Archiv für April 2008

„Schwule Mädchen gibt es nicht“ Antifa und Heterosexismus

von graffiti hates germany

…Selbst die beiden 17-jährigen Stadtteilantifas wissen doch heute schon, dass auch Frauen bei der Soliparty mit Schutz machen sollten und Homophobie irgendwie auch Scheiße ist. Genauso sicher wie das Amen in der Kirche ist aber auch, dass Tim und sein Kumpel Paul zwar gerne miteinander abhängen und sich durch die eine oder andere brenzlige Situation irgendwie miteinander vertraut fühlen, jedoch nie miteinander ins Bett gehen würden. Pauls Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu Tim wird dann nur in zufälligen Berührungen und kumpelhaftem Spaßgeraufe gestillt…

Während in anderen linken Subszenen der sensible Kuscheltyp noch als Männlichkeitsideal zu funktionieren scheint (wir kennen ihn alle: präsentiert sich als ach so gegendert und nimmt ganz viel Rücksicht auf deine und vor allem seine Befindlichkeiten), hat die Antifa mit dem Pop auch die Geschlechterstereotypen wiederentdeckt und lieben gelernt. Die Orientierung an dem gesellschaftlichen Mainstream ist dabei nicht nur politische Strategie um den Mobilisierungsgrad zu erweitern, sondern entspringt dem Wunsch dazuzugehören, später halt auch Karriere machen zu können oder einfach mal in die Prolldisko in Lichtenberg zu gehen… warum auch nicht.
Zudem birgt der gesellschafts-affirmative Style auch die Möglichkeit, trotz der Verunsicherungen durch Feminismus und Queer-Theory, seiner/ihrer Geschlechterrolle gerecht werden zu können und dies freilich nicht jenseits heteronormativer Ordnungsprinzipien. Wir sehen es auf den Demos, den Partys und den geschlechtergerechten Flyern: Frauen haben sportlich zu sein (immerhin sind wir hier nicht im Theorie-Lese-Kreis), sollten aber auch den männlichen Attraktivitätserwartungen entsprechen, während sich die Männer im Fußballstadion für den Antifa-Kampf stählen und dabei Scooter imitieren lernen.
Frauen und Männer bestätigen sich in dieser sozialen Positionierung immer wieder gegenseitig in der Erfüllung heterosexueller Hoffnungen. Es geht hier nämlich auch um eine explizite Inszenierung von Geschlecht und sexueller Orientierung.
Gerade weibliches Schönheitshandeln ist ein Teil heterosexistischer Alltagspraxis. Die Allgegenwärtigkeit eines männlichen Blickregimes, dem Frauen auch in Abwesenheit von Männern unterworfen sind (Foucault hat sich einmal mit diesem paradoxen Phänomen beschäftigt), ist das Ergebnis der Fokussierung auf den Körper, die körperliche Repräsentation von Frauen, das fortwährende Betrachten und ständige Bewerten von Frauenkörpern. Das ‚auf sich achten‘ und eben attraktiv sein wollen, segelt dabei jedoch natürlich unter der Flagge selbstbestimmten Handelns, denn nichts ist bedrohlicher als der Verdacht, sich so oder so für Männer zu verhalten. Die (teilweise auch Selbst-) Sexualisierung von Frauen innerhalb des heterosexuellen Geschlechterspiels dient dabei vor allem ihrer (womöglich eigenen) Disziplinierung, auch weil ihre als weiblich markierte Attraktivität für ihre heterosexuelle Identität von fundamentaler Bedeutung ist. Das System der Heterosexualität vermag hier, cleverer Weise, in der Erotisierung von Herrschaftsbeziehungen das Einfügen in sexistische Muster beinahe zwanglos zu arrangieren. Heterosexualität ist damit Kern einer sexistischen Gesellschaft, da sie die Herstellung von Geschlechtern zur Bedingung macht, und fetischartig in ständiger Erneuerung Frauen und Männer erschafft.
Selbst wenn Geschlecht noch als soziale Konstruktion durchgeht, Sexualität scheint natürlich bestimmt, denn Sex wollen wir ja schließlich alle und ich hab ja nichts gegen Schwule, aber ich bin ja nun mal hetero…
In antifaschistischen Zusammenhängen ist es dann auch nicht die aktive Diskriminierung von Nichtheterosexuellen, es sind vielmehr die Orte und Situationen, wo beispielsweise Homosexualität gar nicht präsent ist.
Aber Heterosexismus ist auch die starre Einordnung, der Zwang zum Festlegen, zum Stigmatisieren, das Nichtzulassen von Widersprüchen und Uneindeutigkeiten. Er unterdrückt nicht nur Schwule, Lesben oder wie auch immer nicht-heterosexuell lebende Menschen, sondern auch Frauen, die auf Männer stehen, aber einer weiblichen Norm nicht entsprechen können oder wollen. Die ideologischen Vorbilder von Romeo und Julia bis hin zu Papa und Mama erzeugen eine genaue Vorstellung von einer Liebesbeziehung und entsprechende Erwartungen, die fest an geschlechtliche Rollen geknüpft sind. Werbung, die heterosexuellen Sex assoziieren will, Sexualkundeunterricht, der sich vor allem dem Geschlechtsverkehr zwischen Frauen und Männern bezieht, Filme, die die Liebe zwischen der Heldin und dem Helden als höchstes Glück abfeiern, ergeben eine heterosexuelle Kultur die in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. In der Schule oder auf Solipartys, in der Familie oder der politischen Gruppe, überall spielt die sexuelle Ausrichtung und das damit verknüpfte Geschlechterbild eine entscheidende Rolle dafür, wie du oder andere wahrgenommen werden und wie du die ganze Situation wahrnimmst. Eine nicht-heterosexuelle Kultur existiert beispielsweise in größeren Städten auch, jedoch wird sie nur toleriert, wenn sie innerhalb heterosexistischer Schemata funktioniert, dass heisst eindeutig als homosexuell markiert und in einen kaum wahrnehmbaren Bereich der Gesellschaft verbannt werden kann.
Der Weg aus dem fortwährenden Reproduzieren dieser normativen Prinzipien heraus ist tatsächlich schwierig, da Begehren schließlich nicht einfach steuerbar ist. Es bleibt die Möglichkeit die gesellschaftlichen Zwänge und sich selbst darin wahrzunehmen, also herauszubekommen, wie man so geworden ist, wie man ist und was das mit der Gesellschaft zu tun hat, in der man lebt. Zustände sind veränderbar und die Dominanz von Heterosexismus muss nicht weiter hingenommen werden und schon gar nicht als implizierte Maxime der Pop-Antifa.

Wie entsteht Heterosexualität?

aus: Was left Jan / Feb 96. Kathrin, S.13

These 1 – Elternhaus

In den meisten Fällen zwanghafter Heterosexualität erweist sich, dass auch die Eltern darunter gelitten haben.

These 2 – Kindheitstrauma

Ein schlimmes Erlebnis mit dem eigenen Geschlecht in der Kindheit kann die spätere Zurückweisung des eigenen Geschlechts zur Folge haben. Aus Angst vor dem eigenen Geschlecht sinkt das Verlangen danach ins Unterbewusstsein und kommt als heterosexuelle Neurose wieder zum Vorschein.

These 3 – Soziale Bedingungen

Viele Heterosexuelle geben der ständigen Berieselung durch die Massenmedien und deren Verhaltenspropaganda nach und leben entsprechend dieser typisch tyrannischen Klischees. Wir sollten ihnen nicht Ablehnung, sondern Verständnis und Mitleid entgegenbringen, denn die Zurückweisung, mit der sie ihrem eigenen Geschlecht und somit auch sich selber begegnen, ist das Maß dafür, wie weit sie ihre eigene Sexualität und ihre Beziehung zu sich selbst verloren haben.

These 4 – pathologische Bedingtheit

Viele Heterosexuelle glauben fest daran, dass sie „so“ geboren sind. Unglücklicherweise unterliegen sie einem großen Irrtum, denn wie wir alle, sind auch Heterosexuelle das Produkt ihrer eigenen Substanz und der Umgebung, also fällt auch den Heterosexuellen eine gewisse Verantwortung für ihre Veranlagung zu.

These 5 – kulturelle Einengung

Es hat sich erwiesen, dass viele Heterosexuelle aus einer Umgebung kommen, in der die Freude an ihrem Körper erbarmungslos unterdrückt wurde. Viele psychische Verwirrungen können aus der Zurückweisung des eigenen Körpers resultieren.

These 6 – Angst vor dem Tod

Oft ist die Angst vor dem Tod der Grund für heterosexuelle Paarungen. Viele Heterosexuelle werden vom starken Wunsch, sich fortzupflanzen, in ihre Veranlagung getrieben.

These 7 – Hormonelle Störungen

Statt eines normalen Verhältnisses zweier Haupthormone haben Heterosexuelle einen Überschuss des einen und einen Mangel des anderen Hormons, was zur Folge hat, das sie unfähig sind, eine befriedigende Beziehung zum eigenen Geschlecht aufzubauen.

These 8 – Ökonomische Gründe

Unsere Gesellschaft verspricht Prämien für heterosexuelle Paarung. Homosexuell sein hingegen ist teuer und viele Leute können es sich einfach nicht leisten.