Zwischen Anti-Feminismus und Neoliberalismus

von AG C-K HAMBURG

Anlass für diesen Text bilden anti-feministische Stimmungen und Aktionen, wie sie in der linken Politszene und angrenzenden Subkulturen immer wieder auftauchen und (anscheinend?) vermehrt Verbreitung und Zustimmung finden. Dieses Phänomen eines offenen und gezielten Anti-Feminismus findet sich mittlerweile in Szene-Veröffentlichungen (z.B. Zeck 142, “Jetzt Gilt’s”), aber auch auf allen anderen Ebenen der “Szene” (z.B. systematisches Entfernen von “Nein heißt Nein”-Plakaten und –Sprühereien im Hamburger Karo-Viertel innerhalb weniger Stunden im März 2008 usw.) und natürlich im WorldWideWeb.
In diesem Zusammenhang tauchen die immer wieder ähnlichen anti-feministischen Floskeln und Parolen auf, verbunden mit Vorstellungen über sexualisierte Gewalt, Feminismus etc., die aus der (rechten) Mitte der Mehrheitsgesellschaft bekannt sind.
Da diese Plattheiten als “Meinungen” in die Szene getragen werden, müssen sie entsprechend diskutiert werden. Auch hier ist nichts wirklich neu, denn es sind die immer selben Zetereien mit denen sich Leute auf die Füße getreten fühlen, wenn es um ihre Privilegien geht – das immer gleiche Gerede um vermeintliche Tabubrüche und PC-Spielverderber. Dahingehend wollen wir uns noch mal kurz mit den Fragen um vermeintlichen PC- bzw. Feministenterror, Spaßverderber und Vorstellungen von Sexualität befassen.

Argumente?
Verkürzt sieht die Argumentation meist ungefähr so aus: “Antisexismus ist wichtig und notwendig, aber ist der konkrete Vorwurf tatsächlich berechtigt oder eventuell falsch? Das Prinzip der Definitionsmacht geht eindeutig zu weit: Es besteht die Gefahr des Missbrauchs, der Willkür. Eine (nicht weiter definierte) objektive Instanz muss her, der Täter darf nicht stigmatisiert und bestraft werden usw.”
Zunächst wird (scheinbar) auf antisexistische Forderungen eingegangen, um im Anschluss daran deren Grundlagen, nämlich die Definition des konkreten Vorfalls im Speziellen sowie ganz generell das Konzept der Definitionsmacht, in Frage zu stellen. Eventuelle Forderungen und mögliche Konsequenzen werden so faktisch ausgehöhlt und unmöglich gemacht.
Gegenkonzepte oder alternative Entwürfe folgen diesen Argumentationen in aller Regel nicht. Bestehende Gewaltverhältnisse werden hierbei nicht nur weiterhin akzeptiert, sondern vielmehr aufrechterhalten und verteidigt.
In diesem Zusammenhang wird häufig ein Zustand imaginiert, in dem ein selbstermächtigtes, allmächtiges, feministisches Szene-Gericht (gerne gezogener absurder und perfider Vergleich: Hexenjagd, Inquisition – eigentlich geschichtliche Beispiele eben für die gewaltsame Verfolgung und Unterdrückung von Frauen innerhalb der Gesellschaft) willkürlich über das Leben zu unrecht stigmatisierter Täter entscheidet und richtet, die keinerlei Möglichkeit der Verteidigung mehr hätten und deren Leben zerstört würde… dass in der Realität meist nicht der Täter sondern die Betroffene sich aus Zusammenhängen zurückziehen muss, bleibt vollkommen unbeachtet.
Überhaupt zeichnen sich diese Argumentationen in den meisten Fällen dadurch aus, dass sie (mehr oder weniger offen) lediglich eine Täter-Perspektive thematisieren, Versionen von Vorfällen aus dem Täter-Umfeld als Maßstab nehmen und auf die Situation des Täters hinweisen. Die Situation von Betroffenen wird meist nicht nur ignoriert, sondern häufig werden deren Bedürfnisse sogar bewusst übergangen oder angegriffen (z.B. durch Verbreitung der Täterversion des Geschehenen oder durch Nennung des Namens der Betroffenen und ähnliches – alles Faktoren, die für Betroffene eine uneingeschränkte Nutzung politischer Strukturen und Räume verunmöglichen).

Anti-PC-Diskurse
Neben diesem einseitigen Bezug auf Täter-Perspektiven zeichnen sich diese Argumentationen durch eine Tabubruchrhetorik aus: Antisexistischen beziehungsweise feministischen Positionen wird eine hegemoniale Vormachtstellung innerhalb der Linken zugeschrieben, die durch tabuisierende Dogmen (z.B. Definitionsmacht) und repressive Gewalt (z.B. Schutzraumforderungen oder Ausschlüsse) die Szene terrorisieren.
Der Witz hierbei ist, dass auch dies bereits seit Jahren in der guten, soliden Mitte der Gesellschaft praktiziert wird. Dieser Anti-PC-Diskurs, der immer ganz explizit anti-feministisch ist, findet sich vom Stern bis zur Zeit, aber eben auch in relativierter Form in der TAZ. Hier geht es dann zwar nicht um die Definitionsmacht (fraglich, ob der Begriff in diesen Kreisen überhaupt mit antisexistischer Praxis in Verbindung gebracht wird…), aber um Fragen der Gleichstellung von Frauen und Männern. Oder, genauer gesagt darum, dass Frauen in vielen Bereichen bereits längst die Vormachtstellung inne hätten und somit die Männer die Benachteiligten und Unterdrückten wären, sei es im Arbeitsleben oder im privaten beziehungsweise familiären Umfeld.
Kurz: Antisexismus und vor allem Feminismus seien nicht nur rückschrittig, sondern vielmehr dogmatisch und anti-emanzipatorisch, während die eigene Position (also eine Infragestellung/Kritik/Angriff dieser) aus einer unterlegenen Position heraus als tatsächlich emanzipatorisch oder noch besser: rebellisch dargestellt werden kann. Bei dieser Art der Argumentation werden reale Machtverhältnisse schlicht ausgeblendet beziehungsweise umgedreht, Täter/Opfer-Umkehrungen ermöglicht sowie antisexistische und feministische Positionen diskreditiert und lächerlich gemacht.
Die Diskreditierung von Feminismus ist von je her als gesamtgesellschaftliches Phänomen bekannt. Alle, die sich auf Feminismus beziehen, werden als verklemmt, gestört, verrückt usw. abgestempelt, so dass inhaltliche und politische Argumente nicht weiter beachtet werden müssen.

Subkultur und Neoliberalismus
Vielen geht es darum, eigene Interessen, vornehmlich den eigenen Lebensstil, zu verteidigen. Antisexistisches Handeln steht dem offenbar gängigen Lebensideal im Kapitalismus entgegen: Unverbindlichkeit, Schnelllebigkeit, sofortige Bedürfnis-Befriedigung, die Suche nach dem nächsten schnellen Kick, kurz: das kapitalistische Freiheitsverständnis schlechthin.
Innerhalb der “Szene” läuft häufig ähnliches, hier aber vor dem Hintergrund einer rebellischen Attitüde und dem Wunsch, auf der vermeintlich moralisch richtigen Seite zu stehen. (Dass eine rebellische Attitüde nicht gleich emanzipatorisch ist, dürfte klar sein.) Antisexistische oder feministische Forderungen stören diese Identität, da die sonst üblichen einfachen schwarz-weiß Bilder und Grenzziehungen (wie z.B. WIR gegen den bösen Staat, die blöden Bullen, die Scheiß-Nazis, die dummen Spießer usw.) nicht mehr so einfach funktionieren. Plötzlich selbst gefordert zu sein, das eigene Verhalten, den eigenen Beitrag zu den bestehenden Verhältnissen, die schwierigen und komplexen Verwicklungen und Widersprüche zu erkennen und einen Umgang damit zu finden, fordert und überfordert anscheinend viele. Anstatt sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, werden lieber die politischen Inhalte und Forderungen zum Problem erklärt. Somit werden nicht mehr die patriachalen Strukturen zum Problem, sondern die, die sie bekämpfen.
Auch Sexualität wird vor diesem Hintergrund eines vermeintlichen Freiheitsverständnisses verstanden und gelebt. Denn Sexualität findet in keinem herrschaftsfreien Kontext statt, sondern vollzieht sich immer vor dem Hintergrund komplexer patriachaler und kapitalistischer Strukturen. Die Gleichung Anti-Sexismus=Anti-Sex=Anti-Spaß=Verbot=Repression=Anti-Emanzipatorisch macht mittlerweile einen exemplarischen Kernbereich neoliberaler Ideologien aus. Diese zeitgeistgeladenen Selbstbewußtseinskulte und das unermüdliche Postulieren der eigenen Unbeugsamkeit (nach der Marke “Ich will meinen Spaß und lass mir gar nichts sagen – weder von Eltern, vom Staat, von Linken und schon gar nicht von Feminist_innen”) äußern sich auf vielfältige Weise. Zu dieser Einstellung passt es dann eben auch, sich gegen die vermeintliche Vormachtstellung “konservativer” Dogmen und Tabus (z.B. Definitionsmacht) durchzusetzen und somit den eigenen Status als “fortschrittlicher Rebell” zu untermauern. Unter diesen Vorzeichen ist es auch nicht mehr verwunderlich, wenn einige ihre, aus entsprechenden Widersprüchen resultierenden Konflikte durchzuprügeln versuchen.

Und das bezieht sich nicht nur auf männlich-sozialisierte Menschen. Antifeminismus und Anti-Antisexismus sind keine reinen Männer-Domänen. So wird z.B. gerne der Vorwurf erhoben, dass einige wenige (verrückte) Feministinnen (und ihre unterwürfigen Antipat-Jüngelchen) lediglich Identitätspolitik zur eigenen Profilierung betreiben würden, welche aber gar nicht von allen Frauen gewollt wird. Denn in einer Gesellschaft, egal ob Restgesellschaft, subkulturelle Party-Szene oder sonst wo, in der der entscheidende Faktor zum Erfolg in der eigenen Stärke, dem eigenen Selbstbewusstsein gesehen wird, wird auch von jeder einzelnen Person erwartet, sich selbst gegen den dummen Spruch, die blöde Anmache/Angrapsche zur Wehr setzen zu können. Nicht die Anmache wird so zum Problem, sondern der eigene Umgang damit.
In diesem Zusammenhang spielt die eigene Identität, die plötzlich in Frage gestellt wird, eine große Rolle: dem eigenen Selbstbild der starken, unabhängigen, schlagfertigen (kurz: modernen) Frau scheinen antisexistische oder noch schlimmer feministische Forderungen entgegen zu stehen, da diese häufig mit Schwäche, Opfer und Minderwertigkeit assoziiert werden. Wenn Betroffene erlebte Gewalt thematisieren, wird das von vielen als Gleichnis für persönliches Versagen angesehen (“Selbst schuld!”).

Netzwerke oder Seilschaften?
Die häufig zurechtgezimmerte Identität liegt irgendwo zwischen gesellschaftlicher Underdog und szene-interner erfolgreicher Kleinunternehmer_in, sei es als DJ, über die Band, die Kneipe, die Konzert-Gruppe, den Szene-Laden oder die Polit-Gruppe. Auf dieser Identität beruht oft die gesamte Lebensführung und -planung, bis hin zu existentiellen Angelegenheit wie Wohnort, Lebensunterhalt und soziale Beziehungen. Szene-interne Netzwerke stellen somit nicht nur politische Strukturen dar, sondern häufig auch Seilschaften zur Sicherung des eigenen Lebensstils und -unterhalts, in der neben Zeit und Energie auch ganz banal Geld steckt. Hieraus resultieren nicht nur vermeintliche Gegenentwürfe zur bösen kapitalistischen Gesellschaft, sondern auch Abhängigkeiten untereinander. Wer mit wem zusammenarbeitet, kooperiert usw. wird dann oft nicht mehr auf politischer Ebene entschieden. Differente Ansichten werden vielleicht zugunsten des guten Kontaktes nicht geäußert oder zur Disposition gestellt, um sich selbst keine Probleme zu schaffen.
Beispielsweise Vergewaltigungsveröffentlichungen führen jedoch in aller Regel zu Konflikten und häufig zu Abgrenzungen voneinander, was unter den beschriebenen Vorzeichen unweigerlich zum Problem werden muss. Nach demselben Prinzip werden auch Nischen, Zusammenhänge und der eigene Lifestyle verteidigt, mit denen mensch es sich im Kapitalismus für wenig Geld ganz nett eingerichtet hat. Die im Kontext konkreter Vorfälle sexualisierter Gewalt von vielen heraufbeschworenen und befürchteten Szenarien von Separierungen innerhalb der politischen und subkulturellen Szene halten wir daher nicht nur für unvermeidlich, sondern für offensichtlich längst überfällig. Denn wo es keinen gemeinsamen kleinsten Nenner gibt, da gibt es eben auch kein “zusammen” oder “gemeinsam” mehr.

Fazit
Die hegemonialen Machtverhältnisse sind nach wie vor alles andere als antisexistisch, da macht auch die radikale Linke und schon gar nicht irgendeine Subkultur eine Ausnahme. Ganz im Gegenteil finden sich gerade innerhalb der “Szene” zunehmend offen anti-feministische, reaktionäre Stimmen, deren Argumente konservativen oder rechtspopulistischen Ideologien entlehnt sind. Denn auch wenn anti-feministische Stimmungsmacher gerne einen Zustand herbei imaginieren, in dem feministische Dogmen die Szene terrorisieren würden, sieht die Realität anders aus.
Gerade die an Feminismus und Anti-Sexismus immer wieder kritisierte “dogmenhafte” Forderungshaltung entspringt doch gerade der Tatsache, dass in der Realität offensichtlich große Teile der Szene nicht bereit sind, sich mit Sexismus, eben auch gerade dem eigenen, auseinanderzusetzen, geschweige denn, in die eigene Lebenspraxis zu übernehmen. Sexismus ist nach wie vor ein marginalisiertes Thema, der berühmte “Nebenwiderspruch”. Sexismus wird erst zum Thema, wenn es um einen konkreten Vorfall geht. Dann sind jedoch politische Argumente bereits verbunden mit persönlichen Ebenen, so dass die politische Auseinandersetzung meist in eine sehr persönliche und emotionale abdriftet. Die Anerkennung der Definitionsmacht ist dann keine politische Entscheidung mehr, sondern eine persönliche. Nicht der eigentliche Konflikt und die darum kreisende politische Diskussion werden zum Thema, sondern die daraus resultierenden Konsequenzen. Wer nur im eigenen Interesse die Konsequenzen einer Auseinandersetzung fürchtet, ist eigentlich schon nicht mehr zugänglich für Argumente einer politischen Diskussion und wird sich erst einschalten (und dann entsprechend vehement), wenn Konsequenzen eingefordert werden.

Hamburg im März 2008