Von Gewissheiten und Spielregeln

von Desperados Berlin

Eigentlich war es ein Freitagabend wie viele andere auch. Christian war mit einigen seiner Leute auf eine Party gegangen, hatte getrunken, getanzt und Gespräche über die am Sonntag bevorstehende Anti-Nazi- Demo geführt. Als es schon spät wurde und die meisten seiner Leute gegangen waren, kam er mit Tina, die er flüchtig aus dem FreundInnenkreis kannte, ins Gespräch und es war schnell klar, dass ein beiderseitiges Interesse bestand, den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Also gingen die beiden gemeinsam zu Tina. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass Christian eine Party in Begleitung verließ, war er doch etwas aufgeregt, denn Tina gefiel ihm schon seit längerem wirklich gut.
Bei Tina angekommen ging es schnell zur Sache.
Nach einiger Zeit, in der auch schon einige Kleider ausgezogen wurden, so dass die beiden fast nackt und sichtlich erregt waren, fragte Tina Christian, ob er mit ihr schlafen wolle. Als dieser bejahte, griff Tina in die Schublade ihres Nachttischs.
Doch statt des von Christian erwarteten Kondoms, was, wie Christian aus Erfahrung wusste, an dieser Stelle meist zum Vorschein kommt, hielt Tina einen beachtlichen Dildo zum Umschnallen in der Hand.
Christian erschrak. Was hatte das zu bedeuten? War ihr etwa sein Penis nicht groß genug? Bevorzugte sie tatsächlich einen Dildo? Verunsichert und auch ein wenig gekränkt schaute er Tina fragend an (im Bett über Sex sprechen war noch nie Christians Stärke gewesen).
Erst als Tina begann, sich selbst den Dildo umzuschnallen, begann Christian langsam zu begreifen. „Keine Sorge, ich werde ganz vorsichtig sein“, sagte Tina lächelnd: „Beim ersten Mal tut es immer ein wenig weh“.

Der Sex zwischen Männern und Frauen kennt verschiedene Variationen, vom Oralsex über unterschiedliche Positionen, die spätestens mit dem ersten Blick in die BRAVO bekannt sind.
Eine Komponente scheint hierbei jedoch unhinterfragt und für alle Beteiligten von vornherein festzustehen: Wer dringt ein, und in wen wird eingedrungen?
Was würde sich ändern, wenn auch diese Rollen beim heterosexuellen Sex zur Verhandlung stehen und die alten Selbstverständlichkeiten nicht mehr so sicher erscheinen würden? Auch Männer mal die Erfahrung machen würden, penetriert zu werden, wodurch ihnen auch mal die „andere“ Seite zukommen würde? Und Typen auch damit rechnen müssten, darauf angewiesen zu sein, dass die Frau vorsichtig und sensibel ist. Würde sich das Wissen darüber, dass Sex nicht unbedingt nach dem üblichen Schema und den gewohnten Rollenverteilungen ablaufen muss, nicht auch auf die vorhergehenden Anmachrituale auswirken?
Was würde sich ändern, wenn im Club noch nicht klar ist, wer hier später wen fickt? Welche Rollenerwartungen knüpfen sich an das „Eindringen“ ? Wieso ist er meist der, der sie „rumkriegen“ muss, oder hat sie oft gleich den Eindruck, dass es ihm nur um „das Eine“ geht? Gerade, wenn man sich nicht gut kennt und unsicher im Umgang miteinander ist, passt es gut, wenn die Abfolge von Knutschen, Fummeln und miteinander schlafen, beiden irgendwie klar ist. Letztendlich erzeugt dieses Schema aber auch den Druck, alles andere was möglich ist, auszublenden. Dass er zum Beispiel eigentlich lieber kuscheln will oder sie Lust auf eine etwas andere Rolle hat, als die gemeinhin erwartete.
Natürlich hängt am Sex nicht die ganze Welt, auch wenn das manchmal gern behauptet wird. Die bestehenden Geschlechterverhältnisse ändern sich mit Sicherheit nicht allein durch unkonventionelle Sexualpraktiken. Und doch hätte ein Umdenken in solchen bisweilen meist unangetasteten Sphären des Alltags womöglich nicht ganz unbedeutende Folgen für die Geschlechterpraxis und könnte dem all umfassendem Heterosexismus ein ganzes Stück an Dominanz nehmen.

Drei Monate später verließ Christian eine Party wieder in Begleitung, diesmal war es Gaby.
Bei Gaby angekommen ging es schnell zur Sache.
Nach einiger Zeit, in der auch schon einige Kleider ausgezogen wurden, beide sichtlich erregt waren, fragte Gaby Christian, ob er mit ihr schlafen wolle.
Als dieser bejahte, griff Gaby in die Schublade ihres Nachtschranks. Erwartungsvoll beobachtet Christian sie dabei. Zu Christians Enttäuschung war es diesmal jedoch nur ein Kondom, das zum Vorschein kam.