Von Geschichtsrelativierenden Feministinnen, Kopftüchern und vermeintlichen Antideutschen

von „sinistra!“

Nachdem in der „Bild am Sonntag“ vom 14.10.2006 ein Artikel erschienen ist, indem prominente muslimische Frauen sich für ein Ablegen des Kopftuches aussprechen, ist die Debatte um ein Kopftuchverbot wieder aufgeflammt. Ihre Argumentation, Deutschland sei ihre Heimat und es sei im Sinne der „Integration“ sich den deutschen Standards anzupassen, ist einerseits selbstverständlich nicht unterstützenswert. Doch andererseits erhielt eine der Unterzeichnerinnen, Ekin Deligöz, daraufhin prompt Morddrohungen. Anhand dieses Beispiels wird das Dilemma deutlich, das sich fast jedes Mal bei der Beschäftigung mit der so genannten „Kopftuchdebatte“ auftut:
Uns ist zwar einerseits klar, das eine Kritik des Kopftuches als Element zur Unterdrückung der Frau wichtig ist, gerade in Zeiten von „multikulturell“ bewegten Bauchlinken, doch andererseits ist auch wichtig, das eben diese Kritik allzu häufig Gefahr läuft, reaktionäre Tendenzen aufzuweisen, welches verhindert werden sollte. Diese Tendenzen werden wir im Folgenden exemplarisch an zwei Argumentationsbeispielen kurz anreißen.

So nicht…

Die Diskussionen um das Tragen eines Kopftuches durch muslimischen Frauen (Zweifelsohne unterscheiden sich die Diskussionen in Ländern wie zum Beispiel Frankreich, Deutschland, der Türkei oder dem Iran. Wir wollen uns hier auf den deutschen Kontext beschränken.), kennzeichnen sich unter anderem dadurch, dass das Bild einer durch patriarchale Herrschaft unterdrückten Frau entworfen wird. Diese Form der Frauenunterdrückung wird in den Kontext einer sog. „arabischen Welt“ angesiedelt.
Dieses Bild ist insofern problematisch, da die verschiedenen Motive für die Verschleierung nicht thematisiert werden und die muslimische Frau, die eine Burka oder ein Kopftuch trägt, nur als passives Opfer gesehen wird, welches von der aktiven patriarchalen Gewalt gezwungen wird, sich zu verschleiern. Dieses Bild wird oft mit dem Vorwurf zivilisatorischer Rückständigkeit gekoppelt. In dieser Argumentation scheinen sich die Kritikerinnen des Machismo muslimischer Männer sicher zu sein, so wie auch der radikalen Andersheit gegenüber der eigenen „westlichen“ Identität, welche vernünftig und zivilisiert erscheint. Man fühlt sich in seine eigene Identität bestätigt, denn „anders sind immer die Anderen“.
So konnte Alice Schwarzer, eine Gegnerin des Kopftuches , in einem Interview mit Frank Schirrmacher das Kopftuch als „eine Art `Branding´“ sehen, welches „vergleichbar mit dem Judenstern“ sei. „Das Kopftuch sei“, so Schwarzer, „das Zeichen, welches die Frau zu der Anderen, also einem Mensch zweiter Klasse, machen würde“ (vgl. F.A.Z. vom 4.7.2006). Schwarzer reproduziert an dieser Stelle ein dichotomes Täter-Opfer Bild, das die muslimischen Frauen immer nur als Opfer der islamistischen Männer ansieht. Sie setzt den Islamismus mit dem Nationalsozialismus gleich – die Frauen nehmen die Rolle der Juden ein. Diese Geschichtsrelativierende Argumentation dient zur Stärkung der weißen, deutschen Identität, welche sich nur aufrecht erhalten kann, wenn endlich ein „Schlussstrich“ unter der Vergangenheit gezogen wurde.

… und so auch nicht

Der folgenden kurzen Analyse sei vorangestellt, das das Papier „Islam is lame! Das Kopftuchverbot für Schülerinnen als feministische und antirassistische Konsequenz einer Kritik des konservativen Alltagsislam gegen Kulturrelativisten, Traditionslinke und antideutsche Softies verteidigt“ (Vgl: www.redaktion-bahamas.org), durchaus seine richtigen Punkte hat. Es deutet auf eine Leerstelle der Linken hin und stellt richtig fest: „An Grausamkeit, Perversion und Wahnsinn ist das System Jungfrauenkäfig schwer zu überbieten“.
Doch diese vermeintlich „kommunistische“ bzw. „liberale“ Position ist letztendlich rassistisch, sexistisch und deutschlandliebend.
So wird zum Beispiel der Sexismus in Deutschland an mehreren Stellen des Textes verharmlost und auf „deutsche(s) (und linke(s) Mackertum, das sich vorwiegend im Unterbrechen von Frauen und anderen stillen und lauten Praktiken (wie Augenrollen, Ironie, Rhetorik und Polemik) und „pfeifende Bauarbeiter“ reduziert. Gepaart wird diese Argumentation mit Verwendung von Mackersprache, wie „Softies“ und „hasenfüßig“.
Darüber hinaus wird anhand der Schlussfolgerung, welche schon in der Überschrift deutlich wird, zu der die hedonistische Mitte letztendlich gelangt, deutlich, dass sie ihren Frieden mit Deutschland gemacht haben.
Die Forderung nach der repressiven Durchsetzung des Kopftuchverbots und der Schulpflicht durch den deutschen Staat, lässt darauf schließen, dass hier kein Interesse mehr an der Besonderheit der postfaschistischen Zustände, und dem damit verbundenen Anspruch, diese mit dem Ziel ihrer Abschaffung zu sabotieren, besteht. Denn schließlich führt die allgemeine Schulpflicht in Deutschland immer noch vor allem zu Einem:
Zur Schaffung neuer Arbeiterinnen für die deutsche Volksgemeinschaft.
Besonders in einem Staat wie dem deutschen, der z.B. nicht mal die Abtreibung legalisiert hat, erscheint diese Forderung mehr als fragwürdig.
Auch die Kritik der „Hedonistischen Mitte“ an der „Multikulti“- Gesellschaft, welche durchaus richtig und wichtig sein kann, greift hier nicht zu Genüge. Denn die Autorinnen blenden bei ihrer Analyse komplett aus, das es zu diesen Bestrebungen in Deutschland durchaus auch
Gegentendenzen gibt, die nicht zu unterschätzen sind; als Stichwort sei hier die Debatte um die Leitkultur, als nur eine unter vielen vergleichbaren, genannt.

Ausblicke
Anhand der vorherigen Ausführungen ist hoffentlich deutlich geworden, wie schmal der Grad zwischen gelungener Kritik an realen geschlechterspezifischen Unterdrückungsverhältnissen, und rassistischen, nationalistischen, geschichtsrelativierenden und sexistischen Argumentationen ist.
Wie bereits erwähnt steht es außer Frage, das das Kopftuch in den meisten Fällen zur Unterdrückung der Frauen dient. Außerdem wird es häufig aus antiwestlichen und somit tendenziell reaktionären Gründen, im schlimmsten Fall in Abgrenzung zu den USA oder Israel, getragen.
Darüber hinaus erscheint es uns noch wichtig zu erwähnen, dass auch ganz gewöhnliche Nazis innerhalb dieser Debatte teilweise plötzlich ihre Liebe zu den unterdrückten Frauen entdecken, die sie in anderen Fällen, wenn es nicht um die islamische Welt geht, bekanntlich herzlich wenig interessieren. So lautete zum Beispiel ein Wahlspruch der FPÖ während der letzten Wahl in Österreich: „Freie Frauen statt Kopftuchzwang“.

Abschließend können und wollen wir nicht den einzig wahren Ausweg aus dem thematisierten Dilemma bieten, sondern uns auf die Kritik bestimmter Positionen beschränken, in der Hoffnung, dass die Gefährlichkeit solcher vermeintlich „linker“ oder „feministischer“ Argumentationen deutlich geworden ist.

(Aus verständlichen Gründen sollten wir diesen Artikel auf Wunsch der Macherinnen dieses Readers kurz halten. Es sei aber hier darauf hingewiesen, das es in der nächsten Zeitung der Gruppe Sinistra! einen ausführlichen Artikel zu diesem Themenkomplex geben wird).

Sinistra!
im herbst 2006