Wann ist ein Mann (k)ein Mann?

von AG x_y DRESDEN

Gedanken über die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen in antisexistischen Gruppen

Antisexistische Praxis erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen. Auch wenn sich in den letzten Jahren einiges getan haben mag – hingewiesen sei an dieser Stelle auf diverse Gleichstellungsprogramme und Kampagnen1. Und selbst innerhalb einer “Linken”2 scheint allenthalben angekommen zu sein, dass es Sexismus gibt.
Allerdings kann eine Kritik nicht an den gesellschaftlichen Verhältnissen stehen bleiben. Eine Auseinandersetzung über dieses Thema muss auch in den eigenen Zusammenhängen, die ja von den gesellschaftlichen Strukturen nicht loslösbar sind, geführt werden. Und natürlich ist auch eine Reflexion der eigenen Rolle in eben jenen Machtstrukturen notwendig.
Politischen Gruppen, gerade solchen mit einem antisexistischen Selbstverständnis, kommt dabei eine besondere Rolle zu. Dies insofern, als dass sie kontinuierlich zusammenarbeitende Zusammenhänge sind, die sich darüber hinaus darüber einig sind, dass Sexismus scheiße ist und deshalb natürlich in der Verantwortung stehen sich bewusst damit auseinanderzusetzen, inwiefern in ihnen sexistische Verhaltensweisen reproduziert werden.

Eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Strukturen setzt dabei theoretische Grundannahmen über den Zusammenhang zwischen Gesellschaft, Individuum, sexistischen Strukturen und der Kategorie “Geschlecht”3 voraus.

Stark vereinfacht kann mensch sagen, dass gesellschaftliche Strukturen als Aggregat des Verhaltens und der Vorstellungen aller Individuen entstehen4. Sich so ergebende Werte- und Normensysteme wirken ihrerseits auf die Individuen, hauptsächlich durch Sozialisation, und prägen darüber deren Vorstellungen über die Welt und individuelle Verhaltensweisen. Wenn also eine Gesellschaft strukturell sexistisch und patriarchal ist, werden eben jene Sexismen über Sozialisationsprozesse wiederum von den Individuen verinnerlicht.

Da diese sozialisationsbedingten Aneignungsprozesse zum großen Teil unbewusst stattfinden, werden z.B. Vorstellungen über sogenannte Geschlechter und Geschlechterrollen häufig als individuell oder biologisch determiniert wahrgenommen. Die meisten Menschen meinen „einfach zu wissen“, dass es zwei Geschlechter gibt und welchem davon sie angehören. Und wenn eine “Frau” einen Rock trägt, so liegt das einfach daran, dass sie selbst Röcke eben schick findet.
Das bedeutet aber auch, dass durch die bloße Feststellung, dass Sexismus scheiße ist, weil er hierarchische (patriarchale) Verhältnisse reproduziert, noch nicht viel gewonnen ist, sondern eine Veränderung nur durch den Versuch einer bewussten Auseinandersetzung mit dem Unbewussten und einer kritischen Reflexion all der Selbstverständlichkeiten, wie der Art und Weise sich in Räumen zu bewegen oder mit Menschen zu interagieren, möglich ist.

In der feministischen Theorie, die sich mit dieser Problematik der Produktion und Reproduktion sexistischer Strukturen beschäftigt, lassen sich im Wesentlichen 3 verschiedene Ansätze unterscheiden, die jedoch in sich keineswegs homogen sind.

Der Gleichheitsfeminismus geht davon aus, dass kein typisch männlich und typisch weiblich in dem Sinne existieren, dass aus einem, als natürlich angenommenen, “biologischen Geschlecht”5 auch geschlechtsspezifisches Verhalten ableitbar wäre. Nur unterschiedliche Sozialisation und Aufgabenteilung begründeten Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern. Diese wiederum gelte es aufzulösen. Meist jedoch wird implizit die Anpassung an ein „männliches Ideal“ (z.B. durch die Aneignung von Durchsetzungsvermögen oder Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen) als Ziel gesetzt.
Dem gegenüber sieht der Differenzfeminismus grundsätzliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern (einige Strömungen gehen dabei auch von einer konstruierten Differenz durch unterschiedliche Sozialisation aus, die aber dennoch unauflöslich relevant ist). Ziel wird hier die Auflösung sogenannter männlicher, als hierarchisch und gewaltförmig wahrgenommener Verhaltensweisen hin zu einem „weiblichen Ideal“.
Sowohl gleichheits-, als auch differenzfeministische Ansätze nehmen dabei an, dass es zwei biologisch-natürliche Geschlechter gibt.

Der feministische Dekonstruktivismus dagegen geht davon aus, dass sowohl biologisches” als auch soziales Geschlecht Konstruktionen sind, insofern als dass sie nichts natürliches, sondern etwas durch gesellschaftliche Diskurse hervorgebrachtes sind. In diesen Diskursen wird über Sprache die Wahrnehmung der Wirklichkeit strukturiert, insofern als dass z.B. durch Begriffe und Aussagen über den Körper die Wahrnehmung des eigenen Körpers erst strukturiert und geformt wird (quasi im Gegensatz zu der Annahme, dass Sprache nur die real existente Wirklichkeit beschreibt).
Was ist aber nun an der durch Diskurse konstruierten Zweigeschlechtlichkeit zu kritisieren? Eben dass sie zwangsläufig Ausschlussmechanismen nach sich zieht, insofern als dass sie all diejenigen Körper und Identitäten ausschließt, die ihr nicht entsprechen. Deshalb wird die Kategorie Geschlecht als Klassifikationskriterium abgelehnt, die es aufzulösen gilt.

Das Spannungsfeld, welches es zu betrachten gilt, bewegt sich also zwischen theoretischer Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht und einer antisexistischen Praxis innerhalb einer gesellschaftlichen Realität mit einer bipolaren Geschlechterstruktur.
Da wir selbst, als von gesellschaftlichen, sexistischen Strukturen geprägte Subjekte, Teil dieser Gesellschaft und damit natürlich auch ihrer Vorstellungswelt sind, würde dies aber gerade nach sich ziehen sich selbst und das eigene Umfeld bewusst als geschlechtliche Körper wahrzunehmen und damit zusammenhängende Machtstrukturen zu analysieren.

Was genau aber bedeutet dies für Gruppenzusammenhänge?
Würde nicht dann die Anwesenheit von sogenannten männlichen Gruppenmitgliedern gerade bestimmte hierarchische Strukturen innerhalb der Gruppe herstellen und möglicherweise eine Thematisierung dieser Machtverhältnisse verhindern?

Würde andererseits der Ausschluss männlich kategorisierter Personen nicht ebenfalls eine Reproduktion sexistischer Strukturen bedeuten, insofern als dass die Verantwortung für das Thema Antisexismus in nicht-männliche Bereiche verschoben würde? Reproduziert der Ausschluss aufgrund der Kategorie Geschlecht nicht wieder bipolare Strukturen?

Wäre eine Frauen-Gruppe wirklich hierarchiefreier, wie differenzfeministische Ansätze suggerieren könnten? Oder sind vielmehr bestimmte Verhaltensweisen als das angenommene Geschlecht einer Person ausschlaggebend? Sind also männliche Verhaltensweisen (im Sinne von Verhaltensweisen, die in einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur typischerweise von der privilegierten männlichen Gruppe genutzt werden – nicht im Sinne biologischer Determiniertheit – und geeignet sind mehr Macht als andere herzustellen, zu demonstrieren oder zu sichern) nicht insofern vom Geschlecht losgelöst zu betrachten, als dass Verhaltensweisen angeeignet werden können? Wären dann nicht, um gleichheitsfeministischen Ansätzen zu folgen, wiederum alle gleich, wenn sich Frauen diese Verhaltensweisen aneignen würden? Aber würde dies wiederum nicht bedeuten von einem “männlichen Ideal” auszugehen, das in seiner Konsequenz trotzdem in einer patriarchalen Struktur verhaftet bleibt?

Schließlich bliebe auch die Frage, wann Personen eigentlich „männlich“ sind. Ist es sinnvoll, an dieser Stelle das biologische Geschlecht zu Rate zu ziehen, in der Annahme, dass aufgrund der gesellschaftlichen Sozialisation dieses weitgehend das soziale Geschlecht determiniert (mit der impliziten Annahme, dass beide Geschlechter irgendwie in sich homogene Gruppen sind), oder wäre es an dieser Stelle doch besser männliche Verhaltensweisen genauer herauszuarbeiten und anhand dieser zu entscheiden?

Verlassen wir aber an dieser Stelle den Bereich doch recht grundsätzlicher Fragen und wenden uns noch ein wenig konkreteren Verhaltensweisen zu.
Um geschlechtsspezifische Machtstrukturen zu identifizieren ist es sinnvoll sich die verschiedenen, gruppenspezifischen Bereiche, wie z.B. Rederaum, Aufgabenverteilung oder Entscheidungsstrukturen anzuschauen.
Wie sind die Redeanteile verteilt? Wer fällt wem, wie oft, aus welchen Gründen ins Wort? Wer spricht in welcher Lautstärke? Welche Mimik und Gestik wird verwendet und wann? Dominantes Redeverhalten ist in der Regel sehr raumeinnehmend, so dass Gesprächsanteile anderer Personen wesentlich geringer sind und diese somit weniger Gelegenheiten haben sich einzubringen. Dazu gehört auch das Unterbrechen bzw. Kommentieren der Redebeiträge anderer, aber auch z.B. bewusst desinteressierte oder herablassende Mimik und Gestik.
Bei der Aufgabenverteilung könnte es z.B. interessant sein, wie die Arbeitsanteile verteilt sind und wer welche Aufgaben übernimmt – wer übernimmt in welchem Maße verantwortungsvolle Aufgaben, wer öffentlichkeitswirksame?
Ebenfalls interessant ist eine Analyse der Entscheidungsstrukturen, also wie Entscheidungen getroffen werden und welche Personen daran in welchem Umfang beteiligt sind.

So oder so ähnlich könnten einige Überlegungen und Fragen aussehen, die sich bei der Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Machtstrukturen in Gruppenzusammenhängen stellen könnten.
Da die Problematik enorm vielschichtig und ungemein komplex ist, scheint es unmöglich ein Patentrezept anzubieten oder universell anwendbare Lösungsansätze zu entwickeln.
Dennoch ist es wichtig und unerlässlich, und das nicht nur für Gruppen, die speziell zum Thema Antisexismus arbeiten, sondern auch für Antifa-Gruppen bzw. all jene, die sich selbst ein „linkes“ Selbstverständnis geben (welches zumeist Antisexismus enthält), sich mit der Problematik auseinanderzusetzen, da allein die Erkenntnis, dass Sexismus abgeschafft gehört, nicht dazu führt, dass er auch aus unserer Sozialisation verschwindet und unsere Gruppenzusammenhänge frei von geschlechtsspezifischen Machtstrukturen werden.