarchal strukturiert ist, eine Umverteilung, die dem entgegen wirken will, nur dann wirksam werden, wenn die bislang Benachteiligten kurzfristig bevorzugt werden. So ist, um die Diskriminierung von Frauen zu benennen, die Bildung eines Subjekts „Frau“ elementar, um eine gemeinsame Identität zu entwickeln, an der sich die Benachteiligung fest macht. Wir sind der Meinung, dass wir über den Prozess des Sichtbarmachens der Strukturen patriachaler Herrschaft leider noch nicht hinweg sind. Mit der Organisation von Frauen sollen keine neuen Hierarchien erschaffen werden. Antipatriachal arbeitende Zusammenhänge mit einem dekonstruktivistischen Anspruch, welche über die Theorie hinausgehen, befinden sich daher in dem interessanten Spannungsverhältnis, einerseits nicht mehr bestimmen zu wollen, was genau eine Frau kennzeichnet, andererseits die gesellschaftlichen Ungleichverhältnisse mit Hilfe des Begriffes der „Frau“ aufzeigen zu müssen.

[1] Der Begriff Race, setzt sich in so fern von dem im deutschen mit der Politik der Nationalsozialisten verbundenen Begriff der Rasse ab, als das er einen Prozess beschreibt, in dem soziale Gruppen rassistisch konstruiert und markiert werden.
[2] Der differenzfeministische Ansatz geht von der naturgegebenen Unterschiedlichkeit der Geschlechter aus, wertet diese jedoch positiv um, so dass Frauen nicht mehr den Männern unterlegen sind, sondern mit ihnen mindestens gleichauf liegen. Zum Teil mündete der differenzfeministische Ansatz jedoch im Gynozentrismus und somit in der Behauptung, Frauen besäßen eine angeborene Überlegenheit gegenüber den Männern. Die Zuteilung von Geschlechterrollen und – Attributen selber geht unseres Erachtens nach beim Differenzansatz konform mit der gängigen patriachalen Kategorisierung, allein die Bewertung erfolgt entgegen gesetzt.
[3] Aus diesem Grund kam es unter anderem zu einer Umstrukturierung in Folge derer „alle Bereiche der Politikformulierung einer Geschlechtsbezogenen Bewertung unterzogen w[u]rden, um Chancengleichheit zu erreichen.“ Mit dem Konzept des Gender Mainstreaming wurde versucht „Chancenungleichheit nicht durch geschlechtspezifische Ungleichheit von Frauen zu erklären, sondern durch patriachale, strukturelle Bedingungen oder politische Maßnahmen. Ähnlich einem riesigen Netz, das über die Berufswelt gespannt wird um alle geschlechtsspezifischen Ungleichheiten herauszufiltern.“
[4] Weder der Gleichheits- noch der Differenztheoretische Ansatz hinterfragen die Kategorie Sex. Der Gleichheitsansatz entlarvt lediglich das Gender als soziokulturelles Konstrukt, der differenztheoretische Ansatz hinterfragt auch diese Kategorie nicht, sondern übernimmt hierbei traditionell geprägte Zuschreibungen.
[5] Die heterosexuelle Matrix beschreibt ein System gesellschaftlicher Strukturen und Mächte, das komplementäre Zweigeschlechtlichkeit und heterosexuelles Begehren als zentrale Norm voraussetzt und diese Norm wiederum reproduziert und zu erzwingen sucht.
[6] Nach Michel Foucault, ist der Diskurs die Summe aller möglichen Aussagen über ein Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte, die sich nach bestimmten Regeln formiert und sowohl Produzent als auch Produkt gesellschaftlicher Macht- Wissens- Systeme ist.
[7] Im englischen als „Doing Gender“ betitelt.
[8] Es gibt kaum Menschen, die in letzter Konsequenz dem Anspruch Mann oder Frau gerecht werden, vielmehr verkörpern alle Menschen Zwischenstufen inmitten der beiden Pole, die lediglich zur Bildung einer heterosexuellen Matrix und somit der Legitimation von Herrschaft dienen.