Ein Antisexismusbündnis, was soll das eigentlich sein?

vom Antisexismusbündnis Berlin

Ein Antisexismusbündnis, was soll das eigentlich sein?

Marlene: Im Grunde kann ich da erst mal wenig Überraschendes antworten: Wir sind eine Vernetzung von Berliner Gruppen aus verschiedenen politischen Teilbereichen, die versuchen, kontinuierlich zu den Themen Sexismus und sexuelle Gewalt zu arbeiten.

Frank: Wir wollen kein Bündnis sein, das dem Rest der Welt auf die Finger schaut und hier und da mal mit der Moralkeule schwingt. Kann aber schnell passieren, deswegen versuchen wir, grob gesagt, einfach unser Ding zu machen. Im Prinzip sind wir ja eh keine Instanz für nichts.

Judy: Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht immer. Es gibt schon Vorfälle oder aktuell brisante Debatten, in denen wir dann durchaus mal Position beziehen oder Positionen unterstützen. Grundsätzlich ist das einfach ein Feld, das wir immer wieder diskutieren: Wie viel mischen wir uns ein oder wo sehen wir Handlungsbedarf? Vorrangig wollen wir allerdings schon mit eigenen Themen in die Öffentlichkeit treten.

Wie kam es zu dem Bündnis?

Judy: Gegründet hatten wir uns anlässlich eines Vergewaltigungsfalls in der Berliner Antifaszene vor ungefähr 3 ½ Jahren. Die Idee entstand daraus, dass viele beteiligte Gruppen die Notwendigkeit sahen, das Thema langfristig zu bearbeiten und nicht immer nur dann anzupacken, wenn wieder ein “Fall” zur Diskussion zwingt.

Marlene: Es gab damals aber auch das Bedürfnis einiger, dem Antifeminismus in israelsolidarischen Zusammenhängen, die sich damals eben auch noch als Szene empfanden, inhaltlich etwas entgegenzusetzen bzw. die Unterrepräsentanz der Kategorie Geschlecht in die Diskussion zu bringen.

Frank: Ich sehe das auch schon als eine Chance für den großen Fortschritt. Weil im Antisexismusbündnis eben nicht nur Gruppen vertreten sind, die eh zum Thema arbeiten wie die Gruppe antisexistische Praxis oder die a.g. gender-killer, sondern auch Stadtteilantifas, Graffiti-Atzen und Gruppen, die vorrangig Politik gegen Deutschland und Antisemitismus machen, sich im asb organisiert haben. Es geht halt nicht um ein Gruppenstatement hier oder mal einen Workshop zu Sexismus am Wochenende dort, sondern darum, die Debatte grundsätzlich voranzubringen.

Marlene: Tja, leider muss man allerdings auch feststellen, dass einige Gruppen dann immer weniger Kapazitäten für die Bündnisarbeit aufbringen konnten. Und so müssen wir auch ernüchtert zugeben, dass für eine langfristige kontinuierliche Auseinandersetzung zu Sexismus offensichtlich in der regulären politischen Arbeit der Gruppen kein Platz ist. Dabei will ich denen gar nicht unterstellen, dass dort kein Interesse an dem Thema besteht, aber dennoch ist es ja meist gerade die beschwerliche Beschäftigung mit diesem Themenkomplex, die dann als erstes hinten runter fällt.

Und wie würdet ihr die Debatte um Sexismus zur Zeit bewerten?

Marlene: So einfach ist die Frage nicht zu beantworten, ich würde da stark differenzieren. Zum einen habe ich schon den Eindruck, dass Sexismus durchaus ein Thema ist und es auch so etwas wie antisexistische Standards gibt, zum Beispiel in der Formulierung von Texten oder den Selbstverständnissen der meisten Gruppen. Andererseits gibt es im Umgang mit sexueller Gewalt und der Definitionsmacht ziemlich viel Ablehnung oder doch zumindest eine große Unsicherheit.

Judy: Die ganze Sache mit Definitionsmacht, Täterschutz, Betroffenenunterstützung hat ja, vorsichtig ausgedrückt, einen ziemlich schlechten Ruf. Da spielt die Angst vor Willkür, Szenereinigung und Täterhatz eine ziemlich große Rolle, auch wenn ich sagen würde, dass dies vor allem ein Resultat von Abwehrmechanismen ist. Grundsätzlich ist die Auseinandersetzung mit Fällen sexueller Gewalt ziemlich mau. Solidarisierung oder Positionierung gibt es kaum, es triumphiert das große Unbehagen.

Marlene: Man fühlt sich unwohl dabei, die Anklägerin zu spielen. Dabei geht es in erster Linie überhaupt nicht darum, Sexisten, Vergewaltiger oder was auch immer ausfindig zu machen, sondern darum, der Betroffenen eines sexuellen Übergriffs das Weiterleben möglich zu machen, und das bedeutet, ihre Bedürfnisse und Räume zu schützen. Das als Grundprinzip zu sehen bedeutet eben zum einen gegen die Position zu argumentieren, die die Täterperspektive unterstützt, aber auch jene zu kritisieren, die sich nun auch irgendwie davon tangiert fühlen und ihre eigene Suppe auf Kosten der Betroffenen kochen wollen.
Ansonsten scheint es so, als wenn bei fast jeder und jedem die Geschlechterkonstruktions-geschichte angekommen ist. Aber die Feststellung “Geschlecht ist konstruiert” oder “Geschlechter gibt es eigentlich ja gar nicht” wird kaum inhaltlich gefüllt, geschweige denn dass dies in der politischen Realität eine Rolle spielen würde. Im Gegenteil, da herrscht wahrscheinlich mehr Geschlechtergewissheit als in der Restgesellschaft.
Heterosexismus wird kaum angetastet.

Frank: Allerdings waren wir alle doch ziemlich überrascht, wie groß die Resonanz auf unsere Veröffentlichungen oder die “Nein heißt Nein”- Plakatkampagne war. Woran das liegt? Keine Ahnung. Es ist ja nicht so, dass es sonst wenig Texte zu dem Thema geben würde. Offensichtlich scheint es da doch mehr Interesse an dem Thema zu geben, als man wahr- oder annimmt.

Woran liegt es denn, eurer Meinung nach, dass (Anti-) Sexismus oft ausgeklammert wird?

Judy: Ein Grund ist sicherlich, dass Sexismus als Thema eher im Innen als im Außen verortet wird, das heißt meist mit Szeneschlachten verbunden wird oder eben schnell persönlich wird, was bei anderen Themen nicht passiert. Obwohl es natürlich beispielsweise bei Rassismus auch tausend Gründe geben könnte, innerlinke Debatten zu nähren. Aber da gibt es, bezeichnenderweise, einfach zu wenig Menschen in der Linken, die von Rassismus betroffen sind, weil das grundsätzlich hier sehr weiß und deutsch ist.

Frank: Sexismus in der Gesamtgesellschaft zum Thema zu machen, ist einfach immer noch eine Frauensache. Sich mit aktuellen Geschlechterfragen zu beschäftigen, erscheint irgendwie öde, weil das vor Jahren ja auch nicht viel gebracht hat und heute nur noch uncooler ist. Deswegen wollen wahrscheinlich heute auch alle nur noch über Feminismus reden, wenn es um Popkultur geht, weil da die Realitäten nicht so erdrückend scheinen.

Marlene: Politik gegen Nazis oder Abschiebungen ist sehr konkret im Ziel und in den Mitteln. Außerdem ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass es da erst einmal eine gewisse Dringlichkeit gibt, weil in diesem Land Zustände herrschen, die das Leben vor allem von Nichtdeutschen bedrohen. Für antisexistische Arbeit gibt es zum einen weniger Akzeptanz auch in der sogenannten Restgesellschaft und zum anderen sind die Ergebnisse schwieriger zu messen.

Frank: Obwohl beim Antikapitalismus scheint das auch keinen zu stören: da gehen alle einfach auf die Straße und rufen “Kapitalismus abschaffen!” und keinen interessiert, wie das geht und wann das endlich mal passiert. Da kann sich jede und jeder drunter subsumieren, irgendwie sind wir ja auch alle Opfer des Kapitalismus.

Marlene: Manchmal liegt es auch einfach nur am Sexismus, dass Antisexismus so unpopulär ist.

Und was ist für euch antisexistische Praxis?

Judy: Zum einen geht es darum, feministische Positionen wahrnehmbarer zu machen und zwar nicht nur dort, wo “Fälle” diskutiert und um den Unterstrich gestritten wird, sondern zu sagen: Sexismus/Heterosexismus muss grundsätzlich mitverhandelt werden. Trans- und homophobe Gewalt könnte beispielweise auch ein stärkeres Gewicht in Anti-Nazi-Arbeit haben. Zum anderen muss Antisexismus als Politikfeld gestärkt werden, das heißt als wesentlicher Teil der großen Scheiße angegriffen werden.

Marlene: Für mich ist antisexistische Praxis in erster Linie Politik machen, und das heißt eben nicht nen Text zu lesen, ein Gender-Seminar zu besuchen oder zu sagen, dass ich Feministin bin. Das ist alles cool, aber bleibt auf der Ebene des individuellen Hobbys. Deswegen finde ich geht es schon darum, sich zu organisieren und zu überlegen, wie man was verändern kann. Es geht um Kritik, um Solidarität und um Intervention.


1 Antwort auf “Ein Antisexismusbündnis, was soll das eigentlich sein?”


  1. 1 AS.ISM 3 RELEASE « mädchenblog Pingback am 20. Juli 2008 um 7:49 Uhr
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