Die deutsche Mehrheitsgesellschaft entdeckt die Frauenunterdrückung Oder: Wer ist eigentlich Christiane Klawitter?

von ag „für eine hedonistische linke“

Christiane Klawitter:
Am 22. Juli 2005 stürzt ein Kleinflugzeug vor dem Berliner Reichstag ab. Der Pilot aus Erkner, Volker Klawitter, kommt dabei ums Leben. Die Ermittler gehen von Selbstmord infolge eines Gewaltverbrechens aus, denn die Polizei findet auf dem Grundstück des Todespiloten die Leiche seiner Ehefrau: eine Woche nach ihrem Verschwinden – tot im Kohlenkeller. Wer kann diese Geschichte mit dem Namen verbinden? Kaum eine_r. Doch wer weiß alles was mit dem Namen Hatun Sürücü anzufangen? Und wem fällt dazu noch der Begriff „Ehrenmord“ ein?
Wir wollen gut zwei Jahre nach dem Mord an Hatun, an sie und diese schreckliche Tat erinnern und gleichzeitig einen Perspektivwechsel einfordern.

Wichtiges zu Beginn
Es geht hier explizit nicht um eine Verharmlosung von frauenverachtender Gewalt und Unterdrückung. So genannte Ehrenmorde verurteile wir wie jede Form sexistischer Gewalt aufs schärfste. Auch sind wir keine Freund_innen von geschlechtsspezifischer Kleidung oder klar verteilten und unterschiedlich bewerteten Geschlechterrollen. Uns geht es im folgenden aber in erster Linie um die Analyse wer, wie und warum zum Retter der Frauenrechte wird, wenn es um Migrant_innen geht. Wir werden dabei nicht kulturrelativistisch nach dem Motto argumentieren, dass das „bei denen“ halt so ist, das „ihre Kultur, ihre Tradition“ sei. Wir denken Menschenrecht sind universell. Allerdings spielt es, unserer Meinung nach, auch eine große Rolle, wie diese Rechte verankert werden – durch Kriege, Gesetzte und Zwang oder durch Unterstützung der Betroffenen, inhaltliche Vermittlung und Integration. Auch denken wir nicht, das in der BRD von Parallelgesellschaften gesprochen werden kann und sollte. Vielmehr wird damit die absurde Verflachung von möglichen Gründe für z.B. Ehrenmorde gefördert und eine bestehende Wechselwirkung zwischen der mehrheitsdeutschen Gesellschaft und migrantischen Communities ignoriert. Den meisten Protagonist_innen geht es bei der Debatte offenkundig nicht wirklich um Frauenrechte, sondern um Ausgrenzung oder zumindest um eine Markierung von Nicht-Deutschen als „rückständig“. Das lässt sich an zwei Punkten zeigen:
1.) Viele sind meist blind für „deutsch-deutsche“ Frauenunterdrückung und Gewalt in Beziehungen oder sogar erklärte IdeologInnen patriarchaler (Familien-)Politik.
2.) Die Ursache für z.B. das Wiedererstarken des Kopftuches in der BRD wird auf „die fremde Kultur“ reduziert und Aspekte, wie sozialer Status oder Ausgrenzungserfahrungen und eine damit einhergehende Re-Islamisierung, werden nicht thematisiert.

I.) Ehrenmorde vs. Familien- oder Beziehungsdrama
Die Berliner Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen „Papatya“ dokumentierte von 1996-2004 insgesamt 45 „Ehrenmorde“ in Berlin. Während für das vergangene Jahr keine Fälle bekannt geworden sind gab es in den Jahren 2004 und 2005 insgesamt 4 Opfer:
- am 25.11.2004 ersticht der Ex-Mann die 21-jährige Semra U.
- am 29.11.2004 wird die 35-jährige Melere E. von ihrem Lebensgefährten erstochen
- am 04.01.2005 wird die 32-jährige Meryem O. von ihrem Lebensgefährten erwürgt
- am 07.02.2005 wird die 23jährige Hatun Sürücü von mind. einem ihrer Brüder ermordet
(Quelle: „Im Namen der Ehre“ von Kerstin Eschrich in Konkret 12/05)
Beim Fall Hatun Sürücü gab und gibt es ein riesiges mediales Interesse. Die CDU z.B. beschäftigte sich in der Folge ausführlich mit dem sonst von ihr vernachlässigten Problem der Gewalt gegen Frauen, allerdings ausschließlich im migrantischen Milieu. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) organisierte eine Demonstration durch Neuköln und Kreuzberg. Es gab Reportagen und Artikel, die Feuilleton-Seiten waren voll, auch später angesichts des Prozesses. Und alle sind sich einig: Ein zu verurteilender barbarischer Akt, der aus einer anachronistischen Tradition und einem überalterten Ehrbegriff herrührt. Und dieses Problem haben die Moslems, es ist ein Problem des Islam.
Was dagegen würde passieren, wenn mal wieder ein bio-deutscher Mann seinen Arbeitsplatz verliert, nach Hause geht und zuerst seine Frau und seine Kinder und dann sich selbst erschießt. Das wäre eventuell der Aufmacher für die Regionalnachrichten. Es würde von einem schrecklichen Familiendrama gesprochen werden und bestimmt würde z.B. keine_r auf die Idee kommen, die Familienpolitik der Bundesregierung dafür verantwortlich zu machen, weil sie im aktuellen Koalitionsvertrag erneut die Mutter-Vater-Kind-Familie zur Keimzelle des Staates erklärt und den Mann zum Ernährer bestimmt. Das dieser dann eventuell mit dem Arbeitsplatzverlust auch einen krassen Stausverlust und damit unter Umständen eben einen völligen Identitätsverlust erleidet, dem nur noch mit dem Auslöschen der gesamten Schicksalsgemeinschaft „Familie“, dessen Oberhaupt er ja ist bzw. war, begegnet werden kann, denkt kaum eine_r. Oder was ist mit so genannten Beziehungsdramen, bei denen der (Ex-)Freund/Mann die Zurückweisung durch „seine“ Frau nicht mehr ertragen kann und entweder nur sie oder danach auch noch sich selbst umbringt (Die Justiz spricht in einem solchen Falle übrigens immer noch von „erweitertem Suizid“.)? Wen interessiert das und wer würde wohl daraus eine generelle Kritik am Konzept der monogamen Zweierbeziehung, Besitzanspruchsdenken und romantischer Liebe schließen? Wer würde z.B. in diesem Zusammenhang „Die Toten Hosen“ für ihren Song „Alles aus Liebe“ kritisieren, weil die letzte Textzeile wie folgt lautet: “Komm ich zeig dir wie groß meine Liebe ist und bringe uns beide um.“?
Es ist klar, das sich z.B. ein Ehrenmord und ein so genanntes Beziehungsdrama nicht ohne weiteres vergleichen lassen. Allerdings sind z.B. drei der vier Berliner „Ehrenmorde“ aus dem Jahr 2004 nicht klassisch von Brüdern oder dem Vater begangen worden, sondern von Lebensgefährten oder dem Ex-Mann. Die Kategorisierung scheint hier eher nach der Herkunft des Täters zu geschehen. Nach einer Studie des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2003 wird in der BRD jede vierte Frau Opfer häuslicher Gewalt durch ihren Beziehungspartner. Es handelt sich also um ein Problem, das bei weitem nicht nur Frauen mit migrantischem Hintergrund betrifft. Bleibt die Frage, warum es in solchen Fällen so skandalisiert und mit der kulturellen Frage verknüpft wird und sonst eher breites Schweigen herrscht.

II.) Kopftuch vs. pushup oder Stöckelschuhe
Auch der Streit ums Kopftuch und die Frage, ob dieses von Frauen im öffentlichen Dienst getragen werden darf und was es überhaupt bedeutet, hat in den vergangenen Jahren hohe Wellen geschlagen. Zur Zeit fordern einige „Bahamas“-Fans sogar ein generelles Kopftuchverbot in Schulen für alle. Und auch hier wird meist mit einer total verflachten Analyse argumentiert. Das Frauen, die erst durch das Kopftuch die Möglichkeit haben, den öffentlichen Bereich zu nutzen, mit Berufsverboten und ähnlichem (auch der allgemeinen Debatte, in der jede Frau mit Kopftuch zum Opfer stilisiert wird) wieder in den privaten Bereich und damit unter die Kontrolle der Männer und der Familie gedrängt werden, wird selten in Betracht gezogen. Auch wie absurd es ist sie aus der Bevormundung durch „ihre“ Männer zu erlösen, indem sie durch die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft bevormundet werden, fällt wenigen auf. Und die zu konstatierende Re-Islamisierung in den migrantischen Communities wird auch nicht angemessen mit den Ausgrenzungserfahrungen der Betroffenen in Verbindung gebracht. Denn dann wäre man ganz schnell beim Thema Rassismus und der, oft geforderten aber nicht annähernd sinnvoll angegangenen, Integration. Denn die heißt für viel zu viele Bio-Deutsche immer noch Assimilation „der Ausländer“.
Der größte Kritikpunkt am Kopftuch ist der, das sich die Frau wegen den Männern so kleidet und sich ihnen damit unterordnet. Doch wie sieht es aus mit pushup-BHs oder Stöckelschuhen? Auch hier kleiden sich Frauen wegen der Männer auf eine bestimmte Art und Weise. Der Unterschied ist, das sich auf der einen Seite Frauen so kleiden, das sie familienfremden Männern möglichst wenig Haut zeigen und auf der anderen Seite kleiden sich Frauen so, das sie möglichst attraktiv für Männer sind. Das geht soweit, das es nun z.B. schon Einlege-Kissen für Stöckelschuhe gibt, weil diese sonst nicht nur unangenehm zu tragen, sondern sogar schmerzhaft sind. Sicher gibt es sehr große Unterschiede bei der zahlenmäßigen Verteilung derer, die das eine oder andere „freiwillig“ tun. Aber ist das nicht eher ein Zeichen für die größere Verankerung bestimmter Praktiken, die dann als „normal“ oder gar „natürlich“ angesehen werden, während andere eben als „rückständig“ oder „patriarchal“ gelten?

III.) Verfassungstreuetest für Moslems und für Christen?
Im Januar 2004 forderten ca. 100 meist prominente Feministinnen in einem offenen Brief: „Alle Frauen und Männer, die aus Ländern kommen, in denen Männer gegenüber den Frauen rechtlich privilegiert sind, und die ein Aufenthaltsrecht in Deutschland beantragen, unterschreiben ab sofort, dass sie Art.3 Abs. 2 GG anerkennen. Damit unterschreiben sie gleichzeitig, dass sie bei Verstößen ihr Aufenthaltsrecht verwirken.“ Schon damals bezeichnete Birgit Rommelspacher das in einem Kritiktext als „Eine ‚billige’ Lösung“ und entlarvte die Forderung als rassistisch. Getoppt hat das ganze zwei Jahre später die CDU in Baden Württemberg und andere Bundesländer soll(t)en folgen. In einem „Gesprächsleitfaden für die Einbürgerungsbehörden“ soll das „Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung nach dem Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG)“ geprüft werden. Es wäre sicher interessant z.B. die zwei folgenden Fragen im Rahmen einer statistischen Erhebung in der NPD-Hochburg Sächsische Schweiz zu stellen:
„27. Manche Leute machen die Juden für alles Böse in der Welt verantwortlich und behaupten sogar, sie steckten hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York? Was halten Sie von solchen Behauptungen?
28. Ihre Tochter bewirbt sich um eine Stelle in Deutschland. Sie bekommt jedoch ein ablehnendes Schreiben. Später erfahren Sie, dass eine Schwarzafrikanerin aus Somalia die Stelle bekommen hat. Wie verhalten Sie sich?“
Etwa genauso ernüchternd dürften auch die Antworten etwaiger bio-deutscher Befragter bei den Fragen 29 und 30 in einer beliebigen Gemeinde in Baden Württemberg ausfallen.
„29. Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie?
30. In Deutschland haben sich verschiedene Politiker öffentlich als homosexuell bekannt. Was halten Sie davon, dass in Deutschland Homosexuelle öffentliche Ämter bekleiden?“
Rommelspacher fragte in diesem Zusammenhang schon vor zwei Jahren: „Denn wer würde all die deutschen christlichen Männer und Frauen ausbürgern, die gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung verstoßen?“

IV.) Fazit
Unsere Meinung nach gibt es zwei große Felder die, miteinander verwoben, die Motivation für die scharfe und aufgeregt Verurteilung von Ehrenmorden, Kopftüchern,… stellen. Zum einen Rassismus, d.h. Menschen, denen eh fast jedes Thema recht ist um gegen Migrant_innen zu hetzen und das Zusammenleben „verschiedener Kulturen“ in Frage zu stellen, springen gerne auf den Zug auf oder bringen ihn erst so richtig in Fahrt. Außerdem, und jetzt wird’s psychoanalytisch, können Menschen so sehr gut bei „den Anderen“ das erkennen, kritisieren und bekämpfen, was bei ihnen, in „ihrer Gesellschaft“ schief läuft, oder besser gesagt nicht so wie es eigentlich laufen sollte. So werden Frauenunterdrückung, Homophobie, veraltete Rollenklischees und Ehrbegriffe, Antisemitismus und sogar Rassismus bei „den Moslems“ oder generell „den Ausländern“ gesucht und gefunden und „wir“ werden als Kontrast als fortschrittlich, zivilisiert, aufgeschlossen, und tolerant dargestellt. Diese zwei Komponenten sind jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei den einen, die eigentlich gar kein großes Problem mit klarer Geschlechterrollenverteilung haben und Schwule auch irgendwie abstoßend finden, überwiegt wohl der Rassismus als Motivation. Bei den anderen, die eigentlich total links und emanzipiert sein wollen spielt die Verdrängung und Bekämpfung der eigenen Unzulänglichkeiten und der der „eigenen“ Gesellschaft, die größere Rolle. Und so ist es wohl doch kein großes Rätsel, warum BZ und Berliner Kurier es zwar zu verstehen wissen, ihrer männlichen Leserschaft jeden Tag von nackten Frauen absurde Kurzgeschichten erzählen zu lassen, aber türkische Machos ganz böse finden. Oder warum deutsche linksradikale Männer, die sich noch nie mit Sexismus beschäftigt haben, wenn’s nicht gerade um die empörte Abwehr feministischer Forderungen ging, auf einmal zum Antipat-Checker werden, wenn es um oder besser gegen Moslems geht.

V.) Literaturtipps zum Thema:
- „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ – Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland vom
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.), 2004
- „Überwachen und Strafen“, 1977 sowie „Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit Bad.1.“, 1983 von Michel Foucault (Hg.)
- „Politik ums Kopftuch“ – Ein Diskussions- und Materialienband von Frigga Haug und Katrin Reimer (Hg.), 2005: Hier finden sich u.a. der erwähnte offene Brief und die Reaktion von Birgit Rommelspacher.

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GEGEN GEWALT GEGEN FRAUEN!
GEGEN (HETERO)SEXISMUS UND ZWANGSZWEIGESCHLECHTLICHKEIT!

AG „Für eine hedonistische LINKE!“ im Januar 2007 (aktualisierte Version)