Archiv für Juli 2008

gender on speed

von crossover

Sexismus // die Funktionen der Geschlechter // und die Hoffnung auf einen gemeinsamen Kampf

Sexismus – ein Herrschaftsverhältnis, eine strukturelle Ungerechtigkeit, ein Ausbeutungs- und Gewaltverhältnis: Diese gesellschaftliche Struktur privilegiert Männer und unterwirft Frauen. Doch auch in Bezug zu anderen Geschlechtern und Sexualitäten (Lesben, Trans, Intersex, Bis) wirkt Sexismus im Zusammenspiel mit Homosexuellenfeindlichkeit und Transfeindlichkeit.
Heteronormativität, also die Norm, die Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als hegemoniale Kraft hervorbringt, bildet die Grundlage dieses patriarchalen Systems. Aus ihr leiten sich die Geschlechter und ihre verschiedenen Funktionen ab. Die Rollen im herrschenden System folgen unterschiedlichen Logiken und ergeben ein komplexes Zusammenwirken. Es ist nach wie vor schwierig, diese miteinander zu denken und zu bekämpfen. Gerade das Bewusstsein von Transfeindlichkeit und die Verstümmelung und Unterdrückung von Intersexuellen ist gesellschaftlich sehr marginal. Mit Blick auf die unterschiedlichen Logiken ist es sinnvoll, beim Sprechen über Sexismus den Kontext mit zu nennen. Dadurch wird sichtbar gemacht, dass noch andere Herrschaftsstrukturen im Zusammenspiel mit Sexismus wirken, um die patriarchale Geschlechterordnung herzustellen. Eine differenzierte Betrachtung ist angesagt und eine konkrete Benennung des Kontextes.
Für eine differenziertere Benennung, macht sich in einigen Diskursen die Abkürzung FLTIBs breit. Sie steht für FrauenLesbenTransIntersexBis. Ob diese Benennung nun die Beste ist, weiß ich nicht, doch es wäre einen Versuch wert, um aus dem alleinigen Sprechen von und über Frauen heraus zu kommen.

Doch was hat es auf sich mit diesen verschiedenen Strukturen? Ganz wesentlich ist wie gesagt die Heteronormativität. Die Gesellschaft erzieht erst mal keinen Menschen zur Lesbe oder zu einem transsexuellen Menschen, die Gesellschaft möchte Frauen und Männer und zwar heterosexuelle Frauen und heterosexuelle Männer. So ist die Erziehung und auch der ganze Mainstream davon geprägt. Vieles davon ist sehr plakativ, doch das meiste ist sehr subtil und frisst sich tief in unser Denken und Fühlen, in unsere Körper hinein. Wenn das Kind fragt: Woher die Babys kommen? Würde ihm kaum jemand die Geschichte von dem Samen in der Samenbank erzählen, welches im Reagenzglas mit der Eizelle zusammengebracht wurde oder von der lesbischen Mutter, die sich den Samen in die Scheide spritzt. Denn natürlich braucht es für Babys Mann und Frau, Penis und Vagina und in Folge dann auch Vater und Mutter. Die vorherrschende zweigeschlechtliche Heteronormativität hat viele Selbstverständlichkeiten, z.B. die Damen- und Herrenabteilungen in den Kaufhäusern. Da muss eine_r erst mal draufkommen sich über diese Zuteilung hinweg zu setzen und in beiden Abteilungen nach dem neuen Pulli zu suchen und selbst dann, sind der freien Auswahl noch Grenzen gesetzt, wenn es die coolen “Männer”schuhe nicht in “Frauengröße” 38 gibt und das bauchfreie “Damen”shirt bei Größe 40 aufhört.

So sind die herrschenden Strukturen darauf aus, Frauen und Männer zu schaffen und der Sexismus besteht darin, dass die Frauen ganz bestimmte untergeordnete Aufgaben erfüllen sollen: 1) Die unbezahlte Reproduktion zu besorgen, welche den Mann pflegt, versorgt und aufpäppelt, die Kinder großzieht, die Familie zusammen hält und damit eine Basis der Gesellschaft gewährleistet und deren Fortbestand. Diese Arbeit ist nicht nur unbezahlt, sondern auch noch unterbewertet. Im Verhältnis zu Lohnarbeit mangelt es an gesellschaftlicher Anerkennung für reproduktive Arbeit. (Die Frau soll all das nämlich aus Liebe tun.) 2) Dem Mann sexuell zur Verfügung zu stehen. Denn über die heterosexuelle Sexualität konstituiert sich der Mann immer wieder aufs Neue zum Mann. Er findet Bestätigung in seinem Mannsein, welches gleichgesetzt wird mit Manneskraft, Potenz und Aktivität. Daran ändert auch die selbstbewusstere Sexualität von Frauen noch nicht viel, die als neuer hipper Diskurs in vielen Büchern und Talkrunden besprochen wird. 3) Weiter bilden die Frauen die Reservearmee der kapitalistischen Produktion. Immer wenn Institutionen oder Produktionen über die Männer hinaus Arbeitskraft benötigen, können sie auf die Frauen zurückgreifen, wie z.B. in den 70er Jahren, als es in der BRD einen erhöhten Arbeitskräftebedarf gab und dieser im unteren und mittleren Lohnniveau vor allem durch Migrant_innen, u.a. aus der Türkei und im Akademischen Bereich durch die verstärkte Zulassung von Frauen an den Universitäten gesättigt wurde. 4) Die Frau als Ventil für Gewalt. Frauen werden gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt. Es wirkt systemstabilisierend, wenn Unzufriedenheit, Frust und Gewalt sich nicht gegen die Herrschenden entlädt, sondern gegen untergeordnete Gruppen. Selbst wenn Mann ganz unten ist, kann er immer noch Frauen unterdrücken. (Dies bezieht sich auch auf Migrant_innen, Juden, Obdachlose, sozial schlechter Gestellte usw.)

Diese vier Funktionen mögen erst mal recht rigoros klingen, sind wir doch heutzutage viel aufgeklärter und emanzipierter unterwegs. Doch die Freiheiten und Veränderungen mussten sich hart erkämpft werden und sie betreffen oft nur die Mittelschicht. Strukturen, Räume und Beziehungen mit weniger Sexismus wurden durch jahrelangen Widerstand geschaffen und der Backlash ist allgegenwärtig. Natürlich studieren immer mehr Frauen und es gibt die Möglichkeit, Karriere zu machen. Doch zum Beispiel im Bereich Mathematik gibt es 36% weibliche Mathematikstudent_innen und nur 16% weibliche Absolvent_innen und nur 2% weibliche Doktorant_innen, die Anzahl der Frauen nimmt demnach auf der Karriereleiter rapide ab und Frauen verdienen immer noch 20% weniger für die gleiche Arbeit als Männer. Auch im Bereich der Reproduktion wurde sich viel erkämpft, zum Beispiel die Kinderläden und die Rollenverschiebung, so dass mittlerweile immer mehr Männer Elternzeit nehmen und für die Kinder da sind. Doch auch hier gibt es Klassenunterschiede und von gleichberechtigter Kinderbetreuung ist diese Gesellschaft noch weit entfernt. Noch schlechter steht es mit der Gewalt. Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat in den letzten Jahrzehnten nicht abgenommen. Im Durchschnitt wird immer noch jedes 3. Mädchen sexuell missbraucht, jede 7. Frau vergewaltigt und jede 7. Frau erfährt häusliche Gewalt.

Die Ausprägung dieser Funktionen, welche die Frau erfüllt, ist kulturell, geographisch und historisch unterschiedlich und kann sich je nach gesellschaftlichen, kapitalistischen und patriarchalen Notwendigkeiten verschieben. Gerade sind Frauen in einigen Berufssegmenten viel gefragter, doch das entscheidende ist ursächlich nicht, wie gut es den Frauen gerade geht oder wie unterdrückt sie gerade sind, sondern, dass an den gesellschaftlichen Kategorien Mann und Frau weiter festgehalten wird und sie weiter Grundlage von Beherrschung sind und das diese Beherrschungsmechanismen in jeder Zeit angewandt und hergestellt werden können, solange sie nicht auf entschiedenen Widerstand und Dekonstruktion stoßen. D.h. die gegenwärtige Situation, dass es auch viele Frauen gibt, die einen guten Job haben und die hohe gesellschaftliche Positionen ausfüllen, kann sich auch ganz schnell wieder ändern, wenn zum Beispiel gesellschaftliche oder kapitalistische Notwendigkeiten einen anderen Bedarf erzeugen und dieser mit patriarchaler Macht durchgesetzt wird. Hier hilft nur Widerstand. Der antisexistische, antipatriarchale, feministische Kampf stellt sich seit vielen Jahren gegen die hegemonialen patriarchalen Strukturen. Emanzipationsbewegungen, die Frauenbewegung, die Lesbenbewegung, die Trans- und Intersexuellen mussten die emanzipativen, gesellschaftlichen Veränderungen, von denen wir heute profitieren, hart erkämpfen. Dies beinhaltet auch die heute in Teilen verbesserte rechtliche Situation und die verbesserte gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung von FLTIBs.

Während Frauen zur Erfüllung ganz bestimmter Aufgaben zugerichtet werden, bringen Lesben, Transsexuelle, Intersexuelle und Bis diese herrschenden Strukturen “nur” durcheinander. Sie bedrohen das vorherrschende System und die zugewiesenen Aufgaben und stellen die heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit in Frage. Auf der anderen Seite stabilisieren sie diese auch wiederum, indem sie als Anderes, als Gegenbild des Vorherrschenden herhalten. Denn das vermeintlich Normale kann sich nur in der Abgrenzung zu dem Anderen konstituieren. Während LTIBis in einigen Gesellschaften ein bestimmter Platz zugewiesen wird, werden sie in anderen Gesellschaften gänzlich geleugnet. LTIBis darf es in einigen Gesellschaften gar nicht geben und ein Outing wird verfolgt, zum Teil mit Gefängnisstrafe oder sogar mit der Todesstrafe, wie der Steinigung. Die gesellschaftliche Ächtung und Herabwürdigung soll den Betroffenen immer wieder zeigen, dass ihr Sein, ihre Sexualität und ihr Lebensstil nicht erwünscht sind und es soll andere davon abhalten, sich entgegen der Heteronormativität zu verhalten. Somit sind die trans-, intersex- und homosexuellenfeindliche Strukturen auch noch mal andere als beim Sexismus. Sie sind geprägt von: 1) Der Konstruktion von Körpern. Bei Intersexuellen gipfelt diese in erzwungenen geschlechtlichen Anpassungsoperationen (10% der Neugeborenen haben Geschlechtsmerkmale, die nicht in das zweigeschlechtliche Raster passen). Die Geschlechtsteile von Säuglingen werden, teilweise ohne die Eltern darüber zu informieren, umoperiert. Diese Verfahren der Rekonstruktions- und plastischen Chirurgie beinhalten auch Gentests und hormonelle Therapien. 2) Der Konstruktion von sexuellen Beziehungen. Homosexuelle und bisexuelle Beziehungen werden als Ausnahme, abweichend von der Norm definiert. Auch wenn sie in einigen Bereichen anerkannt sind, so werden sie noch lange nicht als selbstverständlich und gleichberechtigt gesetzt. (Kleine Mädchen sollen, wenn sie groß sind, immer noch Jungs heiraten und nur in Ausnahmen werden einige lesbisch. Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder Mensch frei seine_ihre Sexualität entwickeln kann und diese lebt mit wem er_sie will.) 3) Der Konstruktion des Anderen, des vermeintlich Unnatürlichen. Denn nur in der Benennung des angeblich Unnatürlichen, kann sich ein angeblich Natürliches mit allen Biologismen hervorheben. Ein Mann-Frau-Verhältnis oder Mann-Frau-Sexualität könnte gar nicht als normal und natürlich konstruiert werden, wenn es nicht Beziehungen und Verhältnisse gebe, von denen mensch sie abgrenzen könnte. Ebenso die Konstruktion von männlichen und weiblichen Körpern und Identitäten, um sie zu garantieren wird zum Beispiel die freie Wahl des Geschlechts und des Vornamens beschränkt, sowie Geschlechtsumwandlungen und die rechtliche Gleichstellung, unter anderem im Familienrecht bei der Ehe und der Adoption von Kindern.

Während also Frauen konstruiert werden, um bestimmte untergeordnete Aufgaben zu erfüllen, sollen LesbenTransIntersexBis und Queers begrenzt und kontrolliert werden, um die Heronormativität nicht zu gefährden. Auch hier gilt, dass die gesellschaftlichen Bedingungen in Folge der jahrelangen Kämpfe emanizipativer Bewegungen im Westen gegenwärtig verstärkt liberaler werden. Dies wird auch begünstigt durch veränderte Kapitalinteressen, welche LTIBis als “Humanressources” und “das Andere” als Kreativfaktor entdeckt haben. Vielfalt und Verschiedenheit haben mittlerweile einen kapitalrelevanten Effekt. Doch auch diese Entwicklungen orientieren sich an Kapitalinteressen und können jeder Zeit wieder in andere Bahnen gelenkt werden, wenn dem nicht mit entschiedenem Widerstand begegnet wird.

Männer profitieren von sexistischen Strukturen. Sie erhalten 1) Anerkennung, Aufwertung und Macht. 2) Materielle Vorteile. 3) Sexuelle Vorteile. 4) Ein Zugestehen von Gewalt- und Machtausübung (das Gewaltmonopol liegt demnach nicht allein beim Staat, sondern inoffiziell gesellschaftlich geduldet auch immer wieder bei Männern). All diese Privilegien verschaffen Männern eine bessere persönliche und gesellschaftliche Position.
Doch innerhalb des Systems von Heteronormativität sind sie nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer, denn sie leiden auch unter den Rollenanforderungen und Männlichkeit versperrt ihnen auch viele Türen, bzw. Verwirklichungen jenseits von Geschlechtergrenzen.

Die Funktionen der Geschlechter sind demnach hierarchisch zugewiesen. Die hierarchischen patriarchalen und heteronormativen Strukturen wirken zusammen mit verschiedenen anderen Unterdrückungsstrukturen. Diese verflochtenen Machtstrukturen stellen im hegemonialen Diskurs Subjekte und die Verhältnisse zwischen den Subjekten her, welche die Machtstrukturen wiederum aufrechterhalten. An der Aufrechterhaltung dieses Systems wirken alle Geschlechter auf unterschiedliche Weise mit. Ebenso wirken Privilegien und Machtgewinn auf unterschiedliche Weise. Weiße Frauen stehen in vielen Aspekten strukturell über schwarzen Männern und profitieren von dieser Position. Ebenso wälzen Frauen des industriellen Nordens reproduktive Aufgaben auf migrantische Frauen ab (Kinderbetreuung, Pflege und Hausarbeit). Doch neben der Aufrechterhaltung der Strukturen werden diese auch immer wieder angegriffen und ins Wanken gebracht. Qua ihrer Rollen, waren und sind es FLTIBis, die die Frauenbewegung, FrauenLesbenbewegung, Transbewegung, Queerbewegung usw. erschufen und sich gegen Homosexuellenfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und die patriarchalen Verhältnisse wehrten. Männer unterstützten diese Bewegungen nur in äußerst geringem Maße. Im Gegensatz dazu versuchten Männer eher den Kampf von FLTIBis lächerlich zu machen und zu vereinnahmen, bis auf einige Ausnahmen. Männer, die sich gegen patriarchale Strukturen stellen, begegnen der Schwierigkeit, dass sie nicht Teil des kämpfenden Subjekts FLTIBis sind und durch dieses nur bedingt eine Stärkung erfahren. Denn auf der anderen Seite sind sie Teil der Struktur Männlichkeit und können diese nicht einfach verlassen.
Den FLTIBis-Bewegungen und der marginalen antipatriarchalen Männerbewegung verdanken wir heute viele Verbesserungen und Veränderungen. Ob die Kraft des Widerstandes jedoch ausgereicht hätte, diese entgegen den Kapitalinteressen durchzusetzen, bleibt fraglich. So diente beispielsweise das Zulassen von Abtreibungen auch den veränderten kapitalistischen Anforderungen und den Anforderungen einer modernisierten, bürgerlichen Gesellschaft an Nachkommenschaft und Erziehung (von gut ausgebildeten und erzogenen Wunschkindern).

Transsexuelle und Intersexuelle Politiken gingen damals und auch heute noch neben und innerhalb der Frauen- und Lesbenbewegung unter. Mit dem Aufkommen des Dekonstruktionsansatzes haben sich Politiken entwickelt, die beabsichtigen, die Zweigeschlechtlichkeit und die heterosexuelle Norm zu dekonstruieren und damit auszuhebeln. Hier versucht sich Genderqueerness als Widerstandspraxis. Der Versuch der Herstellung von Körpern, die nicht instrumentalisiert werden können, ist damit eine widerständige Tat. Sie durchbricht die Instrumentalität der gesellschaftlichen Kategorien von Geschlecht und damit das Nutzbar-Machen von Männern und Frauen und versucht hier als Nutzloses Geschlecht und Nutzlos-Machen von Geschlecht zu wirken. Hier gilt es zu beachten, dass auch queere Körper vereinnahmt werden und damit die Heterosexuelle Matrix bekräftigen können.

Männern kommt im heteronormativen System eine Doppelrolle zu; zum einen profitieren sie erheblich von den Privilegien und Vorteilen, die ihnen ihre Geschlechterposition verschafft und diese Position stellen sie auch immer wieder aktiv her – zum Teil sehr brutal. Zum anderen werden auch sie zugerichtet und damit sind auch ihre Körper, Sexualitäten und Lebensweisen Zurichtungen und Zwängen unterworfen. Ihnen wird ebenso eine freie Entfaltung und Lebensentwicklung verwehrt. Dies wird begleitet von Phänomenen wie dem Nichtwahrnehmen der eigenen Gefühle, erhöhten Krankheiten und geringeren Lebenserwartung auf Grund des Überschreitens eigener Grenzen, bzw. von Verausgabung. Diese Zurichtung erlaubte es im Kapitalismus, die männliche Arbeitskraft verstärkt auszupressen. Weiter werden Männer ebenso durch Androhung von Gewalt, Abwertungen und Lächerlichmachens davon abgehalten, andere Wege, als die zugelassenen männlichen, heterosexuellen Wege zu gehen. Doch diese Zurichtungen im Feld Heteronormativität sind nicht zu verwechseln mit Sexismus. Sexismus bezeichnet die Ausbeutung und Nutzbar-Machung von Frauen. Männer sind in dieser Struktur die Privilegierten, die Profiteure und Täter.
Dass es in dem Herrschaftsverhältnis strukturell Privilegierte und Nichtprivilegierte und Täter und Betroffene gibt, heißt nicht, dass es nicht auch einzelne umgekehrte Verhältnisse gibt. Die Kennzeichnung eines Herrschaftsverhältnis beschreibt hier eine grundsätzliche Struktur und beinhaltet nicht die Aussage, dass alle Verhältnisse innerhalb dieser Struktur ihr in jedem Fall entsprechen. Das heißt zum Beispiel, es gibt Täter_innen und es gibt männliche Betroffene.

Im Widerstand gegen die herrschenden Strukturen stellt sich immer wieder die Frage, inwieweit dieser Kampf gemeinsam geführt werden kann oder inwieweit auch in Zukunft unterschiedliche Betoffenheiten unterschiedlicher Kämpfe bedarf. Die Genoss_innen, die einem in dem einen Kampf zur Seite stehen, können im anderen Kampf politische Gegner sein. Darüber lässt sich nur schwer hinwegtäuschen. Ein “all gender”-Kampf gegen Sexismus (also dem gemeinsamen Kampf aller Geschlechter) muss diese vielschichtigen Konfliktfelder immer wieder in den Blick nehmen, sich damit auseinandersetzen und diese verändern.

An einer Dekonstruktion der Geschlechter ist den einzelnen Geschlechtern demnach positionsbedingt unterschiedlich viel gelegen. Doch es könnten alle Geschlechter erkennen, dass die Konstruktion auf vielen Ebenen Verengung, Beschneidung, Zwang und Unfreiheit bedeutet.
Deswegen sollten wir Wege finden, gemeinsam die herrschenden Strukturen zu kippen!

Solidarität mit den freiheitsliebenden Menschen im Iran!

von Cosmoproletarian Solidarity

„Nicht nur jene, die im Gefängnis sitzen, sondern wir alle befinden uns in einem Gefängnis“ – Solidarität mit den freiheitsliebenden Menschen im Iran!

Das einzige „Verbrechen“ der beiden Schwestern Zohreh und Azar besteht darin, dass sie auf einem Videoband mit einem fremden Mann zu sehen sind. Keine Berührungen – selbst verbale Anschmeichelungen nicht – verzeichnet der Mitschnitt einer vom eifersüchtigen Ehemann einer der beiden Schwestern versteckt angebrachten Kamera. Lediglich die Anwesenheit eines fremden Mannes. In der Phantasie eines religiös verstockten Richters wurde daraus zwangsläufig „die Bildung eines Zentrums der Verdorbenheit.“ Zohreh erhielt unmittelbar nach dem Urteilsspruch im Gerichtshof 99 Peitschenhiebe, danach sollte ihr für fünf Jahre die „Freiheit“ entzogen werden, Azar wurde ebenfalls ausgepeitscht. Dies war im März 2007. In einem zweiten Gerichtsverfahren wurden die beiden Schwestern fünf Monate später – für dasselbe „Verbrechen,“ für das sie bereits ausgepeitscht wurden – zum Tode per Steinigung verurteilt. „Ehebruch als verheiratete Frauen“ lautet der Urteilspruch. Zohreh und Azar befinden sich immer noch in der Todeszelle des iranischen Mullah-Regimes.

Der iranische Klerikalfaschismus fasst jegliche individuellen Sehnsüchte als Hochverrat am islamischen Zwangskollektiv auf. Die islamische Gesetzgebung des Irans sieht für Frauen, die sich der Enge der Zwangsehe entziehen wollen, ebenso die Todesstrafe vor wie für gelebte Homosexualität. Anfang des Jahres hatte „Amnesty International“ darauf aufmerksam gemacht, dass Steinigungen weiterhin im Iran vollzogen werden. Männer werden bis zur Hüfte und Frauen bis unter die Brust im Sand eingegraben und dann von Steinen, die „nicht so groß sein dürfen, dass die zum Tode Verurteilte getötet wird, wenn sie von einem oder zwei Steinen getroffen wird, und auch nicht so klein, dass man sie nicht mehr als Stein ansehen kann“, wie es das iranische Gesetzt vorschreibt, beworfen, bis das letzte Wimmern verstummt ist. Tugendterror und Repressionen richten sich auch unmittelbar gegen jegliche oppositionelle Regung, die den Status Quo hinterfragt. Selbst für das Sammeln von „harmlosen“ Unterschriften räumt das Regime „lediglich“ eine beengte Zelle im Folterknast Evin ein. 34 Frauenrechtlerinnen der Kampagne „One Million Signatures Demanding Changes to Discriminatory Laws” wurden bisher verhaftet. Einige von ihnen werden vom Regime ohne Anklage und das Recht auf einen Anwalt seit Monaten festgehalten.

Doch die Friedhofsruhe, die das Regime herzustellen versucht, tritt nicht ein. Bei den Präsidentschaftswahlen im Juni 2005 weigerten sich den staatlichen Verlautbarungen zufolge 40 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme für einen der sieben vom Ayatollah Chamenei ausgewählten Kandidaten abzugeben, obwohl das Regime zuvor gedroht hat, dass Wahlboykott Hochverrat gleich käme und dieser wird im Iran bekanntlich mit dem Tode bestraft. Da die Teilnahme an Wahlen durch einen Eintrag im Ausweis bestätigt wird – also problemlos festzustellen ist, wer gewählt hat und wer nicht – zogen es somit viele Millionen Iraner/innen vor, dem islamischen Regime ihre pseudodemokratische Legitimierung zu verweigern anstatt ihr eigenes Leben zu schützen. Ein wahrhaft stiller Protest. Am 7. Dezember im vergangenen Jahr erhoben sich in Teheran über 2.000 Studenten zum Protest obwohl Polizisten und paramilitärische Schlägertrupps bereits im Morgengrauen alle umliegenden Straßen der Universität abgeriegelt hatten. Viele der Studentinnen tauschten auf der Demonstration ihr Hijab gegen ein Cap oder zogen den Hijab fast bis in den Nacken zurück. Das Regime sprach von „Krawallmacher“, die „durch die Beschaffung aufwieglerischer Bauteile wie Molotow-Cocktails und Handgranaten (…) Chaos und Aufruhr zu schaffen“ versuchten. Mehrere Dutzend Studenten/innen befinden sich immer noch im Gefängnis. Einer von ihnen, Ebrahim Lotfollahi, ist bereits an den Folgen der sadistischen Folter gestorben.

Der Widerstand der ungehorsamen Frauen im Iran hat Tradition. Bereits in den Jahren 1979 und 1980, als sich die islamische Kontrarevolution durchzusetzen drohte, demonstrierten hunderttausende Frauen gegen den Hijabzwang und religiöse Zwänge. In den kommunistischen und sozialrevolutionären Gruppierungen partizipierten viele Frauen. In den Gefängnissen des Mullah-Regimes wurden die Abtrünnigen nächtelang mit Koransuren beschallt und viele Frauen vor der Hinrichtung vergewaltigt, um zu verhindern, dass sie als mögliche Jungfrauen doch noch ins Paradies gelangen könnten. Die islamischen Kontrarevolutionäre zerschlugen die starken Arbeiterräte und verdichteten das despotische Schah-Regime zu einem faschistischen System, das alles was es nicht selber ist zu vernichten versucht.

Die Linke und der Iran

Bestürzend ist der Umgang derjenigen, die sich in Deutschland als die Linke begreifen, mit dem Iran. Während die einen in der US-amerikanischen Kriegsmaschinerie die Trägerin von Freiheit und Emanzipation erkennen wollen, fabulieren die anderen vom „antiimperialistischen Moment“ des iranischen Klerikalfaschismus. Der freiheitsliebende Teil der Bevölkerung des Irans, der seinen Protest gegen das Regime Tag für Tag zum Ausdruck bringt, wird weder von den einen noch von den anderen als mögliches Subjekt für fortschrittliche Umwälzungen begriffen. Der Identifizierungszwang gilt den Herrschenden, nicht – wie es doch die Essenz emanzipatorischer Politik sein sollte – den „Unglücklichen“, die sich erheben, um ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Somit werden die Menschen im Iran zu passiven, verantwortungslosen Geschöpfen entwertet, die andauernd „nur“ Opfer von Fremdbestimmung werden oder sich nach den US-amerikanischen Rosinenbombern sehnen. Die Hungerrevolten in Ägypten, Haiti und Westafrika zeigen, dass der globale Kapitalismus keine Fortschrittsperspektive für die Menschheit beinhaltet. Der kapitalistische Wahn, der sich gegenwärtig darin ausdrückt Reis, Mais und andere Rohstoffe als Spekulationsobjekt zu entdecken und somit die Preise ins Unermessliche zu treiben und den Hungertod hunderttausender Menschen zu besiegeln, findet seine Äquivalenz im religiösen Wahn, der die Unterwerfung (und nichts anderes bedeutet Islam) zum göttlichen Prinzip erhebt und zu verewigen droht. Wir haben also keine Gründe einem Sieg islamistischer Banden über die US-amerikanische Kriegsmaschinerie entgegenzufiebern und den US-amerikanischen und EU-europäischen Konzepten der Ordnungskriegerei die Durchsetzung der Aufklärung zu unterstellen. Unsere Job ist es eine dritte Front zu schaffen, die nicht bereit ist die marxsche Parole, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes (…) Wesen ist“, aufzugeben.

Wann ist ein Mann (k)ein Mann?

von AG x_y DRESDEN

Gedanken über die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen in antisexistischen Gruppen

Antisexistische Praxis erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen. Auch wenn sich in den letzten Jahren einiges getan haben mag – hingewiesen sei an dieser Stelle auf diverse Gleichstellungsprogramme und Kampagnen1. Und selbst innerhalb einer “Linken”2 scheint allenthalben angekommen zu sein, dass es Sexismus gibt.
Allerdings kann eine Kritik nicht an den gesellschaftlichen Verhältnissen stehen bleiben. Eine Auseinandersetzung über dieses Thema muss auch in den eigenen Zusammenhängen, die ja von den gesellschaftlichen Strukturen nicht loslösbar sind, geführt werden. Und natürlich ist auch eine Reflexion der eigenen Rolle in eben jenen Machtstrukturen notwendig.
Politischen Gruppen, gerade solchen mit einem antisexistischen Selbstverständnis, kommt dabei eine besondere Rolle zu. Dies insofern, als dass sie kontinuierlich zusammenarbeitende Zusammenhänge sind, die sich darüber hinaus darüber einig sind, dass Sexismus scheiße ist und deshalb natürlich in der Verantwortung stehen sich bewusst damit auseinanderzusetzen, inwiefern in ihnen sexistische Verhaltensweisen reproduziert werden.

Eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Strukturen setzt dabei theoretische Grundannahmen über den Zusammenhang zwischen Gesellschaft, Individuum, sexistischen Strukturen und der Kategorie “Geschlecht”3 voraus.

Stark vereinfacht kann mensch sagen, dass gesellschaftliche Strukturen als Aggregat des Verhaltens und der Vorstellungen aller Individuen entstehen4. Sich so ergebende Werte- und Normensysteme wirken ihrerseits auf die Individuen, hauptsächlich durch Sozialisation, und prägen darüber deren Vorstellungen über die Welt und individuelle Verhaltensweisen. Wenn also eine Gesellschaft strukturell sexistisch und patriarchal ist, werden eben jene Sexismen über Sozialisationsprozesse wiederum von den Individuen verinnerlicht.

Da diese sozialisationsbedingten Aneignungsprozesse zum großen Teil unbewusst stattfinden, werden z.B. Vorstellungen über sogenannte Geschlechter und Geschlechterrollen häufig als individuell oder biologisch determiniert wahrgenommen. Die meisten Menschen meinen „einfach zu wissen“, dass es zwei Geschlechter gibt und welchem davon sie angehören. Und wenn eine “Frau” einen Rock trägt, so liegt das einfach daran, dass sie selbst Röcke eben schick findet.
Das bedeutet aber auch, dass durch die bloße Feststellung, dass Sexismus scheiße ist, weil er hierarchische (patriarchale) Verhältnisse reproduziert, noch nicht viel gewonnen ist, sondern eine Veränderung nur durch den Versuch einer bewussten Auseinandersetzung mit dem Unbewussten und einer kritischen Reflexion all der Selbstverständlichkeiten, wie der Art und Weise sich in Räumen zu bewegen oder mit Menschen zu interagieren, möglich ist.

In der feministischen Theorie, die sich mit dieser Problematik der Produktion und Reproduktion sexistischer Strukturen beschäftigt, lassen sich im Wesentlichen 3 verschiedene Ansätze unterscheiden, die jedoch in sich keineswegs homogen sind.

Der Gleichheitsfeminismus geht davon aus, dass kein typisch männlich und typisch weiblich in dem Sinne existieren, dass aus einem, als natürlich angenommenen, “biologischen Geschlecht”5 auch geschlechtsspezifisches Verhalten ableitbar wäre. Nur unterschiedliche Sozialisation und Aufgabenteilung begründeten Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern. Diese wiederum gelte es aufzulösen. Meist jedoch wird implizit die Anpassung an ein „männliches Ideal“ (z.B. durch die Aneignung von Durchsetzungsvermögen oder Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen) als Ziel gesetzt.
Dem gegenüber sieht der Differenzfeminismus grundsätzliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern (einige Strömungen gehen dabei auch von einer konstruierten Differenz durch unterschiedliche Sozialisation aus, die aber dennoch unauflöslich relevant ist). Ziel wird hier die Auflösung sogenannter männlicher, als hierarchisch und gewaltförmig wahrgenommener Verhaltensweisen hin zu einem „weiblichen Ideal“.
Sowohl gleichheits-, als auch differenzfeministische Ansätze nehmen dabei an, dass es zwei biologisch-natürliche Geschlechter gibt.

Der feministische Dekonstruktivismus dagegen geht davon aus, dass sowohl biologisches” als auch soziales Geschlecht Konstruktionen sind, insofern als dass sie nichts natürliches, sondern etwas durch gesellschaftliche Diskurse hervorgebrachtes sind. In diesen Diskursen wird über Sprache die Wahrnehmung der Wirklichkeit strukturiert, insofern als dass z.B. durch Begriffe und Aussagen über den Körper die Wahrnehmung des eigenen Körpers erst strukturiert und geformt wird (quasi im Gegensatz zu der Annahme, dass Sprache nur die real existente Wirklichkeit beschreibt).
Was ist aber nun an der durch Diskurse konstruierten Zweigeschlechtlichkeit zu kritisieren? Eben dass sie zwangsläufig Ausschlussmechanismen nach sich zieht, insofern als dass sie all diejenigen Körper und Identitäten ausschließt, die ihr nicht entsprechen. Deshalb wird die Kategorie Geschlecht als Klassifikationskriterium abgelehnt, die es aufzulösen gilt.

Das Spannungsfeld, welches es zu betrachten gilt, bewegt sich also zwischen theoretischer Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht und einer antisexistischen Praxis innerhalb einer gesellschaftlichen Realität mit einer bipolaren Geschlechterstruktur.
Da wir selbst, als von gesellschaftlichen, sexistischen Strukturen geprägte Subjekte, Teil dieser Gesellschaft und damit natürlich auch ihrer Vorstellungswelt sind, würde dies aber gerade nach sich ziehen sich selbst und das eigene Umfeld bewusst als geschlechtliche Körper wahrzunehmen und damit zusammenhängende Machtstrukturen zu analysieren.

Was genau aber bedeutet dies für Gruppenzusammenhänge?
Würde nicht dann die Anwesenheit von sogenannten männlichen Gruppenmitgliedern gerade bestimmte hierarchische Strukturen innerhalb der Gruppe herstellen und möglicherweise eine Thematisierung dieser Machtverhältnisse verhindern?

Würde andererseits der Ausschluss männlich kategorisierter Personen nicht ebenfalls eine Reproduktion sexistischer Strukturen bedeuten, insofern als dass die Verantwortung für das Thema Antisexismus in nicht-männliche Bereiche verschoben würde? Reproduziert der Ausschluss aufgrund der Kategorie Geschlecht nicht wieder bipolare Strukturen?

Wäre eine Frauen-Gruppe wirklich hierarchiefreier, wie differenzfeministische Ansätze suggerieren könnten? Oder sind vielmehr bestimmte Verhaltensweisen als das angenommene Geschlecht einer Person ausschlaggebend? Sind also männliche Verhaltensweisen (im Sinne von Verhaltensweisen, die in einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur typischerweise von der privilegierten männlichen Gruppe genutzt werden – nicht im Sinne biologischer Determiniertheit – und geeignet sind mehr Macht als andere herzustellen, zu demonstrieren oder zu sichern) nicht insofern vom Geschlecht losgelöst zu betrachten, als dass Verhaltensweisen angeeignet werden können? Wären dann nicht, um gleichheitsfeministischen Ansätzen zu folgen, wiederum alle gleich, wenn sich Frauen diese Verhaltensweisen aneignen würden? Aber würde dies wiederum nicht bedeuten von einem “männlichen Ideal” auszugehen, das in seiner Konsequenz trotzdem in einer patriarchalen Struktur verhaftet bleibt?

Schließlich bliebe auch die Frage, wann Personen eigentlich „männlich“ sind. Ist es sinnvoll, an dieser Stelle das biologische Geschlecht zu Rate zu ziehen, in der Annahme, dass aufgrund der gesellschaftlichen Sozialisation dieses weitgehend das soziale Geschlecht determiniert (mit der impliziten Annahme, dass beide Geschlechter irgendwie in sich homogene Gruppen sind), oder wäre es an dieser Stelle doch besser männliche Verhaltensweisen genauer herauszuarbeiten und anhand dieser zu entscheiden?

Verlassen wir aber an dieser Stelle den Bereich doch recht grundsätzlicher Fragen und wenden uns noch ein wenig konkreteren Verhaltensweisen zu.
Um geschlechtsspezifische Machtstrukturen zu identifizieren ist es sinnvoll sich die verschiedenen, gruppenspezifischen Bereiche, wie z.B. Rederaum, Aufgabenverteilung oder Entscheidungsstrukturen anzuschauen.
Wie sind die Redeanteile verteilt? Wer fällt wem, wie oft, aus welchen Gründen ins Wort? Wer spricht in welcher Lautstärke? Welche Mimik und Gestik wird verwendet und wann? Dominantes Redeverhalten ist in der Regel sehr raumeinnehmend, so dass Gesprächsanteile anderer Personen wesentlich geringer sind und diese somit weniger Gelegenheiten haben sich einzubringen. Dazu gehört auch das Unterbrechen bzw. Kommentieren der Redebeiträge anderer, aber auch z.B. bewusst desinteressierte oder herablassende Mimik und Gestik.
Bei der Aufgabenverteilung könnte es z.B. interessant sein, wie die Arbeitsanteile verteilt sind und wer welche Aufgaben übernimmt – wer übernimmt in welchem Maße verantwortungsvolle Aufgaben, wer öffentlichkeitswirksame?
Ebenfalls interessant ist eine Analyse der Entscheidungsstrukturen, also wie Entscheidungen getroffen werden und welche Personen daran in welchem Umfang beteiligt sind.

So oder so ähnlich könnten einige Überlegungen und Fragen aussehen, die sich bei der Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Machtstrukturen in Gruppenzusammenhängen stellen könnten.
Da die Problematik enorm vielschichtig und ungemein komplex ist, scheint es unmöglich ein Patentrezept anzubieten oder universell anwendbare Lösungsansätze zu entwickeln.
Dennoch ist es wichtig und unerlässlich, und das nicht nur für Gruppen, die speziell zum Thema Antisexismus arbeiten, sondern auch für Antifa-Gruppen bzw. all jene, die sich selbst ein „linkes“ Selbstverständnis geben (welches zumeist Antisexismus enthält), sich mit der Problematik auseinanderzusetzen, da allein die Erkenntnis, dass Sexismus abgeschafft gehört, nicht dazu führt, dass er auch aus unserer Sozialisation verschwindet und unsere Gruppenzusammenhänge frei von geschlechtsspezifischen Machtstrukturen werden.

Visualizing Antisexism

von PROJEKT „Politisches Plakat “

Antisexistisches Layout – was ist das? Gibt es antisexistische Layouter_innen und wenn ja, schaffen sie es diesen Anspruch auch zu visualisieren? Natürlich, wer sich links verortet trägt auch einen antisexistischen Anspruch vor sich her. Inwieweit dieser in einem Lippenbekenntnix verharrt zeigt sich besonders deutlich in der Bilderwelt, in der Linke verhaftet sind und die meist keinen Unterschied zur Hegemonialen erkennen lässt.
Das Layout der antifaschistischen Linken – hier examplarisch das Plakatlayout – ist der Versuch, die eigene Praxis zu visualisieren. So wenig also, wie das Thema Sexismus in Handlungen der Polit-Aktivist_innen reflektiert wird oder in Texten, Aufrufen, Berichten seinen Platz findet, so wenig findet es auch seinen Weg auf politische Plakate.
Im Folgenden soll mit Blick auf die linke/antifaschistische Plakat-Landschaft eine Kategorisierung versucht werden.

Nazis jagen, Nazis schlagen
Der (immer noch) dominante Stil auf Plakaten, die zu Aktionen mobilisieren sollen, ist die militante Pose. Der Neonaziaufmarsch wird verhindert durch Barrikaden, fliegende Flaschen und direkte Angriffe. Diese Einszueins-Visualisierung zeigt vordergründig Männer die symbolisieren, dass sie bereit sind, diese Auseinandersetzung einzugehen. Es wird Stärke gezeigt, Überlegenheit, Agressivität. Frauen spielen auf diesen Plakaten – ebenso wie in den meisten Aktionsgruppen – wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle. Diese dargestellte Männlichkeit scheint auf den ersten Blick die naheliegende Visualisierung des Anliegens zu sein. Sie ist vielleicht auch die ehrlichste, wenn ein Blick auf die aktiven Strukturen geworfen wird. In dieser Visualisierung reproduziert sie jedoch gesellschaftliche Rollenbilder und steht somit einer aufgeklärten antisexistischen Position diametral entgegen.

Die Affirmation bürgerlicher Frauenbilder
Eine Möglichkeit die männlich dominierte Plakatgestaltung aufzubrechen, ist natürlich Frauen auf Plakaten zu präsentieren. So lobenswert der Ansatz allein deshalb schon ist, weil die_der Layouter_in sich wahrschienlich ein Paar Gedanken um Sexismus macht, so schmal ist der Grat nicht anderweitig in sexistische Mechanismen abzurutschen. Die Darstellung von Frauen auf Mobilisierungs- (also Werbe-)Plakaten unterscheidet sich selten von der Darstellung von Frauen auf kommerzieller Werbung, die die Weiblichkeit allein zu verkaufsfördernden Zwecken benutzt. In unserem Fall: Hübsche Antifaschistin wirbt für tolle Antifademo. So werden keine bürgerlichen Geschlechterrollen aufgebrochen. Eine Darstellung von aktiven, kämpferischen Frauen kann in diesem Fall eine Möglichkeit sein, mehr Frauen zu Adressatinnen von Plakaten zu machen. Allerdings ist auch dieses Bild inzwischen ein Gemeinplatz hegemonialer Bilderwelten. Die Bild der starken Frau, die Kind, Haushalt und Arbeit miteinander vereinen kann, ist inzwischen in der Gesellschaft angekommen.

Die abstrakte Darstellung von Menschen
Welche Möglichkeiten gibt es neben den ersten beiden Fällen Menschen darzustellen, die Aktivitäten verrichten? Gerade im Zusammenhang mit militanten Aktionen ist die Darstellung von Menschen mit Vermummung eine Option, das Geschlecht nicht eindeutig zuordenbar zu machen. Hier greift allerdings ein Problem, das mit der Assoziation von Militanten zu tun hat. Wenn nicht sofort anders zu erkennen, werden Vermummte, militant agierende, pauschal als Männer wahrgenommen. Das zu ändern liegt nicht vorrangig in der Macht der Layouter_innen, sondern der Rezipient_innen.
Auch wenn man symbolhaft nur auf einzelne Körperteile zurückgreift (die Faust, die das Hakenkreuz zerschlägt, der Schuh, der dem Nazi in den Arsch tritt) ist die Assoziation automatisch zuerst eine Männliche.

Gibt es Auswege?
Natürlich gibt es unzählige Möglichkeiten auf menschliche Darstellung und damit auf die Fallstricke hetero-(sexistischer) Darstellungen zu verzichten. Dazu zählt die Adaption von Comic-Figuren, seit 10 Jahren ein Trend in der Antifaszene (von Akira, Lisa Simpson bis zum Hulk hat sich schon jede Comic-Figur auf Antifa-Publikationen wiedergefunden), die Verwendung von Symbolen oder Logos als zentrale Elemente und rein typografische Lösungen. Dass Plakatgestaltung auch ohne explizite Darstellung von Menschen eine Message rüberbringt dürfte klar sein. Das erspart einer_m auch größtenteils die Auseinandersetzung mit dem Thema dieses Beitrags. Für den generellen Verzicht auf Menschen-Darstellung soll das allerdings kein Plädoyer sein. Das wäre ja auf die Dauer auch langweilig.

Der (selbst-)ironische Umgang mit Geschlechterrollen bietet hingegen einen offensiven Umgang mit der Thematik. Das muss nicht als zentrale Message des Plakates passieren. Meist haben Plakate ja einen anderen Anlass. Trotzdem ist es ein leichtes, an der einen oder anderen Stelle ein Element unterzubringen, das den_die Betrachter_in stutzen und über die transportierten Geschlechterzuordnungen nachdenken lässt. Den Möglichkeiten sind dabei nur technische Grenzen gesetzt.
Voraussetzung bleibt natürlich, dass der Wille vorhanden ist sich mit den grafischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen und Neues auszuprobieren.

Das Projekt „Politisches Plakat“ archiviert seit mehreren Jahren Plakate aus politischen Bewegungen und stellt diese im Internet zur Verfügung. Auf dem dazugehörigen Weblog werden von verschiedenen Autor_innen Beiträge zu Inhalt und Gestaltung von Plakaten verfasst. Demnächst wird eine Ausstellung der besten politischen Plakate der letzten Jahre eröffnet. Diese wird in Berlin und anderen Städten zu sehen sein.

Queering Intimate Violence — Antisexistische Praxis gegen Gewalt im queeren Kontext

von TAM

Oft wird in der Linken Antisexismus als politische Praxis gedacht, die sich gegen patriarchale und implizit heterosexistische Strukturen richtet. Queer erscheint dagegen als „alternative und bessere Welt“, in der keine Übergriffe geschehen, kein Sexismus existiert, da wir ja Geschlecht dekonstruieren. Zugegeben, die Aussage ist etwas zugespitzt, aber trotzdem prägen diese Bilder immer wieder sowohl heteronormative, antisexistische Praxis als auch queere Räume.

Definitionsmacht, Parteilichkeit und Schutzraumpolitik sind immer wieder angewandte Praxen in Teilen der Linken. Diese antisexistischen Interventionspraxen werden jedoch zumeist in heteronormativen Kontexten gedacht und verhandelt. Dagegen gibt es keine/kaum Auffangstrukturen für queere Betroffene von Gewalt – wir kennen keine öffentlichen Räume oder Ansprechpersonen/-gruppen, die sich bisher mit diesem Thema explizit beschäftigt haben. Aufgrund dieser Situation stellen sich einige grundsätzliche Fragen: Welche Formen von queerer Gewalt gibt es? Existieren Unterschiede zu heterosexueller Gewalt? Und wie könnte eine politische Praxis in queeren Räumen aussehen?

Wer ist TAM?
Wir sind eine Gruppe, die sich über die Auswertung einer spontanen Aktion zum Thema Grenzen letztes Jahr in Berlin zusammengefunden hat. In der damaligen Situation waren wir mit wenig Erfahrung und vielen Schwierigkeiten mit antisexistischer Praxis bezüglich queerer Räume konfrontiert. Daher beschlossen wir, eine Gruppe zu dieser Thematik zu gründen. Wir kommen aus verschiedenen Kontexten (wir sind alle FrauenLesbenTrans) und haben bereits unterschiedliche Auseinandersetzungen zu dem Thema (sexualisierte) Gewalt geführt. Deshalb sind Begriffsklärungen und ein allgemeines Verstehen von „Wovon reden wir eigentlich?“ und „Wo wollen wir hin?“ nach wie vor Teil unseres Prozesses.
Seit unserem ersten Treffen begleitet uns eine Vielzahl von Fragen: Gibt es Unterschiede zwischen antisexistischer Praxis im heterosexuellen und im queeren Kontext? Was ist, wenn keine Geschlechterhierarchie gegeben ist, die patriarchale Sozialisation verschwimmt und somit das Prinzip der Parteilichkeit an seine Grenzen stößt? Was ist, wenn die Konstellation laut Definitionsrecht keine klare Einteilung in betroffene und gewaltausübende Person zulässt? Und wie könnte ein politisierter Umgang mit der gewaltausübenden Person aussehen?
Uns geht es dabei nicht darum, Definitionsmacht, Parteilichkeit oder
Schutzraumpolitik in Frage zu stellen. Wir halten diese für wichtige
und notwendige Konzepte und positionieren uns in den Auseinandersetzungen
um Definitionsmacht klar auf der Seite der Befürworter_innen. Trotzdem begegnen
uns immer wieder Situationen im queeren Kontext, in denen eine
Anwendung der Konzepte kompliziert ist. Wie zum Beispiel damit umgehen, wenn beide
Partner_innen in einer queeren Beziehung Gewalt erfahren? Oder wenn eine Person in einem Fall Betroffene_r ist und in einem anderen Gewaltausübende_r? In solchen Fällen löst sich Definitionsmacht nicht auf, aber Parteilichkeit wird unklar.

Wie definieren wir Gewalt?
Bitte beachte vor dem Lesen, dass dich der Text (insbesondere der Abschnitt zu Gewalt und unser Fragenkatalog) potentiell überfordern oder sogar triggern kann (heftige Erinnerungen an Gewalt hochkommen lassen kann). Nimm dir kurz Zeit, um über die folgenden Fragen nachzudenken:
Hast du das Gefühl, gerade gut auf deine Grenzen achten zu können und dass du mit lesen aufhören kannst, wenn es dir zu viel wird? Weißt du, wie du dir Unterstützung holen kannst, wenn der Text oder die Fragen viel bei dir auslösen und du nicht alleine damit umgehen willst oder kannst?
Grundlegend für die Arbeit in unserer Gruppe ist ein sehr weiter Gewaltbegriff. Wir denken, dass eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Gewalt“ unumgänglich ist. Wo fängt Gewalt an? Wenn es um die Beurteilung von Gewalt geht, gilt körperliche Gewalt rechtlich nach wie vor als sicheres Kriterium, auch wenn mittlerweile stärker betont wird, dass es daneben andere Formen von Gewalt gibt und ein Einschreiten auch ohne körperliche Gewaltakte berechtigt ist. Wir finden es legitim und wichtig, Gewalt in all ihren Facetten als Gewalt zu definieren und bereits gegen gewaltvolles Verhalten anzugehen, auch wenn es vielleicht (noch) nicht dem Mainstream-Verständnis von Gewalt entspricht. Was Gewalt letztendlich ist, entscheidet die betroffene Person. Das bedeutet aber auch, dass es nicht ein Konzept für den Umgang mit Gewalt geben kann, da auf sehr unterschiedlich gelagerte Gewaltsituationen und unterschiedliche Grade von Betroffenheit bzw. Gewaltausübung reagiert werden muss. Welche Umgangsstrategien helfen z.B. den Betroffenen in einer wechselseitigen gewaltförmigen Beziehungsstruktur? Wie lässt sich mit Stalker_innen umgehen? Weil es so unterschiedliche Gewaltsituationen gibt, ist das Ziel unserer Gruppe nicht, das neue queere Konzept für den Umgang mit sexualisierter Gewalt zu erarbeiten. Stattdessen wollen wir kontextspezifische Umgangsstrategien entwickeln.

Für die Auseinandersetzung mit Gewalt finden wir das „Rad der Macht und Kontrolle“ hilfreich, welches entwickelt wurde, um die Dynamiken von häuslichen Gewaltbeziehungen zu veranschaulichen (siehe Grafik 2). In diesem Konzept nutzt die gewaltausübende Person verschiedene Verhaltensweisen, um Kontrolle über die betroffene Person auszuüben. Körperliche und sexualisierte Gewalt (oder die Androhung dessen) bauen dabei auf vielfältigen Formen von Gewalt auf, welche als Speichen des Rades dargestellt sind, und bedingen diese wiederum. Das äußere Rad stellt dar, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse und Institutionen die Ausübung von Gewalt ermöglichen, verstärken und legitimieren.

Und was ist queer?
Wir haben nicht die eine Definition von queer und die gibt es so wohl auch gar nicht. Queer hat als Wort eine ebenso lange Geschichte wie als Praxis. Ganz verschiedene Gruppen beanspruchen heute diesen Begriff für sich: welche, die es als Bezeichnung für schwullesbisch (z.B. die Siegessäule) benutzen; andere, die darunter die Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit denken und leben; wieder andere, für die es Partymotto, Sexmotto, machtfreies Leben fernab der Heteronormativität und/oder ein „alles was wir wollen“- Synonym geworden ist. Queer als theoretisches Konzept entzieht sich allen Schubladen, Kategorisierungen und Definitionen und wurde dementsprechend aufgegriffen, angeeignet und weiterverarbeitet, mit Inhalten gefüllt und wieder verändert — meist in der Absicht, Sprache und Handeln zu dekonstruieren. In dem ganzen Spektrum geht es uns um ein (re)politisiertes Verständnis von queer, das über gemeinsames Partymachen hinausreicht.

Sensibilisierung für Gewaltsituationen – Was machen wir?
Wir denken, dass wir alle in dieser kapitalistischen, sexistischen, rassistischen (u.v.m.) Gesellschaft sozialisiert werden und dementsprechend diese gewaltvollen Umgangsmechanismen in uns tragen und sie reproduzieren, bewusst und
unbewusst. Deswegen sollte sich jede Person mit Gewalt auseinandersetzen und sich fragen, an welchen Punkten sie Gewalt erfährt und an welchen sie diese ausübt. Das eine rechtfertigt dabei nicht das andere.
Durch Denkweisen wie, „Ach, ich war halt betrunken, da passiert so was schon mal“, „Es ist doch gar nicht so schlimm“, „Ich erlebe permanent homophobe/transphobe Gewalt, als queere Person kann ich doch gar nicht selbst Gewalt ausüben“ usw. erkennen Menschen oftmals nicht an, dass sie selbst gewalttätig handeln bzw. handeln könnten.
Dies kann es für betroffene Personen zusätzlich erschweren, Hierarchien und Gewaltstrukturen innerhalb der eigenen Beziehungen zu erkennen, auch wenn diese für andere manchmal offensichtlich scheinen. Menschen haben oft allein nicht die Kraft zu sehen, was eigentlich passiert, lieben ihre_n Partner_in oder befinden sich in verschiedenen Abhängigkeiten zu der gewaltausübenden Person. Es braucht Unterstützungskonzepte, die einfühlsam Bewusstsein schaffen können. Wir denken, dass durch offene Fragen, welche eine Person ohne Angst vor Konsequenzen für sich beantworten kann, diese für die eigene Situation in der Beziehung sensibilisiert werden kann.
Deshalb wollen wir eine Art Fragekatalog erstellen, der sich in verschiedenen Abschnitten an von Gewalt betroffene, Gewalt ausübende und unterstützende Personen wendet, und diesen mit theoretischen und praktischen Inhalten für eine Auseinandersetzung ergänzen. Bislang haben wir dabei stark mit einem wenig spezifizierten Begriff von „Beziehung“ gearbeitet. Als nächstes wollen wir diese Sammlung von Fragen für unterschiedliche Situationen, Konstellationen bzw. Kontexte ausdifferenzieren, wie zum Beispiel polyamoröse Verhältnisse, One-Night-Stands, Begegnungen mit Unbekannten auf einer Party, etc.

Hier ein kleiner Einblick in unsere bisherige Zusammenstellung.
Einige unserer Fragen an eine (potentiell) Gewalt erfahrende Person sind:
Wie fühlst du dich in der Beziehung?
Was an deinem Leben hat sich verändert, seitdem du in der Beziehung bist?
Hast du das Gefühl, dass du alles in der Beziehung ansprechen kannst?
Bist du ehrlich?
Kannst du du sein in deiner Beziehung?
Kannst du lachen, weinen, deine Gefühle ausdrücken?
Fühlst du dich geliebt?
Fühlst du dich sicher in der Beziehung?
Macht sie dir Spaß?
Fühlst du deine Grenzen?
Kannst du ihnen Ausdruck verleihen?
Hört dein_e Partner_in zu, wenn du über deine Grenzen sprichst und versucht sie so gut wie möglich zu respektieren?
Wie reagiert dein_e Partner_in auf Kritik?
Beleidigt dich dein_e Partner_in?
Fühlst du dich kleiner/minderwertig, zum Beispiel aufgrund deines Aussehens, deiner Religion, deines Glaubens, deiner Erfahrungen, deines „genders“ (sozialen Geschlechts), deines „sex“ (biologistischen Konzepts von Geschlecht)?
Hast du manchmal Angst vor deiner_m Partner_in?
Hat dein_e Partner_in schon mal gedroht, dir oder einem Menschen oder Haustier in deinem Umfeld was zu tun?
Wurdest du schon einmal geschlagen?
Wird dein_e Partner_in aggressiv oder abweisend, wenn du weinst?
Würdest du gerne aus der Beziehung raus, weißt aber nicht wie?
Hast du Angst, dass du dann Gewalt erfährst?

Diese Fragen könnten in einem Zine veröffentlicht oder in Workshops oder Unterstützungssituationen angewendet werden. Sie sollen in erster Linie zu einer allgemeinen Sensibilisierung dienen und auf keinen Fall zu einer vereinfachten Beurteilung („Gewaltsituation: ja/nein?“) führen. Stattdessen geht es uns darum, die Vielschichtigkeit von Gewaltmomenten und -strukturen herauszuarbeiten und antisexistische Interventions- und Präventionspraxen darauf abzustimmen.

Dafür ist es nötig, eine Auseinandersetzung mit Grenzen und Grenzüberschreitungen alltäglicher werden zu lassen. Zudem müssen wir uns mit Gewalt und Hierarchien innerhalb queerer Kontexte auseinandersetzen. Dieser Text ist dazu eine erste Anregung von uns.
Wir melden uns bald mit mehr, und freuen uns in der Zwischenzeit über eure Fragen, Kritik, eigenen Erfahrungen, usw.

Kontakt: tamqueer (at) googlemail.com

Auswertungsbericht der Antisexist Contact and Awareness Group

von Contact and Awareness Group

Die Idee, eine Antisexist Contact and Awareness Group im Kontext der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 zu organisieren, entstand im Sommer 2006. Zunächst getragen von einer Handvoll Leuten, die sich zum einen in den Strukturen der Protestvorbereitung und zum Anderen in antisexistischen Initiativen verorteten, wuchs die Gruppe bis zum Gipfel auf etwa 50 Personen an. Koordiniert wurde die Vorbereitung über Kleingruppen, die in Berlin, Bremen, Münster und Rostock aktiv waren und von Einzelpersonen zum Teil international unterstützt wurden. Die konkrete Vorbereitung lief dann über mehrere gemeinsame Treffen und Vorbereitungs- und Einführungsworkshops.
Eine Antisexist Contact and Awareness Group war aus verschiedenen Perspektiven sinnvoll und notwendig. So konnte einerseits auf diverse Erfahrungen und Erfolge von ähnlichen Ansprechgruppen zurückgegriffen werden (Antirassistische Grenzcamps, AutoOrga) und zum anderen war der Mangel einer solchen Struktur sowie der zugehörigen Themen in der breiten Mobilisierung zum G8-Gipfel deutlich geworden. Sexismus und sexualisierte Gewalt – gerade auch als Konflikte innerhalb von Bewegungen – waren bis dahin in den Mobilisierungszusammenhängen kein sichtbares Thema gewesen. So ist die allgemeine Fokussierung auf den „großen Gegner“ (indiesem Fall die G8) nicht selten ursächlich für die Formation einer vermeintlich homogenen Bewegung, in der die inneren Widersprüche, Konflikte und Gewaltverhältnisse zwischen den Aktivist_innen aus dem Blick geraten können. Gerade in Bewegungen, die sich selbst einen emanzipatorischen Anspruch verleihen, erscheint es uns zentral, sich es nicht mit der alleinigen Bezugnahme auf einen äußeren Gegner „einfach“ zu machen. Wir wollen Strategien und Praxen entwickeln, die den Machtverhältnissen, die in unsere Strukturen und durch uns hindurch wirken zu Sichtbarkeit verhelfen und möchten Konflikträume aktiv herstellen. Den vorhandenen Ausschlüssen und der Nicht-Sichtbarkeit dieser Konflikte sollte die Antisexist Contact And Awareness Group etwas entgegen setzen: so also zum einen einen konkreten Raum eröffnen, in dem Betroffene von Sexismus und sexualisierte Gewalt Schutz und Unterstützung finden und zum anderen den Themen Sexismus und sexualisierte Gewalt innerhalb der Proteststrukturen eine Präsenz verschaffen. Wir haben uns also nicht nur als Anlaufstelle verstanden, die eine Art „Dienstleistung“ an der Bewegung ausübt, sondern wollten mit unserer Präsenz aktiv intervenieren und die entstandenen Räume in Reddelich, Rostock etc. sensibilisieren. Daher Contact AND Awarenessgroup.

Contact

Auf der Grundlage unseres gemeinsam erarbeiteten Konzeptes (URL) waren wir rund um die Uhr auf dem Camp Reddelich und über zwei Telefonnumern ansprechbar. Wir hatten uns über die zum Teil schon vorab in den Städten gegründeten Kleingruppen in Schichten aufgeteilt und versuchten gemeinsam den verschiedenen Herausforderungen der Arbeit gerecht zu werden. Es galt, neben der Unterstützung der Betroffenen, der emotionalen Belastung der Unterstützenden gerecht zu werden, fachliches „Backup“ zu organisieren wenn unsere Kompetenzen nicht ausreichten und den unterschiedlichen Kenntnisständen und Erfahrungen innerhalb der Gruppe gerecht zu werden. Natürlich konnte kein stimmiges und perfekt funktionierendes Konzept entworfen werden, dass permanent alle Möglichkeiten, Risiken und Kompetenzen harmonisch organisert. Improvisation und eine eher „allgemeine Bereitschaft“ kennzeichneten die Arbeit. Wir konnten aber eine durchgängige Ansprechbarkeit organisieren und auf Fälle und Betroffene eingehen.

Unsere Arbeit auf dem Camp umfasste:
Unterstützung in Fällen von sexualisierter Gewalt und Übergriffe mit körperlicher Gewaltanwendung,
Anfragen an uns im Vorfeld und während des Protestes, Schutzraumforderungen von Betroffenen durchzusetzen bzw. zu unterstützen,
Unterstützung und Auffangen in Fällen von verschiedenen Betroffenheiten (durch Sexismus, Transphobie),
Unterstützung von psychisch instabilen Personen in Zusammenhang mit Traumatisierung in Bezug auf Sexismus und Gewalterfahrungen,
Unterstützung von Gefangenen auch in Bezug auf Sexismus und Androhung von sexualisierter Gewalt in der GeSa
Beratung zu Möglichkeiten der Aufarbeitung der eigenen Geschichte und Austausch über erlebte Sexismen und sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit
Beratung in Bezug auf Handlungsmöglichkeiten in privaten Beziehungen, um Grenzen nicht zu überschreiten und/oder um nicht zum Täter zu werden,
Beratung von transidentitären Personen im Falle von Marginalisierung und Diskriminierung.

Desweiteren suchten einige den Kontakt zu uns, um durch den Austausch mit Gleichgesinnten eine Stärkung zu erfahren, andere nutzten den Ruhe- und Rückzugsraum des Safer Spaces.
Wir wurden wegen Problemen bezüglich der Duschen angesprochen (Bedürfnis Duschzeiten für Transgender und Intersexpersonen einzurichten, Gaffer während der Frauenduschzeit, Probleme während des Übergangs von Frauen- zur Männerduschzeit, wie z.B. aggressives Auftreten von angezogenen Typen gegenüber ausgezogenen Frauen). Ein weiterer Anlass zu dem wir um Unterstützung gebeten wurden war die Auseinandersetzung um Macker-Militanz-Gebaren im Bereich Campsicherung/Verteidigung.
Dass wir ca. 40 Personen waren, die auch nicht immer komplett anwesend waren, reichte gerade so für die Besetzung der Schichten; einige mehr wären sicher hilfreich gewesen um beispielsweise die Präsenz auf den Camps verstärken zu können. Wir hatten wenig Probleme in der Durchsetzung der Betroffenenperspektiven gegenüber den Proteststrukturen und waren auch erfreut über das positive und unterstützende Feedback, das wir während dem Camp erhalten haben und können ein positives Fazit bezüglich Akzeptanz und Unterstützung unserer Arbeit ziehen.
Es haben sich aber innerhalb unserer Gruppe Dynamiken entwickelt, die uns deutlich gemacht haben, dass es für Einzelpersonen schwierig ist, ohne Weiteres an der alltäglichen Contact Arbeit mitzumachen. Wir hatten versucht über das tägliche Plenum Probleme zu besprechen und uns zu koordinieren. Herausgestellt hat sich aber, dass vor allem die Kleingruppen der Ort der Reflektion waren und emotionale Belastungen vor allem dort aufgefangen wurden. Das war insofern schlecht, als wir unserem Anspruch auch für Einzelpersonen offen zu sein und möglichst viele Aktivist_innen in die Arbeit zu integrieren nur begrenzt gerecht werden konnten, da sich die Kleingruppen zum größten Teil schon vorab gefestigt hatten. Hier erscheint es sinnvoll in zukünftigen Projekten einen stärkeren Fokus auf funktionierende Klein- oder Bezugsgruppen und die stärkere Trennung von Contact und Awareness zu setzen, um Strukturen zu schaffen, die die Mitarbeit von Einzelnen ermöglichen. Außerdem ist deutlich geworden, dass eine Anbindung an fachliches „Backup“ und Klarheit über die Grenzen der Unterstützungsangebote nötig war und gut organisiert werden musste, um Fälle, die nicht mehr unterstützt werden können auch weitergeben zu können: also Kontakte zu (Frauen-)Beratungsstellen, zu guten Ärzt_innen und event. psychiatrischen Notdiensten oder/und Alternativen im Vorhinein klar zu haben und auch abzusichern. Unserer eigenen Erfahrungen auf dem Camp haben gezeigt, dass es sinnvoll ist auch schon im Vorhinein eine politische Position zu Psychiatrie und ähnlichen „staatlichen“ Strukturen zu entwickeln, um als Gruppe einen eindeutigen Umgang zu finden.

Awareness

Ein auffälliges und wiederkehrendes Erlebnis während und nach dem Camp war die ständige Nachfrage von Aktivist_innen aus verschiedensten Kontexten „ob denn was bei uns los ist, oder ob wir denn nun jetzt wirklich Fälle haben? In unseren Augen zeigt das recht deutlich, was der Effekt einer Awarenessgroup in Kontexten, wie dem G8-Gipfel sein kann: So wird zum einen das Thema und die Möglichkeit von „Fällen“ plausibel und die Antisexist Contact and Awareness Group bildet einen Ort, an dem diese Möglichkeit symbolisiert wird, der angesprochen und bei dem nachgefragt werden kann.
Wir thematisieren aber keine konkreten Fälle. Und die Existenz einer allgemeinen Neugier bezogen auf Falldetails zeigt auch, dass ein konsequent politischer Umgang mit Sexismus und sexualisierter Gewalt (die auch vor den Zäunen und Barrikaden der Camps nicht halt machen), nach wie vor nicht selbstverständlich ist. Mit unserem zweiten Schwerpunkt auf „Awareness“ gegenüber Sexismus und sexualisierter Gewalt haben wir versucht auf diesem Gebiet zu intervenieren.
Neben der Organisation des konkreten Schutzraumes, der Schichteneinteilung und dem Bereitstellen einer funktionierenden Infrastruktur galt es eben auch unsere Arbeit publik zu machen. Zum einen natürlich um unsere Telefonnummern, unseren Ort und die Grundlage unserer Arbeit den potentiell Betroffenen zugänglich zu machen, zum anderen aber um das Thema und unseren Umgang damit (Definitionsmacht) in den allgemeinen Protest zu integrieren und die Debatte anzustoßen. So haben wir neben Kontakt-Flyern auch einen Reader mit unserem Konzept in hoher Auflage (dreisprachig) verteilt und neben den Kontakt-Plakaten auch eine Neuauflage der „Nein-heisst-Nein“- Plakate (URL) in mehreren Sprachen weit verbreitet. (Die Öffentlichkeitsarbeit nach dem Gipfel in Bezug auf Sexismus und Androhung von sexualisierter Gewalt in der GeSa gehört hier auch dazu.) Schließlich verstehen wir unsere bloße Präsenz in der Vorbereitung der Proteste und schließlich auf dem Camp in Reddelich als Teil eines sensibilisierenden Effektes. Es ging also nicht nur darum, einfach im konkreten Fall präsent zu sein, sondern eine allgemeine Sichtbarkeit des Themas herzustellen, um konkrete Fälle von vorne herein stärker zu vermeiden. Das haben wir unter Awareness verstanden und war ein zentraler Effekt unserer Arbeit vor und auf dem Camp. Doch auch hier mussten wir feststellen, dass eine bessere und gründlichere Organisation und Koordination mit anderen Proteststrukturen der Materialverbreitung nicht geschadet hätte. Teilweise sind Kisten an den Infopunkten nicht verteilt worden und in bestimmten Bereichen der Proteste waren wir sicher auch gar nicht präsent. Dennoch haben wir mehrfach das Feedback bekommen, gehört, gelesen und diskutiert zu werden und hoffen Anregungen gegeben zu haben für weitere Contact- and Awareness Groups und hoffen auf spannende Debatten.

Zwischen Anti-Feminismus und Neoliberalismus

von AG C-K HAMBURG

Anlass für diesen Text bilden anti-feministische Stimmungen und Aktionen, wie sie in der linken Politszene und angrenzenden Subkulturen immer wieder auftauchen und (anscheinend?) vermehrt Verbreitung und Zustimmung finden. Dieses Phänomen eines offenen und gezielten Anti-Feminismus findet sich mittlerweile in Szene-Veröffentlichungen (z.B. Zeck 142, “Jetzt Gilt’s”), aber auch auf allen anderen Ebenen der “Szene” (z.B. systematisches Entfernen von “Nein heißt Nein”-Plakaten und –Sprühereien im Hamburger Karo-Viertel innerhalb weniger Stunden im März 2008 usw.) und natürlich im WorldWideWeb.
In diesem Zusammenhang tauchen die immer wieder ähnlichen anti-feministischen Floskeln und Parolen auf, verbunden mit Vorstellungen über sexualisierte Gewalt, Feminismus etc., die aus der (rechten) Mitte der Mehrheitsgesellschaft bekannt sind.
Da diese Plattheiten als “Meinungen” in die Szene getragen werden, müssen sie entsprechend diskutiert werden. Auch hier ist nichts wirklich neu, denn es sind die immer selben Zetereien mit denen sich Leute auf die Füße getreten fühlen, wenn es um ihre Privilegien geht – das immer gleiche Gerede um vermeintliche Tabubrüche und PC-Spielverderber. Dahingehend wollen wir uns noch mal kurz mit den Fragen um vermeintlichen PC- bzw. Feministenterror, Spaßverderber und Vorstellungen von Sexualität befassen.

Argumente?
Verkürzt sieht die Argumentation meist ungefähr so aus: “Antisexismus ist wichtig und notwendig, aber ist der konkrete Vorwurf tatsächlich berechtigt oder eventuell falsch? Das Prinzip der Definitionsmacht geht eindeutig zu weit: Es besteht die Gefahr des Missbrauchs, der Willkür. Eine (nicht weiter definierte) objektive Instanz muss her, der Täter darf nicht stigmatisiert und bestraft werden usw.”
Zunächst wird (scheinbar) auf antisexistische Forderungen eingegangen, um im Anschluss daran deren Grundlagen, nämlich die Definition des konkreten Vorfalls im Speziellen sowie ganz generell das Konzept der Definitionsmacht, in Frage zu stellen. Eventuelle Forderungen und mögliche Konsequenzen werden so faktisch ausgehöhlt und unmöglich gemacht.
Gegenkonzepte oder alternative Entwürfe folgen diesen Argumentationen in aller Regel nicht. Bestehende Gewaltverhältnisse werden hierbei nicht nur weiterhin akzeptiert, sondern vielmehr aufrechterhalten und verteidigt.
In diesem Zusammenhang wird häufig ein Zustand imaginiert, in dem ein selbstermächtigtes, allmächtiges, feministisches Szene-Gericht (gerne gezogener absurder und perfider Vergleich: Hexenjagd, Inquisition – eigentlich geschichtliche Beispiele eben für die gewaltsame Verfolgung und Unterdrückung von Frauen innerhalb der Gesellschaft) willkürlich über das Leben zu unrecht stigmatisierter Täter entscheidet und richtet, die keinerlei Möglichkeit der Verteidigung mehr hätten und deren Leben zerstört würde… dass in der Realität meist nicht der Täter sondern die Betroffene sich aus Zusammenhängen zurückziehen muss, bleibt vollkommen unbeachtet.
Überhaupt zeichnen sich diese Argumentationen in den meisten Fällen dadurch aus, dass sie (mehr oder weniger offen) lediglich eine Täter-Perspektive thematisieren, Versionen von Vorfällen aus dem Täter-Umfeld als Maßstab nehmen und auf die Situation des Täters hinweisen. Die Situation von Betroffenen wird meist nicht nur ignoriert, sondern häufig werden deren Bedürfnisse sogar bewusst übergangen oder angegriffen (z.B. durch Verbreitung der Täterversion des Geschehenen oder durch Nennung des Namens der Betroffenen und ähnliches – alles Faktoren, die für Betroffene eine uneingeschränkte Nutzung politischer Strukturen und Räume verunmöglichen).

Anti-PC-Diskurse
Neben diesem einseitigen Bezug auf Täter-Perspektiven zeichnen sich diese Argumentationen durch eine Tabubruchrhetorik aus: Antisexistischen beziehungsweise feministischen Positionen wird eine hegemoniale Vormachtstellung innerhalb der Linken zugeschrieben, die durch tabuisierende Dogmen (z.B. Definitionsmacht) und repressive Gewalt (z.B. Schutzraumforderungen oder Ausschlüsse) die Szene terrorisieren.
Der Witz hierbei ist, dass auch dies bereits seit Jahren in der guten, soliden Mitte der Gesellschaft praktiziert wird. Dieser Anti-PC-Diskurs, der immer ganz explizit anti-feministisch ist, findet sich vom Stern bis zur Zeit, aber eben auch in relativierter Form in der TAZ. Hier geht es dann zwar nicht um die Definitionsmacht (fraglich, ob der Begriff in diesen Kreisen überhaupt mit antisexistischer Praxis in Verbindung gebracht wird…), aber um Fragen der Gleichstellung von Frauen und Männern. Oder, genauer gesagt darum, dass Frauen in vielen Bereichen bereits längst die Vormachtstellung inne hätten und somit die Männer die Benachteiligten und Unterdrückten wären, sei es im Arbeitsleben oder im privaten beziehungsweise familiären Umfeld.
Kurz: Antisexismus und vor allem Feminismus seien nicht nur rückschrittig, sondern vielmehr dogmatisch und anti-emanzipatorisch, während die eigene Position (also eine Infragestellung/Kritik/Angriff dieser) aus einer unterlegenen Position heraus als tatsächlich emanzipatorisch oder noch besser: rebellisch dargestellt werden kann. Bei dieser Art der Argumentation werden reale Machtverhältnisse schlicht ausgeblendet beziehungsweise umgedreht, Täter/Opfer-Umkehrungen ermöglicht sowie antisexistische und feministische Positionen diskreditiert und lächerlich gemacht.
Die Diskreditierung von Feminismus ist von je her als gesamtgesellschaftliches Phänomen bekannt. Alle, die sich auf Feminismus beziehen, werden als verklemmt, gestört, verrückt usw. abgestempelt, so dass inhaltliche und politische Argumente nicht weiter beachtet werden müssen.

Subkultur und Neoliberalismus
Vielen geht es darum, eigene Interessen, vornehmlich den eigenen Lebensstil, zu verteidigen. Antisexistisches Handeln steht dem offenbar gängigen Lebensideal im Kapitalismus entgegen: Unverbindlichkeit, Schnelllebigkeit, sofortige Bedürfnis-Befriedigung, die Suche nach dem nächsten schnellen Kick, kurz: das kapitalistische Freiheitsverständnis schlechthin.
Innerhalb der “Szene” läuft häufig ähnliches, hier aber vor dem Hintergrund einer rebellischen Attitüde und dem Wunsch, auf der vermeintlich moralisch richtigen Seite zu stehen. (Dass eine rebellische Attitüde nicht gleich emanzipatorisch ist, dürfte klar sein.) Antisexistische oder feministische Forderungen stören diese Identität, da die sonst üblichen einfachen schwarz-weiß Bilder und Grenzziehungen (wie z.B. WIR gegen den bösen Staat, die blöden Bullen, die Scheiß-Nazis, die dummen Spießer usw.) nicht mehr so einfach funktionieren. Plötzlich selbst gefordert zu sein, das eigene Verhalten, den eigenen Beitrag zu den bestehenden Verhältnissen, die schwierigen und komplexen Verwicklungen und Widersprüche zu erkennen und einen Umgang damit zu finden, fordert und überfordert anscheinend viele. Anstatt sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, werden lieber die politischen Inhalte und Forderungen zum Problem erklärt. Somit werden nicht mehr die patriachalen Strukturen zum Problem, sondern die, die sie bekämpfen.
Auch Sexualität wird vor diesem Hintergrund eines vermeintlichen Freiheitsverständnisses verstanden und gelebt. Denn Sexualität findet in keinem herrschaftsfreien Kontext statt, sondern vollzieht sich immer vor dem Hintergrund komplexer patriachaler und kapitalistischer Strukturen. Die Gleichung Anti-Sexismus=Anti-Sex=Anti-Spaß=Verbot=Repression=Anti-Emanzipatorisch macht mittlerweile einen exemplarischen Kernbereich neoliberaler Ideologien aus. Diese zeitgeistgeladenen Selbstbewußtseinskulte und das unermüdliche Postulieren der eigenen Unbeugsamkeit (nach der Marke “Ich will meinen Spaß und lass mir gar nichts sagen – weder von Eltern, vom Staat, von Linken und schon gar nicht von Feminist_innen”) äußern sich auf vielfältige Weise. Zu dieser Einstellung passt es dann eben auch, sich gegen die vermeintliche Vormachtstellung “konservativer” Dogmen und Tabus (z.B. Definitionsmacht) durchzusetzen und somit den eigenen Status als “fortschrittlicher Rebell” zu untermauern. Unter diesen Vorzeichen ist es auch nicht mehr verwunderlich, wenn einige ihre, aus entsprechenden Widersprüchen resultierenden Konflikte durchzuprügeln versuchen.

Und das bezieht sich nicht nur auf männlich-sozialisierte Menschen. Antifeminismus und Anti-Antisexismus sind keine reinen Männer-Domänen. So wird z.B. gerne der Vorwurf erhoben, dass einige wenige (verrückte) Feministinnen (und ihre unterwürfigen Antipat-Jüngelchen) lediglich Identitätspolitik zur eigenen Profilierung betreiben würden, welche aber gar nicht von allen Frauen gewollt wird. Denn in einer Gesellschaft, egal ob Restgesellschaft, subkulturelle Party-Szene oder sonst wo, in der der entscheidende Faktor zum Erfolg in der eigenen Stärke, dem eigenen Selbstbewusstsein gesehen wird, wird auch von jeder einzelnen Person erwartet, sich selbst gegen den dummen Spruch, die blöde Anmache/Angrapsche zur Wehr setzen zu können. Nicht die Anmache wird so zum Problem, sondern der eigene Umgang damit.
In diesem Zusammenhang spielt die eigene Identität, die plötzlich in Frage gestellt wird, eine große Rolle: dem eigenen Selbstbild der starken, unabhängigen, schlagfertigen (kurz: modernen) Frau scheinen antisexistische oder noch schlimmer feministische Forderungen entgegen zu stehen, da diese häufig mit Schwäche, Opfer und Minderwertigkeit assoziiert werden. Wenn Betroffene erlebte Gewalt thematisieren, wird das von vielen als Gleichnis für persönliches Versagen angesehen (“Selbst schuld!”).

Netzwerke oder Seilschaften?
Die häufig zurechtgezimmerte Identität liegt irgendwo zwischen gesellschaftlicher Underdog und szene-interner erfolgreicher Kleinunternehmer_in, sei es als DJ, über die Band, die Kneipe, die Konzert-Gruppe, den Szene-Laden oder die Polit-Gruppe. Auf dieser Identität beruht oft die gesamte Lebensführung und -planung, bis hin zu existentiellen Angelegenheit wie Wohnort, Lebensunterhalt und soziale Beziehungen. Szene-interne Netzwerke stellen somit nicht nur politische Strukturen dar, sondern häufig auch Seilschaften zur Sicherung des eigenen Lebensstils und -unterhalts, in der neben Zeit und Energie auch ganz banal Geld steckt. Hieraus resultieren nicht nur vermeintliche Gegenentwürfe zur bösen kapitalistischen Gesellschaft, sondern auch Abhängigkeiten untereinander. Wer mit wem zusammenarbeitet, kooperiert usw. wird dann oft nicht mehr auf politischer Ebene entschieden. Differente Ansichten werden vielleicht zugunsten des guten Kontaktes nicht geäußert oder zur Disposition gestellt, um sich selbst keine Probleme zu schaffen.
Beispielsweise Vergewaltigungsveröffentlichungen führen jedoch in aller Regel zu Konflikten und häufig zu Abgrenzungen voneinander, was unter den beschriebenen Vorzeichen unweigerlich zum Problem werden muss. Nach demselben Prinzip werden auch Nischen, Zusammenhänge und der eigene Lifestyle verteidigt, mit denen mensch es sich im Kapitalismus für wenig Geld ganz nett eingerichtet hat. Die im Kontext konkreter Vorfälle sexualisierter Gewalt von vielen heraufbeschworenen und befürchteten Szenarien von Separierungen innerhalb der politischen und subkulturellen Szene halten wir daher nicht nur für unvermeidlich, sondern für offensichtlich längst überfällig. Denn wo es keinen gemeinsamen kleinsten Nenner gibt, da gibt es eben auch kein “zusammen” oder “gemeinsam” mehr.

Fazit
Die hegemonialen Machtverhältnisse sind nach wie vor alles andere als antisexistisch, da macht auch die radikale Linke und schon gar nicht irgendeine Subkultur eine Ausnahme. Ganz im Gegenteil finden sich gerade innerhalb der “Szene” zunehmend offen anti-feministische, reaktionäre Stimmen, deren Argumente konservativen oder rechtspopulistischen Ideologien entlehnt sind. Denn auch wenn anti-feministische Stimmungsmacher gerne einen Zustand herbei imaginieren, in dem feministische Dogmen die Szene terrorisieren würden, sieht die Realität anders aus.
Gerade die an Feminismus und Anti-Sexismus immer wieder kritisierte “dogmenhafte” Forderungshaltung entspringt doch gerade der Tatsache, dass in der Realität offensichtlich große Teile der Szene nicht bereit sind, sich mit Sexismus, eben auch gerade dem eigenen, auseinanderzusetzen, geschweige denn, in die eigene Lebenspraxis zu übernehmen. Sexismus ist nach wie vor ein marginalisiertes Thema, der berühmte “Nebenwiderspruch”. Sexismus wird erst zum Thema, wenn es um einen konkreten Vorfall geht. Dann sind jedoch politische Argumente bereits verbunden mit persönlichen Ebenen, so dass die politische Auseinandersetzung meist in eine sehr persönliche und emotionale abdriftet. Die Anerkennung der Definitionsmacht ist dann keine politische Entscheidung mehr, sondern eine persönliche. Nicht der eigentliche Konflikt und die darum kreisende politische Diskussion werden zum Thema, sondern die daraus resultierenden Konsequenzen. Wer nur im eigenen Interesse die Konsequenzen einer Auseinandersetzung fürchtet, ist eigentlich schon nicht mehr zugänglich für Argumente einer politischen Diskussion und wird sich erst einschalten (und dann entsprechend vehement), wenn Konsequenzen eingefordert werden.

Hamburg im März 2008

Von Gewissheiten und Spielregeln

von Desperados Berlin

Eigentlich war es ein Freitagabend wie viele andere auch. Christian war mit einigen seiner Leute auf eine Party gegangen, hatte getrunken, getanzt und Gespräche über die am Sonntag bevorstehende Anti-Nazi- Demo geführt. Als es schon spät wurde und die meisten seiner Leute gegangen waren, kam er mit Tina, die er flüchtig aus dem FreundInnenkreis kannte, ins Gespräch und es war schnell klar, dass ein beiderseitiges Interesse bestand, den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Also gingen die beiden gemeinsam zu Tina. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass Christian eine Party in Begleitung verließ, war er doch etwas aufgeregt, denn Tina gefiel ihm schon seit längerem wirklich gut.
Bei Tina angekommen ging es schnell zur Sache.
Nach einiger Zeit, in der auch schon einige Kleider ausgezogen wurden, so dass die beiden fast nackt und sichtlich erregt waren, fragte Tina Christian, ob er mit ihr schlafen wolle. Als dieser bejahte, griff Tina in die Schublade ihres Nachttischs.
Doch statt des von Christian erwarteten Kondoms, was, wie Christian aus Erfahrung wusste, an dieser Stelle meist zum Vorschein kommt, hielt Tina einen beachtlichen Dildo zum Umschnallen in der Hand.
Christian erschrak. Was hatte das zu bedeuten? War ihr etwa sein Penis nicht groß genug? Bevorzugte sie tatsächlich einen Dildo? Verunsichert und auch ein wenig gekränkt schaute er Tina fragend an (im Bett über Sex sprechen war noch nie Christians Stärke gewesen).
Erst als Tina begann, sich selbst den Dildo umzuschnallen, begann Christian langsam zu begreifen. „Keine Sorge, ich werde ganz vorsichtig sein“, sagte Tina lächelnd: „Beim ersten Mal tut es immer ein wenig weh“.

Der Sex zwischen Männern und Frauen kennt verschiedene Variationen, vom Oralsex über unterschiedliche Positionen, die spätestens mit dem ersten Blick in die BRAVO bekannt sind.
Eine Komponente scheint hierbei jedoch unhinterfragt und für alle Beteiligten von vornherein festzustehen: Wer dringt ein, und in wen wird eingedrungen?
Was würde sich ändern, wenn auch diese Rollen beim heterosexuellen Sex zur Verhandlung stehen und die alten Selbstverständlichkeiten nicht mehr so sicher erscheinen würden? Auch Männer mal die Erfahrung machen würden, penetriert zu werden, wodurch ihnen auch mal die „andere“ Seite zukommen würde? Und Typen auch damit rechnen müssten, darauf angewiesen zu sein, dass die Frau vorsichtig und sensibel ist. Würde sich das Wissen darüber, dass Sex nicht unbedingt nach dem üblichen Schema und den gewohnten Rollenverteilungen ablaufen muss, nicht auch auf die vorhergehenden Anmachrituale auswirken?
Was würde sich ändern, wenn im Club noch nicht klar ist, wer hier später wen fickt? Welche Rollenerwartungen knüpfen sich an das „Eindringen“ ? Wieso ist er meist der, der sie „rumkriegen“ muss, oder hat sie oft gleich den Eindruck, dass es ihm nur um „das Eine“ geht? Gerade, wenn man sich nicht gut kennt und unsicher im Umgang miteinander ist, passt es gut, wenn die Abfolge von Knutschen, Fummeln und miteinander schlafen, beiden irgendwie klar ist. Letztendlich erzeugt dieses Schema aber auch den Druck, alles andere was möglich ist, auszublenden. Dass er zum Beispiel eigentlich lieber kuscheln will oder sie Lust auf eine etwas andere Rolle hat, als die gemeinhin erwartete.
Natürlich hängt am Sex nicht die ganze Welt, auch wenn das manchmal gern behauptet wird. Die bestehenden Geschlechterverhältnisse ändern sich mit Sicherheit nicht allein durch unkonventionelle Sexualpraktiken. Und doch hätte ein Umdenken in solchen bisweilen meist unangetasteten Sphären des Alltags womöglich nicht ganz unbedeutende Folgen für die Geschlechterpraxis und könnte dem all umfassendem Heterosexismus ein ganzes Stück an Dominanz nehmen.

Drei Monate später verließ Christian eine Party wieder in Begleitung, diesmal war es Gaby.
Bei Gaby angekommen ging es schnell zur Sache.
Nach einiger Zeit, in der auch schon einige Kleider ausgezogen wurden, beide sichtlich erregt waren, fragte Gaby Christian, ob er mit ihr schlafen wolle.
Als dieser bejahte, griff Gaby in die Schublade ihres Nachtschranks. Erwartungsvoll beobachtet Christian sie dabei. Zu Christians Enttäuschung war es diesmal jedoch nur ein Kondom, das zum Vorschein kam.

f/a/q: feministisch – antisexistisch – queer

von Einem Teil der AS.LADEN Orga-Gruppe

„Ein a-n-t-i-s-e-x-i-s-t-i-s-c-h-e-r Infoladen?“

Was ein Infoladen ist, ist klar. Meist gibt es eine Bibliothek, ein Sofa und Buttons. Aber warum bitte schön ein antisexistischer Infoladen? Was soll das denn überhaupt sein?

Wir finden, dass genau so ein Ort in Berlin fehlt. Ein Ort, an dem schwerpunktmäßig Informationen rund um das Thema Antisexismus zu finden sind. Ein Ort, an dem Basics wie Definitionsmacht nicht in Frage gestellt werden. Ein Ort, an dem sich Menschen, die antisexistische Politik machen, vernetzen können und eine Infrastruktur vorfinden. Wir möchten einen gemütlichen Ort, an dem wir weiter diskutieren können, an dem es Veranstaltungen gibt, der aber auch einen Schutzraum bietet

„Aber in linken Zusammenhängen gibt’s doch gar keinen Sexismus!“

Antisexistisches Labeling gehört zum guten Ton in „der Linken“ und trotzdem (oder gerade deswegen?) zieht es nach wie vor selten eine dementsprechende Praxis nach sich.
Auch in „der Linken“ werden Menschen beispielsweise immer noch in den Kategorien „Mann“ und „Frau“ gelesen. Die Vorstellung, wie (attraktive) Leute auszusehen haben, ist auch in diesen Kreisen sehr uniform. Platte Anmachsprüche, homo- und transphobe Kackscheiße und (beiläufige) Abwertung von nicht der herrschenden Norm entsprechenden Menschen, sowie Grenzüberschreitungen aller Art bis hin zu sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt sind leider auch hier keine Seltenheit. Auf die Tanzfläche können sich oft nur diejenigen begeben, welche bereit sind, auf Selbiger harte Bandagen anzulegen. Die Theke wird meist von grölenden, besoffenen Polit-Held_innen dominiert und in Politgruppen ist viel, laut und „objektiv“ reden bestimmend für das Miteinander und notwendig, damit die eigenen Interessen gehört werden. Aussagen wie „Och, jetzt hab dich mal nicht so, lasst mal mit dem Flyer fertig werden“ sind schnell bei der Hand. Es wird zwar festgestellt, dass immer die selben reden, aber tiefgreifend wird damit selten umgegangen. Die Einführung von quotierten Redner_innen-Listen gilt als Lösung. Vielleicht wird noch eine „Gender“-AG gegründet – und damit das Thema endgültig aus dem Tagesgeschäft verbannt. Sexismus wird nach wie vor als Randphänomen betrachtet oder als persönlicher Konflikt wahrgenommen und auf diese Ebene reduziert.
Kritik an einer solchen Praxis wird in vielen Fällen mit Ignoranz oder sogar mit direkten Angriffen beantwortet. Diesem sexistischen Normalzustand soll mit dem antisexistischen Infoladen etwas entgegen gesetzt werden.

„Ist der Laden dann nur für Frauen?“

Nein. Wir möchten einen Raum schaffen, in dem Menschen nicht der konstruierten Einteilung in Kategorien wie „Mann“ oder „Frau“ unterworfen sind, sondern in ihrer Selbstdefinition oder -nichtdefinition anerkannt werden.

Die gängige Einschätzung, dass es generell nur „Männer“ und „Frauen“ gibt, teilen wir nicht. Wir begreifen den Zwang, sich einem Geschlecht zuzuordnen als Teil einer zugeschriebenen Identität, die Menschen keinen Raum lässt, sich selbstbestimmt und immer wieder neu zu definieren.
Die Kategorien „Frau“ und “Mann“ sind verallgemeinernde politische Konstruktionen, welche immer Ausschlüsse zur Folge haben. Sie verschleiern, dass es keine allen Menschen gemeinsamen Eigenschaften und Erfahrungen gibt . Wir denken, dass jede_r in unterschiedlichster Weise von Unterdrückungsmechanismen betroffen ist, z.B. auf Grund von Alter, soziale Lage, Ethnisierung, Sexualität etc.
Dies bedeutet für uns auch, dass Sexismus in einem breiteren Kontext zu analysieren ist und bei seiner Bekämpfung immer auch weitere Unterdrückungsmechanismen mitgedacht werden müssen , die in Verschränkung mit diesem in einem allumfassenden Gewaltverhältnis wirken.

Gleichzeitig sind wir uns jedoch bewusst, dass die von uns abgelehnte binäre Geschlechterkonstruktion in der gesellschaftlichen Realität eine enorme Wirkungsmacht entfaltet. Die Kategorie Geschlecht geht einher mit spürbaren Auswirkungen auf unser Leben und da macht es durchaus einen Unterschied, ob eine Person als „Mann“, „Frau“ oder „nicht eindeutig definierbar“ wahrgenommen wird.
Es ist uns daher wichtig, strukturelle Unterdrückungsmechanismen und konkretes sexistisches Verhalten wahrzunehmen und anzugreifen.
Wir werden uns damit immer in einem Spannungsfeld zwischen dem Anspruch der Dekonstruktion und dem Anerkennen von realen Auswirkungen der konstruierten Geschlechtsidentitäten bewegen.

Wenngleich wir nun davon ausgehen, dass es keine verallgemeinerbaren Erfahrungen gibt, so denken wir dennoch nicht, dass jede_r für sich kämpfen sollte. Unser Ziel ist es daher, Politik nicht auf Grundlage von festgelegten und festlegenden Identitäten zu machen, sondern auf Basis eines gemeinsamen Gegenstandes.
Entscheidend ist für uns nicht in erster Linie, wie sich Menschen definieren oder wie sie definiert werden. Wichtig ist uns vielmehr, wie sich Leute verhalten, wie sie miteinander umgehen und sich reflektieren.

Wir wollen einen Ort, an dem wir die Verhältnisse, in denen wir leben, mit anderen Menschen reflektieren können und eine Basis von der aus wir in einem emanzipatorischen Sinne an deren Veränderung mitwirken können. Das bedingt auch die Notwendigkeit der permanenten Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in und zwischen uns.
Wir wollen danach fragen, wie und ob die Handlungsfähigkeit und das Begehren von Menschen in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort (durch sexuelle oder sexualisierte Gewalt ) diskriminiert und eingeschränkt wurde bzw. wird. Darüber und wie wir das verändern können, wollen wir informieren. Und dagegen wollen wir kämpfen – indem wir für uns und andere eine gemeinsame Plattform schaffen.

Der Laden soll also erstmal allen Menschen mit Interesse an antisexistischer Theorie und/oder Praxis zur Verfügung stehen. Unser Anspruch ist ein respektvoller und reflektierter Umgang miteinander.
Unter den oben beschriebenen Verhältnissen scheint eine Einschränkung der Offenheit des Ladens unabdingbar. Die Definition, was Sexismus und Grenzüberschreitungen sind, liegen bei den von diesen Betroffenen. Ganz klar, Täter und auch Täterschützer_innen fliegen raus oder kommen gar nicht erst rein.

„Und wie soll das konkret aussehen?“

Uns geht es nicht darum, allen, die den Laden betreten eine elend lange Hausordnung in die Hand zu drücken und sie erst rein zu lassen, wenn sie sie verinnerlicht haben. Wir möchten auch nicht ständig die Erklärbär_innen spielen und alleinig dafür zuständig sein, dass in dem Laden ein respektvoller Umgang miteinander gewahrt wird.
Stattdessen soll der Laden so gestaltet werden, dass er sich an den Bedürfnissen der Menschen, die den Raum nutzen, orientiert. So machen wir uns zum Beispiel Gedanken über die Einrichtung eines Kinderspace und überlegen, wie die Themen Rauchen und Alkohol zufriedenstellend gelöst werden können.
Zum anderen erhoffen wir uns, dass viele Menschen, die in den Laden kommen, sich für das Miteinander im Laden auch verantwortlich fühlen und dass eine Atmosphäre herrscht, in der thematisiert werden kann, wenn sich wer nicht wohl fühlt. Uns ist wichtig, dass subjektive Empfindungen und Grenzen ernst- und wahrgenommen werden und zwar von allen und nicht nur von den „Ladenmacher_innen“.
Der Laden wird sich dabei sicher immer in dem Spannungsfeld von Anspruch an Offenheit und Anspruch auf einen Schutzraum bewegen. Auf der einen Seite soll er eine kleine Insel zum Wohlfühlen darstellen, auf der anderen Seite einen Ort, an dem Menschen sich auseinander setzen und weiterentwickeln können.
Wichtig ist dabei auch, den Kontext von Menschen, die den Laden betreten, mit zu denken (ohne die eigenen Grenzen zu missachten). Also ob da jemand einen Spruch macht, die_der sich noch nie mit Sexismus auseinander gesetzt hat oder ob es eine Person ist, die schon ewig in linken Zusammenhängen unterwegs ist.

Die Intention, mit dem Laden sowohl einen Treffpunkt, als auch Möglichkeiten zu Vernetzung und Austausch zu bieten, soll sich auch in der Raumstruktur widerspiegeln. So wird es ein Sofaparadies für Veranstaltungen und den allgemeinen Cafébetrieb geben. Separat davon möchten wir auch einen Plenaraum für zum Thema Antisexismus arbeitende Gruppen zur Verfügung stellen. Außerdem wird Stück für Stück eine Präsenzbibliothek mit einem Sammelsurium von Büchern und Periodika zu den Themen Antisexismus, Feminismus, queer theory & politics etc aufgebaut. Nach Möglichkeit soll es auch einen Arbeitsbereich geben, in dem Rechner mit Internetzugang zur allgemeinen Verfügung stehen.
Ein weiterer Raum soll vielfältig eingerichtet werden (vom Matratzenlager bis zum Boxsack) und variabel nutzbar sein, zum Beispiel als Rückzugs- und Ruheraum oder auch zum Aus- und „Empowern“.
Wichtige Kriterien für die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten sind für uns ein barrierefreier Zugang, gute Verkehrsanbindung und eine relativ zentrale Lage.

Was die Organisation des Infocafés anbelangt, ist es uns wichtig, eine Struktur zu entwickeln, die mit dem kleinstmöglichen Maß an Hierarchien funktioniert. Wir versuchen bereits jetzt, über ein Mainboard Planungs-, Diskussions- und Entscheidungsprozesse transparent zu machen, indem wir dort unter anderem die Protokolle der Orga- und Vernetzungstreffen für alle Beteiligten einsehbar machen .

Nicht zuletzt ist es notwendig, ein angemessenes Schutzkonzept für den Laden zu erarbeiten, da davon auszugehen ist, dass dieser zur Angriffsfläche homophober, transphober und antifeministischer Aggressionen werden kann.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir ein rein defensives Konzept fahren werden. Wir denken, dass ein antisexistischer Infoladen die Ausgangsbasis für eine politische Offensive – auch in „der Linken“ – sein kann und sollte. Dass es sich hierbei vorerst nicht um eine Intervention handelt, die die Gesellschaft grundlegend verändern kann, ist uns bewusst. Nichtsdestotrotz wollen wir dazu beitragen, antisexistische Arbeit besser zu vernetzen, ihr eine Infrastruktur zu bieten und – nicht zuletzt: Einen Raum schaffen, in dem Menschen zusammen kommen können, die die Schnauze voll haben von der sexistischen Kackscheiße, die in und auf uns wirkt.
Wie das konkret aussehen wird, hängt von uns allen ab. Wir freuen uns auf euch!

No Peace with Sexism

von LISA2 Marburg

Seit über einem Jahr gibt es in einer kleinen Stadt – mit einer überschaubaren linken Szene, in der sich die meisten persönlich kennen – immer wieder Konfrontationen im Zusammenhang mit dem „Nein heißt Nein“ – Plakat [vgl. as.ism1+2].
Die Vermutung liegt nahe, dass der Inhalt entweder nicht verstanden oder bewusst missachtet wird. Das geht dann vom Vorwurf der Lustfeindlichkeit bis zur aktiven Handlung, die sich durch den Abriss des Plakates zeigt. Anhand dieser und anderer Beispiele werden übliche Probleme in der Auseinandersetzung mit Sexismen und spezifische Aspekte in einem Milieu in welchem „man sich kennt“ deutlich. Es geht uns in diesem Text nicht um eine „Abrechnung“ mit Personen/Gruppen die sich hier evtl. wieder erkennen. Es geht uns um die Darstellung möglicher Konsequenzen einer antisexistischen Praxis bzw. darum, eine Sensibilität für sexistische Strukturen zu fördern.

Die Intention des „Nein heißt Nein“-Plakates wurde in den vorangegangenen Readern bereits deutlich. Für uns bezieht es sich auf das deutliche Verweisen, auf die Achtung persönlicher (Körper-) Grenzen bzw. auf die „Definitionsmacht“ [s. as.ism1+2], die klarstellt, dass es in der Macht der_des Einzelnen liegt, wann eine Grenzüberschreitung stattgefunden hat und im Weiteren, wie damit umzugehen ist. Es stellt den Versuch dar, einen (selbst-) bewussten Umgang mit- und untereinander zu gestalten und darüber hinaus Räume jenseits des (hetero-) sexistischen Normalzustands zu schaffen und zu verteidigen. Räume, in denen Parteilichkeit gegenüber Betroffenen garantiert ist und noch so subtile Formen sexualisierter Gewalt und Belästigung nicht geduldet werden. Das Konzept der „Definitionsmacht“ beinhaltet zudem die Forderung, dass es – vor jeglicher (Inter-) Aktion – zu interessieren hat, was die andere Person will oder nicht will. Dies ist die Basis eines respektvollen Umgangs miteinander.
Durch solidarisches Verhalten, das sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert, kann vermittelt werden, dass Sexismus kein privates Problem ist, sondern ein Politikum, das auch als solches behandelt und zu dem Stellung bezogen werden muss. Jegliches anderes Verhalten oder Nicht-Verhalten dazu trägt zum Schutz der grenzüberschreitenden Person bei und stützt sexistische Strukturen. Die konsequente Anerkennung und Umsetzung der Definitionsmacht bedeutet also auch eine klare Positionierung einzunehmen und einzufordern. Es gilt, sich dieser Verantwortung zu stellen.

Die Kleinstadtidylle

In den uns bekannten sexistischen Vorfällen – raumübergreifendes Verhalten, sexualisierte Übergriffe, antifeministische Statements und Handlungen etc. – war der Umgang innerhalb „der Szene“ nie konfliktfrei und verlief in für sexistische Vorfälle klassischen Bahnen.
Zogen Personen und/oder Gruppen Konsequenzen im Sinne einer antisexistischen Praxis, so folgte Empörung auf Seiten der grenzverletzenden Person bzw. dessen Umfeldes und eine Welle der Solidarisierung mit jenen. Die Beurteilung der Situation durch Betroffene wurde für überzogen, lächerlich oder anmaßend erachtet. Das vermeintliche Leid der Täter (durch Hausverbote, Rechenschaft ablegen zu müssen, Rausschmisse…) wurde grundsätzlich über die Situation und die Befindlichkeit der Betroffenen gestellt.

Bezeichnend für den Umgang mit sexistischem Verhalten in erwähnter Kleinstadt ist das Nicht-Verhalten der meisten politischen Gruppen und Einzelpersonen.
Nachdem „die Szene“ mit einer Situation konfrontiert war, bei der es unter anderem darum ging, die Definitionsmacht der betroffenen Personen durchzusetzen, war eine klassische Dynamik zu beobachten.
So beispielsweise nach dem Abriss des oben erwähnten Plakates in einem Raum, der sich offen als links-emanzipatorisch und antisexistisch versteht.
In jedem dieser Vorkommnisse waren die Akteure männlich und bewegten sich innerhalb einer männlich dominierten Gruppe bzw. konnten sich der Unterstützung ihres Umfeldes sicher sein.
Notwendig war das Agieren vor dem Hintergrund eines antisexistischen Verständnisses, worauf mit Ignoranz, Unverständnis und Pöbeleien reagiert wurde.
Gekränkte Eitelkeiten, die Unfähigkeit eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen und das beweisen-müssen der Position innerhalb der Peers waren wohl ausschlaggebend.
Die Situation und Befindlichkeit derer, deren Grenzen verletzt wurden, die unangenehmen Situationen ausgesetzt waren und nun mit den Folgen zu tun hatten, wurde vollends
ignoriert. Im Vordergrund stand das Leid des Täters und seine schwere Belastung durch Hausverbote, Rausschmisse oder sonstige Sanktionen.

… und ihre Reaktionen

Nachdem Hausverbote durchgesetzt und Rausschmisse getätigt wurden, begann sich „die Szene“ zu regen – oder eben auch nicht.
Zum einen bildete sich eine Front der Empörung. Die Interventionen seien unverhältnismäßig, die Einzelperson müsse im Szeneclinch als Sündenbock für die ganze Gruppe herhalten. Außerdem handle es sich um eine unpolitische Affekthandlung und Alkohol sei auch im Spiel gewesen.
Hausverbote und Rausschmisse hatten zur Folge, dass die ‚Verantwortlichen’ zu jeder Zeit Rechenschaft abzulegen hatten. Auch das bewusste missachten des Hausverbotes gehörte zum Repertoire.
Repräsentativ an diesem Beispiel ist, dass nicht nur das Täterumfeld auf klassische Art und Weise reagierte, sondern auch Andere. Der Vorfall und das Plakat wurden entpolitisiert und inhaltlich verdreht. Das Täterumfeld versuchte den Vorfall auf eine persönliche Ebene zu reduzieren, ein „Privatkonflikt“ wurde dingfest gemacht, wodurch das Geschehene verharmlost wurde: „Er ist doch so nett – Er hat es gar nicht so gemeint“ oder „Das ist an dem Abend blöd gelaufen…“. Die Täterperspektive wurde zum Gegenstand der „Auseinandersetzungen“. Die Intervenierenden mussten sich immer wieder rechtfertigen und wurden dadurch unter Druck gesetzt.
Gerade auch im Szenetratsch dominiert die Täterperspektive und das Nicht-Verhalten und bedrängt die Betroffenen und die, die sich in antisexistische Praxis üben.
Hausverbote oder Rausschmisse stellen eine effektive Möglichkeit dar, ein antidiskriminierendes Selbstverständnis aufrecht zu erhalten und zu verteidigen.

Die Situation in unserer Stadt ist typisch dafür, dass keine inhaltliche Auseinandersetzung über Sexismus stattfindet, sondern ein konstruierter, privater „Streit“ in den Mittelpunkt gerückt wird. Eine kritische Reflexion der Geschehnisse, von Seiten des Täterumfeldes, blieben bisher aus.
Über die Bedeutung der sexistischen Vorfälle scheint es, sowohl im Täterumfeld als auch in der Kleinstadtszene, kaum differenzierten Auseinaderseztungen gegeben zu haben. Ständiges über-das-Hausverbot-reden und wie ungerecht dieses sei, steht vielmehr im Fokus der Auseinandersetzung. Die Problematik des Geschehenen wird durch die Verdrehung der Tatsachen herunter gespielt.

Es wird wieder einmal sichtbar, dass Antisexismus – wenn überhaupt – nur als politisches Label existiert. Dies bedeutet auch, dass die meisten (Kleinstadt-)Gruppen und politischen Räume das Thema nicht wahrnehmen und keinen Praxisbezug zu ihrem „antisexistischen“ Selbstverständnis haben.

Gegegn diesen Normalzustand!

Die „wichtigen“ Diskussionen über die neueste Marxismusauslegung, den nächsten Naziaufmarsch oder den letzten antideutschen/antiimp Flyer finden in der Polit-Gruppe oder an der Uni statt. Sexismus wird meistens während der „Freizeit“ von Einzelpersonen thematisiert – in den Gruppen ist dafür kein Platz. „Das Private ist politisch“ ist als Slogan bekannt, jedoch scheint es in so vielen Situationen kaum kritische Auseinandersetzungen mit dieser Aussage zu geben. Hinter dem „Privaten“ scheint ein „Privateres“ zu existieren. Gerade in dieser Sphäre ‚passiert’ Sexismus und wird außerhalb einer kritischen Analyse und jeder politischen Dimension verortet.
Das Problem der Nicht-Auseinandersetzung mit sexistischem Verhalten zeigt sich dann in der Kneipe, bei Partys und anderen Freizeitevents durch ein Nicht-Verhalten gegenüber sexistisch Handelnden. Allen Personen in einem linken Raum ist klar, wie sie reagieren, wenn ein Verbindungsstudent auftaucht. Aber bei einer Person aus dem „linken“ Kontext, die für sexistische Statements oder Vorfälle bekannt ist, ist ein Nicht-Reagieren zu beobachten.

Wer schweigt stimmt zu!

Sexistisches Verhalten muss als solches identifiziert, thematisiert und angegriffen werden, ohne dabei das große Ganze – den sexistischen Normalzustand – aus dem Blick zu verlieren. Das Problem ist ein strukturelles und bedarf eingehender Selbstreflexion, was sowohl Einzelne betrifft, als auch „die Szene“. Es sollte nicht allein Aufgabe weniger, engagierter Personen sein, auf Missstände und -verhältnisse aufmerksam zu machen, sondern im Interesse aller liegen, dass sich eine antidiskriminierende und respektvolle Praxis zum (linken) Normalzustand entwickelt.
Es ist notwendig eine Diskussion über sexistisches Verhalten zu führen und einen solidarischen Umgang mit Betroffenen zu praktizieren. Fight back!