Queering Intimate Violence — Antisexistische Praxis gegen Gewalt im queeren Kontext

von TAM

Oft wird in der Linken Antisexismus als politische Praxis gedacht, die sich gegen patriarchale und implizit heterosexistische Strukturen richtet. Queer erscheint dagegen als „alternative und bessere Welt“, in der keine Übergriffe geschehen, kein Sexismus existiert, da wir ja Geschlecht dekonstruieren. Zugegeben, die Aussage ist etwas zugespitzt, aber trotzdem prägen diese Bilder immer wieder sowohl heteronormative, antisexistische Praxis als auch queere Räume.

Definitionsmacht, Parteilichkeit und Schutzraumpolitik sind immer wieder angewandte Praxen in Teilen der Linken. Diese antisexistischen Interventionspraxen werden jedoch zumeist in heteronormativen Kontexten gedacht und verhandelt. Dagegen gibt es keine/kaum Auffangstrukturen für queere Betroffene von Gewalt – wir kennen keine öffentlichen Räume oder Ansprechpersonen/-gruppen, die sich bisher mit diesem Thema explizit beschäftigt haben. Aufgrund dieser Situation stellen sich einige grundsätzliche Fragen: Welche Formen von queerer Gewalt gibt es? Existieren Unterschiede zu heterosexueller Gewalt? Und wie könnte eine politische Praxis in queeren Räumen aussehen?

Wer ist TAM?
Wir sind eine Gruppe, die sich über die Auswertung einer spontanen Aktion zum Thema Grenzen letztes Jahr in Berlin zusammengefunden hat. In der damaligen Situation waren wir mit wenig Erfahrung und vielen Schwierigkeiten mit antisexistischer Praxis bezüglich queerer Räume konfrontiert. Daher beschlossen wir, eine Gruppe zu dieser Thematik zu gründen. Wir kommen aus verschiedenen Kontexten (wir sind alle FrauenLesbenTrans) und haben bereits unterschiedliche Auseinandersetzungen zu dem Thema (sexualisierte) Gewalt geführt. Deshalb sind Begriffsklärungen und ein allgemeines Verstehen von „Wovon reden wir eigentlich?“ und „Wo wollen wir hin?“ nach wie vor Teil unseres Prozesses.
Seit unserem ersten Treffen begleitet uns eine Vielzahl von Fragen: Gibt es Unterschiede zwischen antisexistischer Praxis im heterosexuellen und im queeren Kontext? Was ist, wenn keine Geschlechterhierarchie gegeben ist, die patriarchale Sozialisation verschwimmt und somit das Prinzip der Parteilichkeit an seine Grenzen stößt? Was ist, wenn die Konstellation laut Definitionsrecht keine klare Einteilung in betroffene und gewaltausübende Person zulässt? Und wie könnte ein politisierter Umgang mit der gewaltausübenden Person aussehen?
Uns geht es dabei nicht darum, Definitionsmacht, Parteilichkeit oder
Schutzraumpolitik in Frage zu stellen. Wir halten diese für wichtige
und notwendige Konzepte und positionieren uns in den Auseinandersetzungen
um Definitionsmacht klar auf der Seite der Befürworter_innen. Trotzdem begegnen
uns immer wieder Situationen im queeren Kontext, in denen eine
Anwendung der Konzepte kompliziert ist. Wie zum Beispiel damit umgehen, wenn beide
Partner_innen in einer queeren Beziehung Gewalt erfahren? Oder wenn eine Person in einem Fall Betroffene_r ist und in einem anderen Gewaltausübende_r? In solchen Fällen löst sich Definitionsmacht nicht auf, aber Parteilichkeit wird unklar.

Wie definieren wir Gewalt?
Bitte beachte vor dem Lesen, dass dich der Text (insbesondere der Abschnitt zu Gewalt und unser Fragenkatalog) potentiell überfordern oder sogar triggern kann (heftige Erinnerungen an Gewalt hochkommen lassen kann). Nimm dir kurz Zeit, um über die folgenden Fragen nachzudenken:
Hast du das Gefühl, gerade gut auf deine Grenzen achten zu können und dass du mit lesen aufhören kannst, wenn es dir zu viel wird? Weißt du, wie du dir Unterstützung holen kannst, wenn der Text oder die Fragen viel bei dir auslösen und du nicht alleine damit umgehen willst oder kannst?
Grundlegend für die Arbeit in unserer Gruppe ist ein sehr weiter Gewaltbegriff. Wir denken, dass eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Gewalt“ unumgänglich ist. Wo fängt Gewalt an? Wenn es um die Beurteilung von Gewalt geht, gilt körperliche Gewalt rechtlich nach wie vor als sicheres Kriterium, auch wenn mittlerweile stärker betont wird, dass es daneben andere Formen von Gewalt gibt und ein Einschreiten auch ohne körperliche Gewaltakte berechtigt ist. Wir finden es legitim und wichtig, Gewalt in all ihren Facetten als Gewalt zu definieren und bereits gegen gewaltvolles Verhalten anzugehen, auch wenn es vielleicht (noch) nicht dem Mainstream-Verständnis von Gewalt entspricht. Was Gewalt letztendlich ist, entscheidet die betroffene Person. Das bedeutet aber auch, dass es nicht ein Konzept für den Umgang mit Gewalt geben kann, da auf sehr unterschiedlich gelagerte Gewaltsituationen und unterschiedliche Grade von Betroffenheit bzw. Gewaltausübung reagiert werden muss. Welche Umgangsstrategien helfen z.B. den Betroffenen in einer wechselseitigen gewaltförmigen Beziehungsstruktur? Wie lässt sich mit Stalker_innen umgehen? Weil es so unterschiedliche Gewaltsituationen gibt, ist das Ziel unserer Gruppe nicht, das neue queere Konzept für den Umgang mit sexualisierter Gewalt zu erarbeiten. Stattdessen wollen wir kontextspezifische Umgangsstrategien entwickeln.

Für die Auseinandersetzung mit Gewalt finden wir das „Rad der Macht und Kontrolle“ hilfreich, welches entwickelt wurde, um die Dynamiken von häuslichen Gewaltbeziehungen zu veranschaulichen (siehe Grafik 2). In diesem Konzept nutzt die gewaltausübende Person verschiedene Verhaltensweisen, um Kontrolle über die betroffene Person auszuüben. Körperliche und sexualisierte Gewalt (oder die Androhung dessen) bauen dabei auf vielfältigen Formen von Gewalt auf, welche als Speichen des Rades dargestellt sind, und bedingen diese wiederum. Das äußere Rad stellt dar, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse und Institutionen die Ausübung von Gewalt ermöglichen, verstärken und legitimieren.

Und was ist queer?
Wir haben nicht die eine Definition von queer und die gibt es so wohl auch gar nicht. Queer hat als Wort eine ebenso lange Geschichte wie als Praxis. Ganz verschiedene Gruppen beanspruchen heute diesen Begriff für sich: welche, die es als Bezeichnung für schwullesbisch (z.B. die Siegessäule) benutzen; andere, die darunter die Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit denken und leben; wieder andere, für die es Partymotto, Sexmotto, machtfreies Leben fernab der Heteronormativität und/oder ein „alles was wir wollen“- Synonym geworden ist. Queer als theoretisches Konzept entzieht sich allen Schubladen, Kategorisierungen und Definitionen und wurde dementsprechend aufgegriffen, angeeignet und weiterverarbeitet, mit Inhalten gefüllt und wieder verändert — meist in der Absicht, Sprache und Handeln zu dekonstruieren. In dem ganzen Spektrum geht es uns um ein (re)politisiertes Verständnis von queer, das über gemeinsames Partymachen hinausreicht.

Sensibilisierung für Gewaltsituationen – Was machen wir?
Wir denken, dass wir alle in dieser kapitalistischen, sexistischen, rassistischen (u.v.m.) Gesellschaft sozialisiert werden und dementsprechend diese gewaltvollen Umgangsmechanismen in uns tragen und sie reproduzieren, bewusst und
unbewusst. Deswegen sollte sich jede Person mit Gewalt auseinandersetzen und sich fragen, an welchen Punkten sie Gewalt erfährt und an welchen sie diese ausübt. Das eine rechtfertigt dabei nicht das andere.
Durch Denkweisen wie, „Ach, ich war halt betrunken, da passiert so was schon mal“, „Es ist doch gar nicht so schlimm“, „Ich erlebe permanent homophobe/transphobe Gewalt, als queere Person kann ich doch gar nicht selbst Gewalt ausüben“ usw. erkennen Menschen oftmals nicht an, dass sie selbst gewalttätig handeln bzw. handeln könnten.
Dies kann es für betroffene Personen zusätzlich erschweren, Hierarchien und Gewaltstrukturen innerhalb der eigenen Beziehungen zu erkennen, auch wenn diese für andere manchmal offensichtlich scheinen. Menschen haben oft allein nicht die Kraft zu sehen, was eigentlich passiert, lieben ihre_n Partner_in oder befinden sich in verschiedenen Abhängigkeiten zu der gewaltausübenden Person. Es braucht Unterstützungskonzepte, die einfühlsam Bewusstsein schaffen können. Wir denken, dass durch offene Fragen, welche eine Person ohne Angst vor Konsequenzen für sich beantworten kann, diese für die eigene Situation in der Beziehung sensibilisiert werden kann.
Deshalb wollen wir eine Art Fragekatalog erstellen, der sich in verschiedenen Abschnitten an von Gewalt betroffene, Gewalt ausübende und unterstützende Personen wendet, und diesen mit theoretischen und praktischen Inhalten für eine Auseinandersetzung ergänzen. Bislang haben wir dabei stark mit einem wenig spezifizierten Begriff von „Beziehung“ gearbeitet. Als nächstes wollen wir diese Sammlung von Fragen für unterschiedliche Situationen, Konstellationen bzw. Kontexte ausdifferenzieren, wie zum Beispiel polyamoröse Verhältnisse, One-Night-Stands, Begegnungen mit Unbekannten auf einer Party, etc.

Hier ein kleiner Einblick in unsere bisherige Zusammenstellung.
Einige unserer Fragen an eine (potentiell) Gewalt erfahrende Person sind:
Wie fühlst du dich in der Beziehung?
Was an deinem Leben hat sich verändert, seitdem du in der Beziehung bist?
Hast du das Gefühl, dass du alles in der Beziehung ansprechen kannst?
Bist du ehrlich?
Kannst du du sein in deiner Beziehung?
Kannst du lachen, weinen, deine Gefühle ausdrücken?
Fühlst du dich geliebt?
Fühlst du dich sicher in der Beziehung?
Macht sie dir Spaß?
Fühlst du deine Grenzen?
Kannst du ihnen Ausdruck verleihen?
Hört dein_e Partner_in zu, wenn du über deine Grenzen sprichst und versucht sie so gut wie möglich zu respektieren?
Wie reagiert dein_e Partner_in auf Kritik?
Beleidigt dich dein_e Partner_in?
Fühlst du dich kleiner/minderwertig, zum Beispiel aufgrund deines Aussehens, deiner Religion, deines Glaubens, deiner Erfahrungen, deines „genders“ (sozialen Geschlechts), deines „sex“ (biologistischen Konzepts von Geschlecht)?
Hast du manchmal Angst vor deiner_m Partner_in?
Hat dein_e Partner_in schon mal gedroht, dir oder einem Menschen oder Haustier in deinem Umfeld was zu tun?
Wurdest du schon einmal geschlagen?
Wird dein_e Partner_in aggressiv oder abweisend, wenn du weinst?
Würdest du gerne aus der Beziehung raus, weißt aber nicht wie?
Hast du Angst, dass du dann Gewalt erfährst?

Diese Fragen könnten in einem Zine veröffentlicht oder in Workshops oder Unterstützungssituationen angewendet werden. Sie sollen in erster Linie zu einer allgemeinen Sensibilisierung dienen und auf keinen Fall zu einer vereinfachten Beurteilung („Gewaltsituation: ja/nein?“) führen. Stattdessen geht es uns darum, die Vielschichtigkeit von Gewaltmomenten und -strukturen herauszuarbeiten und antisexistische Interventions- und Präventionspraxen darauf abzustimmen.

Dafür ist es nötig, eine Auseinandersetzung mit Grenzen und Grenzüberschreitungen alltäglicher werden zu lassen. Zudem müssen wir uns mit Gewalt und Hierarchien innerhalb queerer Kontexte auseinandersetzen. Dieser Text ist dazu eine erste Anregung von uns.
Wir melden uns bald mit mehr, und freuen uns in der Zwischenzeit über eure Fragen, Kritik, eigenen Erfahrungen, usw.

Kontakt: tamqueer (at) googlemail.com