Wie diskutieren? – Herrschaftsverhältnisse auf Diskussionsveranstaltungen

Wie diskutieren? – Herrschaftsverhältnisse auf Diskussionsveranstaltungen

von a.g.gender-killer

Diskussionsveranstaltungen sind einer der Orte an dem sich traditionell Männlichkeit herstellt und zeigt. Strukturelle Ungleichheitsverhältnisse zwischen Männern und Frauen werden hier (re)produziert und verwaltet.
Das betrifft nicht allein die Auswahl von Referent_innen, sondern auch das Gesprächsverhalten von allen anwesenden Männern. Wir haben bisher versucht diesem Umstand dadurch gerecht zu werden, dass wir vor Diskussionsveranstaltungen explizit darauf hingewiesen haben, dass aggressives Redeverhalten, sexistische Ausfälle oder selbstgefälliges Dozieren von uns nicht akzeptiert werden. Wir haben leider die Erfahrung, dass diese Praxis nicht ausreicht, da sich viel Typen, wie allzu oft, davon nicht angesprochen fühlen. Im folgenden geht es uns daher darum, noch einmal zu informieren und aufzuklären, damit niemand sagen kann, „er“ wisse nicht bescheid.

Laute Praktiken
Unter „lauten Praktiken“ verstehen wir Handlungen durch die andere Menschen – zumeist Frauen oder andere nicht männliche Geschlechter – angegriffen und in ihren Freiräumen begrenzt werden. Beim Sprechen anderer Teilnehmer_innen gehört dazu vor allem das Unterbrechen oder Disqualifizieren von Redebeiträgen durch Kommentare, Grinsen, Augenverdrehen und ähnliches. Beim eigenen Sprechen gehört dazu vor allem, das explizite Beleidigen oder Herabsetzen anderer.
Sexismen und Ironie sind dabei Mittel, die „Lacher“ auf der eigenen Seite zu haben. Mit aggressiven Ton werden unliebsame Stimmen zum Schweigen gebracht und darüber hinaus Räume für diejenigen geschlossen, die nicht die Souveränität besitzen, dem selbstbewusst entgegen zu treten.

Leise Praktiken
Unter „leisen Praktiken“ verstehen wir eine Art des Sprechens, die andere nicht direkt angreift und einschränkt, aber der eigenen männlichen Selbstdarstellung dient. Diese Praktiken sind anders als „laute Praktiken“ schwieriger zu fassen und explizit zu machen – sie bilden daher das bevorzugte Mittle zur Demonstration männlicher Dominanz.
Rein formell gehört zu diesem Stil der dozierende Ton und die ausufernde Länge.
Diese selbstbewusste Art sich Raum zu nehmen, zeichnet sich zumeist durch die Unfähigkeit aus, Stimmungen im Raum wahrzunehmen und anderen Teilnehmer_innen Platz für ihre Beiträge einzuräumen. Eigene Interessen werden hier unreflektiert und unsensibel vor diejenigen anderer gestellt. Inhaltlich zeichnen sich solche Beiträge meist dadurch aus, dass in ihnen immer wieder Sätze auftauchen, die die eigene Kompetenz demonstrieren sollen („Wie in aktuellen Debatten ja betont wird…“, Wie es bei Marx ja schon heißt…“ etc.).

Männliche Wissenschaftlichkeit und Checkertum werden über solche aussagen immer wieder zur Schau gestellt. Vor diesem Hintergrund wird die eigene Meinung zur objektiven allgemeingültigen gemacht und vor Widersprüchen oder Nachfragen geschützt.
Ebenso sind Belehrungen anderer ein beliebtes Mittel der Selbstinszenierung. Hierzu zählt zum einen der Drang, andere beständig zu ergänzen, und zwar nicht mit Informationen oder Tipps, sondern mit ausschweifenden selbstreferentiellen Monologen.
Zugleich rechnen wir dazu die Unfähigkeit selbst Kommentare oder Tipps anzunehmen und diese stattdessen mit der Geste des „ja das habe ich auch schon gewusst“ abzutun.

Wie diskutieren?
Diese Punkte als Moderation zu verhindern sehen wir als begrenzt. Vor allem „stille Praktiken“ entziehen sich zumeist dem Zugriff. Desweiteren laufen wir bei der Beachtung dieser Punkte Gefahr, die Diskussionen um den Vortrag zugunsten einer Sexismusdiskussion ganz abzuwürgen. Wir sehen eine Verantwortung daher bei allen Beteiligten und vor allem bei den Sprechern selbst.
Von Männern – und vor allem von sich als links und emanzipiert verstehenden – erwarten wir, dass sie sich mit ihrer eigenen Männlichkeit und den dazugehörigen Praktiken kritisch auseinandersetzen und dass sie sich selbst in Diskussionen zurückstellen
Von den Moderator_innen erwarten wir strukturelle Herrschaftsverhältnisse in Diskussionen vorab zu benennen und bei entsprechenden Vorfällen zu reagieren. Außerdem halten wir es für wünschenswert, quotierte Redelisten zugunsten von Frauen und Transgendern zu führen.
Eine sinnvolle und angenehme Diskussion stellen wir uns als eine gegenseitiger Kommunikation vor. Dafür ist es essentiell Redebeiträge kurz und knapp zu halten.
Ausuferndes Dozieren auf Seite der Vortragenden als auch auf Seite der Fragenden zeigt sich dabei zumeist als hinderlich.