No Peace with Sexism

von LISA2 Marburg

Seit über einem Jahr gibt es in einer kleinen Stadt – mit einer überschaubaren linken Szene, in der sich die meisten persönlich kennen – immer wieder Konfrontationen im Zusammenhang mit dem „Nein heißt Nein“ – Plakat [vgl. as.ism1+2].
Die Vermutung liegt nahe, dass der Inhalt entweder nicht verstanden oder bewusst missachtet wird. Das geht dann vom Vorwurf der Lustfeindlichkeit bis zur aktiven Handlung, die sich durch den Abriss des Plakates zeigt. Anhand dieser und anderer Beispiele werden übliche Probleme in der Auseinandersetzung mit Sexismen und spezifische Aspekte in einem Milieu in welchem „man sich kennt“ deutlich. Es geht uns in diesem Text nicht um eine „Abrechnung“ mit Personen/Gruppen die sich hier evtl. wieder erkennen. Es geht uns um die Darstellung möglicher Konsequenzen einer antisexistischen Praxis bzw. darum, eine Sensibilität für sexistische Strukturen zu fördern.

Die Intention des „Nein heißt Nein“-Plakates wurde in den vorangegangenen Readern bereits deutlich. Für uns bezieht es sich auf das deutliche Verweisen, auf die Achtung persönlicher (Körper-) Grenzen bzw. auf die „Definitionsmacht“ [s. as.ism1+2], die klarstellt, dass es in der Macht der_des Einzelnen liegt, wann eine Grenzüberschreitung stattgefunden hat und im Weiteren, wie damit umzugehen ist. Es stellt den Versuch dar, einen (selbst-) bewussten Umgang mit- und untereinander zu gestalten und darüber hinaus Räume jenseits des (hetero-) sexistischen Normalzustands zu schaffen und zu verteidigen. Räume, in denen Parteilichkeit gegenüber Betroffenen garantiert ist und noch so subtile Formen sexualisierter Gewalt und Belästigung nicht geduldet werden. Das Konzept der „Definitionsmacht“ beinhaltet zudem die Forderung, dass es – vor jeglicher (Inter-) Aktion – zu interessieren hat, was die andere Person will oder nicht will. Dies ist die Basis eines respektvollen Umgangs miteinander.
Durch solidarisches Verhalten, das sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert, kann vermittelt werden, dass Sexismus kein privates Problem ist, sondern ein Politikum, das auch als solches behandelt und zu dem Stellung bezogen werden muss. Jegliches anderes Verhalten oder Nicht-Verhalten dazu trägt zum Schutz der grenzüberschreitenden Person bei und stützt sexistische Strukturen. Die konsequente Anerkennung und Umsetzung der Definitionsmacht bedeutet also auch eine klare Positionierung einzunehmen und einzufordern. Es gilt, sich dieser Verantwortung zu stellen.

Die Kleinstadtidylle

In den uns bekannten sexistischen Vorfällen – raumübergreifendes Verhalten, sexualisierte Übergriffe, antifeministische Statements und Handlungen etc. – war der Umgang innerhalb „der Szene“ nie konfliktfrei und verlief in für sexistische Vorfälle klassischen Bahnen.
Zogen Personen und/oder Gruppen Konsequenzen im Sinne einer antisexistischen Praxis, so folgte Empörung auf Seiten der grenzverletzenden Person bzw. dessen Umfeldes und eine Welle der Solidarisierung mit jenen. Die Beurteilung der Situation durch Betroffene wurde für überzogen, lächerlich oder anmaßend erachtet. Das vermeintliche Leid der Täter (durch Hausverbote, Rechenschaft ablegen zu müssen, Rausschmisse…) wurde grundsätzlich über die Situation und die Befindlichkeit der Betroffenen gestellt.

Bezeichnend für den Umgang mit sexistischem Verhalten in erwähnter Kleinstadt ist das Nicht-Verhalten der meisten politischen Gruppen und Einzelpersonen.
Nachdem „die Szene“ mit einer Situation konfrontiert war, bei der es unter anderem darum ging, die Definitionsmacht der betroffenen Personen durchzusetzen, war eine klassische Dynamik zu beobachten.
So beispielsweise nach dem Abriss des oben erwähnten Plakates in einem Raum, der sich offen als links-emanzipatorisch und antisexistisch versteht.
In jedem dieser Vorkommnisse waren die Akteure männlich und bewegten sich innerhalb einer männlich dominierten Gruppe bzw. konnten sich der Unterstützung ihres Umfeldes sicher sein.
Notwendig war das Agieren vor dem Hintergrund eines antisexistischen Verständnisses, worauf mit Ignoranz, Unverständnis und Pöbeleien reagiert wurde.
Gekränkte Eitelkeiten, die Unfähigkeit eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen und das beweisen-müssen der Position innerhalb der Peers waren wohl ausschlaggebend.
Die Situation und Befindlichkeit derer, deren Grenzen verletzt wurden, die unangenehmen Situationen ausgesetzt waren und nun mit den Folgen zu tun hatten, wurde vollends
ignoriert. Im Vordergrund stand das Leid des Täters und seine schwere Belastung durch Hausverbote, Rausschmisse oder sonstige Sanktionen.

… und ihre Reaktionen

Nachdem Hausverbote durchgesetzt und Rausschmisse getätigt wurden, begann sich „die Szene“ zu regen – oder eben auch nicht.
Zum einen bildete sich eine Front der Empörung. Die Interventionen seien unverhältnismäßig, die Einzelperson müsse im Szeneclinch als Sündenbock für die ganze Gruppe herhalten. Außerdem handle es sich um eine unpolitische Affekthandlung und Alkohol sei auch im Spiel gewesen.
Hausverbote und Rausschmisse hatten zur Folge, dass die ‚Verantwortlichen’ zu jeder Zeit Rechenschaft abzulegen hatten. Auch das bewusste missachten des Hausverbotes gehörte zum Repertoire.
Repräsentativ an diesem Beispiel ist, dass nicht nur das Täterumfeld auf klassische Art und Weise reagierte, sondern auch Andere. Der Vorfall und das Plakat wurden entpolitisiert und inhaltlich verdreht. Das Täterumfeld versuchte den Vorfall auf eine persönliche Ebene zu reduzieren, ein „Privatkonflikt“ wurde dingfest gemacht, wodurch das Geschehene verharmlost wurde: „Er ist doch so nett – Er hat es gar nicht so gemeint“ oder „Das ist an dem Abend blöd gelaufen…“. Die Täterperspektive wurde zum Gegenstand der „Auseinandersetzungen“. Die Intervenierenden mussten sich immer wieder rechtfertigen und wurden dadurch unter Druck gesetzt.
Gerade auch im Szenetratsch dominiert die Täterperspektive und das Nicht-Verhalten und bedrängt die Betroffenen und die, die sich in antisexistische Praxis üben.
Hausverbote oder Rausschmisse stellen eine effektive Möglichkeit dar, ein antidiskriminierendes Selbstverständnis aufrecht zu erhalten und zu verteidigen.

Die Situation in unserer Stadt ist typisch dafür, dass keine inhaltliche Auseinandersetzung über Sexismus stattfindet, sondern ein konstruierter, privater „Streit“ in den Mittelpunkt gerückt wird. Eine kritische Reflexion der Geschehnisse, von Seiten des Täterumfeldes, blieben bisher aus.
Über die Bedeutung der sexistischen Vorfälle scheint es, sowohl im Täterumfeld als auch in der Kleinstadtszene, kaum differenzierten Auseinaderseztungen gegeben zu haben. Ständiges über-das-Hausverbot-reden und wie ungerecht dieses sei, steht vielmehr im Fokus der Auseinandersetzung. Die Problematik des Geschehenen wird durch die Verdrehung der Tatsachen herunter gespielt.

Es wird wieder einmal sichtbar, dass Antisexismus – wenn überhaupt – nur als politisches Label existiert. Dies bedeutet auch, dass die meisten (Kleinstadt-)Gruppen und politischen Räume das Thema nicht wahrnehmen und keinen Praxisbezug zu ihrem „antisexistischen“ Selbstverständnis haben.

Gegegn diesen Normalzustand!

Die „wichtigen“ Diskussionen über die neueste Marxismusauslegung, den nächsten Naziaufmarsch oder den letzten antideutschen/antiimp Flyer finden in der Polit-Gruppe oder an der Uni statt. Sexismus wird meistens während der „Freizeit“ von Einzelpersonen thematisiert – in den Gruppen ist dafür kein Platz. „Das Private ist politisch“ ist als Slogan bekannt, jedoch scheint es in so vielen Situationen kaum kritische Auseinandersetzungen mit dieser Aussage zu geben. Hinter dem „Privaten“ scheint ein „Privateres“ zu existieren. Gerade in dieser Sphäre ‚passiert’ Sexismus und wird außerhalb einer kritischen Analyse und jeder politischen Dimension verortet.
Das Problem der Nicht-Auseinandersetzung mit sexistischem Verhalten zeigt sich dann in der Kneipe, bei Partys und anderen Freizeitevents durch ein Nicht-Verhalten gegenüber sexistisch Handelnden. Allen Personen in einem linken Raum ist klar, wie sie reagieren, wenn ein Verbindungsstudent auftaucht. Aber bei einer Person aus dem „linken“ Kontext, die für sexistische Statements oder Vorfälle bekannt ist, ist ein Nicht-Reagieren zu beobachten.

Wer schweigt stimmt zu!

Sexistisches Verhalten muss als solches identifiziert, thematisiert und angegriffen werden, ohne dabei das große Ganze – den sexistischen Normalzustand – aus dem Blick zu verlieren. Das Problem ist ein strukturelles und bedarf eingehender Selbstreflexion, was sowohl Einzelne betrifft, als auch „die Szene“. Es sollte nicht allein Aufgabe weniger, engagierter Personen sein, auf Missstände und -verhältnisse aufmerksam zu machen, sondern im Interesse aller liegen, dass sich eine antidiskriminierende und respektvolle Praxis zum (linken) Normalzustand entwickelt.
Es ist notwendig eine Diskussion über sexistisches Verhalten zu führen und einen solidarischen Umgang mit Betroffenen zu praktizieren. Fight back!


2 Antworten auf “No Peace with Sexism”


  1. 1 No Peace with Sexism / AS.ISM 3 « lisa2 Pingback am 23. Juli 2008 um 19:18 Uhr
  2. 2 Auf der Hanfplantage Trackback am 14. August 2008 um 16:46 Uhr
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