f/a/q: feministisch – antisexistisch – queer

von Einem Teil der AS.LADEN Orga-Gruppe

„Ein a-n-t-i-s-e-x-i-s-t-i-s-c-h-e-r Infoladen?“

Was ein Infoladen ist, ist klar. Meist gibt es eine Bibliothek, ein Sofa und Buttons. Aber warum bitte schön ein antisexistischer Infoladen? Was soll das denn überhaupt sein?

Wir finden, dass genau so ein Ort in Berlin fehlt. Ein Ort, an dem schwerpunktmäßig Informationen rund um das Thema Antisexismus zu finden sind. Ein Ort, an dem Basics wie Definitionsmacht nicht in Frage gestellt werden. Ein Ort, an dem sich Menschen, die antisexistische Politik machen, vernetzen können und eine Infrastruktur vorfinden. Wir möchten einen gemütlichen Ort, an dem wir weiter diskutieren können, an dem es Veranstaltungen gibt, der aber auch einen Schutzraum bietet

„Aber in linken Zusammenhängen gibt’s doch gar keinen Sexismus!“

Antisexistisches Labeling gehört zum guten Ton in „der Linken“ und trotzdem (oder gerade deswegen?) zieht es nach wie vor selten eine dementsprechende Praxis nach sich.
Auch in „der Linken“ werden Menschen beispielsweise immer noch in den Kategorien „Mann“ und „Frau“ gelesen. Die Vorstellung, wie (attraktive) Leute auszusehen haben, ist auch in diesen Kreisen sehr uniform. Platte Anmachsprüche, homo- und transphobe Kackscheiße und (beiläufige) Abwertung von nicht der herrschenden Norm entsprechenden Menschen, sowie Grenzüberschreitungen aller Art bis hin zu sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt sind leider auch hier keine Seltenheit. Auf die Tanzfläche können sich oft nur diejenigen begeben, welche bereit sind, auf Selbiger harte Bandagen anzulegen. Die Theke wird meist von grölenden, besoffenen Polit-Held_innen dominiert und in Politgruppen ist viel, laut und „objektiv“ reden bestimmend für das Miteinander und notwendig, damit die eigenen Interessen gehört werden. Aussagen wie „Och, jetzt hab dich mal nicht so, lasst mal mit dem Flyer fertig werden“ sind schnell bei der Hand. Es wird zwar festgestellt, dass immer die selben reden, aber tiefgreifend wird damit selten umgegangen. Die Einführung von quotierten Redner_innen-Listen gilt als Lösung. Vielleicht wird noch eine „Gender“-AG gegründet – und damit das Thema endgültig aus dem Tagesgeschäft verbannt. Sexismus wird nach wie vor als Randphänomen betrachtet oder als persönlicher Konflikt wahrgenommen und auf diese Ebene reduziert.
Kritik an einer solchen Praxis wird in vielen Fällen mit Ignoranz oder sogar mit direkten Angriffen beantwortet. Diesem sexistischen Normalzustand soll mit dem antisexistischen Infoladen etwas entgegen gesetzt werden.

„Ist der Laden dann nur für Frauen?“

Nein. Wir möchten einen Raum schaffen, in dem Menschen nicht der konstruierten Einteilung in Kategorien wie „Mann“ oder „Frau“ unterworfen sind, sondern in ihrer Selbstdefinition oder -nichtdefinition anerkannt werden.

Die gängige Einschätzung, dass es generell nur „Männer“ und „Frauen“ gibt, teilen wir nicht. Wir begreifen den Zwang, sich einem Geschlecht zuzuordnen als Teil einer zugeschriebenen Identität, die Menschen keinen Raum lässt, sich selbstbestimmt und immer wieder neu zu definieren.
Die Kategorien „Frau“ und “Mann“ sind verallgemeinernde politische Konstruktionen, welche immer Ausschlüsse zur Folge haben. Sie verschleiern, dass es keine allen Menschen gemeinsamen Eigenschaften und Erfahrungen gibt . Wir denken, dass jede_r in unterschiedlichster Weise von Unterdrückungsmechanismen betroffen ist, z.B. auf Grund von Alter, soziale Lage, Ethnisierung, Sexualität etc.
Dies bedeutet für uns auch, dass Sexismus in einem breiteren Kontext zu analysieren ist und bei seiner Bekämpfung immer auch weitere Unterdrückungsmechanismen mitgedacht werden müssen , die in Verschränkung mit diesem in einem allumfassenden Gewaltverhältnis wirken.

Gleichzeitig sind wir uns jedoch bewusst, dass die von uns abgelehnte binäre Geschlechterkonstruktion in der gesellschaftlichen Realität eine enorme Wirkungsmacht entfaltet. Die Kategorie Geschlecht geht einher mit spürbaren Auswirkungen auf unser Leben und da macht es durchaus einen Unterschied, ob eine Person als „Mann“, „Frau“ oder „nicht eindeutig definierbar“ wahrgenommen wird.
Es ist uns daher wichtig, strukturelle Unterdrückungsmechanismen und konkretes sexistisches Verhalten wahrzunehmen und anzugreifen.
Wir werden uns damit immer in einem Spannungsfeld zwischen dem Anspruch der Dekonstruktion und dem Anerkennen von realen Auswirkungen der konstruierten Geschlechtsidentitäten bewegen.

Wenngleich wir nun davon ausgehen, dass es keine verallgemeinerbaren Erfahrungen gibt, so denken wir dennoch nicht, dass jede_r für sich kämpfen sollte. Unser Ziel ist es daher, Politik nicht auf Grundlage von festgelegten und festlegenden Identitäten zu machen, sondern auf Basis eines gemeinsamen Gegenstandes.
Entscheidend ist für uns nicht in erster Linie, wie sich Menschen definieren oder wie sie definiert werden. Wichtig ist uns vielmehr, wie sich Leute verhalten, wie sie miteinander umgehen und sich reflektieren.

Wir wollen einen Ort, an dem wir die Verhältnisse, in denen wir leben, mit anderen Menschen reflektieren können und eine Basis von der aus wir in einem emanzipatorischen Sinne an deren Veränderung mitwirken können. Das bedingt auch die Notwendigkeit der permanenten Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in und zwischen uns.
Wir wollen danach fragen, wie und ob die Handlungsfähigkeit und das Begehren von Menschen in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort (durch sexuelle oder sexualisierte Gewalt ) diskriminiert und eingeschränkt wurde bzw. wird. Darüber und wie wir das verändern können, wollen wir informieren. Und dagegen wollen wir kämpfen – indem wir für uns und andere eine gemeinsame Plattform schaffen.

Der Laden soll also erstmal allen Menschen mit Interesse an antisexistischer Theorie und/oder Praxis zur Verfügung stehen. Unser Anspruch ist ein respektvoller und reflektierter Umgang miteinander.
Unter den oben beschriebenen Verhältnissen scheint eine Einschränkung der Offenheit des Ladens unabdingbar. Die Definition, was Sexismus und Grenzüberschreitungen sind, liegen bei den von diesen Betroffenen. Ganz klar, Täter und auch Täterschützer_innen fliegen raus oder kommen gar nicht erst rein.

„Und wie soll das konkret aussehen?“

Uns geht es nicht darum, allen, die den Laden betreten eine elend lange Hausordnung in die Hand zu drücken und sie erst rein zu lassen, wenn sie sie verinnerlicht haben. Wir möchten auch nicht ständig die Erklärbär_innen spielen und alleinig dafür zuständig sein, dass in dem Laden ein respektvoller Umgang miteinander gewahrt wird.
Stattdessen soll der Laden so gestaltet werden, dass er sich an den Bedürfnissen der Menschen, die den Raum nutzen, orientiert. So machen wir uns zum Beispiel Gedanken über die Einrichtung eines Kinderspace und überlegen, wie die Themen Rauchen und Alkohol zufriedenstellend gelöst werden können.
Zum anderen erhoffen wir uns, dass viele Menschen, die in den Laden kommen, sich für das Miteinander im Laden auch verantwortlich fühlen und dass eine Atmosphäre herrscht, in der thematisiert werden kann, wenn sich wer nicht wohl fühlt. Uns ist wichtig, dass subjektive Empfindungen und Grenzen ernst- und wahrgenommen werden und zwar von allen und nicht nur von den „Ladenmacher_innen“.
Der Laden wird sich dabei sicher immer in dem Spannungsfeld von Anspruch an Offenheit und Anspruch auf einen Schutzraum bewegen. Auf der einen Seite soll er eine kleine Insel zum Wohlfühlen darstellen, auf der anderen Seite einen Ort, an dem Menschen sich auseinander setzen und weiterentwickeln können.
Wichtig ist dabei auch, den Kontext von Menschen, die den Laden betreten, mit zu denken (ohne die eigenen Grenzen zu missachten). Also ob da jemand einen Spruch macht, die_der sich noch nie mit Sexismus auseinander gesetzt hat oder ob es eine Person ist, die schon ewig in linken Zusammenhängen unterwegs ist.

Die Intention, mit dem Laden sowohl einen Treffpunkt, als auch Möglichkeiten zu Vernetzung und Austausch zu bieten, soll sich auch in der Raumstruktur widerspiegeln. So wird es ein Sofaparadies für Veranstaltungen und den allgemeinen Cafébetrieb geben. Separat davon möchten wir auch einen Plenaraum für zum Thema Antisexismus arbeitende Gruppen zur Verfügung stellen. Außerdem wird Stück für Stück eine Präsenzbibliothek mit einem Sammelsurium von Büchern und Periodika zu den Themen Antisexismus, Feminismus, queer theory & politics etc aufgebaut. Nach Möglichkeit soll es auch einen Arbeitsbereich geben, in dem Rechner mit Internetzugang zur allgemeinen Verfügung stehen.
Ein weiterer Raum soll vielfältig eingerichtet werden (vom Matratzenlager bis zum Boxsack) und variabel nutzbar sein, zum Beispiel als Rückzugs- und Ruheraum oder auch zum Aus- und „Empowern“.
Wichtige Kriterien für die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten sind für uns ein barrierefreier Zugang, gute Verkehrsanbindung und eine relativ zentrale Lage.

Was die Organisation des Infocafés anbelangt, ist es uns wichtig, eine Struktur zu entwickeln, die mit dem kleinstmöglichen Maß an Hierarchien funktioniert. Wir versuchen bereits jetzt, über ein Mainboard Planungs-, Diskussions- und Entscheidungsprozesse transparent zu machen, indem wir dort unter anderem die Protokolle der Orga- und Vernetzungstreffen für alle Beteiligten einsehbar machen .

Nicht zuletzt ist es notwendig, ein angemessenes Schutzkonzept für den Laden zu erarbeiten, da davon auszugehen ist, dass dieser zur Angriffsfläche homophober, transphober und antifeministischer Aggressionen werden kann.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir ein rein defensives Konzept fahren werden. Wir denken, dass ein antisexistischer Infoladen die Ausgangsbasis für eine politische Offensive – auch in „der Linken“ – sein kann und sollte. Dass es sich hierbei vorerst nicht um eine Intervention handelt, die die Gesellschaft grundlegend verändern kann, ist uns bewusst. Nichtsdestotrotz wollen wir dazu beitragen, antisexistische Arbeit besser zu vernetzen, ihr eine Infrastruktur zu bieten und – nicht zuletzt: Einen Raum schaffen, in dem Menschen zusammen kommen können, die die Schnauze voll haben von der sexistischen Kackscheiße, die in und auf uns wirkt.
Wie das konkret aussehen wird, hängt von uns allen ab. Wir freuen uns auf euch!