Hot Topic?

von Grupe Antisexistische Praxis/GAP

Wir schreiben diesen Text, weil Sexismus in unserer bisherigen Arbeit zu sexueller Gewalt stets als Stichwort verwendet wird, um den gewaltförmigen Normalzustand zu beschreiben, in dem sexuelle Gewalt stattfindet. Er dient uns allgegenwärtig als Grundlage, als Basis und Ausgangspunkt und stellt zugleich all das dar, wogegen wir angehen und was uns vor allem in konkreten Auseinandersetzungen um Fälle sexueller Gewalt in immer wieder seltsamen, absurden und auch ganz banalen Formen begegnet. Aber was meint der Begriff eigentlich? Wir haben uns umgeschaut, sind auf Definitionen, Texte und Debatten gestoßen und bleiben unzufrieden zurück. Unsere Eindrücke und entstandenen Fragen zur Klärung dieses Begriffs möchten wir hier transparent machen und in die Debatte werfen. Wir sind uns unsicher, wie Sexismus gegenwärtig definiert und bekämpft werden kann, möchten aber hiermit einen kleinen Beitrag zur weiteren Klärung liefern.

Sexismus ist alltäglich, Sexismus ist strukturell, ist ein Unterdrückungsverhältnis, ist Ungleichbehandlung, ist Diskriminierung, Stereotypisierung, Stigmatisierung, Unterdrückung, Zwangszuweisung von Geschlecht: Sexismus ist eher selten Thema und Sexismus nervt immer! Die Definitionen für Sexismus sind so zahlreich wie die Kämpfe, die gegen sexistische Normalzustände geführt werden. Sexismus gehört zum Alltag unserer Erfahrungen und schlägt sich in tausenden kleinen Handlungen, Vorstellungen und Vorurteilen nieder. Sexismus wird beständig reproduziert und ist ein manifester und eingeätzter Bestandteil unserer Gesellschaftsordnung.
Welche Wege geht wer alleine nach Hause? Wer traut sich nach einem langen Tag alleine in eine unbekannte Bar und könnte da in Ruhe alleine ein Bier trinken ohne nach (zumeist männlicher) Gesellschaft gefragt zu werden? Für wen stehen gemischte Fitness-Studios, Saunen etc. eigentlich wirklich offen? Wer nimmt ungebetenes Anstarren, blöde Anmachen und übergriffiges Verhalten schon gerne in Kauf? Was ist mit Bandtexten, denen eh kaum wer zuhört, die aber einige treffen, andere krass diskriminieren und wieder andere gleich auslöschen wollen? Und Partys, die gerne auch mit einem etikettierten Anspruch auf Antisexismus zu männlich dominierten Alkoholgelagen mutieren und sich in die lange Liste sexistischer Angsträume einreihen? Und dann wäre da noch die alltägliche mediale Belästigung mit standardisierten Körpern, den langweiligsten ultra-stereotypisierten Geschlechterrollen und quotenträchtigen Körper-Zurichtungs-Spektakeln, die selbst den entspanntesten Fernsehabend versauen können.

Kim kommt nach einem langen Tag Job/Schule/Ausbildung/Uni aus dem deutlich entspannenden und zumindest halbwegs aggressions-kanalisierenden Kickbox-Training. Während die Bilder von Lehrer/Prof/Chef/Kollege und Sparrings- Partner_in immer noch angenehm verschwimmen, schlendert Kim durch die nächtlichen Straßen nach Hause. Die Abendgestaltung ist noch offen. Kino war im Gespräch, der Film klang eher mäßig, durch die Kneipen ziehen macht wenig Laune und bedeutet eh fast immer Ärger und irgendwie lockt einfach das Bett, wäre da nicht der aktuelle WG-Stress im Weg…

Das Anprangern sexistischer Normalzustände ist nichts Neues. Ganz im Gegenteil: Es gibt jede Menge Texte, die versuchen, Sexismus aufzuzeigen, greifbar und bekämpfbar zu machen. Es geht dann um das Schließen von Angsträumen, um das Rückerobern der Nacht, Handlungsfähigkeit von Betroffenen zu stärken und um die Adressierung von zumeist Frauen, sich nicht diskriminieren/ angreifen/ unterdrücken/ stereotypisieren/ stigmatisieren zu lassen. Zum einen sind zahlreiche dieser Texte wichtige Instrumente zur Thematisierung und zur Kritik sexistischer Strukturen und natürlich zum Empowerment derjenigen, die davon betroffen sind. Zum anderen überkommt uns, und bestimmt auch einige andere, immer wieder ein merkwürdiges Unbehagen. Die Texte wirken hier und da unzeitgemäß, sie beziehen sich oft auf sehr eindeutige Geschlechtszuweisungen, drehen sich um die Kategorie „Frau“, eröffnen gerne geschlechtliche Dichotomien und auch das Reizwort „Patriarchat“ geht uns nicht mehr so einfach rein. Was da passiert erscheint uns folgendermaßen: Das Sprechen über Sexismus produziert in der Regel (mindestens) eine eindeutige Geschlechtsposition namens „Frau“: Frauen als Betroffene von Sexismus, Frauen als die, an die adressiert wird, gegen Sexismus zu kämpfen, sich Diskriminierungen und Co nicht gefallen zu lassen usw. Und natürlich fördert das Sprechen über Sexismus eindeutige Zuweisungen zutage, wo und wie Sexismus produziert und ausgeübt wird und inwiefern da ein tiefgreifender Zusammenhang zu männlicher Dominanz besteht. Und ohne diese Zuordnungen und Anordnungen in Frage stellen zu wollen, würden wir doch gerne über Sexismus schreiben können, gegen Sexismus angehen können, ohne immer gleich eine ganze Reihe von (ebenso sexistischen) Einordnungen und Zuordnungen zu produzieren.
Wie also über Sexismus schreiben ohne Opferpositionen zu verteilen oder zu beziehen und damit immer auch Identitäten festzuschreiben? Und wie über das immergleiche Problem schreiben, während es scheinbar immer schwieriger wird, es zu besprechen, obwohl es offensichtlich nicht verschwindet?

Und irgendwie bleibt es doch immer dasselbe. Es gibt keine Räume, keine Orte, keine Freund_innen, in und bei denen es halt mal dauerhaft ohne geht: Ohne nervige Sprüche, krasse Unsensibilität oder immer wieder die selben langweiligen Mackerstrukturen, die selbe blöde Rollenverteilung in der WG und immer wieder die selben miesen sexistischen Situationen, in denen Kim sich entweder beschwert oder halt die Klappe hält. Und meistens eher letzteres. Wer will sich schon gerne darüber beschweren, benachteiligt zu werden, diskriminiert zu werden, sexistisch behandelt zu werden, etc. Ist ja immer gleich ein riesiger Rattenschwanz: Du beschwerst Dich, du wirst zur Frau, zum Opfer, du verstehst keinen Spaß, du versuchst dich durchzusetzen: Dir wird plötzlich Verantwortung zugeschrieben an einer unangenehmen Situation, in der vielleicht jemand beschuldigt wird, in der sich Leute verhalten sollen, in der plötzlich alles hoch-politisch ist, was vorher doch „nur Spaß“ / „nicht so ernst“ / „nicht so gemeint“ war. Oder so ähnlich…Und nicht zuletzt entscheidet sich Kim ja auch vielleicht bewusst dagegen, so eine Situation einzugehen, die Platzanweisung, die damit zusammenhängt, annehmen zu wollen und den eigentlich netten Abend, das politisch so vielversprechende Treffen oder den eigentlich total tollen Film jetzt schlecht machen zu wollen. Vielleicht entscheidet sich Kim auch bewusst dagegen, gerade betroffen zu sein.

Die Thematisierung von Sexismus ist in unseren Augen doppelt belagert. Sexismus lässt sich im Kontext neoliberaler Vergesellschaftung immer schlechter fassen. Individualisierung, der in allen gesellschaftlichen Bereichen abgefeierte Glamour des starken, souveränen und unabhängigen Selbst, verträgt sich nicht so gut mit der Benennung von Unterdrückungsverhältnissen, deren Offensichtlichkeit zunehmend verschwindet und die meistens Einordnung und Zuordnung zu festen Identitäten mit sich bringen. Die damit einhergehende Homogenisierung (Frauen und andere Geschlechter) wird von einigen als falsch und kritikwürdig wahrgenommen. Drüber zu stehen, sich nicht unterkriegen lassen und halt einfach auch drüber lachen zu können ist in vielen Kontexten heute oft als Stärke markiert. Und zum Teil zu Recht: Feministische Bewegungen haben längst aufgeräumt mit der einfachen Analogie Frauen = Opfer. Wenn jedoch Riot-Grrrl zu „girlie“ wird oder postfeministische Strömungen die Figur der neuen Weiblichkeit im „Alphamädchen“ krönen und Sexismus gleich komplett mit der feministischen Vergangenheit begraben wird, kommen wir erneut zu unserem Unbehagen. Irgendwo verläuft dort eine undeutliche Grenze: Auf der einen Seite stehen wichtige Strategien des Empowerments, der Ablehnung von identitärer Einheitlichkeit und geschlechterpolitischer Zuordnung. Auf der anderen Seite finden wir trotzdem immer wieder Strategien, die auf Unsichtbarkeit von Sexismus, Sprachlosigkeit von Betroffenen und die alltägliche Verdrängung der immer anwesenden Einschränkungs- /Diskriminierungs- /Unterdrückungserfahrungen zielen. Konflikte um Sexismus einzugehen, scheint in der Folge zweifach schwierig zu sein: Du riskierst deinen Status als unabhängige und souveräne Person, riskierst Betroffene verschiedenster Unterdrückungsverhältnisse zu werden und du riskierst mit der Thematisierung krass auf die Schnauze zu fallen. Meistens bringt’s nämlich nichts.

So wie neulich: Der Film war eigentlich ganz nett. Kim war mit ein paar Freund_innen im Kino gewesen. Längst keinen Bock auf großes Kino, war die Wahl auf einen eher seichten Film gefallen. Alle waren sich einig, dass eh nicht viel zu erwarten war. Irgendwie war`s dann auch lustig. Bis auf eine echt miese sexistische Szene. Kim war einfach unglaublich genervt, fühlte sich erinnert an ähnliche Szenen und hatte vor allem den Eindruck, einfach nicht mehr „amüsiert“ zu sein. Und nachher? Über den Film wurde nicht mehr als das Nötigste gesprochen, es gab keine Analyse oder so. Der Übergang zum Tagesgeschäft, bzw. der Abendgestaltung ging eher fließend und der Konsens blieb halt, dass „man sich eben amüsiert hatte“. Auch Kim hatte sich dagegen entschieden, etwas zu sagen und damit einen Konflikt heraufzubeschwören oder allen anderen auf den Keks zu gehen. Der Film hinterließ seine Spuren, es machte keinen Spaß mehr und die Gruppe recht frühzeitig zu verlassen, um nach Hause zu gehen, war verlockend. Oder verlief der Abend doch anders?

Warum gibt es diese Konflikte nicht? Anders gefragt: Warum verschwinden sie in den allermeisten Situationen tausendfach in die individualisierte Selbstauseinandersetzung? Meistens heißt es, das „privat“ zu regeln, es in der Therapie oder woanders zu besprechen. Und nicht selten ist es auch wichtig, Konflikten aus dem Weg gehen zu können, um einigermaßen unbeschadet durch den Alltag zu kommen. Aber ist es denn einfach noch viel uncooler geworden, Sexismus zu kritisieren und darum herum Konflikte zu installieren? Liegt hier das Problem in der Identität? Sich nicht zuordnen zu wollen, sich vor allem nicht mit einer benachteiligten und untergeordneten Position zu identifizieren/den Platz angewiesen zu bekommen, sondern eben immer unangreifbar zu bleiben/bleiben zu wollen? Wir wissen es nicht und können hier auch keine endgültige Klarheit schaffen. Uns liegt vor allem daran zu problematisieren, dass sich der Kontext, in dem Sexismus angegriffen werden kann, verschoben hat. Ein formal antisexistischer Mainstream verbündet sich hübsch mit der allgemein angenommen Entschärfung geschlechterpolitischer Gegensätze. Das macht es vorraussetzungsvoller, um Sexismus herum eine politische Ebene zu erzeugen: Bündnisfragen sind komplexer geworden, alte Fronten sind gebröckelt und Sexismus muss deutlich subtiler kritisiert werden; während immer noch genug Sexismen erfahrbar sind, denen jede Subtilität abgeht.
Es gilt, den Fokus auf eine der wesentlichsten Strategien der Vermittlung von Sexismus zu richten: seine Unsichtbarkeit und Selbstverständlichkeit, sein stillschweigender Konsens über die Normalität und Harmlosigkeit „kleinerer Kommentare“ oder die scheinbar unpolitische Dimension von Rollenverteilung in Gruppen und Freund_innenkreisen, die Privatisierung von Beziehungskonflikten und die Individualisierung von Betroffenheit. All das ist nicht neu. Neu ist die Art und Weise, in der es schwerer wird, darüber zu sprechen und politische Strategien gegen Sexismus zu entwickeln.
Uns geht es nicht um die Neuformulierung alter Gegenstrategien, sondern um die angemessene Reaktion auf neue sexistische Normalzustände. Unangreifbarkeit von sexistischer Alltäglichkeit ist heute nicht mehr hinter einer eisernen Front patriarchaler Männerbündelei versteckt. Es macht aber auch keinen Sinn, nun in den Zeiten der ach so progressiven Sexualitäts- und Geschlechterpolitik, auf einen allgemeinen Rollenverlust zu verweisen und politische Konflikte, in denen es Betroffene und Urheber gibt, in die strukturelle Beliebigkeit aufzulösen.
Die spannende Frage ist doch, wer welche Möglichkeiten/Ressourcen/Risiken hat, Dinge zu benennen, Sexismus zu kritisieren; wer kann an welcher Stelle Nein sagen, Diskussionen stoppen oder fordern? Wer hat die Möglichkeit, sich zu entziehen oder sich in einem Konflikt besonders zu exponieren? Und vor allem: Wer kann all dies um welchen Preis? Wer kann sich über Sexismus beschweren und eröffnet damit einen politisch anerkannten Fokus für den großen Kampf und wer bringt einen Konflikt auf und erfährt dadurch vor allem Mitleid (statt Solidarität) als Betroffene in einem Herrschaftsverhältnis? Und wer will den Scheiß schon?
Wir möchten die Regelwerke, die um die Thematisierung und Konfliktisierung von Sexismus herum errichtet sind, in Frage stellen. Wir möchten Debatten um die Plätze, in die wir (übrigens: sexistisch) eingewiesen werden, wenn wir Sexismus kritisieren. Wir möchten Diskussionen um die Selbstverständlichkeit des sexistischen Normalzustandes, dessen Schmerzgrenze ständig verhandelt wird und immer wieder männlich dominiert und bis ins Unerträgliche ausgeweitet wird. Wir möchten uns zweifachen Herausforderungen stellen und denken gerne weiter in die Richtung, wo Geschlechterpolitiken so verqueerend wirken, dass Konflikte um Sexismen eingegangen werden können, ohne dass damit gleich wieder Identitäten fixiert werden.

Und dann wieder so eine Situation. Ein Typ kriegt es auf einer Party wieder hin, systematisch diverse Grenzen zu verletzen und äußerst unangenehm aufzufallen. Ein Freund von Kim mischt sich ein, spielt den heroischen Antisexisten und lässt sich auf eine elendige Auseinandersetzung mit dem nervigen Typen ein, die eh – wie immer zu später Stunde – nichts bringen wird. Und da reicht`s dann einfach: Wieso fällt es ihm so leicht, sich hier über Sexismus und nervige Typen zu beschweren? Wieso riskiert er damit nichts und erhält scheinbar noch ’nen hoch dotierten Heldenbonus? Sexistische Kackscheiße! denkt sich Kim und holt aus: Zunächst mal gilt es jetzt diese Situation auseinander zu nehmen und dann war da noch was mit dem Film vorhin…und das braucht jetzt einfach mal Raum. Und den nimmt Kim sich jetzt einfach.


1 Antwort auf “Hot Topic?”


  1. 1 Antifa-Café am 6. Februar « [aapa] Antifa Passau | Antifaschistische Aktion Pingback am 22. Mai 2011 um 14:07 Uhr
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