„Das Unbehagen der Geschlechter“ für Queer-Einsteiger_innen

von a.g. gender-killer

Judith Butler ist in aller Munde. Wenn es um die Themen „Sexismus“ oder neuerdings „gender“ geht, ist an ihr und ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ kein vorbeikommen. Hier wird versucht den zentralsten Text für die gesamte Entwicklung der gender studies bzw. queer theory seit den 90ern verständlich zusammen zu fassen: 1. Kapitel – „Die Subjekte von Geschlecht/Geschlechtsidentität/Begehren“

Im bisherigen Feminismus waren „die Frauen“ als Kollektiv das politische Subjekt. D.h. es gab den Anspruch oder die Idee, es gäbe „die Frauen“, die alle gleichermaßen von einem universellen Patriarchat unterdrückt wären. Seit den feministischen Debatten in den 80ern wird jedoch davon ausgegangen, dass nicht alle Frauen gleich, sondern in ganz unterschiedlicher Weise von Sexismus betroffen sind. Eine schwarze Frau z.B. anders als eine weiße, eine Lesbe anders als eine Hetera usw.
Außerdem ist das Subjekt „Frauen“ eine Kategorie, die vereinheitlicht, wo es keine Einheit gibt. Indem der Begriff „Frauen“ eine scheinbar feste kollektive Identität konstruiert, sind in ihm Ausschlussmechanismen enthalten, nämlich für all jene, die sich unter diesen Begriff (der ja eine ganz bestimmte Bedeutungen beinhaltet) nicht einordnen können oder wollen.
Der bisherige Feminismus betrieb also nach Butler reine Identitätspolitik und beruhte auf der Annahme eines feststehenden Subjekts, das eine feste Identität hat.
Ein Problem ist, dass ein Subjekt immer ein geschlechtliches Subjekt sein muss. Subjekte sind überhaupt nur Subjekte, weil sie eine feste Geschlechtsidentität besitzen; andernfalls wären sie gesellschaftlich nicht als Subjekte anerkannt.
Wodurch entsteht die Geschlechtsidentität? Geschlecht wird durch den Diskurs konstruiert. Ein Diskurs ist nach Foucault eine Summe von Aussagen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort über ein bestimmtes Thema. Wichtig dabei ist, dass Diskurse immer mit Macht verknüpft sind. D.h. ein Diskurs ist nichts neutrales, ist nicht einfach nur das, was geredet wird, sondern der Diskurs produziert und reproduziert die Dinge, über die er spricht. Das ist für Butler deswegen so, weil sie einen ganz bestimmten Begriff von Sprache hat. Sprache ist bei ihr nicht einfach ein Medium, das die Welt außerhalb der Sprache beschreibt, sondern sie ist performativ, d.h. sie konstruiert die Welt erst so, wie sie ist. Sie bringt die Dinge erst hervor, weil sie die Wirklichkeit bzw. die Wahrnehmung der Wirklichkeit strukturiert .
Der Diskurs über Geschlecht konstruiert also das Geschlecht. Und zwar folgendermaßen: Der Diskurs beinhaltet die Trennung von „sex“ und „gender“. „Sex“ ist der geschlechtliche Körper und „gender“ die Geschlechtsidentität, also in einem psychologischen Sinne stark vereinfacht so etwas wie das „innere Gefühl“, ob sich eine Person als Mann oder Frau fühlt. Diese Trennung ist nach Butler sehr problematisch. Für den bisherigen Feminismus war es aber wichtig, sex und gender begrifflich zu trennen, um klarzumachen, dass sich aus dem Geschlechtskörper keine Annahmen über das soziale Geschlecht ableiten lassen, sondern das soziale Geschlecht gesellschaftlich produziert und ansozialisiert ist. Aber wenn diese Trennung die Grundlage ist, so Butler, dann gäbe es zum einen einen Geschlechtskörper, der als natürlich, biologisch usw. gilt und zum anderen eine soziale Geschlechtsidentität, die gesellschaftlich und kulturell ist. Der Körper wird damit aber in den Bereich der Natur „abgeschoben“ bzw. diesem Bereich zugeordnet und das ist Teil eines bestimmten Diskurses, der den Körper als etwas natürliches hinstellt, d.h. ihn naturalisiert.
Der Diskurs über Geschlecht bringt also den Körper als einen natürlichen, biologischen Körper hervor, der außerhalb des Diskurses liegt, denn der Diskurs ist gesellschaftlich/kulturell und der Körper scheinbar Natur. Das Problem mit diesem vermeintlich vordiskursiven Körper ist, dass auf diese Weise immer zwei verschiedenartige bestehen bleiben, nämlich ein männlicher und ein weiblicher, und nichts anderes. Der biologische Körper bleibt auf diese Weise immer nur als zweigeschlechtlicher denkbar. Diesen Dualismus nennt Butler „binäre Opposition“. Wenn der Körper als zweigeschlechtlicher erhalten bleibt, so kann aus ihm auch stets eine Geschlechtsidentität abgeleitet werden, die dementsprechend auch zweigeschlechtlich ist. Das ist für Butler so, weil der Körper in ihrer Theorie eine besondere Rolle spielt. Es geht bei ihr vor allem um die Frage, wie Körper als geschlechtliche Körper kulturell „gemacht“, inszeniert, konstruiert, und reproduziert werden.
Bei ihr ist der Körper nicht eine natürliche Masse, die dann eine Geschlechtsidentität „annimmt“, sondern der Körper wird als Geschlechtskörper stets neu hergestellt. Der Körper wird durch den Diskurs geformt. Außerhalb des Diskurses ist der Körper so etwas wie eine ungeformte Masse, und erst durch den Diskurs wird der Körper zu dem gemacht, was er ist, bekommt eine Form, bekommt eine gewisse Bedeutung, durch die er „verstehbar“, wahrnehmbar wird. Die Form des Körpers schafft seine Bedeutung, so als ob er ein kulturelles Zeichen wäre. Das Ganze ist sehr sprach- und zeichentheoretisch zu verstehen. Der Körper ist nur als geschlechtlicher Körper wahrnehmbar und nur so als vollgültiger Körper akzeptiert. Das heißt, Körper müssen eben entweder als männliche oder weibliche Körper wahrgenommen und eingeordnet werden. Dafür gibt es ein gesellschaftliches Muster oder Raster, das Butler „heterosexuelle Matrix“ nennt. Diese Matrix strukturiert die Wahrnehmung und Einordnung von Körpern, Subjekten und Identitäten. Es ist aber nicht so, dass Körper entweder weibliche oder männliche Körper sind. Sondern sie werden erst durch den Diskurs, der die heterosexuelle Matrix hervorbringt, zu solchen geformt.
Durch den Diskurs wird etwas in den Körper eingeschrieben, er wird durch ihn beschrieben und benannt. Dieser Diskurs schreibt ihm die Geschlechtsidentität, die zweigeschlechtliche Ordnung, die Heterosexualität ein. Der Körper seinerseits muß diese Einschreibung nun immer widerspiegeln, aufführen, inszenieren, also reproduzieren. Auf der Körperoberfläche bzw. in dem, wie Körper Geschlecht zur Darstellung bringen, reproduziert sich die Einschreibung. Der Körper ist Produkt und Effekt des Diskurses, nicht sein Ursprung. Die Geschlechtsidentität ist nicht etwas, was sich aus dem biologischen Körper ergibt, was daraus abzuleiten ist, sondern sie wird in den Körper eingeschrieben, und zeigt sich daher wiederum in der Art und Weise, wie sich der Körper inszeniert. Dass das alles so ist, wird aber wiederum durch den Diskurs selber verschleiert, so dass in den Körper gleichzeitig auch immer wieder eingeschrieben wird, dass er natürlich sei.
Was ist an der Zweigeschlechtlichkeit und der binären Opposition nun scheiße? Sie basiert auf Ausschlussmechanismen für alle diejenigen Identitäten bzw. Körper die aus dem Raster fallen, die ihm nicht entsprechen, z.B. keine Eindeutigkeit aufweisen, sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Dahinter steckt ein bestimmter Begriff von Identität bzw. Subjekt, der von Butler stark kritisiert wird, weswegen Butlers Theorie auch oft der Postmoderne zugeordnet wird, die auch Kritik an festen geschlossenen Identitäten übt. Feste geschlossene Identitäten basieren immer auf Ausschluss, und nur solche festen Identitäten bekommen einen Subjekt- bzw. Personenstatus zugesprochen. Außerdem ist für Butler das denken in binären Oppositionen ein typisches Kennzeichen der modernen westlichen abendländischen Philosophie, Wissenschaft, Kultur, etc. Darunter fallen zentrale Begriffe wie Natur/Kultur, weiblich/männlich, Gefühl/Verstand, Emotionalität/Rationalität, Materie/Geist. Dieses Denken an sich ist Teil eines dualistischen Denkens, und wird von Butler als patriarchal und die dahinterstehende Bedeutungsökonomie als maskulin charakterisiert.
Geschlecht setzt sich bei Butler aus den drei Elementen sex, gender and desire zusammen. Sie werden vom Diskurs über Geschlecht als kohärente Einheit konstruiert. Das heißt, bspw. ein weiblicher Körper muß eine weibliche Geschlechtsidentität haben, und ein dementsprechend heterosexuelles Begehren, das sich auf Männer richtet. Darüber hinaus gibt’s bei Butler die gender performance, die Inszenierung oder Aufführung und Darstellung von Geschlecht. Sie gehört immer zur Konstruktion des Geschlechts dazu und passiert immer und nicht nur, wenn sie bewusst inszeniert wird. Die gender performance muß natürlich zum Geschlecht passen, d.h. mit einem weiblichen Körper muss ich auch eine weibliche gender performance haben/machen – was auch die Norm ist. Butler nennt das Beispiel der Travestie, also der drag kings and queens, um zu verdeutlichen, was passiert, wenn die gender performance nicht zum zugeschriebenen Geschlecht passt. Normalerweise wird einem weiblichen Körper, aufgrund dessen, dass er als weiblicher Körper wahrgenommen wird, eine weibliche Geschlechtsidentität zugeschrieben, d.h. es wird angenommen, dass diese Person sich als Frau fühlt. Bei drag gibt es einen Widerspruch zwischen dem Geschlechtskörper, der z.B. als ein männlicher wahrgenommen wird und der performance, die eine weibliche ist. Es entsteht eine Irritation in der Wahrnehmung. Und der Betrachter ist irritiert darüber, welche Geschlechtsidentität diese Person wohl haben mag: Fühlt er/sie sich nun als Frau oder als Mann? Diese Geschlechterverwirrung oder Irritation ist für Butler subversiv und kann als politische Strategie eingesetzt werden.

Hauptsächliche Kritikpunkte an Butler sind, dass ihr politisches Konzept eher schwach und nur auf bestimmte Subkulturen beschränkt ist. Es sei zu wahrnehmungsphilosophisch, und würde den handfesten Problemen in Bezug auf Sexismus, die oft mit (physischer und psychischer) Gewalt verbunden sind nicht gerecht. Außerdem blende es ökonomische Probleme aus, die z.B. ganz realpolitische Gleichstellungsstrategien erfordern.


2 Antworten auf “„Das Unbehagen der Geschlechter“ für Queer-Einsteiger_innen”


  1. 1 Sagen Feminist*innen, dass Geschlechter nicht existieren? | Feminismus 101 Pingback am 05. Oktober 2012 um 19:45 Uhr
  2. 2 Feminismus 101 – Teil 13 – Sagen Feminist*innen, dass Geschlechter nicht existieren? | Feminismus 101 Pingback am 23. Oktober 2012 um 10:00 Uhr
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