Archiv für März 2008

Eine klitzekleine Geschichte durch den Feminismus

Eine klitzekleine Geschichte durch den Feminismus

von a.g.gender-killer

Der historische Verlauf der feministischen Theoriebildung war zunächst auf die Gleichheit der Geschlechter ausgerichtet. Mit dem Gewinn von Freiräumen, die von der Frauenbewegung erkämpft wurden, rückten zudem „interne“ Fragestellungen immer weiter in den Mittelpunkt, beispielsweise nach der Homogenität der Frauen als solche oder der differenten Vorstellung von Emanzipationsstrategien. Feministische Theorien orientierten sich meist an einer ausschließlich heterosexuellen Perspektive, welche zudem weitere Felder von Unterdrückung wie beispielsweise die der „Class and Race“ [1] unberücksichtigt ließ. Darüber hinaus wurde die Frage aufgeworfen, ob es sinnvoll sei, sich im Ziel einer Emanzipationsbewegung an den traditionell männlich kodierten Werten, welchen im Kapitalismus höhere Bewertung zukommt, zu orientieren. Oder ob vielmehr traditionell weiblich kodierte Werte eine Aufwertung erfahren sollten.

Die differenzfeministische Theoriebildung [2] verfolgt letztere Vorgehensweise. Der Gleichheitsansatz hingegen will Frauen, vor allem auch in ökonomischer Hinsicht, den Männern gleichstellen und bezieht sich damit auf eine Umverteilung.
Ob es letztendlich durch Abgrenzung der Identitäten Weiblich-Männlich zu einer Gleichheit der Geschlechter kommen kann, ist dabei zweifelhaft. Nach der These von Poststrukturalistinnen zieht Differenz immer Defizienz nach sich. D.h. durch die Benennung einer Diskriminierung erfolgt auch immer ein Moment der Reproduktion von Differenz. So wird das Konzept von Norm und Abweichung verfestigt. Zentrale Kritik an Frauenförderungsprogrammen wurde insofern laut, als dass ein Strukturproblem der Geschlechterverhältnisse, das alle Ebenen des öffentlichen wie privaten Lebens durchzieht, durch die explizite Förderung von Frauen zu einem Frauenproblem erklärt wurde.
Dieses entspricht wiederum dem Stereotyp der defizitären Frau [3].
Simone de Beauvoir gilt als Vorläuferin der Trennung von Geschlechtlichkeit in sex und gender. An dieser Unterscheidung wird aufgezeigt, dass die biologische Einteilung in Mann und Frau zwar real existiert, das Rollenverhalten jedoch ein rein soziokulturelles Konstrukt darstellt. Sex stellt dabei das biologische und damit unvergängliche Geschlecht dar, während sich gender an sozialisatorischen Einflüssen fest macht [4]. Ausgehend von dieser Trennung hinterfragt Judith Butler, ob es sinnvoll für die Auflösung der Geschlechterungleichheit sei, wenn es überhaupt zu einer identitären Bezugnahme in punkto Geschlecht kommt.
Deswegen erweitert sie die Zweiteilung in sex und gender durch den Begriff des sexuellen Begehrens, im Englischen desire. Bei ihren Überlegungen zur Herrschaftsbeziehung zwischen Mann und Frau kommt sie zu dem Ergebnis, dass die Zwei-Geschlechtlichkeit der heterosexuellen Matrix [5] die eigentliche Grundlage für eine Hierarchisierung bildet. Ihrer Ansicht nach in jeder Bi-Polarität immer eine Kategorie als Norm gesetzt und die andere als defizitär dazu abgeleitet wird. Dabei entsteht der bislang „unvergängliche“ Aspekt sex bei Butler ausschließlich durch den Diskurs [6]. Demzufolge ist Geschlechtlichkeit nichts, was man hat, sondern das, was man tut [7]. Das natürliche Geschlecht ist demnach erst durch die Sozialisation des gender und die Aufteilung einer Zwangs-Heterosexualität entstanden. Der vorsoziale Moment wird hierbei geleugnet. Das natürliche Geschlecht ist demnach erst durch die Sozialisation des gender und die Aufteilung einer Zwangs-Heterosexualität entstanden [8].
Unserer Meinung nach, kann in einer Gesellschaft, die bisher patriarchal strukturiert ist, eine Umverteilung, die dem entgegen wirken will, nur dann wirksam werden, wenn die bislang Benachteiligten kurzfristig bevorzugt werden. So ist, um die Diskriminierung von Frauen zu benennen, die Bildung eines Subjekts „Frau“ elementar, um eine gemeinsame Identität zu entwickeln, an der sich die Benachteiligung fest macht. Wir sind der Meinung, dass wir über den Prozess des Sichtbarmachens der Strukturen patriachaler Herrschaft leider noch nicht hinweg sind. Mit der Organisation von Frauen sollen keine neuen Hierarchien erschaffen werden. Antipatriachal arbeitende Zusammenhänge mit einem dekonstruktivistischen Anspruch, welche über die Theorie hinausgehen, befinden sich daher in dem interessanten Spannungsverhältnis, einerseits nicht mehr bestimmen zu wollen, was genau eine Frau kennzeichnet, andererseits die gesellschaftlichen Ungleichverhältnisse mit Hilfe des Begriffes der „Frau“ aufzeigen zu müssen.

[1] Der Begriff Race, setzt sich in so fern von dem im deutschen mit der Politik der Nationalsozialisten verbundenen Begriff der Rasse ab, als das er einen Prozess beschreibt, in dem soziale Gruppen rassistisch konstruiert und markiert werden.
[2] Der differenzfeministische Ansatz geht von der naturgegebenen Unterschiedlichkeit der Geschlechter aus, wertet diese jedoch positiv um, so dass Frauen nicht mehr den Männern unterlegen sind, sondern mit ihnen mindestens gleichauf liegen. Zum Teil mündete der differenzfeministische Ansatz jedoch im Gynozentrismus und somit in der Behauptung, Frauen besäßen eine angeborene Überlegenheit gegenüber den Männern. Die Zuteilung von Geschlechterrollen und – Attributen selber geht unseres Erachtens nach beim Differenzansatz konform mit der gängigen patriachalen Kategorisierung, allein die Bewertung erfolgt entgegen gesetzt.
[3] Aus diesem Grund kam es unter anderem zu einer Umstrukturierung in Folge derer „alle Bereiche der Politikformulierung einer Geschlechtsbezogenen Bewertung unterzogen w[u]rden, um Chancengleichheit zu erreichen.“ Mit dem Konzept des Gender Mainstreaming wurde versucht „Chancenungleichheit nicht durch geschlechtspezifische Ungleichheit von Frauen zu erklären, sondern durch patriachale, strukturelle Bedingungen oder politische Maßnahmen. Ähnlich einem riesigen Netz, das über die Berufswelt gespannt wird um alle geschlechtsspezifischen Ungleichheiten herauszufiltern.“
[4] Weder der Gleichheits- noch der Differenztheoretische Ansatz hinterfragen die Kategorie Sex. Der Gleichheitsansatz entlarvt lediglich das Gender als soziokulturelles Konstrukt, der differenztheoretische Ansatz hinterfragt auch diese Kategorie nicht, sondern übernimmt hierbei traditionell geprägte Zuschreibungen.
[5] Die heterosexuelle Matrix beschreibt ein System gesellschaftlicher Strukturen und Mächte, das komplementäre Zweigeschlechtlichkeit und heterosexuelles Begehren als zentrale Norm voraussetzt und diese Norm wiederum reproduziert und zu erzwingen sucht.
[6] Nach Michel Foucault, ist der Diskurs die Summe aller möglichen Aussagen über ein Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte, die sich nach bestimmten Regeln formiert und sowohl Produzent als auch Produkt gesellschaftlicher Macht- Wissens- Systeme ist.
[7] Im englischen als „Doing Gender“ betitelt.
[8] Es gibt kaum Menschen, die in letzter Konsequenz dem Anspruch Mann oder Frau gerecht werden, vielmehr verkörpern alle Menschen Zwischenstufen inmitten der beiden Pole, die lediglich zur Bildung einer heterosexuellen Matrix und somit der Legitimation von Herrschaft dienen.

Das Patriarchiat ist tot, es lebe das Patriarchiat!

Das Patriarchiat ist tot, es lebe das Patriarchiat!

von SPuK in Pankow – „Subversive Philosophie und Kommunismus“

Endlich! Noch die letzte muß es jetzt verstanden haben! Angela Merkel wird Bundeskanzlerin und niemand kann mehr daran zweifeln, daß Ungleichheit zwischen den Geschlechtern von mindestens vorgestern ist. Mit ausreichend Leistungsbereitschaft und ordentlich selbstbewußten Auftreten, bleiben keine Türen verschlossen! Es liegt also bloß an den Frauen selbst, wenn sie nicht Vorstandsvorsitzende von VW oder Siemens werden. Peanuts daher, daß jede vierte Frau Opfer häuslicher Gewalt wird oder Frauen nur über 1% des gesamten Eigentums weltweit verfügen, daß Angestellte 33% und Arbeiterinnen 25% weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen [1] oder als Hausfrauen gleich gar nicht bezahlt werden.
Merkwürdig dann doch, daß es kaum jemanden interessierte, als das Frauen-Fußballnationalteam im Sommer zum x-ten Mal in Folge Europameisterin wurde. Mensch möge sich vorstellen, was in Deutschland schon los gewesen wäre, hätten die Männer bloß die Vorrunde überstanden, was 2004 ja mal wieder nicht gelang. Ähm…, wie war das mit der Leistungssache? Und was meinte Theo Zwanziger, Präsident des DFB, eigentlich damit, als er nach dem EM-Titel erklärte, die Damen müßten ihre spezifisch weiblichen Qualitäten besser vermarkten? Engere, bauchfreie Trikots? Gleich ganz ohne? Werbung für Haushaltswaren? Und warum mag der durchschnittliche deutsche Fußballfan gedacht haben: „Recht hat er, der Zwanziger! Aber zum Fußballspielen sind die Weiber trotzdem nicht gemacht.“?

Warum also?
Der Versuch, Geschlechterverhältnisse zu erklären und zu kritisieren, sieht sich einem komplexen Zusammenhang mit allerlei verschiedenen Problematiken gegenüber. So muß z.B. überlegt werden, ob und wie kapitalistische Produktion sich auf die ökonomische Ungleichheit zwischen Frauen und Männern auswirken. Anderseits sollte auch geklärt werden, wie Menschen im Alltag mit Geschlecht umgehen, z. B. im Zusammenleben innerhalb von Familien. Und: wie sprechen wir eigentlich darüber? Was tragen medizinische Kategorien zu unser Vorstellung von Geschlechtern bei? Warum werden immer noch 10% aller Neugeborenen zu Mann oder Frau zurechtgeschnippelt? Solche und ähnliche Fragen sind von Feministinnen mit Hilfe materialistischer und postmoderner Theorien immer wieder formuliert worden. Die Postmoderne fragt dabei eher danach, wie durch Sprache, „wissenschaftliche“ Definitionen und im täglichen Umgang miteinander Geschlechter konstruiert werden. Materialistische Ansätze suchen dagegen vor allem im Kontext von kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsverhältnissen nach funktional und historisch herleitenden Erklärungen.
Wir denken, daß es am Sinnvollsten wäre, das Plausibelste aus beidem zu verbinden und die Ansätze miteinander zu kritisieren. In diesem Sinne möchten wir hier einige Thesen vorstellen, die hoffentlich zu manchen Fragen Erklärungsansätze bieten können. Sie sollen bei unserer Veranstaltung am 26.9.05 im Café Morgenrot untermauert, diskutiert und um weitere Aspekte ergänzt werden.

I) Ob in der Mitte der Gesellschaft oder in Teilen der Linken: daß es das Patriarchat, die Männerherrschaft, nicht mehr gibt, ist klar. Sicher, es kann, wird heute den Begriff Patriarchat gebraucht, natürlich nicht mehr um die direkte Herrschaft eines männlichen Oberhaupts (‚pater familias’) gehen. Trotzdem gibt es aber neben den oben genannten Fakten auch strukturelle Gründe, weshalb es an einem veränderten Begriff des Patriarchats festzuhalten gilt.
So hat sich Hausarbeit inkl. Kinderbetreuung erst mit der Durchsetzung kapitalistischer Gesellschaft herausgebildet und wird in erster Linie von Frauen verrichtet, die für diese Arbeit nicht bezahlt werden. Das hat zur Folge, daß Frauen entweder von ihrem lohnarbeitenden Ehemann abhängig sind oder aber einer doppelten Belastung unterliegen: in minder entlohnten Arbeitsverhältnissen und im Haushalt zugleich beschäftigt. Aber hey, es gibt ja ansonsten noch die „Karrierefrau“!
Das Zusammenspiel aus unbezahlter Arbeit in der Familie und billiger Arbeitskraft ist für kapitalistische Produktion kostengünstig und effektiv: ohne dafür bezahlt zu werden, sorgen Frauen dafür, daß der Mann am nächsten Tag gut gestärkt wieder produzieren gehen kann, oder sie kümmern sich um die Erziehung der Kinder – künftige ArbeitnehmerInnen oder Hausfrauen. Die Reproduktion der Arbeitskraft ist so in die häusliche, mit Frauen verbundene Sphäre verlagert. Ungleichheit der Geschlechter scheint also ein Grundzug kapitalistischer Gesellschaft zu sein [2] und in Teilen der Linken kursierende Theorien, nach denen sich alle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auflöse, weil auf dem Markte jedeR gleich sei, erscheinen unplausibel. Wir schlagen deshalb vor, vom modernen Patriarchat zu sprechen.

II) Die Idee, daß Frauen nicht Fußball spielen können, aber für Hausarbeit besonders geeignet sind, weist auf einen anderen Komplex hin, der bezüglich einer Theorie und Kritik des modernen Patriarchats zu beachten ist.
Wurden in der Zeit vor der Aufklärung die ungleichen Positionen von Männern und Frauen noch als Teil einer göttlichen Ordnung begründet, sieht es seitdem anders aus. Warum Frauen besonders gut Kinder erziehen können, Männer hingegen das Kriegshandwerk oder Mathe besser beherrschen sollen, wird nun durch das „natürliche“ Wesen von Männern und Frauen begründet. Frauen seien von Natur aus emotional, Männer hingegen rational, ihr Körper eigne sich weniger gut zum Fußball spielen als seiner usw..: geschlechtliche Ungleichheit wird naturalisiert. Auch das ist eine Besonderheit moderner Gesellschaften. Durch Natur begründete geschlechtliche Ungleichheit wird vor allem durch wissenschaftliche, kulturelle und institutionelle Bestimmungen und deren ökonomische Rahmenbedingungen hervorgebracht – und schließlich von den Individuen verinnerlicht. Kurz gesagt, die Frau übernimmt z.B. die Idee, daß sie emotionaler sei als der Mann – à la: ‚Wir Frauen sind doch gefühlvoller’. So akzeptieren Menschen geschlechtliche Ungleichheit und Herrschaft, indem sie diese rationalisieren, d.h. sie sich vernünftig zurechterklären und legitimieren.

III) Geschlechter, Körper und Geschlechterverhältnisse sind aber sozialisiert.
Vorstellungen darüber, was die Geschlechts-identität (d.h. die Zuschreibung von Eigenschaften auf einen Körper und deren Verinnerlichung durch das Individuum) einer Frau, eines Mannes ausmacht, variieren quer durch die Geschichte. Sie sind z.B. davon abhängig, ob eine Gesellschaftsordnung sich religiös oder wissenschaftlich-rational legitimiert. Und ebenso davon, welche Stellung Frauen und Männer im Arbeitsprozeß einnehmen sollen. Ob sie mit vor allem sog. körperlich leichter Arbeit im Haushalt identifiziert werden oder ob sie, wie im Mittelalter, mit den Männern zusammen auf dem Feld arbeiten. Es ist einleuchtend, daß die Idee des ‚schwachen Geschlechts’ kaum mit letzterem zu vereinbaren ist, aber großartig dabei hilft, Frauen auf den Herd oder qua Emotionalität auf die Kindererziehung festzulegen. Und nicht zuletzt ist die Stabilität einer Geschlechtidentität natürlich auch daran gebunden, wie wir mit ihr umgehen: affirmieren oder hinterfragen wir sie in unseren Worten und Praktiken? Oder treiben wir gar Subversion mit unsere(r/n) Geschlechtsidentität(en)? [3]
… und beim Hinterfragen hülfe dann vielleicht auch schon ein wenig, wenn Birgit Prinz, Teamführerin des deutschen Frauen-Fußballnationalteams, Theo Zwanziger samt Oliver Kahn einmal ordentlich umgrätschen würde.

Anmerkung:
[1] Vgl.: http://www.bmfsfj.de/Politikbereiche/gleichstellung,did=1495 2.html (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 17.02.2004); Newsletter des „Bundeswirtschaftsministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit“ (April 2005); Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Frauen in Deutschland. Wiesbaden 2004, 49 – 53.
[2] Die strikte, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Produktion und Reproduktion wurde während aller Phasen des Kapitalismus immer wieder unterhöhlt und durchlöchert, z.B. durch gesteigerte Erwerbstätigkeit von Frauen. Dass dies jedoch an den modern-patriarchalen Verhältnissen nichts Grundlegendes ändert, ist an drei Aspekten zu erkennen: konstant niedrigerer Bezahlung von Frauen; Bildung typischer, in der Regel mit Reproduktion verbundener Frauenberufe (Pflegerin etc.) und Ausschluß aus sog. „Männerdomänen“; Führungspositionen (vor allem in Wirtschaft und Universität) bleiben vorwiegend Männern vorbehalten.
[3] Im Hinblick auf Sexualität, das sei hier noch angemerkt, gilt übrigens Ähnliches. Sexualität kann nicht als Ausleben irgendwelcher, scheinbar im Menschen angelegter Triebe verstanden werden, sondern als sozial bedingtes Verhältnis, als wechselseitige und intersubjektive Praxis, in der es genauso um die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse wie der des/der Anderen geht.

Über „Definitionsmacht“

Über „Definitionsmacht“

von desperados.berlin

Die sogenannten Vergewaltigungsdebatten in linken Szenen ähneln sich meist: Eine Frau klagt mehr oder weniger öffentlich einen Mann an, sie vergewaltigt oder ihre körperlichen Grenzen anderweitig verletzt zu haben. Daraufhin bilden sich zwei Lager, von denen eines die Darstellung der Frau, das andere die des Mannes verteidigt. Meistens sind diese Lager deckungsgleich mit dem jeweiligen politischen und persönlichen Umfeld der beiden; meistens überlagern sich die Auseinandersetzungen mit politischen Auseinandersetzungen, die mit dem eigentlichen Vorfall nicht viel zu tun haben. Sowohl von Befürworter_innen wie Gegner_innen der Definitionsmacht ist immer wieder richtiger Weise erklärt worden, daß „Vergewaltigungsdebatten“ an sich kein geeignetes Mittel sind, um die Kritik an herrschaftsförmigen Geschlechterverhältnissen in Breite und Tiefe voranzutreiben. Es scheint, als fühlte sich eine männerdominierte „linke“ Szene immer nur dann zur Beschäftigung mit Sexismus genötigt, wenn Frauen Vergewaltigungen öffentlich machen, während sonst Themen wie „Sexismus“ oder „Homophobie“ bloß ein ungeliebtes Schattendasein fristen. Der sich in den sogenannten „Vergewaltigungsdebatten“ regelmäßig Bahn brechende Bekenntniszwang, die einsetzende Polarisierung und Verhärtung von Fronten bis hin zu tätlichen Auseinandersetzungen schaffen ein für ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema denkbar ungünstiges Klima. Der Appell, die Beschäftigung mit Sexismus und damit zusammenhängenden Themen endlich in allen Zusammenhängen, vor allem „Jugendgruppen“, ernst zu nehmen und eine entsprechende Auseinandersetzung VOR dem tatsächlichen Auftreten von Vergewaltigungsvorwürfen zu führen, kann hier nur eindringlich wiederholt werden.
Fast alle Vergewaltigungen werden von Männern an Frauen, Kindern und – in weit geringerem Ausmaß – an anderen Männern begangen2. Demzufolge ist die Angst vor Vergewaltigungen und anderen sexualisierten, das heißt typischer Weise von Männern an Frauen begangenen Übergriffen bei Frauen viel stärker präsent als bei Männern und prägt ihr alltägliches Verhalten in einem Maße, das sich die wenigsten Männer vorstellen und nicht sehr viele Frauen eingestehen können. Welche Bedeutung soll das Wort „Vergewaltigungen“ im Rahmen dieses Textes erhalten? Gewalt meint hier den Einsatz von Zwangsmitteln zur Brechung eines fremden Willens. Vergewaltigung stellt also ein Gewaltverhältnis dar, in welchem sexuelle Handlungen gegen den Willen der Betroffenen vollzogen werden. Was jedoch als Gewalt, als sexuelle Handlung oder auch als Grenze des eigenen Willens empfunden wird, kann nach Person und Situation ganz unterschiedlich sein – noch völlig abgesehen von der Frage, wie Vergewaltigung von anderen sexualisierten Übergriffen abzugrenzen wäre. Welches Ausmaß an subjektivem Leid durch ein Verletzen körperlicher Grenzen bzw. Missachten von Bedürfnissen mittels sexueller Handlungen verursacht wurde, ist schon gar nicht anhand allgemeingültiger Maßstäbe zu ermitteln. Zu groß sind die Unterschiede von Person zu Person, von Situation zu Situation.
Allgemein gesprochen, beginnt sexualisierte Gewalt oder erzwungene Sexualität, beginnt die Verletzung der eigenen Grenzen schon in dem Augenblick, wo Menschen sich überrumpelt,
übergangen oder irgendwie komisch fühlen und nicht erst dann, wenn gedroht oder geschlagen oder sonst mit körperlichem Einsatz vorgegangen wird. Weil es diesem Text um eine politische,
antisexistische Intervention und nicht um die angeblich „objektive“ Beschreibung und Einordnung von Sachverhalten geht, wird hier auf eine eigentliche Definition des Wortes „Vergewaltigung“ verzichtet3. Um die sexistische Realität in Szene und Gesellschaft anzugehen, müssen von sexualisierten Übergriffen Betroffene gestärkt und ermutigt werden. Ihre Handlungsoptionen sollen erweitert und nicht durch starre Definitionen noch mehr eingeengt werden. Trotzdem verdient – wenn auch nur zur Information der geneigten Leser_innenschaft – festgehalten zu werden, daß allen linken, juristischen und auch den aus dem Alltagsdiskurs stammenden Definitionsversuchen von „Vergewaltigung“ immer gemeinsam ist, den Akt des Eindringens in einen fremden Körper mit Körperteilen oder Gegenständen als Wesensmerkmal von Vergewaltigung zu benennen. Im Folgenden wird von den durch Vergewaltigung Betroffenen immer in der weiblichen Form geredet, weil es einer Lüge gleichkäme, durch geschlechtsneutrale Sprache zu verdecken, wer Vergewaltigungen in der Regel verübt und wer sie erleidet. Nichtsdestoweniger sollte klar sein, daß alles, was jetzt noch gesagt wird, auch für etwa von Vergewaltigung betroffene Männer und Jungs bzw. Vergewaltigerinnen gelten kann. Da in dem Wortpaar „Täter/Opfer“ die Festschreibung aktiver und passiver Rollen mitschwingt, wird im Folgenden immer von „durch Vergewaltigung Betroffenen“ und „Vergewaltigern“ gesprochen. Entgegen der landläufigen Meinung, die sich Vergewaltigungen meist nur in dunklen Parks und Hauseingängen vorstellen kann, geschehen Vergewaltigungen sehr oft in Wohnungen, Betten und ohne Zeugen. Häufig kennen sich Betroffene und Vergewaltiger nicht nur, sondern hatten auch eine bis dahin auf Freiwilligkeit beruhende sexuelle Beziehung miteinander. Sucht eine vergewaltigte Frau Hilfe beim Staat, so muß sie sich glaubhaft machen: Durch ärztliche Atteste (Verletzungen und Spermaflecken), detaillierte Schilderungen, am besten durch Zeugen oder Geständnisse. Es gibt mannigfaltige Gründe, warum es Frauen schwer fällt, nach Vergewaltigungen vor Gericht ihre Interessen und ihre Version in der gleichen Weise zu vertreten wie zum Beispiel nach einem Diebstahl. Aber vor allem ist Vergewaltigung ein Übergriff, der viel tiefer geht als andere: Vielleicht kennen die nicht von Vergewaltigung betroffenen Leser_innen das brennende Gefühl der Scham und der Selbstvorwürfe, wenn
sie durch körperliche Gewalt gedemütigt wurden. Vielleicht kennen sie das ewige Grübeln darüber, inwieweit es hätte von einem_einer selbst vermieden werden können, in eine solch nachteilige Situation zu geraten. Noch Schlimmeres erwartet Frauen häufig, wenn sie in dieser Gesellschaft auf dem Rechtsweg Hilfe suchen: Oft genug werden sie mit der herrschenden Auffassung von Sexualität konfrontiert, die den Frauen die passive, den Männern die aktive Rolle und diesen darüber hinaus eine „von Natur aus“ schwer zu bändigende Sexualität zuschreibt. Meist werden Frauen verdächtigt, in irgendeiner Weise an ihrer Vergewaltigung mitschuldig zu sein und/oder es wird ihnen einfach nicht geglaubt. Deswegen ist Vergewaltigung nach dem sexuellen Kindesmißbrauch, der selbstverständlich auch eine ihrer Formen darstellt, ein Verbrechen mit sehr hoher Dunkelziffer4. Darum haben die Feministinnen der „Neuen“ oder „autonomen“ Frauenbewegung die „Definitionsmacht der Frau“ aufgerichtet. Im Besitz der Definitionsmacht muß eine vergewaltigte Frau nicht mehr nachweisen, daß sie sich mit Händen und Füßen gegen den Mann gewehrt hat; sie muß nicht mehr ihre blauen Flecke vorzählen. Was oben als Definition von Gewalt eingeführt wurde: Das Brechen ihres Willens, muß nach der Definitionsmacht nur noch von der Frau benannt werden. Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe passieren in „unserer“ Szene wahrscheinlich jede Nacht – aber gibt es ein „Richtiges im Falschen“? Sollen und können Leute eine Definitionsmacht ausüben bzw. unterstützen, um Möglichkeiten des Eingreifens und Dazwischengehens zu schaffen, oder machen sie die Sache damit nur noch schlimmer? Das häufigste Argument gegen die Definitionsmacht ist, daß damit der Willkür von Frauen Tür und Tor geöffnet würde. Das erzählen einer-_einem Kommunist_innen wie Anarchist_innen, Antideutsche und Antiimps. Es stimmt ja auch ein bißchen. Wie jede Macht kann die Definitionsmacht mißbraucht werden. Aber was wäre die Alternative zur Definitionsmacht? Daß Szene-Frauen der Szene-Männergewalt ebenso ausgesetzt sind wie es auch sonst in den Geschlechterverhältnissen der Gesellschaft Norm ist. Wenn Sexismus für Leute mit emanzipativem Anspruch etwas Bekämpfenswertes darstellt, dann brauchen diese die Definitionsmacht als politisches Mittel, um Antisexismus darzustellen, weil Vergewaltigung einer der wichtigsten, mächtigsten Bestandteile sexistischer Machtausübung ist!
„Recht“, „Gerechtigkeit“ und „Objektivität“ können dabei allerdings tatsächlich auf der Strecke bleiben. Die Frauen, die ihre Vergewaltigung zu veröffentlich(t)en, zahl(t)en einen hohen Preis, wahrscheinlich einen höheren als die Vergewaltiger: Total-Rückzug aus der Szene, Verlust vieler Freund_innen und Genoss_innen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Ängste vor einem Mißbrauch der Definitionsmacht mehr als unbegründet. Jede Frau wird es sich nämlich zweimal überlegen, ob sie eine Vergewaltigung öffentlich macht und sich so dem damit verbundenen Rechtfertigungsdruck und den sozialen/emotionalen Bestrafungen der Vergewaltiger-Freund_innen (Anrufe, Kontaktabbruch, Blicke, SMS und Schlimmeres) aussetzt.
Kurz gesagt: Warum ein Vergewaltiger seine Tat abstreiten wird, ist sonnenklar, nämlich aus Selbstbehauptungswillen. Warum aber eine Frau einen Vergewaltiger willkürlich outen sollte, ist nahezu unerklärlich, weil sie von einem Outing in der jetzigen Szene-Situation eigentlich weniger Vorteile als vielmehr Ärger hat. Das heißt selbstverständlich nicht, daß ein Mißbrauch der Definitionsmacht ausgeschlossen ist. Auf diesem Argument herumzureiten, offenbart aber nur zu deutlich die Interessenlage potentieller Vergewaltiger oder allgemeiner gesprochen sexistische Männerinteressen, weil jede Wahrscheinlichkeit dagegen spricht. Das Urteil über die Definitionsmacht – egal, ob dafür oder dagegen – muß in dem Moment in sich falsch werden, wo es moralisch oder rechtlich gefällt wird, anstatt als politische Entscheidung im Kampf gegen Sexismus in Szene und Gesellschaft. Hat eine Frau Vergewaltigungsvorwürfe öffentlich erhoben, vollzieht sich regelmäßig folgendes Spiel: In Gesprächen und Diskussionen wird die Parodie eines bürgerlich-rechtsstaatlichen Verfahrens aufgeführt, wobei Zeugen und Vernehmungen durch Indiskretionen und Gerüchte ersetzt werden. Alles kreist um die Frage: Konnte der Mann sein Verhalten als Fehlverhalten erkennen? Bzw.: Hat die Frau deutlich genug zum Ausdruck gebracht, daß sie keinen Sex wollte? Diese Fragerei kehrt die Beweislast, welche die Definitionsmacht von den Frauen nehmen sollte, wieder gegen diese. Wie bei einem Gerichtsverfahren müssen nun wieder die Frauen belegen, daß ihre Wünsche missachtet,
ihre Grenzen verletzt wurden. Solche Fragen und Vorgehensweisen offenbaren bei denen, die sie fordern und anwenden, eine gründliche Ignoranz sexistischer Machtverhältnisse: Das Problem sind nicht die Frauen, die nicht „Nein!“ sagen können, sondern die Männer, die nicht auf Signale
des Gegenübers achten oder sie nicht ernstnehmen, und die vor allem nicht oder zu selten ihr verdammtes Maul aufmachen, um einfach mal zu fragen, was die Frau eigentlich will. Die ganze Konstruktion, daß eine Frau gleichsam „Nein!“ schreien und um sich schlagen muß, um „glaubhaft“ Ablehnung zu bekunden, offenbart die Verrücktheit eines Geschlechterverhältnisses, in dem viele Männer anscheinend nach wie vor glauben, „erobern“ oder in die „Offensive“ gehen zu müssen – die Herkunft dieser häufig gebrauchten Metaphern aus der Militärsprache ist kein Zufall. Das bis hier Gesagte gilt vor allem für Vergewaltigungen, die nicht mit dem Einsatz massiver körperlicher Gewalt verbunden sind, was aber gerade die gesellschaftlich normale Verlaufsform von Vergewaltigung ist. Selbstverständlich gibt es auch Situationen, in denen das Gegenüber, egal ob Mann oder Frau, angesprochen und umworben werden will oder wo beide Seiten Liebesspiele wünschen, bei denen in aktive und passive Rollen geschlüpft wird. Letztlich kann es durch noch so viel Texte und Sexismusdebatten niemandem abgenommen werden, eine Sensibilität und Kommunikationsfähigkeit zu entwickeln, die es erlaubt, unter gegebenen Umständen das „Richtige“ – also das Gewünschte – zu tun. Es bleibt nur eine Schlußfolgerung: Lieber einmal eine Chance auf Sex verpassen, als die Grenzen eines Menschen zu verletzen. Wer_welche eine solche Zurückhaltung im Zweifelsfall fordert, dem_der wird von den Gegner_innen der Definitionsmacht schnell „Lustfeindlichkeit“ vorgeworfen. Dieser Vorwurf wäre lächerlich, wenn das Thema nicht so ernsthaft wäre. Er offenbart wie wenige, aus welch mackerhafter Perspektive er kommt: Nämlich aus der, die an offensives Anmachen gewöhnt ist, den regelmäßigen Erfolg desselben erwartet und keine Einschränkung oder auch nur Kritik dieser Praxis hinnehmen will. Die jenen Vorwurf der „Lustfeindlichkeit“ erheben, haben offensichtlich nie darüber nachgedacht, wieviel Lust getötet wurde durch unerwünschte Annäherung5. Eine weitere häufige Verteidigungsstrategie gegen Vergewaltigungsvorwürfe besteht darin, eine pseudo-rechtswissenschaftliche Haarspalterei darüber anzufangen, was Vergewaltigung, was „Grenzverletzung“, „persönlicher Fehler“ oder gar „Verführung“ gewesen sei und was dies alles voneinander unterscheide. In den meisten Köpfen spukt Vergewaltigung so herum, daß ein Mann eine ihm wildfremde Frau in einer dunklen, einsamen Ecke überfällt. Das geht an der gesellschaftlichen Realität meilenweit vorbei! Sehr oft wird bei Vergewaltigungen verfeinerter Zwang eingesetzt und sie geschehen in Beziehungen. Wir Außenstehende können Vergewaltigungen so nennen, wie wir wollen: Die Tiefe der Verletzung, die eine Frau durch sexuelle Handlungen gegen ihren Willen erfahren kann, ist vollkommen unabhängig vom angewandten Ausmaß körperlicher und seelischer Gewalt, und letztendlich nur von der Betroffenen – zu definieren! Dies ist die individuelle Seite des Begriffs „Vergewaltigung“, doch es gibt noch eine andere, politische – nämlich daß sich gar nichts bewegt, niemand reagiert, wenn der stattgefundene sexuelle Übergriff nicht mit der kräftigsten Vokabel belegt würde, die zur Verfügung steht und die schlimmsten Assoziationen wachruft. Die Wortklaubereien um die Rechtfertigung des Begriffs „Vergewaltigung“ in diesem oder jenem Fall erfüllen nur die Funktion, die Auseinandersetzung zu einer theoretischen um Wörter anstatt zu einer politischen um Machtverhältnisse zu machen; sie lenken davon ab, daß es um die Frage geht, wie das „Szeneklima“ geprägt ist: Eher ermutigend für Frauen, sich gegen Übergriffe zu wehren bzw. diese zu veröffentlichen, oder eher ermutigend für Männer, zu vergewaltigen? Ähnlich verhält es ich mit dem oft unter großem akademisch-theoretischen Theaternebel ins Spiel gebrachten Argument, die Definitionsmacht zementiere ein traditionell-klischeehaftes Bild von „den Frauen“ als unschuldigen, passiven Opfern und „den Männern“ als aktiven, mächtigen Tätern. Das so formulierte Bedenken an sich muß in jeder ernsthaften Reflexion über Antisexismus Platz haben. Schließlich ist es der grundlegende, innewohnende Widerspruch jeder antisexistischen
Positionierung, daß sie durch die Benennung und Kritik geschlechtsspezifischer Herrschaftsverhältnisse diese immer auch wiederherstellt bzw. Gefahr läuft, sie zu verfestigen. Diese Problematik findet sich in allen politischen Debatten auf dem Feld der Geschlechterverhältnisse, zum Beispiel in der Auseinandersetzung zwischen identitätsfeministischen und (post-) feministisch-dekonstruktivistischen Ansätzen. Nur sind die ohnehin schon kaum erträglichen „Vergewaltigungsdebatten“ der denkbar ungeeignetste Ort, um diese theoretische Schlacht zu schlagen. Denn alle Theorie kann den grundlegenden Fakt nicht wegwischen, daß die immer wieder in der Szene vorkommenden Vergewaltigungen fast nur von Männern an Frauen begangen werden. Überdies: Wie schon oben klargestellt wurde, gilt die Definitionsmacht selbstverständlich auch für Männer oder Jungs, die von Männern vergewaltigt wurden. Eine Lehre bleibt wohl aus den Berliner Vergewaltigungsfällen der letzten Jahre: Die Definitionsmacht ist nicht durchsetzbar, weil nicht breit akzeptiert. Sowohl derAABler (1999) als auch der „Nordostberliner Antifa-Aktivist und linke Publizist“ (2004) machten keinerlei Reflexion bzw. Selbstkritik nachvollziehbar. Die linken Szenen waren in ihrer Mehrheit nicht interessiert – nicht an den konkreten Fällen, und an einer grundlegenden, folgenreichen Auseinandersetzung mit Sexismus schon gar nicht. Der im politisch-persönlichen Umfeld der Vergewaltiger vorhandene Haß gegen die Definitionsmacht und deren Verfechter_innen trägt alle Züge eines inszenierten Tabubruchs, wie er in anderem, geschichtsrevisionistischen Kontext so typisch für Deutschland ist. Er ist eine konformistische Rebellion gegen ein Gebot, das nur eine kleine Minderheit achtet, ein billiges Aufbegehren gegen eine Regel, die nur Wenige ernst nehmen.

1:: Aus folgenden Gründen ist in diesem Text nur von „DefinitionsMACHT“ und nie von „DefinitionsRECHT“ die Rede: Das Recht als gesellschaftliches System ist eine abzuschaffende Form von Herrschaft, ein System von Zwangsnormen, denen sich jede_jeder zu unterwerfen hat. Das kommt schon darin zum Ausdruck, daß es zur Wahrung des Rechts einer Macht staatlicher Souverän) bedarf, die das Recht zuerkennt und garantiert. Im Fall eines Definitionsrechtes“ wäre das dann die Szene bzw. es wären die Szenemänner, die den Frauen gnädig das „Recht“ zugestehen, Vergewaltigung zu definieren. Hingegen wird durch den Ausdruck „Definitionsmacht“ betont, daß es um die (Selbst-) Ermächtigung von Frauen geht, sexistische Machtverhältnisse anzuprangern und zu bekämpfen. Es wird also der Charakter der Definitionsmacht als politisches Kampfmittel in emanzipativer Absicht herausgestellt und nicht ein „Definitionsrecht“ für einen linken Szene-Pseudo-Staat aufgestellt. S. hierzu auch den Text „Definitionsmacht schwergemacht“ der Gruppe „Mamba“ (http://www.8ung.
at/gik_site/dreamweaver/texte_definitionsmacht.htm).
2:: So stehen in der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik der BRD aus dem Jahre 2003 98,9% männliche gegen 1,1% weibliche Tatverdächtige in der Straftatengruppe „Vergewaltigung und sexuelle Nötigung“. Hingegen waren 94,9% der Opfer weiblich und nur 5,1% männlich.
(http://www.bundeskriminalamt.de/pks/pks2003/index2.html, Seite 138).
3:: Für eine Kritik am Konzept der „Objektivität“ und ein Plädoyer für die Produktion herrschaftskritischen Wissens s. den Text „Situiertes Wissen“ von Donna Haraway
4:: Siehe die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik der BRD (http://www.bundeskriminalamt.de/pks/pks2003/index2.html, S. 138).
5:: Diese Textpassage klingt zugegebenermaßen sehr hetero-mäßig. Allerdings spielen sich linke Vergewaltigungsdebatten auch meist in Hetero-Kontexten ab; und dieser Text richtet sich an eine mehrheitlich heterosexuelle Szene.

Sexismus und Gender

Sexismus und Gender

von graffiti.hates.germany

Geschlechtlichkeit und alles, was damit zusammenhängt, wie beispielsweise die sexuelle Ausrichtung von Menschen, ist ein Bereich, der, wie die gesamte Gesellschaft von Herrschaftsverhältnissen geprägt wird. Diese Verhältnisse ändern sich fortwährend, aber einige ihrer Grundmerkmale sind höchst beständig:
Individuen werden anhand angeblich biologischer Eindeutigkeiten in zwei Geschlechter eingeteilt. Diesen werden unterschiedlich privilegierte Orte in der Gesellschaft zugewiesen. Sie befinden sich also in einem hierarchischen Verhältnis zueinander, in dem Frauen in weniger machtvollen Positionen sind als Männer und wo Heterosexualität als Norm erhoben und Homo- oder Bisexualität als widernatürlich stigmatisiert wird. Meistens wird dieses Verhältnis aber nicht als Ungleichheit sondern als elementare Eigenheit der Geschlechter angesehen.
Dies hängt damit zusammen, dass die geschlechtliche Eindeutigkeit und Heterosexualität mit dem Rückgriff auf den Körper als Naturgesetz dargestellt wird, da die Vorstellung von dem Körper als natürlich und nicht durch den gesellschaftlich geprägten Blick wahrgenommen, vorherrschend ist. Denn das Geschlechter existieren und für Jede und Jeden in ihrem/seinen Alltag höchst relevant sind, bedeutet nicht, dass sie einen wesenhaften Ursprung haben. Um den gesellschaftlichen Hintergrund bei der Herstellung dieses Systems deutlich zu machen, gebraucht man den Begriff Gender, der Geschlecht sozial und nicht biologisch bestimmt.
Die Zurichtung auf Männlich- oder Weiblichkeit ist jedoch nicht nur ein aufgezwungenes Ordnungsprinzip, sondern das „eigene Geschlecht“ wird meist angenommen, zum wesentlichen Merkmal unserer Identität und geht so in das geschlechtsentsprechende Handeln über. Das wir nicht nur Männer und Frauen sein und uns demnach Verhalten sollen, sondern uns meist als solche auch tatsächlich empfinden, entspringt einem Mechanismus, der das Geschlecht von Menschen zur eigenen Lebenswirklichkeit werden lässt. So wird es von anderen, aber auch von uns selbst immer wieder neu konstruiert.
Das es Männer und Frauen gibt, ist also der Effekt der körperlichen Unterscheidung von Individuen nach geschlechtlichen Vorstellungen, gesellschaftlichen Machtstrukturen in denen wir leben und uns orientieren müssen und der darin entwickelten Persönlichkeit und Sexualität.