Visualizing Antisexism

von PROJEKT „Politisches Plakat “

Antisexistisches Layout – was ist das? Gibt es antisexistische Layouter_innen und wenn ja, schaffen sie es diesen Anspruch auch zu visualisieren? Natürlich, wer sich links verortet trägt auch einen antisexistischen Anspruch vor sich her. Inwieweit dieser in einem Lippenbekenntnix verharrt zeigt sich besonders deutlich in der Bilderwelt, in der Linke verhaftet sind und die meist keinen Unterschied zur Hegemonialen erkennen lässt.
Das Layout der antifaschistischen Linken – hier examplarisch das Plakatlayout – ist der Versuch, die eigene Praxis zu visualisieren. So wenig also, wie das Thema Sexismus in Handlungen der Polit-Aktivist_innen reflektiert wird oder in Texten, Aufrufen, Berichten seinen Platz findet, so wenig findet es auch seinen Weg auf politische Plakate.
Im Folgenden soll mit Blick auf die linke/antifaschistische Plakat-Landschaft eine Kategorisierung versucht werden.

Nazis jagen, Nazis schlagen
Der (immer noch) dominante Stil auf Plakaten, die zu Aktionen mobilisieren sollen, ist die militante Pose. Der Neonaziaufmarsch wird verhindert durch Barrikaden, fliegende Flaschen und direkte Angriffe. Diese Einszueins-Visualisierung zeigt vordergründig Männer die symbolisieren, dass sie bereit sind, diese Auseinandersetzung einzugehen. Es wird Stärke gezeigt, Überlegenheit, Agressivität. Frauen spielen auf diesen Plakaten – ebenso wie in den meisten Aktionsgruppen – wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle. Diese dargestellte Männlichkeit scheint auf den ersten Blick die naheliegende Visualisierung des Anliegens zu sein. Sie ist vielleicht auch die ehrlichste, wenn ein Blick auf die aktiven Strukturen geworfen wird. In dieser Visualisierung reproduziert sie jedoch gesellschaftliche Rollenbilder und steht somit einer aufgeklärten antisexistischen Position diametral entgegen.

Die Affirmation bürgerlicher Frauenbilder
Eine Möglichkeit die männlich dominierte Plakatgestaltung aufzubrechen, ist natürlich Frauen auf Plakaten zu präsentieren. So lobenswert der Ansatz allein deshalb schon ist, weil die_der Layouter_in sich wahrschienlich ein Paar Gedanken um Sexismus macht, so schmal ist der Grat nicht anderweitig in sexistische Mechanismen abzurutschen. Die Darstellung von Frauen auf Mobilisierungs- (also Werbe-)Plakaten unterscheidet sich selten von der Darstellung von Frauen auf kommerzieller Werbung, die die Weiblichkeit allein zu verkaufsfördernden Zwecken benutzt. In unserem Fall: Hübsche Antifaschistin wirbt für tolle Antifademo. So werden keine bürgerlichen Geschlechterrollen aufgebrochen. Eine Darstellung von aktiven, kämpferischen Frauen kann in diesem Fall eine Möglichkeit sein, mehr Frauen zu Adressatinnen von Plakaten zu machen. Allerdings ist auch dieses Bild inzwischen ein Gemeinplatz hegemonialer Bilderwelten. Die Bild der starken Frau, die Kind, Haushalt und Arbeit miteinander vereinen kann, ist inzwischen in der Gesellschaft angekommen.

Die abstrakte Darstellung von Menschen
Welche Möglichkeiten gibt es neben den ersten beiden Fällen Menschen darzustellen, die Aktivitäten verrichten? Gerade im Zusammenhang mit militanten Aktionen ist die Darstellung von Menschen mit Vermummung eine Option, das Geschlecht nicht eindeutig zuordenbar zu machen. Hier greift allerdings ein Problem, das mit der Assoziation von Militanten zu tun hat. Wenn nicht sofort anders zu erkennen, werden Vermummte, militant agierende, pauschal als Männer wahrgenommen. Das zu ändern liegt nicht vorrangig in der Macht der Layouter_innen, sondern der Rezipient_innen.
Auch wenn man symbolhaft nur auf einzelne Körperteile zurückgreift (die Faust, die das Hakenkreuz zerschlägt, der Schuh, der dem Nazi in den Arsch tritt) ist die Assoziation automatisch zuerst eine Männliche.

Gibt es Auswege?
Natürlich gibt es unzählige Möglichkeiten auf menschliche Darstellung und damit auf die Fallstricke hetero-(sexistischer) Darstellungen zu verzichten. Dazu zählt die Adaption von Comic-Figuren, seit 10 Jahren ein Trend in der Antifaszene (von Akira, Lisa Simpson bis zum Hulk hat sich schon jede Comic-Figur auf Antifa-Publikationen wiedergefunden), die Verwendung von Symbolen oder Logos als zentrale Elemente und rein typografische Lösungen. Dass Plakatgestaltung auch ohne explizite Darstellung von Menschen eine Message rüberbringt dürfte klar sein. Das erspart einer_m auch größtenteils die Auseinandersetzung mit dem Thema dieses Beitrags. Für den generellen Verzicht auf Menschen-Darstellung soll das allerdings kein Plädoyer sein. Das wäre ja auf die Dauer auch langweilig.

Der (selbst-)ironische Umgang mit Geschlechterrollen bietet hingegen einen offensiven Umgang mit der Thematik. Das muss nicht als zentrale Message des Plakates passieren. Meist haben Plakate ja einen anderen Anlass. Trotzdem ist es ein leichtes, an der einen oder anderen Stelle ein Element unterzubringen, das den_die Betrachter_in stutzen und über die transportierten Geschlechterzuordnungen nachdenken lässt. Den Möglichkeiten sind dabei nur technische Grenzen gesetzt.
Voraussetzung bleibt natürlich, dass der Wille vorhanden ist sich mit den grafischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen und Neues auszuprobieren.

Das Projekt „Politisches Plakat“ archiviert seit mehreren Jahren Plakate aus politischen Bewegungen und stellt diese im Internet zur Verfügung. Auf dem dazugehörigen Weblog werden von verschiedenen Autor_innen Beiträge zu Inhalt und Gestaltung von Plakaten verfasst. Demnächst wird eine Ausstellung der besten politischen Plakate der letzten Jahre eröffnet. Diese wird in Berlin und anderen Städten zu sehen sein.