Auswertungsbericht der Antisexist Contact and Awareness Group

von Contact and Awareness Group

Die Idee, eine Antisexist Contact and Awareness Group im Kontext der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 zu organisieren, entstand im Sommer 2006. Zunächst getragen von einer Handvoll Leuten, die sich zum einen in den Strukturen der Protestvorbereitung und zum Anderen in antisexistischen Initiativen verorteten, wuchs die Gruppe bis zum Gipfel auf etwa 50 Personen an. Koordiniert wurde die Vorbereitung über Kleingruppen, die in Berlin, Bremen, Münster und Rostock aktiv waren und von Einzelpersonen zum Teil international unterstützt wurden. Die konkrete Vorbereitung lief dann über mehrere gemeinsame Treffen und Vorbereitungs- und Einführungsworkshops.
Eine Antisexist Contact and Awareness Group war aus verschiedenen Perspektiven sinnvoll und notwendig. So konnte einerseits auf diverse Erfahrungen und Erfolge von ähnlichen Ansprechgruppen zurückgegriffen werden (Antirassistische Grenzcamps, AutoOrga) und zum anderen war der Mangel einer solchen Struktur sowie der zugehörigen Themen in der breiten Mobilisierung zum G8-Gipfel deutlich geworden. Sexismus und sexualisierte Gewalt – gerade auch als Konflikte innerhalb von Bewegungen – waren bis dahin in den Mobilisierungszusammenhängen kein sichtbares Thema gewesen. So ist die allgemeine Fokussierung auf den „großen Gegner“ (indiesem Fall die G8) nicht selten ursächlich für die Formation einer vermeintlich homogenen Bewegung, in der die inneren Widersprüche, Konflikte und Gewaltverhältnisse zwischen den Aktivist_innen aus dem Blick geraten können. Gerade in Bewegungen, die sich selbst einen emanzipatorischen Anspruch verleihen, erscheint es uns zentral, sich es nicht mit der alleinigen Bezugnahme auf einen äußeren Gegner „einfach“ zu machen. Wir wollen Strategien und Praxen entwickeln, die den Machtverhältnissen, die in unsere Strukturen und durch uns hindurch wirken zu Sichtbarkeit verhelfen und möchten Konflikträume aktiv herstellen. Den vorhandenen Ausschlüssen und der Nicht-Sichtbarkeit dieser Konflikte sollte die Antisexist Contact And Awareness Group etwas entgegen setzen: so also zum einen einen konkreten Raum eröffnen, in dem Betroffene von Sexismus und sexualisierte Gewalt Schutz und Unterstützung finden und zum anderen den Themen Sexismus und sexualisierte Gewalt innerhalb der Proteststrukturen eine Präsenz verschaffen. Wir haben uns also nicht nur als Anlaufstelle verstanden, die eine Art „Dienstleistung“ an der Bewegung ausübt, sondern wollten mit unserer Präsenz aktiv intervenieren und die entstandenen Räume in Reddelich, Rostock etc. sensibilisieren. Daher Contact AND Awarenessgroup.

Contact

Auf der Grundlage unseres gemeinsam erarbeiteten Konzeptes (URL) waren wir rund um die Uhr auf dem Camp Reddelich und über zwei Telefonnumern ansprechbar. Wir hatten uns über die zum Teil schon vorab in den Städten gegründeten Kleingruppen in Schichten aufgeteilt und versuchten gemeinsam den verschiedenen Herausforderungen der Arbeit gerecht zu werden. Es galt, neben der Unterstützung der Betroffenen, der emotionalen Belastung der Unterstützenden gerecht zu werden, fachliches „Backup“ zu organisieren wenn unsere Kompetenzen nicht ausreichten und den unterschiedlichen Kenntnisständen und Erfahrungen innerhalb der Gruppe gerecht zu werden. Natürlich konnte kein stimmiges und perfekt funktionierendes Konzept entworfen werden, dass permanent alle Möglichkeiten, Risiken und Kompetenzen harmonisch organisert. Improvisation und eine eher „allgemeine Bereitschaft“ kennzeichneten die Arbeit. Wir konnten aber eine durchgängige Ansprechbarkeit organisieren und auf Fälle und Betroffene eingehen.

Unsere Arbeit auf dem Camp umfasste:
Unterstützung in Fällen von sexualisierter Gewalt und Übergriffe mit körperlicher Gewaltanwendung,
Anfragen an uns im Vorfeld und während des Protestes, Schutzraumforderungen von Betroffenen durchzusetzen bzw. zu unterstützen,
Unterstützung und Auffangen in Fällen von verschiedenen Betroffenheiten (durch Sexismus, Transphobie),
Unterstützung von psychisch instabilen Personen in Zusammenhang mit Traumatisierung in Bezug auf Sexismus und Gewalterfahrungen,
Unterstützung von Gefangenen auch in Bezug auf Sexismus und Androhung von sexualisierter Gewalt in der GeSa
Beratung zu Möglichkeiten der Aufarbeitung der eigenen Geschichte und Austausch über erlebte Sexismen und sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit
Beratung in Bezug auf Handlungsmöglichkeiten in privaten Beziehungen, um Grenzen nicht zu überschreiten und/oder um nicht zum Täter zu werden,
Beratung von transidentitären Personen im Falle von Marginalisierung und Diskriminierung.

Desweiteren suchten einige den Kontakt zu uns, um durch den Austausch mit Gleichgesinnten eine Stärkung zu erfahren, andere nutzten den Ruhe- und Rückzugsraum des Safer Spaces.
Wir wurden wegen Problemen bezüglich der Duschen angesprochen (Bedürfnis Duschzeiten für Transgender und Intersexpersonen einzurichten, Gaffer während der Frauenduschzeit, Probleme während des Übergangs von Frauen- zur Männerduschzeit, wie z.B. aggressives Auftreten von angezogenen Typen gegenüber ausgezogenen Frauen). Ein weiterer Anlass zu dem wir um Unterstützung gebeten wurden war die Auseinandersetzung um Macker-Militanz-Gebaren im Bereich Campsicherung/Verteidigung.
Dass wir ca. 40 Personen waren, die auch nicht immer komplett anwesend waren, reichte gerade so für die Besetzung der Schichten; einige mehr wären sicher hilfreich gewesen um beispielsweise die Präsenz auf den Camps verstärken zu können. Wir hatten wenig Probleme in der Durchsetzung der Betroffenenperspektiven gegenüber den Proteststrukturen und waren auch erfreut über das positive und unterstützende Feedback, das wir während dem Camp erhalten haben und können ein positives Fazit bezüglich Akzeptanz und Unterstützung unserer Arbeit ziehen.
Es haben sich aber innerhalb unserer Gruppe Dynamiken entwickelt, die uns deutlich gemacht haben, dass es für Einzelpersonen schwierig ist, ohne Weiteres an der alltäglichen Contact Arbeit mitzumachen. Wir hatten versucht über das tägliche Plenum Probleme zu besprechen und uns zu koordinieren. Herausgestellt hat sich aber, dass vor allem die Kleingruppen der Ort der Reflektion waren und emotionale Belastungen vor allem dort aufgefangen wurden. Das war insofern schlecht, als wir unserem Anspruch auch für Einzelpersonen offen zu sein und möglichst viele Aktivist_innen in die Arbeit zu integrieren nur begrenzt gerecht werden konnten, da sich die Kleingruppen zum größten Teil schon vorab gefestigt hatten. Hier erscheint es sinnvoll in zukünftigen Projekten einen stärkeren Fokus auf funktionierende Klein- oder Bezugsgruppen und die stärkere Trennung von Contact und Awareness zu setzen, um Strukturen zu schaffen, die die Mitarbeit von Einzelnen ermöglichen. Außerdem ist deutlich geworden, dass eine Anbindung an fachliches „Backup“ und Klarheit über die Grenzen der Unterstützungsangebote nötig war und gut organisiert werden musste, um Fälle, die nicht mehr unterstützt werden können auch weitergeben zu können: also Kontakte zu (Frauen-)Beratungsstellen, zu guten Ärzt_innen und event. psychiatrischen Notdiensten oder/und Alternativen im Vorhinein klar zu haben und auch abzusichern. Unserer eigenen Erfahrungen auf dem Camp haben gezeigt, dass es sinnvoll ist auch schon im Vorhinein eine politische Position zu Psychiatrie und ähnlichen „staatlichen“ Strukturen zu entwickeln, um als Gruppe einen eindeutigen Umgang zu finden.

Awareness

Ein auffälliges und wiederkehrendes Erlebnis während und nach dem Camp war die ständige Nachfrage von Aktivist_innen aus verschiedensten Kontexten „ob denn was bei uns los ist, oder ob wir denn nun jetzt wirklich Fälle haben? In unseren Augen zeigt das recht deutlich, was der Effekt einer Awarenessgroup in Kontexten, wie dem G8-Gipfel sein kann: So wird zum einen das Thema und die Möglichkeit von „Fällen“ plausibel und die Antisexist Contact and Awareness Group bildet einen Ort, an dem diese Möglichkeit symbolisiert wird, der angesprochen und bei dem nachgefragt werden kann.
Wir thematisieren aber keine konkreten Fälle. Und die Existenz einer allgemeinen Neugier bezogen auf Falldetails zeigt auch, dass ein konsequent politischer Umgang mit Sexismus und sexualisierter Gewalt (die auch vor den Zäunen und Barrikaden der Camps nicht halt machen), nach wie vor nicht selbstverständlich ist. Mit unserem zweiten Schwerpunkt auf „Awareness“ gegenüber Sexismus und sexualisierter Gewalt haben wir versucht auf diesem Gebiet zu intervenieren.
Neben der Organisation des konkreten Schutzraumes, der Schichteneinteilung und dem Bereitstellen einer funktionierenden Infrastruktur galt es eben auch unsere Arbeit publik zu machen. Zum einen natürlich um unsere Telefonnummern, unseren Ort und die Grundlage unserer Arbeit den potentiell Betroffenen zugänglich zu machen, zum anderen aber um das Thema und unseren Umgang damit (Definitionsmacht) in den allgemeinen Protest zu integrieren und die Debatte anzustoßen. So haben wir neben Kontakt-Flyern auch einen Reader mit unserem Konzept in hoher Auflage (dreisprachig) verteilt und neben den Kontakt-Plakaten auch eine Neuauflage der „Nein-heisst-Nein“- Plakate (URL) in mehreren Sprachen weit verbreitet. (Die Öffentlichkeitsarbeit nach dem Gipfel in Bezug auf Sexismus und Androhung von sexualisierter Gewalt in der GeSa gehört hier auch dazu.) Schließlich verstehen wir unsere bloße Präsenz in der Vorbereitung der Proteste und schließlich auf dem Camp in Reddelich als Teil eines sensibilisierenden Effektes. Es ging also nicht nur darum, einfach im konkreten Fall präsent zu sein, sondern eine allgemeine Sichtbarkeit des Themas herzustellen, um konkrete Fälle von vorne herein stärker zu vermeiden. Das haben wir unter Awareness verstanden und war ein zentraler Effekt unserer Arbeit vor und auf dem Camp. Doch auch hier mussten wir feststellen, dass eine bessere und gründlichere Organisation und Koordination mit anderen Proteststrukturen der Materialverbreitung nicht geschadet hätte. Teilweise sind Kisten an den Infopunkten nicht verteilt worden und in bestimmten Bereichen der Proteste waren wir sicher auch gar nicht präsent. Dennoch haben wir mehrfach das Feedback bekommen, gehört, gelesen und diskutiert zu werden und hoffen Anregungen gegeben zu haben für weitere Contact- and Awareness Groups und hoffen auf spannende Debatten.


1 Antwort auf “Auswertungsbericht der Antisexist Contact and Awareness Group”


  1. 1 Utopie und Verantwortung oder Permanent dieselbe Scheiße: Die Herausforderung von Hausbesetzungen im Umgang mit Sexismus und Grenzüberschreitungen « Unterstützer_innengruppe DEFMA Pingback am 17. Februar 2013 um 23:09 Uhr
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