Was tun wenn´s brännt? Zum Umgang mit sexueller Gewalt

von gruppe antisexistische praxis berlin

In diesem Text geht es uns darum, Grundlagen für eine antisexistische Praxis vorzustellen und schnell Handlungsperspektiven zu eröffnen, wenn ihr in der Situation seid, dass in eurem Umfeld ein Übergriff oder eine Vergewaltigung stattgefunden hat. Wir schreiben diesen Text vor dem Hintergrund unserer Erfahrung als gemischtgeschlechtliche Gruppe, die sich in linksradikalen Zusammenhängen und Debatten mit Sexismus und sexueller Gewalt auseinandersetzt. Ein Großteil unserer Arbeit macht dabei die konkrete Unterstützung von Betroffenen von sexueller Gewalt und damit einhergehend die Auseinandersetzungen um konkrete „Fälle“ innerhalb der Linken aus.

(Dieser Text kann nur Ausschnitte unserer Praxis wiedergeben und gehört eigentlich in den Kontext eines Readers, der viele Stichworte aufgreifen und vertiefen soll. Die Veröffentlichung ist perspektivisch geplant)

Sexistische Normalität und die Linke

In der Linken würden sich die meisten als “antisexistisch” bezeichnen und zustimmen, dass das Thema Antisexismus wichtig ist. Sich antisexistisch zu labeln ist Standard in linksradikalen Räumen und Gruppen und gehört teilweise fast zum Szene-Style – umgesetzt wird davon leider recht wenig, über bloße Phrasen und Selbstbezeichnungen geht es meistens nicht hinaus. Gerade deshalb ist es wichtig, sich klar zu machen, dass sexistisches Verhalten und sexuelle Gewalt nicht unbedingt auf bewusste Handlungen zurückgehen müssen. Sexismus stellt wie Rassismus oder Kapitalismus eine größere gesellschaftliche Struktur dar, ein Verhältnis, aus dem ein “Ausstieg” durch einen Willensakt oder eine Absichtserklärung nicht einfach möglich ist. Wir alle sind Teil sexistischer Strukturen: Unser alltägliches Verhalten, unsere Geschlechtsidentität, unsere Gefühle und Körper sind Teil und Ergebnis dieser Strukturen und reproduzieren sie gleichzeitig. Insofern wäre es vielleicht besser zu sagen, dass es keine Antisexist_innen gibt, sondern nur antisexistisches Handeln. Das ist in Diskussionen um Fälle von sexueller Gewalt meist nicht ganz klar. Zwar ist mittlerweile sogar im Mainstream angekommen (den feministischen Kämpfen sei Dank), dass sexuelle Gewalt kein Problem des gesellschaftlichen Randes ist, sondern vor allem in der Mitte der Gesellschaft und in unseren persönlichen Verhältnissen stattfindet. Täter und Opfer kennen sich häufig und haben oft sogar ein sexuelles Verhältnis. Konsequent zu Ende gedacht folgt daraus, dass die “ganz normale” Sexualität hier das Thema ist und “ganz normale” Frauen und Männer die Handelnden und Behandelten. Oder etwas abstrakter ausgedrückt: Es geht darum, wie „ganz normale“ Männlichkeit gerade im Bezug auf Sexualität konstruiert wird, welche Bedeutung sexuelle Aktivität für die männliche Geschlechtsidentität hat und wie sich dadurch männliche Sexualität strukturiert. Und natürlich geht es darum, wie „ganz normale“ Weiblichkeit über den Status des sexuellen Objekts für Männer hergestellt wird und was Frau-Sein im Bezug auf Sexualität mit Männern heißt. Aber die Übertragungsleistung, unsere eigene Sexualität zum Thema zu machen und die eigene Normalität zu hinterfragen, ist meist die Hürde, an der die antisexistischen Ansprüche scheitern. Darin unterscheidet sich die Linke nicht sonderlich vom Rest der Gesellschaft: Wer hat schon Bock über sich, gute Freunde oder Genossen als Vergewaltiger nachzudenken? Und darüber hinaus auch seine eigene Sexualität als eine gewaltförmig strukturierte zu denken, ist wohl auch nicht einfach. Aber wie ist es möglich, dass die Realität sexueller Gewalt so konstant geleugnet werden kann? Eine Antwort darauf sind die „Vergewaltigungsmythen“ – die weit verbreiteten Bilder und Vorstellungen von sexueller Gewalt, die dazu dienen, das Thema von sich selbst und vom direkten Umfeld wegzuschieben, zu leugnen und zu bagatellisieren.

Sexistische Strukturen als Täter-Ressourcen

Die meisten Vergewaltigungsmythen beziehen sich auf Frauen als Opfer sexueller Gewalt und ihr Verhalten. Sie definieren bestimmte Akte sexueller Gewalt als (noch) im Rahmen der Normalität, beziehen sich auf die Glaubwürdigkeit der Opfer, die in Frage gestellt wird, und auf ihr Verhalten in der Situation, das bewertet und kritisiert wird. Der zentrale Mythos im Bezug auf Täter ist die Wahrnehmung des Täters als “Anderen”, als das Unnormale, Gestörte oder Kranke. Ein zentrales Moment ist hierbei die Vorstellung eines sexuellen Triebes, der durch die Frau provoziert würde und vom Täter nicht zu kontrollieren sei. Eigentlich steht hinter solchen Argumenten das strukturell rassistische Bild des Fremdtäters, der die schreiende Frau gegen ihren körperlichen Widerstand vergewaltigt. Ein weiterer Mythos ist der sich in einer Ausnahmesituation befindende Täter (völlig besoffen, Beziehungsstress, etc.). Diese Vorstellungen bilden sozusagen die Negativfolie, auf die alle stattfindenden Situationen projiziert werden. Das heißt, wir haben in unseren Köpfen eine Reihe von Bildern, die bestätigt werden müssen, damit wir etwas als Vergewaltigung (an)erkennen. Sprich: solange gewisse Muster oder Erwartungen in diesem Denken nicht erfüllt sind, „hat keine Vergewaltigung stattgefunden“. Jede Abweichung davon erschwert die Einordnung von Situationen als sexuelle Gewalt. Vergewaltigungen oder sexuelle Übergriffe entsprechen jedoch praktisch nie diesem Bild vom „fremden Mann der bei Dunkelheit im Park eine Frau auf dem Nachhauseweg vergewaltigt“.
Vergewaltigungsmythen sind also eine von mehreren Möglichkeitsbedingungen für sexuelle Gewalt: Sie sind der Hintergrund, vor dem Täter ihre Taten begehen können. Diese Taten werden in der Regel nicht als sexuelle Gewalt eingeordnet; von den Tätern meist sowieso nicht und – seltener – auch nicht von den Betroffenen. Die Mythen liefern den Tätern Argumente, warum ihr Verhalten den Normalitätsrahmen nicht sprengt. Sie vermitteln ein Täterbild, zu dem kaum ein Täter passt. Sie machen es Frauen ungeheuer schwer, sexuelle Gewalt als solche zu benennen, da die eigene Wahrnehmung nicht mit den offiziell (z.B. durch Medien) transportierten Bildern von sexueller Gewalt übereinstimmt. Dazu kommt noch, dass Abweichungen den Frauen angelastet werden: Ihnen wird eine Teilschuld oder sogar die alleinige Verantwortung für die Situation zugewiesen. Schließlich habe sie sich selbst in die Situation gebracht, sei nicht vorsichtig genug gewesen, habe ihr „Nein!“ nicht deutlich genug gemacht, habe den Täter provoziert oder sich nicht genug gewehrt. Zu der schrecklichen Erfahrung von Gewalt, Ohnmacht und Demütigung kommt für Opfer sexueller Gewalt also zusätzliche die Belastung durch Gefühle von Scham und Schuld, die vor allem durch solche Vorstellungen hervorgebracht werden. Tatsächlich ist es bis heute ein ungeheures Stigma, sich als Opfer sexueller Gewalt zu bezeichnen. Aus all diesen Gründen kann sexuelle Gewalt von vielen Betroffenen meist nicht als solche benannt werden. Es sind enorme Ressourcen (wie Unterstützung durch Freund_innen, Unterstützer_innen-Kreis etc.) nötig, um diesen Schritt zu wagen. Doch selbst wenn die Betroffene die Kraft findet, über das Erlebte zu sprechen, kommt es meist zu weiteren Verletzungen. Zur Belastung, immer wieder über traumatische Dinge sprechen zu müssen, kommen die meist katastrophalen Reaktionen durch Umfelder hinzu, die aufgrund mangelnder Auseinandersetzung ebenfalls entsprechend der oben genannten Muster reagieren: Entweder wird der Frau nicht geglaubt, ihre Vorwürfe werden nicht ernst genommen, es werden Informationen eingefordert, ihr wird eine Mitschuld zugewiesen oder sie wird pathologisiert, d.h. als krank, verrückt, hysterisch etc. verleumdet. Oftmals wird Betroffenen unterstellt, sich aus irgendwelchen Gründen rächen zu wollen, Strukturen (Gruppen, WG’s etc.) zerstören zu wollen usw. Dies bedeutet eine Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnis, dass dazu dient sich nicht mit dem eigentlichen Problem (sexueller Gewalt, sexistischen Strukturen und Bildern) auseinander zu setzen. Eine weitere Schwierigkeit ist in unserer Arbeit immer wieder die asymmetrische Konfliktstruktur: Während der Täter keine Schwierigkeiten hat, öffentlich herumzuerzählen, dass er unschuldig ist, bedeutet die Thematisierung ihrer Verletzung für die Betroffene eine dauernde Retraumatisierung, ein ständiges Wiedererleben des ihr Angetanen. In dieser gesellschaftlichen Situation, in der Sexismus und die Unsichtbarkeit sexueller Gewalt Normalität sind, ist Parteilichkeit gefragt. Immer, wenn wir diese Normalität aufrecht erhalten, lassen wir Betroffene sexueller Gewalt im Stich und stützen sexistische Strukturen und Täter. Aus diesen Gründen kann es keine Neutralität geben. Niemals nie! Sich nicht zu verhalten, sich eine objektive Meinung zu bilden oder „beide Seiten hören zu wollen“ bedeutet, diesen Zustand mitzutragen und Täter sexueller Gewalt zu unterstützen.

Definitionsmacht

Den Prozess, in dem dieser sexistische Normalzustand bekämpft und in Frage gestellt wird, bezeichnen wir als Definitionsmacht. Die betroffene Frau muss die uneingeschränkte Möglichkeit zur Definition des ihr Angetanen haben. Ihr Erleben, das durch die sexistischen Normalitätsraster fällt, muss den Status des Formulierbaren erhalten. Im Licht der bisher skizzierten Ausgangssituation verstehen wir Definitionsmacht als einen Prozess der Aneignung, in dem einer Realität, in der sexuelle Gewalt nicht stattfindet, die Realität der Betroffenen entgegengesetzt werden muss. Und das ist überaus schwierig, denn schließlich stehen wir als Frauen, die sexuelle Gewalt erleben, nicht außerhalb der gesellschaftlichen, sexistischen Strukturen. Manchmal kommt es vor, dass wir als Betroffene glauben, dass wir uns anders hätten verhalten können oder müssen oder empfinden sogar „Mitschuld“ an dem was uns angetan wurde. Ganz klar ist: keine Betroffene ist (mit)schuld an dem was ihr angetan wurde! Die gesellschaftlichen sexistischen Vorstellungen und opferfeindlichen Überzeugungen sind so mächtig, dass sie in unsere Selbstwahrnehmung hineinreichen. Diese Strukturen als solche zu erkennen und zu bekämpfen ist für viele Betroffene zentraler Bestandteil der eigenen Auseinandersetzung mit sexuellen Gewalterfahrungen. Diese Auseinandersetzung ist notwendigerweise ein Prozess, in dem es sogar wichtig und wünschenswert ist, dass sich Gefühle und Bewertungen verändern. Es ist wichtig, Trauer und Wut empfinden zu können und das ist keineswegs banal: Es ist nicht selbstverständlich, dass die betroffene Frau sich diese Gefühle zugestehen kann, und noch viel weniger werden sie ihr von außen zugebilligt. Definitionsmacht ist also eine Aneignungspraxis und für uns deshalb auch keine „schlechte aber derzeit in Ermangelung einer besseren Lösung notwendige Praxis“, wie oftmals in der Linken argumentiert wird. Was angeeignet wird ist die Wahrnehmung und Darstellung von Wirklichkeit. Wenn wir uns als antisexistische Aktivist_innen eine Perspektive von Betroffenheit aneignen, geht damit notwendig die Enteignung der Täterperspektive einher. Mit Täterperspektive ist aber nicht nur die Position eines individuellen Mannes gemeint, sondern das Set an sexistischen Überzeugungen, das es einzelnen Männern überhaupt erst ermöglicht, zu Tätern zu werden, ohne sich als solche zu fühlen, und die von allen möglichen Leuten in allen möglichen Situationen vertreten werden.
Aus all diesen Gründen ist Definitionsmacht kein Recht, das irgendwer irgendwem einräumt. Das würde eine objektive Instanz der Bewertung voraussetzen, die je nach Bewertung Definitionsmacht verleiht oder versagt. Dabei ist es völlig egal, wer als diese Instanz imaginiert wird – der Staat, die Linke, politische Gruppen etc. – das vorausgesetzte Verhältnis ist ein hierarchisches und paternalistisches. Unsere Erfahrung ist, dass in allen Auseinandersetzungen um Fälle, in denen so eine objektive Instanz angenommen wird, die Bedürfnisse der Betroffenen immer auf der Strecke bleiben. In einem Verständnis von Definitionsmacht als Aneignungspraxis sind aber die Bedürfnisse der Betroffenen der erste Ausgangspunkt jeglichen Handelns. Erst an zweiter Stelle steht eine allgemeine Debatte um antisexistische Praxis in der Linken und eine Auseinandersetzung mit den Strukturen. An dritter Stelle steht für uns die Frage nach dem Umgang mit dem Täter. Diese Hierarchisierung von Praxis-Ansätzen wollen wir im Folgenden kurz ausführen:

1.) Aktive Solidarität mit Betroffenen

Die Bedürfnisse der betroffenen Frau müssen immer an allererster Stelle stehen. Jeder Vorwurf von sexueller Gewalt oder Sexismus ist in jeder Form absolut ernst zu nehmen. Die Solidarisierung mit ihr ist immer erstmal das Wichtigste. Ein zentrales Element der Erfahrung von sexueller Gewalt ist eine Situation von absolutem Kontrollverlust und einem Gefühl tiefer Ohnmacht – die Betroffene wird vom Täter gewalttätig zum Objekt und Opfer gemacht. Sexistische und Täterschutz-Strukturen zwingen die Betroffene immer wieder dazu, in dieser Situation zu verharren. Darum ist es zentral für die Betroffene, eine möglichst große Kontrolle über alles zu haben, was passiert. Es darf wirklich absolut nichts laufen, was die Betroffene nicht will. Positiv gewendet geht es im Prozess der Unterstützung darum, die Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmtheit von Opfern wiederzugewinnen. Das bedeutet, eine Position herzustellen, in der die Betroffene nicht mehr Opfer sein muss, sondern handelnde Aktivistin sein kann.
Konkret heißt das: Es muss immer die autonome Entscheidung der Betroffenen sein, wem sie wann wie viel erzählt. Für eine Positionierung und Solidarisierung reicht es aus, zu wissen, dass es einen Vorwurf gibt. Wenn es nötig sein sollte, über konkrete Fälle sexueller Gewalt zu sprechen (im Rahmen einer Veröffentlichung, um Solidarität einzufordern, etc.), muss dies grundsätzlich immer in anonymisierter Form stattfinden. Anonymisierung bedeutet, dass niemals der Name der Betroffenen genannt wird und dass auch keine_r den Namen der Betroffenen wissen will. Es darf nur veröffentlicht werden, was und wie die Betroffene dies möchte. Das steht meist in engem Zusammenhang damit, welche Forderungen sie durchgesetzt haben will und ob sie sich eine politische Auseinandersetzung wünscht oder sie (vor dem Hintergrund linker Strukturen und bereits geführten Vergewaltigungs-Debatten) zu Recht fürchtet. Die Auseinandersetzung um sexuelle Gewalt muss unbedingt von allen anderen politischen und persönlichen Fragen getrennt werden, da sonst eine Instrumentalisierung unvermeidlich ist! Sprich, Fälle sexueller Gewalt können und dürfen niemals als Argument in anderen Konflikten verwendet werden! Zum Problembereich Anonymisierung gehört auch, dass der Täter in den meisten Fällen auf Anonymisierung scheißt und verhindert werden muss, dass er den Fall publik macht und „seine Version“ rumerzählt. Insgesamt lässt sich ein anonymisierter Umgang nur umsetzen, wenn als Voraussetzung alle Leute im weiteren Umfeld sensibel genug sind, keine Namen und Details wissen zu wollen und das Thema nicht als „saftigen Skandal“, sondern als politisches Konfliktfeld ansehen, in dem Solidarität gefragt ist.
Meist steht an erster Stelle (auch als konkretes Bedürfnis) der rein defensive Schutz der privaten und politischen Räume der Betroffenen. Die Anwesenheit des Täters oder des aktiven Täterumfelds stellt eigentlich immer eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Betroffenen dar. Gegen diese Gefährdung muss ein Schutzraum hergestellt und durchgesetzt werden.
Die Betroffene trifft zusammen mit ihrem Vertrauensumfeld (Unterstützer_innenkreis) die Entscheidung, wann und wie eine Täterkonfrontation stattfindet. Alle Fragen der Verhaltensregeln für den Täter, der Bewertung seiner Reaktionen und der Entscheidung über den weiteren Umgang mit ihm liegen bei der Betroffenen. Schließlich geht es nicht um die objektive Bewertung der “Schwere des Verbrechens” – sondern um die Ausübung von Definitionsmacht in einem Unterdrückungsverhältnis.

2.) Antisexistische Politik

Ein “Fall” ist nie nur ein Konflikt mit dem konkreten Täter, sondern auch mit sexistischen gesellschaftlichen Strukturen. Da Sexismus eine allgegenwärtige Realität ist und viele Leute sich völlig unzureichend mit dem Thema auseinandersetzen, gibt es immer viele Konflikte mit Leuten, die mehr oder minder eine Täterperspektive vertreten, sexistische Stereotype reproduzieren, etc… Deshalb heißt für uns die konkrete Unterstützungsarbeit immer auch, einen möglichst hohen Grad an Politisierung und Aufklärung zu erreichen. Außerdem ist neben der Anonymisierung der Debatte die Entpersonalisierung und Ent-Privatisierung auch im Sinne der Betroffenen ein wichtiges Ziel, d.h. der Konflikt ist kein individueller, sondern ein politischer und geht uns alle an. Eine reine Konzentration auf ein konkretes Täter-Opfer-Verhältnis birgt die Gefahr, durch eine Fetischisierung der Täter-Position die eigene sexistische Prägung oder die des Umfeldes verschwinden zu lassen. Fetischisierung heißt hier, dass über die Konstruktion des Täters als das absolut „Andere“ von der sexistischen Normalität, in der wir leben, abgelenkt werden kann. Eine Reduktion auf das konkrete Täter-Opfer-Verhältnis heißt dann, die sexistischen Strukturen, in denen wir alle leben und die wir alle mitproduzieren, zu verdecken. Ein ähnliches Problem kann auch durch das Abhaken des Definitionsrechts entstehen – schließlich hat „man“ der Frau ihre Definition ja „zugestanden“, was ja auch nur „recht und billig“ ist, und damit seinen_ ihren Antisexismus zur Schau gestellt. Antisexistische Politik heißt jedoch, sich mit gesellschaftlichen Strukturen und Ursachen von Sexismus auseinanderzusetzen. Es heißt aber unbedingt auch, antisexistische Handlungsperspektiven, die mensch sich so überlegt, auch auf sich und das eigene Umfeld anzuwenden und vor allem sein eigenes Handeln kritisch zu reflektieren. Das sind die Ebenen prinzipieller Auseinandersetzung mit Antisexismus, die für alle Gruppen und Einzelpersonen unbedingt notwendig sind – vor allem, um die in allen Gruppen faktisch existierende Geschlechterkomplizenschaft und männerbündische Identität in ihren Grundlagen zu verunmöglichen. Wenn diese Auseinandersetzung stattfände, könnten sich Betroffene sexueller Gewalt auf einen besseren Umgang und ein höheres Reflektionsniveau innerhalb der Linken verlassen. Antisexismus hätte dann vielleicht auch etwas damit zu tun, sexuelle Gewalt viel unmöglicher zu machen bzw. die Situation von Betroffenen nachhaltig zu verbessern.

3.) Umgang mit dem Täter

Aus unserer Perspektive ist es derzeit fast unmöglich, Täterarbeit zu machen, da fast nie Einsicht des Täters da ist und er zudem in seinem weiterhin sexistischen Handeln durch sein Umfeld oftmals gestützt, gestärkt und rehabilitiert wird. D.h. die ohnehin schon zu seinen Gunsten (und zu Ungunsten der Betroffenen) verlagerten Ressourcen werden durch ein Umfeld, das sich nicht verhält oder falsch verhält, auch noch gestärkt. Wenn eine aktive Solidarisierung dieses Umfeldes mit der Betroffenen nicht stattfindet, läuft es in unserer Erfahrung fast immer auf Täterschutz hinaus. Das Umfeld des Täters könnte jedoch im Idealfall dazu beitragen, Ressourcen für die Betroffene zu schaffen, beispielsweise, in dem es Schutzräume organisiert. Wenn der Täter aber Schutz durch sein Umfeld erhält, wird es sehr problematisch. Oft können Täter in ihrem Umfeld entanonymisiert über den Fall quatschen und sich selbst als Opfer von Anschuldigungen inszenieren. Wenn er darin durch sein Umfeld bestärkt wird (z.B. indem sie sich seinen ganzen Scheiß einfach so anhören), hat er die Möglichkeit, sein sexistisches Verhalten über bestimmte Strategien von sich zu weisen und sich einer Auseinandersetzung zu entziehen. Täterschutz bewegt sich innerhalb von Herrschaftsverhältnissen, in denen es eine klare Ressourcenverteilung gibt: Täter haben in unserer Gesellschaft mehr Ressourcen, es ist eben immer einfacher, zu sagen „ich bin kein Vergewaltiger“, als für Betroffene, einen Täter, seine Tat und damit immer auch ihre Verletzung benennen zu müssen.
Im nächsten Schritt versuchen wir grundlegende Eckpunkte in der Auseinandersetzung mit Tätern zu skizzieren:

- Vorab:

Täter sind diejenigen, die die körperlichen oder psychischen Grenzen einer anderen Person überschreiten oder verletzen.

- Priorität von Opferschutz

Es hat keine Priorität, dass der Täter klarkommt (sprich Sachen checkt, sich verändert etc.). Opferschutz und Politisierung des Konflikts müssen an erster Stelle stehen (siehe oben).

- Täter und Umfeld

Täter sind ganz „normale“/“linke“ Typen. Sie können aus deinem Umfeld, deinem Freund_innenkreis oder deiner Politgruppe kommen. Sie sind weder als Täter geboren, noch ist es ihnen anzusehen. Deshalb ist es in der Auseinandersetzung mit Tätern notwendig, sie als Täter zu benennen. Gerade der Schritt, den Täter zu benennen, sehen wir in unserer Praxis als besonders wichtig an. Denn nur so kann die Vorstellung gebrochen werden, dass das nichts mit dir und deinem Umfeld zu tun hat und nur so wird der Täter mit seiner Tat konfrontiert und zu einer Auseinandersetzung gezwungen. Allerdings: eine ausschließliche Konzentration auf den Umgang mit dem Täter birgt wiederum die Gefahr in sich, dass seine Handlungen isoliert von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet werden.

- Verantwortung des Täters

Wir sind keine Sozialarbeiter_innen und auch keine Anhänger_innen von Theorien, nach denen „böse Menschen, Nazis oder Vergewaltiger nur böse sind, weil sie keine Arbeit haben“ oder ähnlichem Schwachsinn. Deshalb gehen wir im Kontext von Sexismus von einer konkreten Verantwortung aus, die Männer für ihr Handeln zu tragen haben. Ignoranz und „sich halt nie mit Sexismus auseinandergesetzt haben“ sind keine Entschuldigungen dafür, Vergewaltiger zu werden oder/und sich sexistisch zu verhalten.

- Ausschluss und Bruch

Täterdistanzierung und sein Ausschluss aus linken Räumen sind notwendiger Bestandteil antisexistischer Politik. Bruch mit sexistischer Normalität bedeutet gegenüber dem Täter zunächst das Aufkündigen aller bisherigen Verhältnisse. An eine Rückkehr zu freundschaftlichem und politischem Umgang kann nur dann gedacht werden, wenn so etwas wie Einsicht und Veränderung da sind. Das darf allerdings nicht mit einer Pseudo-Entschuldigung verwechselt werden, sondern muss auch aus dem Handeln des Täters ersichtlich werden. Dieses Handeln wird aus der Perspektive der Betroffenen bewertet.
Die schleichende Täter-Rehabilitation („es ist jetzt ja schon lange her…“) ohne Einsicht des Täters muss unbedingt vermieden werden. An dieser Stelle spielt das Umfeld des Täters, seine Politgruppe, sein Freund_innenkreis oder sein Wohnumfeld eine große Rolle. Solange der Täter durch sein Umfeld geschützt wird, entstehen Räume, in denen er der Auseinandersetzung mit seiner Tat ausweichen kann und keine Verantwortung für sein sexistisches Handeln übernehmen muss.

- möglicher Umgang

Wenn also ein Täter in deinem Umfeld als solcher benannt wird, erfordert das:
1. eine klare Positionierung und Solidarisierung mit der Betroffenen. Heißt: es gibt keine neutrale Ebene, auf der mit einem Täter ein Bier getrunken werden kann, weil er ja „auch andere Seiten hat“ oder er wichtig für die Arbeit in der Gruppe ist. Es kann keine Trennung zwischen seiner Person als Genosse, Freund, etc. und seinem sexistischen Handeln geben. Solange diese Trennung stattfindet und Normalität mit dem Täter performt wird, wird sein sexistisches Handeln und damit Sexismus im Allgemeinen als Herrschaftsstruktur geschützt und reproduziert.
2. ist eine Konfrontation des Täters mit seinem Verhalten wichtig. Grundlage einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Täter ist die Anerkennung der Definition und der Bedürfnisse der Betroffenen durch den Täter und natürlich auch durch sein Umfeld, das sich mit ihm auseinandersetzt. Das beinhaltet auch die Anerkennung und Einhaltung der Forderungen (beispielsweise nach Schutzräumen) der Betroffenen.

Eine Auseinandersetzung mit dem Täter, die über den alltäglichen Umgang hinausgeht, ist schwer und erfordert aus unserer Perspektive unbedingt professionelle Beratung. Wir haben damit keine Erfahrung und können außer den oben genannten Eckpunkten nicht viel mehr dazu beitragen.

looking forward…

Dieser Text und unsere Arbeit richten sich an linke Kontexte, in denen Ansprüche existieren, die „Welt ein Bisschen besser zu machen“. Dieser geteilte Anspruch ist die Grundlage unserer gemeinsamen Stärke und Solidarität. Aber wir haben immer dann ein Problem, wenn wir den Anspruch nicht zur Wirklichkeit machen, wenn wir uns nur als Antisexist_innen labeln, ohne dieses Label mit Praxis zu füllen. Dann wird aus „Wir sind die, die Sachen besser machen wollen“ ein „Wir sind die, die Sachen besser machen“ und aus dem Kampf um Freiheit wird das Vortäuschen, bereits frei zu sein – frei von Sexismus, Rassismus, Homophobie, etc. Und genau an diesem Punkt wird das fleißig proklamierte antisexistische Label immer wieder zum Bestandteil der Reproduktion sexistischer Strukturen und Handelungen, gerade indem sie vordergründig verleugnet werden.
Antisexismus muss konkret werden. Nicht nur, weil wir tagtäglich in der Scheiße leben und sie machen, und Schutz und Solidarität überlebensnotwenig sind, sondern auch, weil es darum geht, anzufangen. Anzufangen, der Alltäglichkeit der sexistischen Scheiße eine Alltäglichkeit von antisexistischem Widerstand entgegenzusetzen. Praxen entwickeln, Praxen benennen, Praxen zur Diskussion stellen und erweitern, Praxen umsetzen, Erfahrungen sammeln und vernetzen. Kurz: Antisexismus organisieren! In der Praxis der Definitionsmacht geht es uns nicht um die Möglichkeit der Organisation von Utopien, sondern darum, das Überleben zum Leben zu machen. Verhalte dich: jetzt!

Für eine fette feministische Bewegung!

GAP – Gruppe Antisexistische Praxis, Berlin


2 Antworten auf “Was tun wenn´s brännt? Zum Umgang mit sexueller Gewalt”


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