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„Schwule Mädchen gibt es nicht“ Antifa und Heterosexismus

von graffiti hates germany

…Selbst die beiden 17-jährigen Stadtteilantifas wissen doch heute schon, dass auch Frauen bei der Soliparty mit Schutz machen sollten und Homophobie irgendwie auch Scheiße ist. Genauso sicher wie das Amen in der Kirche ist aber auch, dass Tim und sein Kumpel Paul zwar gerne miteinander abhängen und sich durch die eine oder andere brenzlige Situation irgendwie miteinander vertraut fühlen, jedoch nie miteinander ins Bett gehen würden. Pauls Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu Tim wird dann nur in zufälligen Berührungen und kumpelhaftem Spaßgeraufe gestillt…

Während in anderen linken Subszenen der sensible Kuscheltyp noch als Männlichkeitsideal zu funktionieren scheint (wir kennen ihn alle: präsentiert sich als ach so gegendert und nimmt ganz viel Rücksicht auf deine und vor allem seine Befindlichkeiten), hat die Antifa mit dem Pop auch die Geschlechterstereotypen wiederentdeckt und lieben gelernt. Die Orientierung an dem gesellschaftlichen Mainstream ist dabei nicht nur politische Strategie um den Mobilisierungsgrad zu erweitern, sondern entspringt dem Wunsch dazuzugehören, später halt auch Karriere machen zu können oder einfach mal in die Prolldisko in Lichtenberg zu gehen… warum auch nicht.
Zudem birgt der gesellschafts-affirmative Style auch die Möglichkeit, trotz der Verunsicherungen durch Feminismus und Queer-Theory, seiner/ihrer Geschlechterrolle gerecht werden zu können und dies freilich nicht jenseits heteronormativer Ordnungsprinzipien. Wir sehen es auf den Demos, den Partys und den geschlechtergerechten Flyern: Frauen haben sportlich zu sein (immerhin sind wir hier nicht im Theorie-Lese-Kreis), sollten aber auch den männlichen Attraktivitätserwartungen entsprechen, während sich die Männer im Fußballstadion für den Antifa-Kampf stählen und dabei Scooter imitieren lernen.
Frauen und Männer bestätigen sich in dieser sozialen Positionierung immer wieder gegenseitig in der Erfüllung heterosexueller Hoffnungen. Es geht hier nämlich auch um eine explizite Inszenierung von Geschlecht und sexueller Orientierung.
Gerade weibliches Schönheitshandeln ist ein Teil heterosexistischer Alltagspraxis. Die Allgegenwärtigkeit eines männlichen Blickregimes, dem Frauen auch in Abwesenheit von Männern unterworfen sind (Foucault hat sich einmal mit diesem paradoxen Phänomen beschäftigt), ist das Ergebnis der Fokussierung auf den Körper, die körperliche Repräsentation von Frauen, das fortwährende Betrachten und ständige Bewerten von Frauenkörpern. Das ‚auf sich achten‘ und eben attraktiv sein wollen, segelt dabei jedoch natürlich unter der Flagge selbstbestimmten Handelns, denn nichts ist bedrohlicher als der Verdacht, sich so oder so für Männer zu verhalten. Die (teilweise auch Selbst-) Sexualisierung von Frauen innerhalb des heterosexuellen Geschlechterspiels dient dabei vor allem ihrer (womöglich eigenen) Disziplinierung, auch weil ihre als weiblich markierte Attraktivität für ihre heterosexuelle Identität von fundamentaler Bedeutung ist. Das System der Heterosexualität vermag hier, cleverer Weise, in der Erotisierung von Herrschaftsbeziehungen das Einfügen in sexistische Muster beinahe zwanglos zu arrangieren. Heterosexualität ist damit Kern einer sexistischen Gesellschaft, da sie die Herstellung von Geschlechtern zur Bedingung macht, und fetischartig in ständiger Erneuerung Frauen und Männer erschafft.
Selbst wenn Geschlecht noch als soziale Konstruktion durchgeht, Sexualität scheint natürlich bestimmt, denn Sex wollen wir ja schließlich alle und ich hab ja nichts gegen Schwule, aber ich bin ja nun mal hetero…
In antifaschistischen Zusammenhängen ist es dann auch nicht die aktive Diskriminierung von Nichtheterosexuellen, es sind vielmehr die Orte und Situationen, wo beispielsweise Homosexualität gar nicht präsent ist.
Aber Heterosexismus ist auch die starre Einordnung, der Zwang zum Festlegen, zum Stigmatisieren, das Nichtzulassen von Widersprüchen und Uneindeutigkeiten. Er unterdrückt nicht nur Schwule, Lesben oder wie auch immer nicht-heterosexuell lebende Menschen, sondern auch Frauen, die auf Männer stehen, aber einer weiblichen Norm nicht entsprechen können oder wollen. Die ideologischen Vorbilder von Romeo und Julia bis hin zu Papa und Mama erzeugen eine genaue Vorstellung von einer Liebesbeziehung und entsprechende Erwartungen, die fest an geschlechtliche Rollen geknüpft sind. Werbung, die heterosexuellen Sex assoziieren will, Sexualkundeunterricht, der sich vor allem dem Geschlechtsverkehr zwischen Frauen und Männern bezieht, Filme, die die Liebe zwischen der Heldin und dem Helden als höchstes Glück abfeiern, ergeben eine heterosexuelle Kultur die in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. In der Schule oder auf Solipartys, in der Familie oder der politischen Gruppe, überall spielt die sexuelle Ausrichtung und das damit verknüpfte Geschlechterbild eine entscheidende Rolle dafür, wie du oder andere wahrgenommen werden und wie du die ganze Situation wahrnimmst. Eine nicht-heterosexuelle Kultur existiert beispielsweise in größeren Städten auch, jedoch wird sie nur toleriert, wenn sie innerhalb heterosexistischer Schemata funktioniert, dass heisst eindeutig als homosexuell markiert und in einen kaum wahrnehmbaren Bereich der Gesellschaft verbannt werden kann.
Der Weg aus dem fortwährenden Reproduzieren dieser normativen Prinzipien heraus ist tatsächlich schwierig, da Begehren schließlich nicht einfach steuerbar ist. Es bleibt die Möglichkeit die gesellschaftlichen Zwänge und sich selbst darin wahrzunehmen, also herauszubekommen, wie man so geworden ist, wie man ist und was das mit der Gesellschaft zu tun hat, in der man lebt. Zustände sind veränderbar und die Dominanz von Heterosexismus muss nicht weiter hingenommen werden und schon gar nicht als implizierte Maxime der Pop-Antifa.

Wie entsteht Heterosexualität?

aus: Was left Jan / Feb 96. Kathrin, S.13

These 1 – Elternhaus

In den meisten Fällen zwanghafter Heterosexualität erweist sich, dass auch die Eltern darunter gelitten haben.

These 2 – Kindheitstrauma

Ein schlimmes Erlebnis mit dem eigenen Geschlecht in der Kindheit kann die spätere Zurückweisung des eigenen Geschlechts zur Folge haben. Aus Angst vor dem eigenen Geschlecht sinkt das Verlangen danach ins Unterbewusstsein und kommt als heterosexuelle Neurose wieder zum Vorschein.

These 3 – Soziale Bedingungen

Viele Heterosexuelle geben der ständigen Berieselung durch die Massenmedien und deren Verhaltenspropaganda nach und leben entsprechend dieser typisch tyrannischen Klischees. Wir sollten ihnen nicht Ablehnung, sondern Verständnis und Mitleid entgegenbringen, denn die Zurückweisung, mit der sie ihrem eigenen Geschlecht und somit auch sich selber begegnen, ist das Maß dafür, wie weit sie ihre eigene Sexualität und ihre Beziehung zu sich selbst verloren haben.

These 4 – pathologische Bedingtheit

Viele Heterosexuelle glauben fest daran, dass sie „so“ geboren sind. Unglücklicherweise unterliegen sie einem großen Irrtum, denn wie wir alle, sind auch Heterosexuelle das Produkt ihrer eigenen Substanz und der Umgebung, also fällt auch den Heterosexuellen eine gewisse Verantwortung für ihre Veranlagung zu.

These 5 – kulturelle Einengung

Es hat sich erwiesen, dass viele Heterosexuelle aus einer Umgebung kommen, in der die Freude an ihrem Körper erbarmungslos unterdrückt wurde. Viele psychische Verwirrungen können aus der Zurückweisung des eigenen Körpers resultieren.

These 6 – Angst vor dem Tod

Oft ist die Angst vor dem Tod der Grund für heterosexuelle Paarungen. Viele Heterosexuelle werden vom starken Wunsch, sich fortzupflanzen, in ihre Veranlagung getrieben.

These 7 – Hormonelle Störungen

Statt eines normalen Verhältnisses zweier Haupthormone haben Heterosexuelle einen Überschuss des einen und einen Mangel des anderen Hormons, was zur Folge hat, das sie unfähig sind, eine befriedigende Beziehung zum eigenen Geschlecht aufzubauen.

These 8 – Ökonomische Gründe

Unsere Gesellschaft verspricht Prämien für heterosexuelle Paarung. Homosexuell sein hingegen ist teuer und viele Leute können es sich einfach nicht leisten.

„Das Unbehagen der Geschlechter“ für Queer-Einsteiger_innen

von a.g. gender-killer

Judith Butler ist in aller Munde. Wenn es um die Themen „Sexismus“ oder neuerdings „gender“ geht, ist an ihr und ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ kein vorbeikommen. Hier wird versucht den zentralsten Text für die gesamte Entwicklung der gender studies bzw. queer theory seit den 90ern verständlich zusammen zu fassen: 1. Kapitel – „Die Subjekte von Geschlecht/Geschlechtsidentität/Begehren“

Im bisherigen Feminismus waren „die Frauen“ als Kollektiv das politische Subjekt. D.h. es gab den Anspruch oder die Idee, es gäbe „die Frauen“, die alle gleichermaßen von einem universellen Patriarchat unterdrückt wären. Seit den feministischen Debatten in den 80ern wird jedoch davon ausgegangen, dass nicht alle Frauen gleich, sondern in ganz unterschiedlicher Weise von Sexismus betroffen sind. Eine schwarze Frau z.B. anders als eine weiße, eine Lesbe anders als eine Hetera usw.
Außerdem ist das Subjekt „Frauen“ eine Kategorie, die vereinheitlicht, wo es keine Einheit gibt. Indem der Begriff „Frauen“ eine scheinbar feste kollektive Identität konstruiert, sind in ihm Ausschlussmechanismen enthalten, nämlich für all jene, die sich unter diesen Begriff (der ja eine ganz bestimmte Bedeutungen beinhaltet) nicht einordnen können oder wollen.
Der bisherige Feminismus betrieb also nach Butler reine Identitätspolitik und beruhte auf der Annahme eines feststehenden Subjekts, das eine feste Identität hat.
Ein Problem ist, dass ein Subjekt immer ein geschlechtliches Subjekt sein muss. Subjekte sind überhaupt nur Subjekte, weil sie eine feste Geschlechtsidentität besitzen; andernfalls wären sie gesellschaftlich nicht als Subjekte anerkannt.
Wodurch entsteht die Geschlechtsidentität? Geschlecht wird durch den Diskurs konstruiert. Ein Diskurs ist nach Foucault eine Summe von Aussagen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort über ein bestimmtes Thema. Wichtig dabei ist, dass Diskurse immer mit Macht verknüpft sind. D.h. ein Diskurs ist nichts neutrales, ist nicht einfach nur das, was geredet wird, sondern der Diskurs produziert und reproduziert die Dinge, über die er spricht. Das ist für Butler deswegen so, weil sie einen ganz bestimmten Begriff von Sprache hat. Sprache ist bei ihr nicht einfach ein Medium, das die Welt außerhalb der Sprache beschreibt, sondern sie ist performativ, d.h. sie konstruiert die Welt erst so, wie sie ist. Sie bringt die Dinge erst hervor, weil sie die Wirklichkeit bzw. die Wahrnehmung der Wirklichkeit strukturiert .
Der Diskurs über Geschlecht konstruiert also das Geschlecht. Und zwar folgendermaßen: Der Diskurs beinhaltet die Trennung von „sex“ und „gender“. „Sex“ ist der geschlechtliche Körper und „gender“ die Geschlechtsidentität, also in einem psychologischen Sinne stark vereinfacht so etwas wie das „innere Gefühl“, ob sich eine Person als Mann oder Frau fühlt. Diese Trennung ist nach Butler sehr problematisch. Für den bisherigen Feminismus war es aber wichtig, sex und gender begrifflich zu trennen, um klarzumachen, dass sich aus dem Geschlechtskörper keine Annahmen über das soziale Geschlecht ableiten lassen, sondern das soziale Geschlecht gesellschaftlich produziert und ansozialisiert ist. Aber wenn diese Trennung die Grundlage ist, so Butler, dann gäbe es zum einen einen Geschlechtskörper, der als natürlich, biologisch usw. gilt und zum anderen eine soziale Geschlechtsidentität, die gesellschaftlich und kulturell ist. Der Körper wird damit aber in den Bereich der Natur „abgeschoben“ bzw. diesem Bereich zugeordnet und das ist Teil eines bestimmten Diskurses, der den Körper als etwas natürliches hinstellt, d.h. ihn naturalisiert.
Der Diskurs über Geschlecht bringt also den Körper als einen natürlichen, biologischen Körper hervor, der außerhalb des Diskurses liegt, denn der Diskurs ist gesellschaftlich/kulturell und der Körper scheinbar Natur. Das Problem mit diesem vermeintlich vordiskursiven Körper ist, dass auf diese Weise immer zwei verschiedenartige bestehen bleiben, nämlich ein männlicher und ein weiblicher, und nichts anderes. Der biologische Körper bleibt auf diese Weise immer nur als zweigeschlechtlicher denkbar. Diesen Dualismus nennt Butler „binäre Opposition“. Wenn der Körper als zweigeschlechtlicher erhalten bleibt, so kann aus ihm auch stets eine Geschlechtsidentität abgeleitet werden, die dementsprechend auch zweigeschlechtlich ist. Das ist für Butler so, weil der Körper in ihrer Theorie eine besondere Rolle spielt. Es geht bei ihr vor allem um die Frage, wie Körper als geschlechtliche Körper kulturell „gemacht“, inszeniert, konstruiert, und reproduziert werden.
Bei ihr ist der Körper nicht eine natürliche Masse, die dann eine Geschlechtsidentität „annimmt“, sondern der Körper wird als Geschlechtskörper stets neu hergestellt. Der Körper wird durch den Diskurs geformt. Außerhalb des Diskurses ist der Körper so etwas wie eine ungeformte Masse, und erst durch den Diskurs wird der Körper zu dem gemacht, was er ist, bekommt eine Form, bekommt eine gewisse Bedeutung, durch die er „verstehbar“, wahrnehmbar wird. Die Form des Körpers schafft seine Bedeutung, so als ob er ein kulturelles Zeichen wäre. Das Ganze ist sehr sprach- und zeichentheoretisch zu verstehen. Der Körper ist nur als geschlechtlicher Körper wahrnehmbar und nur so als vollgültiger Körper akzeptiert. Das heißt, Körper müssen eben entweder als männliche oder weibliche Körper wahrgenommen und eingeordnet werden. Dafür gibt es ein gesellschaftliches Muster oder Raster, das Butler „heterosexuelle Matrix“ nennt. Diese Matrix strukturiert die Wahrnehmung und Einordnung von Körpern, Subjekten und Identitäten. Es ist aber nicht so, dass Körper entweder weibliche oder männliche Körper sind. Sondern sie werden erst durch den Diskurs, der die heterosexuelle Matrix hervorbringt, zu solchen geformt.
Durch den Diskurs wird etwas in den Körper eingeschrieben, er wird durch ihn beschrieben und benannt. Dieser Diskurs schreibt ihm die Geschlechtsidentität, die zweigeschlechtliche Ordnung, die Heterosexualität ein. Der Körper seinerseits muß diese Einschreibung nun immer widerspiegeln, aufführen, inszenieren, also reproduzieren. Auf der Körperoberfläche bzw. in dem, wie Körper Geschlecht zur Darstellung bringen, reproduziert sich die Einschreibung. Der Körper ist Produkt und Effekt des Diskurses, nicht sein Ursprung. Die Geschlechtsidentität ist nicht etwas, was sich aus dem biologischen Körper ergibt, was daraus abzuleiten ist, sondern sie wird in den Körper eingeschrieben, und zeigt sich daher wiederum in der Art und Weise, wie sich der Körper inszeniert. Dass das alles so ist, wird aber wiederum durch den Diskurs selber verschleiert, so dass in den Körper gleichzeitig auch immer wieder eingeschrieben wird, dass er natürlich sei.
Was ist an der Zweigeschlechtlichkeit und der binären Opposition nun scheiße? Sie basiert auf Ausschlussmechanismen für alle diejenigen Identitäten bzw. Körper die aus dem Raster fallen, die ihm nicht entsprechen, z.B. keine Eindeutigkeit aufweisen, sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Dahinter steckt ein bestimmter Begriff von Identität bzw. Subjekt, der von Butler stark kritisiert wird, weswegen Butlers Theorie auch oft der Postmoderne zugeordnet wird, die auch Kritik an festen geschlossenen Identitäten übt. Feste geschlossene Identitäten basieren immer auf Ausschluss, und nur solche festen Identitäten bekommen einen Subjekt- bzw. Personenstatus zugesprochen. Außerdem ist für Butler das denken in binären Oppositionen ein typisches Kennzeichen der modernen westlichen abendländischen Philosophie, Wissenschaft, Kultur, etc. Darunter fallen zentrale Begriffe wie Natur/Kultur, weiblich/männlich, Gefühl/Verstand, Emotionalität/Rationalität, Materie/Geist. Dieses Denken an sich ist Teil eines dualistischen Denkens, und wird von Butler als patriarchal und die dahinterstehende Bedeutungsökonomie als maskulin charakterisiert.
Geschlecht setzt sich bei Butler aus den drei Elementen sex, gender and desire zusammen. Sie werden vom Diskurs über Geschlecht als kohärente Einheit konstruiert. Das heißt, bspw. ein weiblicher Körper muß eine weibliche Geschlechtsidentität haben, und ein dementsprechend heterosexuelles Begehren, das sich auf Männer richtet. Darüber hinaus gibt’s bei Butler die gender performance, die Inszenierung oder Aufführung und Darstellung von Geschlecht. Sie gehört immer zur Konstruktion des Geschlechts dazu und passiert immer und nicht nur, wenn sie bewusst inszeniert wird. Die gender performance muß natürlich zum Geschlecht passen, d.h. mit einem weiblichen Körper muss ich auch eine weibliche gender performance haben/machen – was auch die Norm ist. Butler nennt das Beispiel der Travestie, also der drag kings and queens, um zu verdeutlichen, was passiert, wenn die gender performance nicht zum zugeschriebenen Geschlecht passt. Normalerweise wird einem weiblichen Körper, aufgrund dessen, dass er als weiblicher Körper wahrgenommen wird, eine weibliche Geschlechtsidentität zugeschrieben, d.h. es wird angenommen, dass diese Person sich als Frau fühlt. Bei drag gibt es einen Widerspruch zwischen dem Geschlechtskörper, der z.B. als ein männlicher wahrgenommen wird und der performance, die eine weibliche ist. Es entsteht eine Irritation in der Wahrnehmung. Und der Betrachter ist irritiert darüber, welche Geschlechtsidentität diese Person wohl haben mag: Fühlt er/sie sich nun als Frau oder als Mann? Diese Geschlechterverwirrung oder Irritation ist für Butler subversiv und kann als politische Strategie eingesetzt werden.

Hauptsächliche Kritikpunkte an Butler sind, dass ihr politisches Konzept eher schwach und nur auf bestimmte Subkulturen beschränkt ist. Es sei zu wahrnehmungsphilosophisch, und würde den handfesten Problemen in Bezug auf Sexismus, die oft mit (physischer und psychischer) Gewalt verbunden sind nicht gerecht. Außerdem blende es ökonomische Probleme aus, die z.B. ganz realpolitische Gleichstellungsstrategien erfordern.

„Schön“ und „hässlich“ und was das mit (geschlechtlicher) Normierung zu tun hat

von projekt l

Lookism – das ist ja was ganz neues?! Ist der Begriff auch eher unbekannt, beschreibt er dennoch einen gewohnten und ganz alltäglichen Mechanismus. Menschen werden in „schön“, „hässlich“ oder irgendwo „dazwischen“ eingeteilt und erhalten aufgrund dessen Vor- oder Nachteile. Das ist – kurz gefasst – Lookism.

Was „schön“ und „hässlich“ ist, wird durch gesellschaftliche Prozesse bestimmt. Menschen, die dem gerade vorherrschenden Schönheits- bzw. Körperideal nicht entsprechen, werden ausgegrenzt. Es ist schwieriger, Freund_innen zu finden, mensch muss besonders viele Qualitäten aufweisen, dass sich „trotzdem“ eine_r in sie_ihn verliebt, unter Umständen gibt es scheiß Blicke und Sprüche in der Straßenbahn oder anderswo im öffentlichen Raum. Diese gesellschaftlich konstruierten Ideale werden meist verinnerlicht und auch auf sich selbst angewendet, so dass mensch noch nicht mal bei der Selbstbetrachtung von diesen verschont bleibt. Lookism überall und kein Entrinnen…

Genauso wie die Vorstellung von Geschlecht ist auch das Schönheitsideal je nach Kultur, Zeit und sozialem Umfeld völlig unterschiedlich. So galten früher beispielsweise dickere Menschen als „schöner“ und in China waren bis ins 20.Jahrhundert kleine Füße der Inbegriff weiblicher „Schönheit“, weshalb die Kinderfüße der Mädchen fest „geschnürt“ und die Zehen gebrochen wurden; in Europa wiederum zwängten sich Frauen in Korsetts (oder wurden gezwängt). Und ob zum Beispiel sonnengebräunte Haut als „schön“ wahrgenommen wird, ist auch zeitlich und kulturell bedingt.
Weltweit gesehen spielt auch die westlich weiße Vorherrschaft aufgrund von (post-)kolonialen Strukturen eine Rolle.So haben in vielen asiatischen Ländern fast alle kosmetischen Produkte einen „whitening“-Effekt, d.h. sie enthalten Wirkstoffe, die die Haut bleichen – unter anderem mit dem Ziel, dem weiß-westlichen Bild näherzukommen, das auch in TV und Werbung gezeigt wird. Um „westlichere“ Augen zu bekommen, ist in Teilen Asiens die Lidoperation sehr beliebt.

Schaut mensch sich Lookism näher an, fällt auch auf, dass es gewisse strukturelle Parallelen zu anderen Unterdrückungsmechanismen gibt. So werden zum Beispiel sowohl bei Sexismus, Rassismus, Ableism , Ageism als auch bei Lookism Menschen unter anderem anhand ihrer Körper nach einem hierarchischen Prinzip beurteilt. Sie erhalten auf Grund körperlicher Merkmale unterschiedlichen Status und/oder ihnen werden mit Werturteilen versehene Eigenschaften zugeschrieben.

Aber zurück zum jeweiligen Schönheitsideal. Je näher mensch diesem kommt, umso besser für den Marktwert, sowohl „beruflich“ als auch im „Privaten“. Denn auch hier ist es wichtig, sich „gut zu verkaufen“, also eigene Vorzüge, auch die äußeren, in den Vordergrund zu stellen. So spielt es beim Aussuchen von Freund_innen meist auch eine Rolle, ob sie den eigenen Wert steigern oder zumindest den gleichen Marktwert besitzen wie mensch selber (denn wer will sich schon innerhalb des eigenen Umfeldes für Freund_innen „schämen“ müssen?).

Diskriminierung aufgrund des Aussehens hat aber nicht nur mit Idealbildern, sondern auch viel mit gesellschaftlichen Normen zu tun, die den Schönheitsidealen den Rahmen vorgeben. Bestimmtes Aussehen ist „normal“. Und ist mensch nicht „normal“ – weil sie_er den aufgedrückten Erwartungen nicht entsprechen kann oder will, dann wird sie_er ausgegrenzt und angegriffen.
Aber nicht für jede_n gelten dieselben Normen. Welche Schönheitsnormen für wen zum Tragen kommen, hängt von mehreren Faktoren ab. Eine große Rolle spielt dabei das gesellschaftlich zugeteilte Geschlecht. So gelten Haare an den Beinen gesellschaftlich mal als „hässlich“, mal nicht – je nachdem, ob das Bein von einer Frau oder einem Mann ist . Von einer Frau wird also nicht nur das passende „weibliche“ Verhalten verlangt, sondern auch das dementsprechende Aussehen (und für Frauen ist das Aussehen tendenziell immer noch wichtiger als für Männer ), ein Typ dagegen muss wie ein „richtiger“ Mann aussehen – sonst käme ja noch die Geschlechterordnung durcheinander..

Das Schönheitsempfinden ist also, genauso wie die Vorstellung von Geschlechtern und Sexualität, weder angeboren, „natürlich“ oder gänzlich individuell, sondern immer von sozialen Normen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen beeinflusst. Klar haben alle unterschiedliche Lebensumstände und das Schönheitsempfinden der einzelnen ist daher auch nie absolut identisch, aber auch ein „total eigenes“ Schönheitsempfinden wird trotzdem – und das nicht nur zufällig – in vielen Punkten mit dem gesellschaftlichen oder szeneinternen Schönheitsideal übereinstimmen. Und „Schönheit“ lässt sich nicht ohne „Hässlichkeit“ denken, wodurch es zwangsläufig zu einer Hierarchisierung von Individuen kommt.

Einerseits gibt es den Slogan „Liebe deinen Körper, so wie er ist!“, der auch in sogenannten „Frauenzeitschriften“ zu finden ist, während andererseits fast nur normentsprechende Körper gezeigt werden und die Wichtigkeit des Äußeren betont wird. Wie also soll mensch ihren_seinen Körper vorbehaltlos mögen, solange es gesellschaftliche/szeneinterne/.. Normvorstellungen von „schön“ und „hässlich“, von einem „richtigen“ und „falschen“ Körper gibt?
Deshalb: Weg mit diesen Kategorien! Klar ist es toll, etwas „schön“ zu finden. Problematisch wird es ja auch erst, wenn es sich nicht um Gegenstände dreht, sondern Individuen ins „schön-hässlich“-Raster gepackt werden. Genauso wie Geschlecht und Hautfarbe bei der Bewertung von anderen nicht nur eine untergeordnete Rolle, sondern gar keine spielen sollten, sollte unserer Meinung nach ein Individuum generell nicht aufgrund bestimmter Körperformen/-Merkmale auf- oder abgewertet werden.
Was nicht heißt, dass mensch niemanden mehr schön, im Sinne von toll/angenehm/sexy/…, finden soll. Wir denken, dass es genug andere Möglichkeiten und Gründe gibt, sich selber und andere zu mögen, nämlich was sie_er tut und sagt – und da gibt es ja mehr als genug Sachen, die mensch großartig (oder scheiße) finden kann!

Schönheitsvorstellungen drehen sich nicht nur um den Körper, sondern umfassen auch die „passende“ Kleidung und Körpergestaltung, wobei es auch hier meist ganz unterschiedliche Erwartungen je nach angenommenem Geschlecht gibt.
Diskriminierung aufgrund „unpassender“ Kleidung findet einerseits zwischen (Sub-)Kulturen und Szenen mit konträren Kleidungsnormen statt, aber es gibt auch Diskriminierung innerhalb einer Szene, wenn es einem Menschen nicht gelingt (oder sie_er sich verweigert), dem internen Schönheitsideal und Kleidungscode zu entsprechen.
Andererseits gibt es Menschen, die nach gesellschaftlicher/szeneinterner Ansicht den „richtigen“ Stil haben, diese haben die „richtige“ Kleidung in der „richtigen“ Kombination mit den „richtigen“ Accessoires und sind deshalb „schön“ angezogen, was ihren Marktwert erhöht. Dieser „richtige“ Stil ist von gesellschaftlichen/szeneinternen Nomen geprägt und daher auch je nach Zeitpunkt inhaltlich total unterschiedlich besetzt.

Allerdings lässt sich Kleidung nicht nur unter diesen Geschichtspunkt fassen. Einen Menschen abzuwerten, weil sie_er sich beispielsweise nicht die „passende“ Modemarke leisten kann, ist eine Form von Ausgrenzung. Aber andererseits können durch Kleidung auch bewusst politische Aussagen transportiert werden – und es macht durchaus Sinn, eine Person nach diesen zu beurteilen (ein extremes Beispiel wäre eindeutig rechtsradikale Kleidung/Symbolik).
Also können Kleidung und andere Körpergestaltungen auch ein Mittel sein, sich selbst (politisch) auszudrücken und zu verorten. Unter Umständen kann Kleidung sogar einer subversiven Praxis dienen, zum Beispiel kann durch Kleidung/Schminke/etc. die herrschende Geschlechterordnung durcheinander gebracht werden. So stellt ein Typ mit Nagellack und Rock durchaus die heterosexistische Männlichkeitsvorstellung in Frage.

Durch solche Normbrüche kann nicht nur die geschlechtliche Ordnung aufgebrochen werden, sondern mensch kann auch dem gesellschaftlichen Konsens von „schön“ und „hässlich“ etwas entgegensetzen. Normen von Geschlecht (und damit auch Schönheit) lassen sich spielerisch und parodistisch umdrehen – und stellen somit das „Normale“ in Frage. Dies ist auch eine Idee der Queer Theory. Dieses politische Konzept wendet sich gegen Normierungen jeglicher Art und beinhaltet auch eine kritische Auseinandersetzung mit möglichen Ausschlüssen innerhalb der eigenen (Sub-)Kultur. Daher richtet sich Queer als politischer Begriff auch gegen Lookism.
Eine andere, auch in der Queer Theory bekannte Strategie ist es, sich ursprünglich abwertende Bezeichnungen oder Kennzeichen anzueignen und positiv zu besetzen. Auch mit dieser Strategie können Schönheitsvorstellungen gestört werden. Ganz nach dem Motto „Fat and Proud“ – einem Slogan des Fat Liberation Movement , einer Bewegung, die gegen Diskriminierung und Vorurteile gegenüber dickeren Menschen kämpft und vor allem in den USA zu verorten ist.

Fight lookism? Menschen nicht nach ihrem Körper zu beurteilen, ist meist schwieriger als gedacht. Selbst wenn Gegenstrategien bestehen und von dem Konzept von „schön“ und „hässlich“ theoretisch Abstand genommen wird, lassen sich die damit verbundenen, schon lange verinnerlichten Denkmuster nicht einfach so streichen. Das kann nur ein Prozess sein. Davon abgesehen, dass es im realen Leben weiterhin einen riesigen Unterschied macht, ob mensch dem Schönheitsideal entspricht oder eben nicht – mit den damit verbundenen Vor-oder eben Nachteilen!
Obwohl es also eher trostlos aussieht, Normzustände sich nicht einfach so ändern lassen und es noch genug andere Probleme auf der Welt gibt, denken wir, dass es trotzdem Sinn macht, sich über die Vielzahl und Verschränkungen von Unterdrückungsverhältnissen bewusst zu werden und damit auch eigenes Verhalten, Positionen und eventuelle Privilegien kritisch zu hinterfragen.
In diesem Sinne: Radicalize yourself.

projekt l
www.lookism.info

Alles Teil des Systems

von Antifaschistischer Frauenblock Leipzig

Das Geschlechterverhältnis war und ist Transformationen unterworfen, die Situation von Frauen hat sich verbessert und der soziale Handlungsrahmen für Männer erweitert, aber immer noch ist das Verhältnis ein hierarchisches. Schließlich haben gesellschaftliche Veränderungen zwar zu einer formellen Gleichbehandlung der Geschlechter z.B. bei den Zugangsmöglichkeiten zu Bildung und Politik geführt und inzwischen besteht auch für Frauen die Möglichkeit, in der Sphäre der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu wirken, aber ökonomische, berufliche, soziale und private Geschlechterzuweisungen existieren weiterhin.
Machtverhältnisse, die sich auf die Trennung und Hierarchisierung der Geschlechter stützen, äußern sich vielfältig in den verschiedensten Bereichen. Die Strukturen bestehen auf verschiedenen Ebenen und sind kompliziert und komplex und man macht es sich zu einfach, Männern die Herrschaftsausübung und somit die Rolle der Unterdrücker und Frauen die Rolle der Unterdrückten zuzuschreiben, denn an der Gestaltung und Aufrechterhaltung sind beide Geschlechter beteiligt.
Die gegenwärtige Gesellschaft ist von Macht- und Hierarchiestrukturen geprägt, die sich sowohl im Geschlechterverhältnis wie in der ökonomischen Ordnung zeigen, wobei diese zwei Aspekte miteinander verflochten sind. Die eindeutige Unterscheidung der Geschlechter ist nicht nur eine Erscheinung des Kapitalismus, aber sie wird in ihm brauchbar gemacht. Eines seiner herausragenden Merkmale ist die Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre, wobei traditionell Männern der öffentliche, produktive und Frauen der private, reproduktive Bereich zugeordnet ist. Dabei wird die Arbeit im Reproduktionsbereich nicht bezahlt, bzw. nur über die Lohnarbeit des Mannes indirekt vergütet. Verschiebungen in diesen traditionellen Geschlechterzuweisungen haben zwar stattgefunden, jedoch waren sie nie radikal genug, um zu einer Bedrohung des Kapitalismus zu führen oder die Auflösung der Geschlechter zu bewirken. Gendermainstreaming ist inzwischen ein etabliertes Konzept und einzelne Forderungen der diversen Frauenbewegungen wurden erfüllt, allerdings stellt sich immer wieder heraus, dass das kapitalistische System genug Flexibilität aufweist, um auf die Veränderungen einzugehen ohne das Geschlechterverhältnis grundsätzlich zum Wanken zu bringen. Ein weites Spektrum verschiedener Positionen kann parallel in gesellschaftlichen Diskursen bestehen, und so ist die Gleichzeitigkeit von kritischen Gender und Queer Theories und konservativen antifeministischen Backlashpositionen möglich.
Prinzipiell stehen Frauen inzwischen alle Berufszweige offen, aber sie sind immer noch die Hauptverantwortlichen für den Reproduktionsbereich, bei der Karriereplanung hindert sie nach wie vor die vielbeschworene Doppelbelastung. Bis heute wird innerhalb dieser Gesellschaft in „typisch männliche“ und „typisch weibliche“ Tätigkeiten unterschieden und wie fest diese Einteilung auch in den Köpfen verankert ist, lässt sich z.B. an Statistiken ablesen, die die Berufswünsche von jungen Männern und Frauen abfragen. „Typisch weibliche Tätigkeiten“ sind eher dienstleistend oder sozial und stützen sich auf die zugeschriebenen „weiblichen“ Qualitäten wie Einfühlungsvermögen, Fürsorge und Vermittlung. Durchsetzungsvermögen, Machtstreben und dominantes Verhalten sind dagegen die „männlichen“ Qualitäten, die die Männer zu produktiven, führenden und planenden Tätigkeiten befähigen und die Überzahl der Männer in Führungspositionen erklären würden. Einhergehend mit dieser Einteilung ist auch eine implizite Wertung, die sich sowohl in der Bezahlung als auch in der Hierarchisierung der Felder niederschlägt.
Da die Trennung der Gender-Rollen derart manifest ist, kommt es zu Problemen, wenn Rollenklischees durchbrochen werden. Mit dieser „Unordnung“ umzugehen, gibt es verschiedene Strategien, um passend zu machen, was laut Geschlechtervorstellungen nicht passt. In dieser Gesellschaft wird von jedem Menschen gefordert, eine eindeutige Gender-Identität mit einem festen Inventar an Eigenschaften zu leben, und zwar die als Mann oder Frau, etwas dazwischen gibt es nicht. Menschen, die sich nicht den geschlechtsspezifischen Zuordnungen unterwerfen, sehen sich besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt, ihnen wird oft die gesellschaftliche und private Anerkennung entzogen, da sie von ihrer Umwelt als verstörend und verunsichernd wahrgenommen werden. Dies kann weitreichende Folgen haben und der Druck führt ja genau dazu, dass sich Menschen einpassen und sich so das System perpetuiert. Wie sehen die Strategien, die die Trennung der Geschlechter aufrechterhalten soll, also aus?
Frauen, die in „männliche Domänen“ und sei es nur der Führungsbereich vordringen, haben erst einmal mit den Vorurteilen zu kämpfen, dass ihnen doch das „natürliche Grundwissen“ fehle oder sie qua Geschlecht unfähig zu dieser Tätigkeit seien oder zumindest ihre Arbeit einer sehr viel kritischeren Beurteilung ausgesetzt sehen. Sollte eine Frau in einer nicht typisch weiblichen Position oder Tätigkeit erfolgreich sein, wird ihr oftmals vorgeworfen, sie habe sich „männlicher“ Verhaltensweisen bedient und sei keine „echte“ Frau mehr. Ebenso findet sich aber auch die Argumentation, dass Frauen eben besonders gut für leitende Posten geeignet seien, weil ihnen bspw. eine höhere Kompetenz in Kommunikation zugesprochen wird. Parallele Vorstellungen finden wir auch, wenn Männer in „weiblichen Berufen“ arbeiten. Ihnen wird gern ihre „Männlichkeit“ abgesprochen (z.B. Weichei-Waschlappen-Vorwurf), und sie werden belächelt. Obwohl Arbeiten in einem gesellschaftlich geringer bewerteten Beruf einen sozialen Abstieg/Machtverlust bedeutet, wird aber in speziellen Bereichen ihre Tätigkeit von den Mitarbeiterinnen als besonders positiv und lobenswert angesehen. Es werden ihnen eher Fehler zugestanden, weil sie mit diesem Bereich „nicht vertraut“ seien und es gibt ebenso die Auffassung, dass Männer auch in traditionell weiblichen Berufen qua ihres Geschlechts von besonderer Eignung seien, z.B. wir es in Kindergärten für zunehmend wichtig empfunden, dass den Kinder auch männliche Betreuer als Rollenmodelle vorgeführt werden.
Ähnliche Mechanismen wirken im Freizeitbereich. „Versagt“ zum Beispiel ein Mann – mal ganz platt: kann er nicht Fußball spielen –, so wird dies mit fehlendem Talent oder individuellem Nichtkönnen begründet. „Versagen“ Frauen hingegen, so ist dies oft genug die Bestätigung für das Versagen eines ganzen Geschlechts. Dies äußert sich dann in Sätzen wie: „Hab ich es doch gewusst – Frauen können so etwas nicht.“ oder: „Frauen sind für so etwas einfach nicht geschaffen“.
Individuelle oder sozialisationsbedingte Unterschiede werden so übergangen, damit eine allgemein gültige Aussage über Geschlechter möglich wird. Es gibt genug Beispiele, die nicht den Stereotypen entsprechen, doch diese werden viel weniger wahrgenommen als solche, die sie stützen, sie werden immer wieder gesucht und pseudowissenschaftlich begründet, z.B. durch Biologisierung der Geschlechter und ihre Erklärung durch evolutionäre Sinnhaftigkeit. Männer hätten zum Beispiel ein besseres räumliches Sehvermögen, weil sie in Urzeiten für die Jagd zuständig waren und weite Entfernungen gut abschätzen können mussten, während bei Frauen der Blick auf nahe, kleine Dinge besser ausgebildet ist aufgrund ihrer damaligen Aufgabe, Früchte und Beeren zu sammeln.

Sexistischer Normalzustand

Das Geschlechterverhältnis findet seinen Ausdruck im sexistischen Alltag, der von strukturellen und individuellen Bedrohungen und Einschränkungen geprägt ist. Diese umfassen eine große Bandbreite, von sexistischen Sprüchen, ungewollten Berührungen bis hin zu Vergewaltigungen. Schon die Möglichkeit einer Vergewaltigung und damit verbundene Ängste begrenzen Frauen in ihren Möglichkeiten.
Dieser Position steht die gesellschaftlich vorgeprägte relative Machtposition von Männern gegenüber. Hier gilt ebenso, wie bereits oben gesagt, dass es nicht um eine einseitige Schuldzuweisung geht, sondern dass Männer wie Frauen diese Verhältnisse reproduzieren. Wer dagegen angeht, ist beständig von Aggressionen bedroht, da niemand sich gern sein einfaches Weltbild wegnehmen lässt. Diese Verhältnisse aufzubrechen erfordert permanente Reflexion und Auseinandersetzung, auch mit dem eigenen Verhalten.
Geschlechtsspezifische Hierarchie- und Machtkonstellationen wirken sich auch auf Sexualität und Körperempfinden aus. Eine „natürliche“ Sexualität existiert nicht, Lustempfinden und Wünsche sind vergesellschaftet. Allgemein wird jedoch ein anderes Bild vermittelt, Sexualität wird individualisiert, als rein privat angesehen und zusätzlich mit Tabus belegt. Im geschlechtshierarchischen System ist ein ungutes Körpergefühl von Frauen angelegt, das diese jedoch ebenfalls als persönliches Problem begreifen sollen. Diese Verwundbarkeit wird benutzt, um das Machtgefüge aufrechtzuerhalten, ein Mittel und ein Ausdruck davon ist sexualisierte Gewalt. Bei einer Vergewaltigung versucht der Täter eben diese Macht zu zeigen und die Frau zu kontrollieren, zu beherrschen und zu erniedrigen. Vergewaltigungen finden in einem gesellschaftlichen Kontext statt, der auf Hierarchie und Gewalt in den Geschlechterverhältnissen basiert, diesen Zustand auszunutzen und zu reproduzieren ist aber eine Entscheidung und ein Vergewaltiger ist für seine Taten verantwortlich zu machen.

Szene – nur Teil des Ganzen

Klar ist, dass die so genannte linke Szene nicht außerhalb der Gesellschaft steht. Nur aufgrund ihrer emanzipatorischen Ansprüche werden Linke nicht zu besseren Menschen. Auch innerhalb einer (sub-)kulturellen Szene, deren Leute als weitestgehend politisiert bezeichnet werden, fehlt oftmals das Bewusstsein für das Thema Sexismus. Ein antisexistisches Selbstverständnis gehört zwar in linken Projekten inzwischen beinahe zum Standard, wird jedoch kaum mit Inhalten gefüllt. So kommt es nicht selten vor, dass bei Konzerten jeglicher Musikrichtungen sexistische Ansagen oder Texte zu hören sind. Wird dies überhaupt thematisiert, ist die Reaktion oft Unverständnis: die Band sei doch gut, man dürfe das alles nicht zu ernst nehmen, schließlich sei es ja nur ein Lied und alles nur eine Interpretationsfrage etc. Ein irgendwie politischer Anspruch scheint sich im sozialen Bereich häufig gar nicht fortzusetzen. Sexistische Sprüche am Tresen, Rumgepose im Club oder Antatschen im Gedränge sind auch in linken Läden an der Tagesordnung. Abgetan wird dieses Verhalten beispielsweise damit, dass der Verantwortliche jedoch ansonsten ein guter Antifaschist oder Antideutscher oder Kumpel ist. Von Paarbeziehungen wollen wir gar nicht erst anfangen.
Auch in Gruppenstrukturen ist Sexismus ein niemals endendes Thema. Trotz des vielen Geschriebenen und Gesagten sind kaum Fortschritte erzielt worden. Im Gegensatz zu anderen Themen verlaufen Diskussionen über Sexismus, so sie überhaupt geführt werden, oft sehr aufgeheizt und kommen über strukturelle Standards (z.B. quotierte Redeliste, paritätisch besetzte Podien) selten hinaus.
Außerdem scheint es, als müssten seit Jahren immer wieder dieselben Diskussionen geführt werden, hier kann zum Beispiel das ewig leidige Redeverhalten genannt werden.
Wenn es dann zu strukturellen Maßnahmen gekommen sein sollte, stellen solche Veränderungen immer nur einen kleinen Schritt auf dem Weg zur Durchsetzung nicht-sexistischer Standards dar. Weder sexistische noch sozialisationsbedingte Verhaltensweisen werden damit grundsätzlich in Frage gestellt oder aufgelöst. Nach dem Plenum ist ein reflektierteres Verhalten nicht zu bemerken. Allerdings werden von Frauen die geschaffenen Möglichkeiten oft nicht ausgeschöpft, denn die Angst, zu versagen, das Unbehagen vor der zu übernehmenden Verantwortung wird nicht abgebaut. Diese Ängste können nur überwunden werden, wenn sie aktiv angegangen werden und sich nicht auf einem Status Quo ausgeruht wird.
Frauen in der linken Szene gehen ständig zugunsten einer vermeintlich allgemeinen Politik Kompromisse in Bezug auf die Thematisierung sexistischer Verhältnisse und Verhaltensweisen ein. Oft genug verzichten sie auf diese Diskussionen, obwohl sie ihnen wichtig sind, um mit der Arbeit innerhalb der Gruppe voranzukommen oder weil sie negative Reaktionen befürchten. Es muss nicht bis zum Dissing der Betreffenden kommen, ein bloßes Augenrollen oder andere Anzeichen von Genervt-Sein reichen unter Umständen aus, um Frauen die Motivation für die Diskussion zu nehmen. Diese Anzeichen vermitteln Frauen, dass es kein Interesse an einer Auseinandersetzung gibt. Das Thema Sexismus wird nicht nur belächelt, sondern auch gerne übergangen oder immer wieder verschoben.

Sexismus und das hierarchische Geschlechterverhältnis sind keine marginalen Probleme, dem sich nur Frauen widmen sollten und die in der Gesamtheit der politischen Themenfelder eine neben- oder untergeordnete Rolle spielt. Nicht nur, weil sexistische Sprüche nerven und sexualisierte Gewalt Leid verursacht, sondern weil es dabei um etwas geht, das alle betrifft. Frauen wie Männer, Intersexuelle, Transsexuelle, erfahren Einschränkungen durch die herrschenden Zu- und Abschreibungen, die einer freien Entwicklung im Wege stehen und so ist die Einführung nicht-sexistischer Standards zwar eine begrüßenswerte Maßnahme, aber nicht das non-plus-ultra. Die Reflexion des eigenen Verhaltens und weitergehende Auseinandersetzung mit Geschlecht/Gender als eine grundlegende Kategorie, die das Leben strukturiert, kann und soll sie nicht ersetzen.

Antifaschistischer Frauenblock Leipzig (AFBL) www.afbl.tk
Dieser Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Version eines Textes von 2001.

Von Geschichtsrelativierenden Feministinnen, Kopftüchern und vermeintlichen Antideutschen

von „sinistra!“

Nachdem in der „Bild am Sonntag“ vom 14.10.2006 ein Artikel erschienen ist, indem prominente muslimische Frauen sich für ein Ablegen des Kopftuches aussprechen, ist die Debatte um ein Kopftuchverbot wieder aufgeflammt. Ihre Argumentation, Deutschland sei ihre Heimat und es sei im Sinne der „Integration“ sich den deutschen Standards anzupassen, ist einerseits selbstverständlich nicht unterstützenswert. Doch andererseits erhielt eine der Unterzeichnerinnen, Ekin Deligöz, daraufhin prompt Morddrohungen. Anhand dieses Beispiels wird das Dilemma deutlich, das sich fast jedes Mal bei der Beschäftigung mit der so genannten „Kopftuchdebatte“ auftut:
Uns ist zwar einerseits klar, das eine Kritik des Kopftuches als Element zur Unterdrückung der Frau wichtig ist, gerade in Zeiten von „multikulturell“ bewegten Bauchlinken, doch andererseits ist auch wichtig, das eben diese Kritik allzu häufig Gefahr läuft, reaktionäre Tendenzen aufzuweisen, welches verhindert werden sollte. Diese Tendenzen werden wir im Folgenden exemplarisch an zwei Argumentationsbeispielen kurz anreißen.

So nicht…

Die Diskussionen um das Tragen eines Kopftuches durch muslimischen Frauen (Zweifelsohne unterscheiden sich die Diskussionen in Ländern wie zum Beispiel Frankreich, Deutschland, der Türkei oder dem Iran. Wir wollen uns hier auf den deutschen Kontext beschränken.), kennzeichnen sich unter anderem dadurch, dass das Bild einer durch patriarchale Herrschaft unterdrückten Frau entworfen wird. Diese Form der Frauenunterdrückung wird in den Kontext einer sog. „arabischen Welt“ angesiedelt.
Dieses Bild ist insofern problematisch, da die verschiedenen Motive für die Verschleierung nicht thematisiert werden und die muslimische Frau, die eine Burka oder ein Kopftuch trägt, nur als passives Opfer gesehen wird, welches von der aktiven patriarchalen Gewalt gezwungen wird, sich zu verschleiern. Dieses Bild wird oft mit dem Vorwurf zivilisatorischer Rückständigkeit gekoppelt. In dieser Argumentation scheinen sich die Kritikerinnen des Machismo muslimischer Männer sicher zu sein, so wie auch der radikalen Andersheit gegenüber der eigenen „westlichen“ Identität, welche vernünftig und zivilisiert erscheint. Man fühlt sich in seine eigene Identität bestätigt, denn „anders sind immer die Anderen“.
So konnte Alice Schwarzer, eine Gegnerin des Kopftuches , in einem Interview mit Frank Schirrmacher das Kopftuch als „eine Art `Branding´“ sehen, welches „vergleichbar mit dem Judenstern“ sei. „Das Kopftuch sei“, so Schwarzer, „das Zeichen, welches die Frau zu der Anderen, also einem Mensch zweiter Klasse, machen würde“ (vgl. F.A.Z. vom 4.7.2006). Schwarzer reproduziert an dieser Stelle ein dichotomes Täter-Opfer Bild, das die muslimischen Frauen immer nur als Opfer der islamistischen Männer ansieht. Sie setzt den Islamismus mit dem Nationalsozialismus gleich – die Frauen nehmen die Rolle der Juden ein. Diese Geschichtsrelativierende Argumentation dient zur Stärkung der weißen, deutschen Identität, welche sich nur aufrecht erhalten kann, wenn endlich ein „Schlussstrich“ unter der Vergangenheit gezogen wurde.

… und so auch nicht

Der folgenden kurzen Analyse sei vorangestellt, das das Papier „Islam is lame! Das Kopftuchverbot für Schülerinnen als feministische und antirassistische Konsequenz einer Kritik des konservativen Alltagsislam gegen Kulturrelativisten, Traditionslinke und antideutsche Softies verteidigt“ (Vgl: www.redaktion-bahamas.org), durchaus seine richtigen Punkte hat. Es deutet auf eine Leerstelle der Linken hin und stellt richtig fest: „An Grausamkeit, Perversion und Wahnsinn ist das System Jungfrauenkäfig schwer zu überbieten“.
Doch diese vermeintlich „kommunistische“ bzw. „liberale“ Position ist letztendlich rassistisch, sexistisch und deutschlandliebend.
So wird zum Beispiel der Sexismus in Deutschland an mehreren Stellen des Textes verharmlost und auf „deutsche(s) (und linke(s) Mackertum, das sich vorwiegend im Unterbrechen von Frauen und anderen stillen und lauten Praktiken (wie Augenrollen, Ironie, Rhetorik und Polemik) und „pfeifende Bauarbeiter“ reduziert. Gepaart wird diese Argumentation mit Verwendung von Mackersprache, wie „Softies“ und „hasenfüßig“.
Darüber hinaus wird anhand der Schlussfolgerung, welche schon in der Überschrift deutlich wird, zu der die hedonistische Mitte letztendlich gelangt, deutlich, dass sie ihren Frieden mit Deutschland gemacht haben.
Die Forderung nach der repressiven Durchsetzung des Kopftuchverbots und der Schulpflicht durch den deutschen Staat, lässt darauf schließen, dass hier kein Interesse mehr an der Besonderheit der postfaschistischen Zustände, und dem damit verbundenen Anspruch, diese mit dem Ziel ihrer Abschaffung zu sabotieren, besteht. Denn schließlich führt die allgemeine Schulpflicht in Deutschland immer noch vor allem zu Einem:
Zur Schaffung neuer Arbeiterinnen für die deutsche Volksgemeinschaft.
Besonders in einem Staat wie dem deutschen, der z.B. nicht mal die Abtreibung legalisiert hat, erscheint diese Forderung mehr als fragwürdig.
Auch die Kritik der „Hedonistischen Mitte“ an der „Multikulti“- Gesellschaft, welche durchaus richtig und wichtig sein kann, greift hier nicht zu Genüge. Denn die Autorinnen blenden bei ihrer Analyse komplett aus, das es zu diesen Bestrebungen in Deutschland durchaus auch
Gegentendenzen gibt, die nicht zu unterschätzen sind; als Stichwort sei hier die Debatte um die Leitkultur, als nur eine unter vielen vergleichbaren, genannt.

Ausblicke
Anhand der vorherigen Ausführungen ist hoffentlich deutlich geworden, wie schmal der Grad zwischen gelungener Kritik an realen geschlechterspezifischen Unterdrückungsverhältnissen, und rassistischen, nationalistischen, geschichtsrelativierenden und sexistischen Argumentationen ist.
Wie bereits erwähnt steht es außer Frage, das das Kopftuch in den meisten Fällen zur Unterdrückung der Frauen dient. Außerdem wird es häufig aus antiwestlichen und somit tendenziell reaktionären Gründen, im schlimmsten Fall in Abgrenzung zu den USA oder Israel, getragen.
Darüber hinaus erscheint es uns noch wichtig zu erwähnen, dass auch ganz gewöhnliche Nazis innerhalb dieser Debatte teilweise plötzlich ihre Liebe zu den unterdrückten Frauen entdecken, die sie in anderen Fällen, wenn es nicht um die islamische Welt geht, bekanntlich herzlich wenig interessieren. So lautete zum Beispiel ein Wahlspruch der FPÖ während der letzten Wahl in Österreich: „Freie Frauen statt Kopftuchzwang“.

Abschließend können und wollen wir nicht den einzig wahren Ausweg aus dem thematisierten Dilemma bieten, sondern uns auf die Kritik bestimmter Positionen beschränken, in der Hoffnung, dass die Gefährlichkeit solcher vermeintlich „linker“ oder „feministischer“ Argumentationen deutlich geworden ist.

(Aus verständlichen Gründen sollten wir diesen Artikel auf Wunsch der Macherinnen dieses Readers kurz halten. Es sei aber hier darauf hingewiesen, das es in der nächsten Zeitung der Gruppe Sinistra! einen ausführlichen Artikel zu diesem Themenkomplex geben wird).

Sinistra!
im herbst 2006

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft entdeckt die Frauenunterdrückung Oder: Wer ist eigentlich Christiane Klawitter?

von ag „für eine hedonistische linke“

Christiane Klawitter:
Am 22. Juli 2005 stürzt ein Kleinflugzeug vor dem Berliner Reichstag ab. Der Pilot aus Erkner, Volker Klawitter, kommt dabei ums Leben. Die Ermittler gehen von Selbstmord infolge eines Gewaltverbrechens aus, denn die Polizei findet auf dem Grundstück des Todespiloten die Leiche seiner Ehefrau: eine Woche nach ihrem Verschwinden – tot im Kohlenkeller. Wer kann diese Geschichte mit dem Namen verbinden? Kaum eine_r. Doch wer weiß alles was mit dem Namen Hatun Sürücü anzufangen? Und wem fällt dazu noch der Begriff „Ehrenmord“ ein?
Wir wollen gut zwei Jahre nach dem Mord an Hatun, an sie und diese schreckliche Tat erinnern und gleichzeitig einen Perspektivwechsel einfordern.

Wichtiges zu Beginn
Es geht hier explizit nicht um eine Verharmlosung von frauenverachtender Gewalt und Unterdrückung. So genannte Ehrenmorde verurteile wir wie jede Form sexistischer Gewalt aufs schärfste. Auch sind wir keine Freund_innen von geschlechtsspezifischer Kleidung oder klar verteilten und unterschiedlich bewerteten Geschlechterrollen. Uns geht es im folgenden aber in erster Linie um die Analyse wer, wie und warum zum Retter der Frauenrechte wird, wenn es um Migrant_innen geht. Wir werden dabei nicht kulturrelativistisch nach dem Motto argumentieren, dass das „bei denen“ halt so ist, das „ihre Kultur, ihre Tradition“ sei. Wir denken Menschenrecht sind universell. Allerdings spielt es, unserer Meinung nach, auch eine große Rolle, wie diese Rechte verankert werden – durch Kriege, Gesetzte und Zwang oder durch Unterstützung der Betroffenen, inhaltliche Vermittlung und Integration. Auch denken wir nicht, das in der BRD von Parallelgesellschaften gesprochen werden kann und sollte. Vielmehr wird damit die absurde Verflachung von möglichen Gründe für z.B. Ehrenmorde gefördert und eine bestehende Wechselwirkung zwischen der mehrheitsdeutschen Gesellschaft und migrantischen Communities ignoriert. Den meisten Protagonist_innen geht es bei der Debatte offenkundig nicht wirklich um Frauenrechte, sondern um Ausgrenzung oder zumindest um eine Markierung von Nicht-Deutschen als „rückständig“. Das lässt sich an zwei Punkten zeigen:
1.) Viele sind meist blind für „deutsch-deutsche“ Frauenunterdrückung und Gewalt in Beziehungen oder sogar erklärte IdeologInnen patriarchaler (Familien-)Politik.
2.) Die Ursache für z.B. das Wiedererstarken des Kopftuches in der BRD wird auf „die fremde Kultur“ reduziert und Aspekte, wie sozialer Status oder Ausgrenzungserfahrungen und eine damit einhergehende Re-Islamisierung, werden nicht thematisiert.

I.) Ehrenmorde vs. Familien- oder Beziehungsdrama
Die Berliner Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen „Papatya“ dokumentierte von 1996-2004 insgesamt 45 „Ehrenmorde“ in Berlin. Während für das vergangene Jahr keine Fälle bekannt geworden sind gab es in den Jahren 2004 und 2005 insgesamt 4 Opfer:
- am 25.11.2004 ersticht der Ex-Mann die 21-jährige Semra U.
- am 29.11.2004 wird die 35-jährige Melere E. von ihrem Lebensgefährten erstochen
- am 04.01.2005 wird die 32-jährige Meryem O. von ihrem Lebensgefährten erwürgt
- am 07.02.2005 wird die 23jährige Hatun Sürücü von mind. einem ihrer Brüder ermordet
(Quelle: „Im Namen der Ehre“ von Kerstin Eschrich in Konkret 12/05)
Beim Fall Hatun Sürücü gab und gibt es ein riesiges mediales Interesse. Die CDU z.B. beschäftigte sich in der Folge ausführlich mit dem sonst von ihr vernachlässigten Problem der Gewalt gegen Frauen, allerdings ausschließlich im migrantischen Milieu. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) organisierte eine Demonstration durch Neuköln und Kreuzberg. Es gab Reportagen und Artikel, die Feuilleton-Seiten waren voll, auch später angesichts des Prozesses. Und alle sind sich einig: Ein zu verurteilender barbarischer Akt, der aus einer anachronistischen Tradition und einem überalterten Ehrbegriff herrührt. Und dieses Problem haben die Moslems, es ist ein Problem des Islam.
Was dagegen würde passieren, wenn mal wieder ein bio-deutscher Mann seinen Arbeitsplatz verliert, nach Hause geht und zuerst seine Frau und seine Kinder und dann sich selbst erschießt. Das wäre eventuell der Aufmacher für die Regionalnachrichten. Es würde von einem schrecklichen Familiendrama gesprochen werden und bestimmt würde z.B. keine_r auf die Idee kommen, die Familienpolitik der Bundesregierung dafür verantwortlich zu machen, weil sie im aktuellen Koalitionsvertrag erneut die Mutter-Vater-Kind-Familie zur Keimzelle des Staates erklärt und den Mann zum Ernährer bestimmt. Das dieser dann eventuell mit dem Arbeitsplatzverlust auch einen krassen Stausverlust und damit unter Umständen eben einen völligen Identitätsverlust erleidet, dem nur noch mit dem Auslöschen der gesamten Schicksalsgemeinschaft „Familie“, dessen Oberhaupt er ja ist bzw. war, begegnet werden kann, denkt kaum eine_r. Oder was ist mit so genannten Beziehungsdramen, bei denen der (Ex-)Freund/Mann die Zurückweisung durch „seine“ Frau nicht mehr ertragen kann und entweder nur sie oder danach auch noch sich selbst umbringt (Die Justiz spricht in einem solchen Falle übrigens immer noch von „erweitertem Suizid“.)? Wen interessiert das und wer würde wohl daraus eine generelle Kritik am Konzept der monogamen Zweierbeziehung, Besitzanspruchsdenken und romantischer Liebe schließen? Wer würde z.B. in diesem Zusammenhang „Die Toten Hosen“ für ihren Song „Alles aus Liebe“ kritisieren, weil die letzte Textzeile wie folgt lautet: “Komm ich zeig dir wie groß meine Liebe ist und bringe uns beide um.“?
Es ist klar, das sich z.B. ein Ehrenmord und ein so genanntes Beziehungsdrama nicht ohne weiteres vergleichen lassen. Allerdings sind z.B. drei der vier Berliner „Ehrenmorde“ aus dem Jahr 2004 nicht klassisch von Brüdern oder dem Vater begangen worden, sondern von Lebensgefährten oder dem Ex-Mann. Die Kategorisierung scheint hier eher nach der Herkunft des Täters zu geschehen. Nach einer Studie des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2003 wird in der BRD jede vierte Frau Opfer häuslicher Gewalt durch ihren Beziehungspartner. Es handelt sich also um ein Problem, das bei weitem nicht nur Frauen mit migrantischem Hintergrund betrifft. Bleibt die Frage, warum es in solchen Fällen so skandalisiert und mit der kulturellen Frage verknüpft wird und sonst eher breites Schweigen herrscht.

II.) Kopftuch vs. pushup oder Stöckelschuhe
Auch der Streit ums Kopftuch und die Frage, ob dieses von Frauen im öffentlichen Dienst getragen werden darf und was es überhaupt bedeutet, hat in den vergangenen Jahren hohe Wellen geschlagen. Zur Zeit fordern einige „Bahamas“-Fans sogar ein generelles Kopftuchverbot in Schulen für alle. Und auch hier wird meist mit einer total verflachten Analyse argumentiert. Das Frauen, die erst durch das Kopftuch die Möglichkeit haben, den öffentlichen Bereich zu nutzen, mit Berufsverboten und ähnlichem (auch der allgemeinen Debatte, in der jede Frau mit Kopftuch zum Opfer stilisiert wird) wieder in den privaten Bereich und damit unter die Kontrolle der Männer und der Familie gedrängt werden, wird selten in Betracht gezogen. Auch wie absurd es ist sie aus der Bevormundung durch „ihre“ Männer zu erlösen, indem sie durch die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft bevormundet werden, fällt wenigen auf. Und die zu konstatierende Re-Islamisierung in den migrantischen Communities wird auch nicht angemessen mit den Ausgrenzungserfahrungen der Betroffenen in Verbindung gebracht. Denn dann wäre man ganz schnell beim Thema Rassismus und der, oft geforderten aber nicht annähernd sinnvoll angegangenen, Integration. Denn die heißt für viel zu viele Bio-Deutsche immer noch Assimilation „der Ausländer“.
Der größte Kritikpunkt am Kopftuch ist der, das sich die Frau wegen den Männern so kleidet und sich ihnen damit unterordnet. Doch wie sieht es aus mit pushup-BHs oder Stöckelschuhen? Auch hier kleiden sich Frauen wegen der Männer auf eine bestimmte Art und Weise. Der Unterschied ist, das sich auf der einen Seite Frauen so kleiden, das sie familienfremden Männern möglichst wenig Haut zeigen und auf der anderen Seite kleiden sich Frauen so, das sie möglichst attraktiv für Männer sind. Das geht soweit, das es nun z.B. schon Einlege-Kissen für Stöckelschuhe gibt, weil diese sonst nicht nur unangenehm zu tragen, sondern sogar schmerzhaft sind. Sicher gibt es sehr große Unterschiede bei der zahlenmäßigen Verteilung derer, die das eine oder andere „freiwillig“ tun. Aber ist das nicht eher ein Zeichen für die größere Verankerung bestimmter Praktiken, die dann als „normal“ oder gar „natürlich“ angesehen werden, während andere eben als „rückständig“ oder „patriarchal“ gelten?

III.) Verfassungstreuetest für Moslems und für Christen?
Im Januar 2004 forderten ca. 100 meist prominente Feministinnen in einem offenen Brief: „Alle Frauen und Männer, die aus Ländern kommen, in denen Männer gegenüber den Frauen rechtlich privilegiert sind, und die ein Aufenthaltsrecht in Deutschland beantragen, unterschreiben ab sofort, dass sie Art.3 Abs. 2 GG anerkennen. Damit unterschreiben sie gleichzeitig, dass sie bei Verstößen ihr Aufenthaltsrecht verwirken.“ Schon damals bezeichnete Birgit Rommelspacher das in einem Kritiktext als „Eine ‚billige’ Lösung“ und entlarvte die Forderung als rassistisch. Getoppt hat das ganze zwei Jahre später die CDU in Baden Württemberg und andere Bundesländer soll(t)en folgen. In einem „Gesprächsleitfaden für die Einbürgerungsbehörden“ soll das „Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung nach dem Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG)“ geprüft werden. Es wäre sicher interessant z.B. die zwei folgenden Fragen im Rahmen einer statistischen Erhebung in der NPD-Hochburg Sächsische Schweiz zu stellen:
„27. Manche Leute machen die Juden für alles Böse in der Welt verantwortlich und behaupten sogar, sie steckten hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York? Was halten Sie von solchen Behauptungen?
28. Ihre Tochter bewirbt sich um eine Stelle in Deutschland. Sie bekommt jedoch ein ablehnendes Schreiben. Später erfahren Sie, dass eine Schwarzafrikanerin aus Somalia die Stelle bekommen hat. Wie verhalten Sie sich?“
Etwa genauso ernüchternd dürften auch die Antworten etwaiger bio-deutscher Befragter bei den Fragen 29 und 30 in einer beliebigen Gemeinde in Baden Württemberg ausfallen.
„29. Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie?
30. In Deutschland haben sich verschiedene Politiker öffentlich als homosexuell bekannt. Was halten Sie davon, dass in Deutschland Homosexuelle öffentliche Ämter bekleiden?“
Rommelspacher fragte in diesem Zusammenhang schon vor zwei Jahren: „Denn wer würde all die deutschen christlichen Männer und Frauen ausbürgern, die gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung verstoßen?“

IV.) Fazit
Unsere Meinung nach gibt es zwei große Felder die, miteinander verwoben, die Motivation für die scharfe und aufgeregt Verurteilung von Ehrenmorden, Kopftüchern,… stellen. Zum einen Rassismus, d.h. Menschen, denen eh fast jedes Thema recht ist um gegen Migrant_innen zu hetzen und das Zusammenleben „verschiedener Kulturen“ in Frage zu stellen, springen gerne auf den Zug auf oder bringen ihn erst so richtig in Fahrt. Außerdem, und jetzt wird’s psychoanalytisch, können Menschen so sehr gut bei „den Anderen“ das erkennen, kritisieren und bekämpfen, was bei ihnen, in „ihrer Gesellschaft“ schief läuft, oder besser gesagt nicht so wie es eigentlich laufen sollte. So werden Frauenunterdrückung, Homophobie, veraltete Rollenklischees und Ehrbegriffe, Antisemitismus und sogar Rassismus bei „den Moslems“ oder generell „den Ausländern“ gesucht und gefunden und „wir“ werden als Kontrast als fortschrittlich, zivilisiert, aufgeschlossen, und tolerant dargestellt. Diese zwei Komponenten sind jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei den einen, die eigentlich gar kein großes Problem mit klarer Geschlechterrollenverteilung haben und Schwule auch irgendwie abstoßend finden, überwiegt wohl der Rassismus als Motivation. Bei den anderen, die eigentlich total links und emanzipiert sein wollen spielt die Verdrängung und Bekämpfung der eigenen Unzulänglichkeiten und der der „eigenen“ Gesellschaft, die größere Rolle. Und so ist es wohl doch kein großes Rätsel, warum BZ und Berliner Kurier es zwar zu verstehen wissen, ihrer männlichen Leserschaft jeden Tag von nackten Frauen absurde Kurzgeschichten erzählen zu lassen, aber türkische Machos ganz böse finden. Oder warum deutsche linksradikale Männer, die sich noch nie mit Sexismus beschäftigt haben, wenn’s nicht gerade um die empörte Abwehr feministischer Forderungen ging, auf einmal zum Antipat-Checker werden, wenn es um oder besser gegen Moslems geht.

V.) Literaturtipps zum Thema:
- „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ – Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland vom
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.), 2004
- „Überwachen und Strafen“, 1977 sowie „Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit Bad.1.“, 1983 von Michel Foucault (Hg.)
- „Politik ums Kopftuch“ – Ein Diskussions- und Materialienband von Frigga Haug und Katrin Reimer (Hg.), 2005: Hier finden sich u.a. der erwähnte offene Brief und die Reaktion von Birgit Rommelspacher.

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GEGEN GEWALT GEGEN FRAUEN!
GEGEN (HETERO)SEXISMUS UND ZWANGSZWEIGESCHLECHTLICHKEIT!

AG „Für eine hedonistische LINKE!“ im Januar 2007 (aktualisierte Version)

Was tun wenn´s brännt? Zum Umgang mit sexueller Gewalt

von gruppe antisexistische praxis berlin

In diesem Text geht es uns darum, Grundlagen für eine antisexistische Praxis vorzustellen und schnell Handlungsperspektiven zu eröffnen, wenn ihr in der Situation seid, dass in eurem Umfeld ein Übergriff oder eine Vergewaltigung stattgefunden hat. Wir schreiben diesen Text vor dem Hintergrund unserer Erfahrung als gemischtgeschlechtliche Gruppe, die sich in linksradikalen Zusammenhängen und Debatten mit Sexismus und sexueller Gewalt auseinandersetzt. Ein Großteil unserer Arbeit macht dabei die konkrete Unterstützung von Betroffenen von sexueller Gewalt und damit einhergehend die Auseinandersetzungen um konkrete „Fälle“ innerhalb der Linken aus.

(Dieser Text kann nur Ausschnitte unserer Praxis wiedergeben und gehört eigentlich in den Kontext eines Readers, der viele Stichworte aufgreifen und vertiefen soll. Die Veröffentlichung ist perspektivisch geplant)

Sexistische Normalität und die Linke

In der Linken würden sich die meisten als “antisexistisch” bezeichnen und zustimmen, dass das Thema Antisexismus wichtig ist. Sich antisexistisch zu labeln ist Standard in linksradikalen Räumen und Gruppen und gehört teilweise fast zum Szene-Style – umgesetzt wird davon leider recht wenig, über bloße Phrasen und Selbstbezeichnungen geht es meistens nicht hinaus. Gerade deshalb ist es wichtig, sich klar zu machen, dass sexistisches Verhalten und sexuelle Gewalt nicht unbedingt auf bewusste Handlungen zurückgehen müssen. Sexismus stellt wie Rassismus oder Kapitalismus eine größere gesellschaftliche Struktur dar, ein Verhältnis, aus dem ein “Ausstieg” durch einen Willensakt oder eine Absichtserklärung nicht einfach möglich ist. Wir alle sind Teil sexistischer Strukturen: Unser alltägliches Verhalten, unsere Geschlechtsidentität, unsere Gefühle und Körper sind Teil und Ergebnis dieser Strukturen und reproduzieren sie gleichzeitig. Insofern wäre es vielleicht besser zu sagen, dass es keine Antisexist_innen gibt, sondern nur antisexistisches Handeln. Das ist in Diskussionen um Fälle von sexueller Gewalt meist nicht ganz klar. Zwar ist mittlerweile sogar im Mainstream angekommen (den feministischen Kämpfen sei Dank), dass sexuelle Gewalt kein Problem des gesellschaftlichen Randes ist, sondern vor allem in der Mitte der Gesellschaft und in unseren persönlichen Verhältnissen stattfindet. Täter und Opfer kennen sich häufig und haben oft sogar ein sexuelles Verhältnis. Konsequent zu Ende gedacht folgt daraus, dass die “ganz normale” Sexualität hier das Thema ist und “ganz normale” Frauen und Männer die Handelnden und Behandelten. Oder etwas abstrakter ausgedrückt: Es geht darum, wie „ganz normale“ Männlichkeit gerade im Bezug auf Sexualität konstruiert wird, welche Bedeutung sexuelle Aktivität für die männliche Geschlechtsidentität hat und wie sich dadurch männliche Sexualität strukturiert. Und natürlich geht es darum, wie „ganz normale“ Weiblichkeit über den Status des sexuellen Objekts für Männer hergestellt wird und was Frau-Sein im Bezug auf Sexualität mit Männern heißt. Aber die Übertragungsleistung, unsere eigene Sexualität zum Thema zu machen und die eigene Normalität zu hinterfragen, ist meist die Hürde, an der die antisexistischen Ansprüche scheitern. Darin unterscheidet sich die Linke nicht sonderlich vom Rest der Gesellschaft: Wer hat schon Bock über sich, gute Freunde oder Genossen als Vergewaltiger nachzudenken? Und darüber hinaus auch seine eigene Sexualität als eine gewaltförmig strukturierte zu denken, ist wohl auch nicht einfach. Aber wie ist es möglich, dass die Realität sexueller Gewalt so konstant geleugnet werden kann? Eine Antwort darauf sind die „Vergewaltigungsmythen“ – die weit verbreiteten Bilder und Vorstellungen von sexueller Gewalt, die dazu dienen, das Thema von sich selbst und vom direkten Umfeld wegzuschieben, zu leugnen und zu bagatellisieren.

Sexistische Strukturen als Täter-Ressourcen

Die meisten Vergewaltigungsmythen beziehen sich auf Frauen als Opfer sexueller Gewalt und ihr Verhalten. Sie definieren bestimmte Akte sexueller Gewalt als (noch) im Rahmen der Normalität, beziehen sich auf die Glaubwürdigkeit der Opfer, die in Frage gestellt wird, und auf ihr Verhalten in der Situation, das bewertet und kritisiert wird. Der zentrale Mythos im Bezug auf Täter ist die Wahrnehmung des Täters als “Anderen”, als das Unnormale, Gestörte oder Kranke. Ein zentrales Moment ist hierbei die Vorstellung eines sexuellen Triebes, der durch die Frau provoziert würde und vom Täter nicht zu kontrollieren sei. Eigentlich steht hinter solchen Argumenten das strukturell rassistische Bild des Fremdtäters, der die schreiende Frau gegen ihren körperlichen Widerstand vergewaltigt. Ein weiterer Mythos ist der sich in einer Ausnahmesituation befindende Täter (völlig besoffen, Beziehungsstress, etc.). Diese Vorstellungen bilden sozusagen die Negativfolie, auf die alle stattfindenden Situationen projiziert werden. Das heißt, wir haben in unseren Köpfen eine Reihe von Bildern, die bestätigt werden müssen, damit wir etwas als Vergewaltigung (an)erkennen. Sprich: solange gewisse Muster oder Erwartungen in diesem Denken nicht erfüllt sind, „hat keine Vergewaltigung stattgefunden“. Jede Abweichung davon erschwert die Einordnung von Situationen als sexuelle Gewalt. Vergewaltigungen oder sexuelle Übergriffe entsprechen jedoch praktisch nie diesem Bild vom „fremden Mann der bei Dunkelheit im Park eine Frau auf dem Nachhauseweg vergewaltigt“.
Vergewaltigungsmythen sind also eine von mehreren Möglichkeitsbedingungen für sexuelle Gewalt: Sie sind der Hintergrund, vor dem Täter ihre Taten begehen können. Diese Taten werden in der Regel nicht als sexuelle Gewalt eingeordnet; von den Tätern meist sowieso nicht und – seltener – auch nicht von den Betroffenen. Die Mythen liefern den Tätern Argumente, warum ihr Verhalten den Normalitätsrahmen nicht sprengt. Sie vermitteln ein Täterbild, zu dem kaum ein Täter passt. Sie machen es Frauen ungeheuer schwer, sexuelle Gewalt als solche zu benennen, da die eigene Wahrnehmung nicht mit den offiziell (z.B. durch Medien) transportierten Bildern von sexueller Gewalt übereinstimmt. Dazu kommt noch, dass Abweichungen den Frauen angelastet werden: Ihnen wird eine Teilschuld oder sogar die alleinige Verantwortung für die Situation zugewiesen. Schließlich habe sie sich selbst in die Situation gebracht, sei nicht vorsichtig genug gewesen, habe ihr „Nein!“ nicht deutlich genug gemacht, habe den Täter provoziert oder sich nicht genug gewehrt. Zu der schrecklichen Erfahrung von Gewalt, Ohnmacht und Demütigung kommt für Opfer sexueller Gewalt also zusätzliche die Belastung durch Gefühle von Scham und Schuld, die vor allem durch solche Vorstellungen hervorgebracht werden. Tatsächlich ist es bis heute ein ungeheures Stigma, sich als Opfer sexueller Gewalt zu bezeichnen. Aus all diesen Gründen kann sexuelle Gewalt von vielen Betroffenen meist nicht als solche benannt werden. Es sind enorme Ressourcen (wie Unterstützung durch Freund_innen, Unterstützer_innen-Kreis etc.) nötig, um diesen Schritt zu wagen. Doch selbst wenn die Betroffene die Kraft findet, über das Erlebte zu sprechen, kommt es meist zu weiteren Verletzungen. Zur Belastung, immer wieder über traumatische Dinge sprechen zu müssen, kommen die meist katastrophalen Reaktionen durch Umfelder hinzu, die aufgrund mangelnder Auseinandersetzung ebenfalls entsprechend der oben genannten Muster reagieren: Entweder wird der Frau nicht geglaubt, ihre Vorwürfe werden nicht ernst genommen, es werden Informationen eingefordert, ihr wird eine Mitschuld zugewiesen oder sie wird pathologisiert, d.h. als krank, verrückt, hysterisch etc. verleumdet. Oftmals wird Betroffenen unterstellt, sich aus irgendwelchen Gründen rächen zu wollen, Strukturen (Gruppen, WG’s etc.) zerstören zu wollen usw. Dies bedeutet eine Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnis, dass dazu dient sich nicht mit dem eigentlichen Problem (sexueller Gewalt, sexistischen Strukturen und Bildern) auseinander zu setzen. Eine weitere Schwierigkeit ist in unserer Arbeit immer wieder die asymmetrische Konfliktstruktur: Während der Täter keine Schwierigkeiten hat, öffentlich herumzuerzählen, dass er unschuldig ist, bedeutet die Thematisierung ihrer Verletzung für die Betroffene eine dauernde Retraumatisierung, ein ständiges Wiedererleben des ihr Angetanen. In dieser gesellschaftlichen Situation, in der Sexismus und die Unsichtbarkeit sexueller Gewalt Normalität sind, ist Parteilichkeit gefragt. Immer, wenn wir diese Normalität aufrecht erhalten, lassen wir Betroffene sexueller Gewalt im Stich und stützen sexistische Strukturen und Täter. Aus diesen Gründen kann es keine Neutralität geben. Niemals nie! Sich nicht zu verhalten, sich eine objektive Meinung zu bilden oder „beide Seiten hören zu wollen“ bedeutet, diesen Zustand mitzutragen und Täter sexueller Gewalt zu unterstützen.

Definitionsmacht

Den Prozess, in dem dieser sexistische Normalzustand bekämpft und in Frage gestellt wird, bezeichnen wir als Definitionsmacht. Die betroffene Frau muss die uneingeschränkte Möglichkeit zur Definition des ihr Angetanen haben. Ihr Erleben, das durch die sexistischen Normalitätsraster fällt, muss den Status des Formulierbaren erhalten. Im Licht der bisher skizzierten Ausgangssituation verstehen wir Definitionsmacht als einen Prozess der Aneignung, in dem einer Realität, in der sexuelle Gewalt nicht stattfindet, die Realität der Betroffenen entgegengesetzt werden muss. Und das ist überaus schwierig, denn schließlich stehen wir als Frauen, die sexuelle Gewalt erleben, nicht außerhalb der gesellschaftlichen, sexistischen Strukturen. Manchmal kommt es vor, dass wir als Betroffene glauben, dass wir uns anders hätten verhalten können oder müssen oder empfinden sogar „Mitschuld“ an dem was uns angetan wurde. Ganz klar ist: keine Betroffene ist (mit)schuld an dem was ihr angetan wurde! Die gesellschaftlichen sexistischen Vorstellungen und opferfeindlichen Überzeugungen sind so mächtig, dass sie in unsere Selbstwahrnehmung hineinreichen. Diese Strukturen als solche zu erkennen und zu bekämpfen ist für viele Betroffene zentraler Bestandteil der eigenen Auseinandersetzung mit sexuellen Gewalterfahrungen. Diese Auseinandersetzung ist notwendigerweise ein Prozess, in dem es sogar wichtig und wünschenswert ist, dass sich Gefühle und Bewertungen verändern. Es ist wichtig, Trauer und Wut empfinden zu können und das ist keineswegs banal: Es ist nicht selbstverständlich, dass die betroffene Frau sich diese Gefühle zugestehen kann, und noch viel weniger werden sie ihr von außen zugebilligt. Definitionsmacht ist also eine Aneignungspraxis und für uns deshalb auch keine „schlechte aber derzeit in Ermangelung einer besseren Lösung notwendige Praxis“, wie oftmals in der Linken argumentiert wird. Was angeeignet wird ist die Wahrnehmung und Darstellung von Wirklichkeit. Wenn wir uns als antisexistische Aktivist_innen eine Perspektive von Betroffenheit aneignen, geht damit notwendig die Enteignung der Täterperspektive einher. Mit Täterperspektive ist aber nicht nur die Position eines individuellen Mannes gemeint, sondern das Set an sexistischen Überzeugungen, das es einzelnen Männern überhaupt erst ermöglicht, zu Tätern zu werden, ohne sich als solche zu fühlen, und die von allen möglichen Leuten in allen möglichen Situationen vertreten werden.
Aus all diesen Gründen ist Definitionsmacht kein Recht, das irgendwer irgendwem einräumt. Das würde eine objektive Instanz der Bewertung voraussetzen, die je nach Bewertung Definitionsmacht verleiht oder versagt. Dabei ist es völlig egal, wer als diese Instanz imaginiert wird – der Staat, die Linke, politische Gruppen etc. – das vorausgesetzte Verhältnis ist ein hierarchisches und paternalistisches. Unsere Erfahrung ist, dass in allen Auseinandersetzungen um Fälle, in denen so eine objektive Instanz angenommen wird, die Bedürfnisse der Betroffenen immer auf der Strecke bleiben. In einem Verständnis von Definitionsmacht als Aneignungspraxis sind aber die Bedürfnisse der Betroffenen der erste Ausgangspunkt jeglichen Handelns. Erst an zweiter Stelle steht eine allgemeine Debatte um antisexistische Praxis in der Linken und eine Auseinandersetzung mit den Strukturen. An dritter Stelle steht für uns die Frage nach dem Umgang mit dem Täter. Diese Hierarchisierung von Praxis-Ansätzen wollen wir im Folgenden kurz ausführen:

1.) Aktive Solidarität mit Betroffenen

Die Bedürfnisse der betroffenen Frau müssen immer an allererster Stelle stehen. Jeder Vorwurf von sexueller Gewalt oder Sexismus ist in jeder Form absolut ernst zu nehmen. Die Solidarisierung mit ihr ist immer erstmal das Wichtigste. Ein zentrales Element der Erfahrung von sexueller Gewalt ist eine Situation von absolutem Kontrollverlust und einem Gefühl tiefer Ohnmacht – die Betroffene wird vom Täter gewalttätig zum Objekt und Opfer gemacht. Sexistische und Täterschutz-Strukturen zwingen die Betroffene immer wieder dazu, in dieser Situation zu verharren. Darum ist es zentral für die Betroffene, eine möglichst große Kontrolle über alles zu haben, was passiert. Es darf wirklich absolut nichts laufen, was die Betroffene nicht will. Positiv gewendet geht es im Prozess der Unterstützung darum, die Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmtheit von Opfern wiederzugewinnen. Das bedeutet, eine Position herzustellen, in der die Betroffene nicht mehr Opfer sein muss, sondern handelnde Aktivistin sein kann.
Konkret heißt das: Es muss immer die autonome Entscheidung der Betroffenen sein, wem sie wann wie viel erzählt. Für eine Positionierung und Solidarisierung reicht es aus, zu wissen, dass es einen Vorwurf gibt. Wenn es nötig sein sollte, über konkrete Fälle sexueller Gewalt zu sprechen (im Rahmen einer Veröffentlichung, um Solidarität einzufordern, etc.), muss dies grundsätzlich immer in anonymisierter Form stattfinden. Anonymisierung bedeutet, dass niemals der Name der Betroffenen genannt wird und dass auch keine_r den Namen der Betroffenen wissen will. Es darf nur veröffentlicht werden, was und wie die Betroffene dies möchte. Das steht meist in engem Zusammenhang damit, welche Forderungen sie durchgesetzt haben will und ob sie sich eine politische Auseinandersetzung wünscht oder sie (vor dem Hintergrund linker Strukturen und bereits geführten Vergewaltigungs-Debatten) zu Recht fürchtet. Die Auseinandersetzung um sexuelle Gewalt muss unbedingt von allen anderen politischen und persönlichen Fragen getrennt werden, da sonst eine Instrumentalisierung unvermeidlich ist! Sprich, Fälle sexueller Gewalt können und dürfen niemals als Argument in anderen Konflikten verwendet werden! Zum Problembereich Anonymisierung gehört auch, dass der Täter in den meisten Fällen auf Anonymisierung scheißt und verhindert werden muss, dass er den Fall publik macht und „seine Version“ rumerzählt. Insgesamt lässt sich ein anonymisierter Umgang nur umsetzen, wenn als Voraussetzung alle Leute im weiteren Umfeld sensibel genug sind, keine Namen und Details wissen zu wollen und das Thema nicht als „saftigen Skandal“, sondern als politisches Konfliktfeld ansehen, in dem Solidarität gefragt ist.
Meist steht an erster Stelle (auch als konkretes Bedürfnis) der rein defensive Schutz der privaten und politischen Räume der Betroffenen. Die Anwesenheit des Täters oder des aktiven Täterumfelds stellt eigentlich immer eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Betroffenen dar. Gegen diese Gefährdung muss ein Schutzraum hergestellt und durchgesetzt werden.
Die Betroffene trifft zusammen mit ihrem Vertrauensumfeld (Unterstützer_innenkreis) die Entscheidung, wann und wie eine Täterkonfrontation stattfindet. Alle Fragen der Verhaltensregeln für den Täter, der Bewertung seiner Reaktionen und der Entscheidung über den weiteren Umgang mit ihm liegen bei der Betroffenen. Schließlich geht es nicht um die objektive Bewertung der “Schwere des Verbrechens” – sondern um die Ausübung von Definitionsmacht in einem Unterdrückungsverhältnis.

2.) Antisexistische Politik

Ein “Fall” ist nie nur ein Konflikt mit dem konkreten Täter, sondern auch mit sexistischen gesellschaftlichen Strukturen. Da Sexismus eine allgegenwärtige Realität ist und viele Leute sich völlig unzureichend mit dem Thema auseinandersetzen, gibt es immer viele Konflikte mit Leuten, die mehr oder minder eine Täterperspektive vertreten, sexistische Stereotype reproduzieren, etc… Deshalb heißt für uns die konkrete Unterstützungsarbeit immer auch, einen möglichst hohen Grad an Politisierung und Aufklärung zu erreichen. Außerdem ist neben der Anonymisierung der Debatte die Entpersonalisierung und Ent-Privatisierung auch im Sinne der Betroffenen ein wichtiges Ziel, d.h. der Konflikt ist kein individueller, sondern ein politischer und geht uns alle an. Eine reine Konzentration auf ein konkretes Täter-Opfer-Verhältnis birgt die Gefahr, durch eine Fetischisierung der Täter-Position die eigene sexistische Prägung oder die des Umfeldes verschwinden zu lassen. Fetischisierung heißt hier, dass über die Konstruktion des Täters als das absolut „Andere“ von der sexistischen Normalität, in der wir leben, abgelenkt werden kann. Eine Reduktion auf das konkrete Täter-Opfer-Verhältnis heißt dann, die sexistischen Strukturen, in denen wir alle leben und die wir alle mitproduzieren, zu verdecken. Ein ähnliches Problem kann auch durch das Abhaken des Definitionsrechts entstehen – schließlich hat „man“ der Frau ihre Definition ja „zugestanden“, was ja auch nur „recht und billig“ ist, und damit seinen_ ihren Antisexismus zur Schau gestellt. Antisexistische Politik heißt jedoch, sich mit gesellschaftlichen Strukturen und Ursachen von Sexismus auseinanderzusetzen. Es heißt aber unbedingt auch, antisexistische Handlungsperspektiven, die mensch sich so überlegt, auch auf sich und das eigene Umfeld anzuwenden und vor allem sein eigenes Handeln kritisch zu reflektieren. Das sind die Ebenen prinzipieller Auseinandersetzung mit Antisexismus, die für alle Gruppen und Einzelpersonen unbedingt notwendig sind – vor allem, um die in allen Gruppen faktisch existierende Geschlechterkomplizenschaft und männerbündische Identität in ihren Grundlagen zu verunmöglichen. Wenn diese Auseinandersetzung stattfände, könnten sich Betroffene sexueller Gewalt auf einen besseren Umgang und ein höheres Reflektionsniveau innerhalb der Linken verlassen. Antisexismus hätte dann vielleicht auch etwas damit zu tun, sexuelle Gewalt viel unmöglicher zu machen bzw. die Situation von Betroffenen nachhaltig zu verbessern.

3.) Umgang mit dem Täter

Aus unserer Perspektive ist es derzeit fast unmöglich, Täterarbeit zu machen, da fast nie Einsicht des Täters da ist und er zudem in seinem weiterhin sexistischen Handeln durch sein Umfeld oftmals gestützt, gestärkt und rehabilitiert wird. D.h. die ohnehin schon zu seinen Gunsten (und zu Ungunsten der Betroffenen) verlagerten Ressourcen werden durch ein Umfeld, das sich nicht verhält oder falsch verhält, auch noch gestärkt. Wenn eine aktive Solidarisierung dieses Umfeldes mit der Betroffenen nicht stattfindet, läuft es in unserer Erfahrung fast immer auf Täterschutz hinaus. Das Umfeld des Täters könnte jedoch im Idealfall dazu beitragen, Ressourcen für die Betroffene zu schaffen, beispielsweise, in dem es Schutzräume organisiert. Wenn der Täter aber Schutz durch sein Umfeld erhält, wird es sehr problematisch. Oft können Täter in ihrem Umfeld entanonymisiert über den Fall quatschen und sich selbst als Opfer von Anschuldigungen inszenieren. Wenn er darin durch sein Umfeld bestärkt wird (z.B. indem sie sich seinen ganzen Scheiß einfach so anhören), hat er die Möglichkeit, sein sexistisches Verhalten über bestimmte Strategien von sich zu weisen und sich einer Auseinandersetzung zu entziehen. Täterschutz bewegt sich innerhalb von Herrschaftsverhältnissen, in denen es eine klare Ressourcenverteilung gibt: Täter haben in unserer Gesellschaft mehr Ressourcen, es ist eben immer einfacher, zu sagen „ich bin kein Vergewaltiger“, als für Betroffene, einen Täter, seine Tat und damit immer auch ihre Verletzung benennen zu müssen.
Im nächsten Schritt versuchen wir grundlegende Eckpunkte in der Auseinandersetzung mit Tätern zu skizzieren:

- Vorab:

Täter sind diejenigen, die die körperlichen oder psychischen Grenzen einer anderen Person überschreiten oder verletzen.

- Priorität von Opferschutz

Es hat keine Priorität, dass der Täter klarkommt (sprich Sachen checkt, sich verändert etc.). Opferschutz und Politisierung des Konflikts müssen an erster Stelle stehen (siehe oben).

- Täter und Umfeld

Täter sind ganz „normale“/“linke“ Typen. Sie können aus deinem Umfeld, deinem Freund_innenkreis oder deiner Politgruppe kommen. Sie sind weder als Täter geboren, noch ist es ihnen anzusehen. Deshalb ist es in der Auseinandersetzung mit Tätern notwendig, sie als Täter zu benennen. Gerade der Schritt, den Täter zu benennen, sehen wir in unserer Praxis als besonders wichtig an. Denn nur so kann die Vorstellung gebrochen werden, dass das nichts mit dir und deinem Umfeld zu tun hat und nur so wird der Täter mit seiner Tat konfrontiert und zu einer Auseinandersetzung gezwungen. Allerdings: eine ausschließliche Konzentration auf den Umgang mit dem Täter birgt wiederum die Gefahr in sich, dass seine Handlungen isoliert von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet werden.

- Verantwortung des Täters

Wir sind keine Sozialarbeiter_innen und auch keine Anhänger_innen von Theorien, nach denen „böse Menschen, Nazis oder Vergewaltiger nur böse sind, weil sie keine Arbeit haben“ oder ähnlichem Schwachsinn. Deshalb gehen wir im Kontext von Sexismus von einer konkreten Verantwortung aus, die Männer für ihr Handeln zu tragen haben. Ignoranz und „sich halt nie mit Sexismus auseinandergesetzt haben“ sind keine Entschuldigungen dafür, Vergewaltiger zu werden oder/und sich sexistisch zu verhalten.

- Ausschluss und Bruch

Täterdistanzierung und sein Ausschluss aus linken Räumen sind notwendiger Bestandteil antisexistischer Politik. Bruch mit sexistischer Normalität bedeutet gegenüber dem Täter zunächst das Aufkündigen aller bisherigen Verhältnisse. An eine Rückkehr zu freundschaftlichem und politischem Umgang kann nur dann gedacht werden, wenn so etwas wie Einsicht und Veränderung da sind. Das darf allerdings nicht mit einer Pseudo-Entschuldigung verwechselt werden, sondern muss auch aus dem Handeln des Täters ersichtlich werden. Dieses Handeln wird aus der Perspektive der Betroffenen bewertet.
Die schleichende Täter-Rehabilitation („es ist jetzt ja schon lange her…“) ohne Einsicht des Täters muss unbedingt vermieden werden. An dieser Stelle spielt das Umfeld des Täters, seine Politgruppe, sein Freund_innenkreis oder sein Wohnumfeld eine große Rolle. Solange der Täter durch sein Umfeld geschützt wird, entstehen Räume, in denen er der Auseinandersetzung mit seiner Tat ausweichen kann und keine Verantwortung für sein sexistisches Handeln übernehmen muss.

- möglicher Umgang

Wenn also ein Täter in deinem Umfeld als solcher benannt wird, erfordert das:
1. eine klare Positionierung und Solidarisierung mit der Betroffenen. Heißt: es gibt keine neutrale Ebene, auf der mit einem Täter ein Bier getrunken werden kann, weil er ja „auch andere Seiten hat“ oder er wichtig für die Arbeit in der Gruppe ist. Es kann keine Trennung zwischen seiner Person als Genosse, Freund, etc. und seinem sexistischen Handeln geben. Solange diese Trennung stattfindet und Normalität mit dem Täter performt wird, wird sein sexistisches Handeln und damit Sexismus im Allgemeinen als Herrschaftsstruktur geschützt und reproduziert.
2. ist eine Konfrontation des Täters mit seinem Verhalten wichtig. Grundlage einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Täter ist die Anerkennung der Definition und der Bedürfnisse der Betroffenen durch den Täter und natürlich auch durch sein Umfeld, das sich mit ihm auseinandersetzt. Das beinhaltet auch die Anerkennung und Einhaltung der Forderungen (beispielsweise nach Schutzräumen) der Betroffenen.

Eine Auseinandersetzung mit dem Täter, die über den alltäglichen Umgang hinausgeht, ist schwer und erfordert aus unserer Perspektive unbedingt professionelle Beratung. Wir haben damit keine Erfahrung und können außer den oben genannten Eckpunkten nicht viel mehr dazu beitragen.

looking forward…

Dieser Text und unsere Arbeit richten sich an linke Kontexte, in denen Ansprüche existieren, die „Welt ein Bisschen besser zu machen“. Dieser geteilte Anspruch ist die Grundlage unserer gemeinsamen Stärke und Solidarität. Aber wir haben immer dann ein Problem, wenn wir den Anspruch nicht zur Wirklichkeit machen, wenn wir uns nur als Antisexist_innen labeln, ohne dieses Label mit Praxis zu füllen. Dann wird aus „Wir sind die, die Sachen besser machen wollen“ ein „Wir sind die, die Sachen besser machen“ und aus dem Kampf um Freiheit wird das Vortäuschen, bereits frei zu sein – frei von Sexismus, Rassismus, Homophobie, etc. Und genau an diesem Punkt wird das fleißig proklamierte antisexistische Label immer wieder zum Bestandteil der Reproduktion sexistischer Strukturen und Handelungen, gerade indem sie vordergründig verleugnet werden.
Antisexismus muss konkret werden. Nicht nur, weil wir tagtäglich in der Scheiße leben und sie machen, und Schutz und Solidarität überlebensnotwenig sind, sondern auch, weil es darum geht, anzufangen. Anzufangen, der Alltäglichkeit der sexistischen Scheiße eine Alltäglichkeit von antisexistischem Widerstand entgegenzusetzen. Praxen entwickeln, Praxen benennen, Praxen zur Diskussion stellen und erweitern, Praxen umsetzen, Erfahrungen sammeln und vernetzen. Kurz: Antisexismus organisieren! In der Praxis der Definitionsmacht geht es uns nicht um die Möglichkeit der Organisation von Utopien, sondern darum, das Überleben zum Leben zu machen. Verhalte dich: jetzt!

Für eine fette feministische Bewegung!

GAP – Gruppe Antisexistische Praxis, Berlin

when my anger starts to cry…

von definitionsmacht.tk

Soviel im Voraus: Die Kritik des Sexismus – wie in (weiten) Teilen der feministischen Frauenbewegung und der ‚Neuen Linken’ durchaus geschehen – ausschließlich als Theorie/Kritik einer patriarchalischen Männerherrschaft zu entfalten, verfehlt u.E. den Gegenstand antisexistischer Kritik – dieser wurde an anderen Stellen unter dem Arbeitstitel „Kein Geschlecht oder Viele!“ auf den sog. ‚Punkt’ gebracht.
Die Antwort auf diesen Zustand allerdings fällt nahezu erbärmlich aus und soll Gegenstand der nachfolgenden Betrachtungen sein. Ist heutzutage von einem sexistischen Normalzustand innerhalb der verschiedenen Gesellschaften dieser Erde die Rede, dann fokussieren sich einige Debatten um diesen Normalzustand mittlerweile zu Recht auf die Ausübung sexueller Gewalt und den Umgang mit der Betroffenheit vieler Menschen als Reaktion auf den Normalzustand. Nach wie vor sind vor allem Frauen von sexueller Gewalt betroffen, aber auch lesbische und schwule Menschen, Transgender und ‚queer people’ sind von der Ausübung sexueller Gewalt durch einen heterosexistischen Mainstream (siehe dazu den Artikel von „Graffiti hates Germany“ in dieser Broschüre) betroffen. Wir wollen mit diesem Text einen kleinen Beitrag zur Wahrnehmung und Stärkung der Perspektive der von sexueller Gewalt betroffenen Menschen leisten und eine Diskussion zum Umgang mit gesellschaftlichen Um- und Zuständen einfordern, die versuchen soll, dieser Perspektive gerecht zu werden.

Im folgenden Beitrag sollen u.a. einige definitionsmachtfeindliche Positionen dargestellt und kritisiert werden. Um verständlich zu machen, warum diese Positionen letztlich dem Ziel dienen, sexuelle Gewalt als gesellschaftlichen Normalzustand zu bagatellisieren, die Verantwortung der Täter wegzuwischen und ebenso der notwendigen Reflexion auf den eigenen Umgang mit dem sexistischen Normalzustand auszuweichen, räumen wir in diesem Text auch Positionen Platz ein, die wir für menschenverachtend halten und die wir im Zusammenhang einer Diskussion über den Umgang mit sexueller Gewalt eigentlich nicht reproduzieren wollen. Wir schreiben hier in vollem Bewusstsein dieses Widerspruches…

1. Zur Normalität sexueller Gewalt

In der gegenwärtigen Gesellschaft kommt der Kategorie Geschlecht eine zentrale Funktion als Ordnungskriterium und Orientierungsmuster in Vergesellschaftungsprozessen zu. Die patriarchale Geschlechterordnung ist dabei fundamental von Machtstrukturen durchdrungen, in der das Männliche die dominante Position einnimmt. Mit der Naturalisierung und Normalisierung dieser Hierarchisierung der Differenz wird die Ungleichheit in die Körper eingeschrieben. Die dichotome Unterschiedlichkeit der Geschlechter mit der damit einher gehenden Zwangsheterosexualität erscheint damit als natürliche, unveränderliche Tatsache, die kaum mehr hinterfragt werden kann.

Hegemoniale Männlichkeit ist eng mit Vorstellungen von Stärke, Macht und Aggressionen verknüpft und die Demonstration von Gewaltbereitschaft gehört zum herrschenden Selbstverständnis. Männlichkeit wird über die Abwertung des Weiblichen konstituiert und wird in alltäglichen Praxen der Unterwerfung reproduziert. Die Dominanz wird dabei vor allem über sexuelle Potenz vermittelt, es kommt so zu einer Koppelung von Sexualität und Gewalt. In patriarchalen Gesellschaften ist Sexualität mit der Macht von Männern verbunden, ein Recht auf deren Ausübung zu postulieren. In sexistischen Vorstellungen werden Frauen zu Objekten gemacht, in denen sich Minderwertigkeit mit Passivität und sexuelle Verfügbarkeit vermeintlich vereinen. Mit der Sexualisierung von Gewalt werden dabei erst die Voraussetzungen produziert, um einen Penis als Waffe benutzen.
Sexuelle Gewalt ist konstitutiver Kern und strukturelles Merkmal der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, über die Menschen erst zu Männern und Frauen gemacht werden. Sexuelle Gewalt findet alltäglich und in den verschiedensten Formen statt. Es ist eine gesellschaftlich verankerte Praxis, in der männliche Macht immer wieder erzeugt wird und Frauen in einem Zustand der Angst und Minderwertigkeit gehalten werden sollen.
Nicht alle Männer wollen dem Ideal der hegemonialen Männlichkeit entsprechen oder werden sexuell gewalttätig. Die Vorherrschaft dieser Männlichkeitsform reproduziert jedoch eine Gesellschaftsordnung, in der die überwiegende Mehrzahl der Männer von der Unterwerfung des Weiblichen profitiert. Dieses Gewaltverhältnis ist strukturell geschlechtsspezifisch, wobei konkrete Täterschaft durch Frauen nicht auszuschließen ist . Sexuelle Gewalt ist im Grundverständnis der bestehenden Gesellschaftsstruktur verankert und es findet eine permanente Reproduktion der Voraussetzungen für potentielle und manifeste Täterschaft statt.
Vergewaltiger sind keine abnormen oder gestörten Persönlichkeiten, die sich von anderen Männern deutlich unterscheiden würden. Sexuelle Übergriffe sind Praxen einer Machtdemonstration, die einem ‚normalen’, jedenfalls in der Mehrheitsgesellschaft aber auch innerhalb der ‚Linken’ breit akzeptierten Männlichkeitsbild entsprechen und gesellschaftlich geduldet werden. Dadurch, dass die Gesellschaft den Vergewaltiger als fremden und brutalen Täter konstruiert, wird die Normalität und Alltäglichkeit des selbigen geleugnet und es wird keine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber der Problematik übernommen. Vielmehr finden Vergewaltigungen oftmals im sozialen Nahraum statt, Menschen sind besonders da von sexueller Gewalt betroffen, wo sie sich am sichersten fühlen: in der Partnerschaft, in der Familie, mit Freunden.
In einer Gesellschaft, in der Männlichkeit über sexuelle Potenz demonstriert wird und Frauen als minderwertig und entweder ohne eigene oder aber mit einer suspekten, gefährlichen Sexualität gesehen werden, gibt es einen fließenden Übergang von ´normalen´ sexuellen Praktiken und Vergewaltigungen. Obgleich übergriffiges Verhalten in dieser Gesellschaftsordnung grundsätzlich in männliche Sexualität eingeschrieben ist, erscheint dies als reines Frauenproblem. Maßnahmen und Projekte, die ausschließlich mit von sexueller Gewalt betroffenen Menschen arbeiten oder in Präventionskampagnen Verhaltensregeln für Frauen zu deren Schutz propagieren, greifen demnach zu kurz und belassen die Problematik in der Verantwortung von Frauen.
Menschen werden aber aufgrund äußerer Merkmale als Frauen und damit als potentielle Ziele von Gewalt markiert, unabhängig von dem individuellen Verhalten oder dem Kleidungsstil. Ebenso verhält es sich mit anderen Menschen, die nicht dem hegemonialen Männlichkeitsbild und der heterosexuellen Norm entsprechen, dort richtet sich homophobe Gewalt gegen alles Nicht-Männliche, welches die Vorherrschaft der hegemonialen Männlichkeit in Frage stellen könnte.
Es gibt aber kein Verhalten von Menschen, welches in letzter Konsequenz vor sexueller Gewalt schützen könnte, genauso wenig gibt es Verhaltensweisen, welche eine Vergewaltigung rechtfertigen können.
In der Praxis tut sich dabei eine Kluft auf zwischen deklarierter Empörung und der konkreten Bereitschaft zum konsequenten Schutz von Betroffenen. Die Täter werden oftmals geschützt und die Glaubwürdigkeit der Betroffen angezweifelt.

2. Für eine Definitionsmacht von Betroffenen

Männer üben die Definitionsmacht über weibliche Sexualität, über Vorstellungen von weiblicher Sexualität aus; die weibliche Sexualität wird also aus der Perspektive des Männlichen gedacht und (natürlich nicht ausschließlich) im heterosexuellen Sex überwiegend dieser Perspektive folgend praktiziert. Eine Umverteilung dieser Definitionshoheiten in Richtung der Frauen, ermöglicht diesen zunächst einmal, Sexualität selbstbestimmt und den eigenen Vorstellungen entsprechend zu leben.
Den von sexueller Gewalt Betroffenen die Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrungen zu äußern und diesen ohne weiteren Erklärungsbedarf Glauben zu schenken, ist eine fundamental notwendige Antwort auf patriarchale und sexistische Gewaltstrukturen. Seit geraumer Zeit gibt es allerdings Debatten um diese notwendige Antwort – die als „Definitionsmacht der Betroffenen“ auf den Begriff gebracht wurde – und in diesen Debatten werden mit großer Vehemenz Positionen vertreten, die zeigen sollen, dass die Definitionsmacht als Mittel zur Bekämpfung des im Alltag einer jeden zu erlebenden sexistischen Normalzustandes verfehlt sei und als die notwendige Antwort nicht in Frage kommen soll.
Im Folgenden werden nun einige dieser Positionen systematischer dargestellt und kritisiert; für diesen Zweck haben wir uns – wie bereits angedeutet – dafür entschieden, an dieser Stelle Argumentationen wiederzugeben, die frauenfeindlich und menschenverachtend sind und von uns als solche gelesen und verstanden werden…

Definitionsmachtfeindliche Argumente und Diskussionsstrategien

„[…] Das ganze Gespräch über sexuelle Gewalt hat doch nicht den Vergewaltiger hinter dem Busch zur Voraussetzung und auch nicht den terroristischen Papi, der nachts nach der Kneipe sein Gattenrecht gewaltsam in Anspruch nimmt, sondern stellvertretend für alle Männer einen bestimmten Mittelstandstypus, der sich in der linken Polit-Szene herumtreibt. Diese Gestalten [gemeint sind die Feminist_innen; A.d.V.] machen sich seit über zwei Jahrzehnten penetrant damit mausig, vor der männlichen Sexualität, der Männlichkeit überhaupt zu warnen, als ginge ausgerechnet von diesen Gefahr oder auch nur Dominanz aus.“

Von den Gegner_innen der Definitionsmacht wird der im ersten Abschnitt beschriebene sexistische Normalzustand, die Ausübung heterosexistischer Gewalt gegen Frauen und anderen, nicht dem heterosexistischen Mainstream entsprechenden Menschen, grundsätzlich geleugnet; das angeführte Zitat unterstreicht diese Tendenz in den Argumentationen der Definitionsmacht-Gegner_innen. Diese gehen aber weit über diese grundsätzliche Wirklichkeitsvergessenheit und -verleugnung hinaus. Im Folgenden soll systematisch auf einzelne Diskussionsstrategien eingegangen werden, die zum Ziel haben, die Definitionsmacht als politisches Mittel im Kampf gegen sexuelle Gewalt zu delegitimieren und die Vertreter_innen der Definitionsmacht als Spinner_innen oder ‚Verrückte’ zu denunzieren. Allerdings soll an dieser Stelle auch festgehalten sein, dass Angriffe auf die Idee der Definitionsmacht noch nie Alternativen für betroffene Menschen angeboten haben, die Gegner_innen der Definitionsmacht sich für die individuellen Verletzungen und die Überlebensstrategien von betroffenen Menschen schlicht nicht interessiert haben und interessieren und keine Konzepte zum Umgang mit sexueller Gewalt entwickelt worden sind, die nicht die Täter in den Mittelpunkt des Interesses stellen und stattdessen die Betroffenenperspektive kennenlernen und empowern wollen.

Die Frage der Macht und von wem diese eigentlich missbraucht wird…

Eines der beliebtesten Argumente gegen die Definitionsmacht ist der Verweis auf die Möglichkeit des Machtmißbrauches durch Betroffene, wenn ihnen die Definitionsmacht zugesprochen wird. Der an dieser Stelle allerorten befürchtete Machtmissbrauch allerdings, dies soll hier eingangs festgestellt sein, steht in keinem Verhältnis zu dem Machtmißbrauch der durch das Verhalten der Täter vollzogen wird; welcher – und das zeigen sogar ‚offiziellen’ Zahlen des Bundesfamilienministeriums (BMF) – in tausenden von Fällen und täglich stattfindet. Die Erfahrungen und der Austausch betroffener Menschen zeigt wieder und wieder aufs Neue: Der Machtmißbrauch durch die Täter, der sich in Vergewaltigungen ausdrückt, wird in dieser Gesellschaft gestützt, geschützt und als traurige Realität so lange ignoriert, bis man selbst oder eigene Freund_innen betroffen sind.
Es ist an der Zeit, an diesen Zuständen, vor allem im persönlichen Umfeld, endlich etwas zu ändern, dem gesellschaftlichen Umgang mit sexueller Gewalt und dem in der Sorge um den Machtmissbrauch enthaltenen Schutz der Täter etwas entgegen zu setzen.
Dazu wäre es wichtig, sich der gegenwärtigen Geschlechterordnung bewusst zu sein, in der Frauen eine untergeordnete Position einnehmen. Die Vorstellung eines Machtmissbrauchs durch Frauen in einer Gesellschaft, in der diese eben durch das Fehlen solcher Handlungsmöglichkeiten markiert sind, erscheint an dieser Stelle vollkommen absurd.
Vielmehr tritt hier die Angst derjenigen zu Tage, die von der bestehenden Geschlechterordnung profitieren. Frauen werden seit „Adam und Eva“ als mysteriöse, hinterlistige und bedrohliche Wesen konstruiert, vor deren Rache sich die Männer fürchten. Und es ist genau diese Unsicherheit und Angst gegenüber dem Weiblichen, welche zur Ausübung sexueller Gewalt führen kann. Ob dieser Mechanismus von den Tätern nun bewusst oder unbewusst eingesetzt wird, ist dabei sekundär. Dem Anprangern des möglichen Machtmissbrauchs durch betroffene Menschen liegt zudem ein zutiefst frauenfeindliches Menschenbild zugrunde. Viele Frauen werden im Laufe ihres Lebens mit sexueller Gewalt konfrontiert, wobei die wenigsten Vergewaltigungen benannt, öffentlich gemacht oder zur Strafanzeige gebracht werden. Der Anteil der gerichtlich verurteilten Täter ist noch geringer. In Gerichtsverfahren werden die Bedürfnisse von Betroffenen kaum berücksichtigt. Den meisten Menschen fällt es sehr schwer, über Gewalterfahrungen zu sprechen, die gesellschaftliche Duldung, Akzeptanz und Verdrängung tragen dabei wesentlich zu deren Fortbestehen bei. Die Anzahl einiger weniger Frauen, die die Möglichkeiten des Definitionsrechts zur Denunzierung und Diskreditierung nichtschuldiger Männer verwenden, ist im Verhältnis zu den niemals geäußert Vergewaltigungsfällen verschwindend gering, so unangenehm dies im Einzelfall auch sein möge.
Das Schicksal einiger Männer zu problematisieren, während die Betroffenen weiterhin zum Verstummen gebracht und ignoriert werden, entspricht genau den Frauen verachtenden Vorstellungen weiblicher Minderwertigkeit. Und um diese Frage einmal gestellt zu haben: Was ist denn mit der Situation einer Betroffenen nach einem ‚Outing’ als Betroffene? Wird jemand als Vergewaltiger_in ‚geoutet’, outet sich auch die Betroffene. Das ist nicht angenehm und die Betroffene erfährt durch die Auseinandersetzung in der Regel keine Aufwertung ihrer persönlichen Integrität durch ihren Betroffenenstatus – auf den sie dann allzu oft festgeschrieben wird – sondern sie erlebt durch das ‚Outen’ eines Täters in aller Regel selber einen erheblichen Autonomie- und Machtverlust.

Hinter dem Ruf nach Objektivität verschanzen sich die Täter!

Über die Festschreibung des ‚Opferstatus’ der von sexueller Gewalt betroffenen Menschen wird von den Gegner_innen der Definitionsmacht ein zweiter Einwand gegen diese ins Feld geführt: Die Betroffenen, so wird argumentiert, seinen durch die Unmittelbarkeit der Ereignisse, die Wirrnisse der Situation u.ä. nicht in der Lage, ‚rationale Entscheidungen’ zu treffen oder gar die Situation ‚objektiv’ zu beurteilen. Scheinbare Empathie mit von sexueller Gewalt betroffenen Menschen wird an dieser Stelle argumentativ gegen diese gewendet; die Betroffenen selber sollen nicht entscheiden können, wie mit den Tätern umgegangen werden soll, die Betroffenen sollen angeblich gar nicht in der Lage und Verfassung sein, ihre Bedürfnisse und Vorstellungen über Konsequenzen zu artikulieren. Die Subjektivität Einzelner, gerade wenn diese Betroffene sind (sie könnten sich ja von sog. ‚Rachegelüsten’ leiten lassen…), ist den Gegner_innen der Definitionsmacht eine dunkle Remineszenz an Lynchjustiz und terroristische Gewaltherrschaft, Willkür tritt hier vorgeblich an die Stelle eines „vernünftigen“ Umganges mit der Situation. An die Situation und die Beurteilung der Vorgänge sollen stattdessen ‚objektive Kriterien’ angelegt werden, entlang welcher allgemeingültig ein Umgang mit der Situation der Betroffenen und der Umgang mit den Tätern praktiziert werden soll. Im Ruf nach diesen ‚objektiven Kriterien’ finden vor allem auch (ex-)linke Definitionsmachtgegner_innen fast jeder Strömung zueinander; es ist symptomatisch, dass gegen jede sonstige Feinderklärung Einigkeit an einer Stelle erzielt wird, an der es nicht um ‚unity’ sondern um Empathie mit den Betroffenen gehen könnte.
In der Situation der Konfrontation mit den Folgen sexueller Gewalt macht es u.E. gar keinen Sinn, nach irgendwelchen ‚objektiven Kriterien’, mit welchen angeblich ‚richtig’ mit der Situation umgegangen werden könnte, zu fragen. In dem Ruf nach Objektivität steckt vielmehr die Subjektivität der Täter, der derzeit zu konstatierende Status Quo – Vergewaltigung als gesellschaftliche Normalität – verletzt so viele Menschen derart tief und langfristig, dass in dem Ruf nach ‚Objektivität’ an dieser Stelle diese Verletzungserfahrungen vollkommen negiert werden und sogar bis zur Nicht-mehr-Wahrnehmbarkeit an den Rand gedrängt sind. Als Konsequenz dieser Prozesse wird die Perspektive der Täter gestärkt: Sie haben durch ihre Tat (die ja wohl auch ihrer Subjektivität entspringen dürfte) die Subjektivität der Betroffenen zuerst angegriffen und negiert. In einem Verfahren in welchem nach angeblich ‚objektiven Kriterien’ entschieden werden soll, wie Menschen sich zu einem ‚Vergewaltigungsvorwurf’ verhalten, soll der Perspektive der Täter und zu einem zweiten Mal ihrer Subjektivität Raum gegeben werden. Ohne darauf zu reflektieren, welcher Art die Differenz zwischen Tätern und Betroffenen ist – die Verletzungserfahrungen der Betroffenen setzen diese in eine Machtdifferenz zu den nicht-verletzten, selbstbewusst sich verteidigenden oder reumütig schweigenden Tätern – wiederholt sich die Erfahrung der Machtlosigkeit der Betroffenen angesichts eines Tribunals von Menschen, die sich erst zu den Betroffenen bekennen, wenn diese sie durch ihre Darstellung, eine gelungene performance oder ihre Vehemenz zu überzeugen vermögen. Auch wenn davon auszugehen ist, das dies durchaus einigen Betroffenen gelingen mag, stellt sich die Frage, was mit denjenigen ist, die in der Aufarbeitung einer Gewalterfahrung nicht in der Lage sind, sich zu den verlangten ‚objektiven Kriterien’ zu verhalten oder einfach nur nicht über das Geschehene sprechen wollen. Sie werden in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle schlicht und ergreifend mit ihrer Situation vollkommen allein gelassen.
Dazu kommt, dass es ein an Absurdität kaum zu überbietender Gedanke ist, die individuellen Verletzungen anhand ‚objektiver Kriterien’ messen zu wollen, wie dies z.B. in Vergewaltigungsdebatten innerhalb der Linken an verschiedenen Stellen gefordert wurde.
Wer definiert solche Kriterien in welcher Situation? Diese Frage beantwortet sich im Grunde von selbst: Es sind nicht-betroffene Menschen, die auf solche Ideen kommen, und sie kommen darauf in Situationen, in denen sie sich gegenüber sexueller Gewalt verhalten wollen oder sollen und in denen es ihnen darum zu tun ist, ‚richtig’ mit der Situation umzugehen; warum nun gerade in dieser Situation, in der alle Beteiligten zutiefst subjektiv handeln, über Objektivität diskutiert wird, bleibt beim gedanklichen Durchspielen der solcherart gegen die Definitionsmacht gerichteten Argumente letztlich unbeantwortet (wir finden die Antwort jedenfalls nirgendwo, auch nicht in unserem Köpfen), was wiederum als Symptom für die gesamte Debatte gewertet werden kann.

The tyranny of beauty? Verführung und Verfügung

Oft genug und leider immer noch gibt es im Umgang mit sexueller Gewalt das Argument zu hören oder zu lesen, dass die Betroffenen möglicherweise durch den ein oder anderen Beitrag eine Mitschuld an dem Geschehenen tragen sollen, sie also mithin der Mittäter_innenschaft sich schuldig gemacht haben sollen:

„[…] Ähnlich kurz greift die Kritik, Frauen würden nur als Sexualobjekte angesehen […] Dass Sexualobjekt zu sein aber in Maßen auch angenehme Seiten hat, Frauen vielleicht auch als Frauen und eben nicht nur als Menschen geliebt werden wollen, wird nicht einmal in Betracht gezogen. Dann möge man aber schlüssig erklären, wieso Fernsehsendungen, die Mädchen nackt fotografieren [sic!], den Mädchen damit nach eigenen Aussagen einen Herzenswunsch erfüllen? Wieso ist Model ein Traumjob vieler Mädchen und Frauen? Und worin besteht der Sinn des Spiels der kalten Schulter? Ist es womöglich die Freude daran, mit dem eigenen – weiblichen –Körper im Anderen Begehren zu erzeugen […]
Eine gewaltfreie Welt wird es mindestens vor der Revolution nicht geben. Die Linke aber will nicht einsehen, dass es keine simple Lösung gibt.“

Dazu möchten wir Folgendes noch einmal klarstellen: Es gibt keine Rechtfertigungen für die Ausübung sexueller Gewalt und es gibt eben auch kein Verhalten der betroffenen Personen, das in letzter Konsequenz eine Vergewaltigung ausschließen könnte. Denn über die Ausübung sexueller Gewalt entscheiden die Täter, die sich zu einer Vergewaltigung entschließen.
Auch das Argument, die Betroffenen hätten eventuell ihren Willen nicht klar genug artikuliert oder das Geschehene schließlich schweigend ertragen und damit eben ihren Teil zum Geschehenen beigetragen, ist gefährlicher Unfug: Wir gehen davon aus, dass bei aufkommenden Unsicherheiten jeder selbst die Möglichkeit und die Verantwortung hat, nachzufragen, ob „alles O.K. ist“; so einfach wäre es jedenfalls an vielen Stellen. Die Wirklichkeit stellt sich leider auf grundsätzlich andere Weise dar: Es ist den Vorstellungen über männliche Sexualität scheinbar eingeschrieben, sexuelle Bedürfnisse und Interessen möglichst durchzusetzen, auch gegen Widerstand. So werden sexuelle Beziehungen oft in Form von Erobern und Überreden gedacht, eine auf gegenseitige Lust bedachte Sexualität kommt darin nicht vor:

„Verführung ist der Versuch, einem anderen seine sexuelle Begierde anzutragen, gegen seine oder ihre Unzulänglichkeit anzurennen durch Werben […] Sexuelle Belästigung hat mit der Verführung […] die Begierde gemein. Diesem Verhalten fehlt die Bemühung, ja bereits die Hoffnung, das Objekt [sic!] zum Sexualakt überhaupt nur überreden zu können. Sexuelle Belästigung bedient sich also […] der Mittel der Verführung […]“

Schließlich kommen die Vertreter_innen solcher Positionen symptomatischerweise bei der strukturellen Analogie von sexueller/sexualisierender Gewalt und Sexualität an:

„ […]Verführung hat, wenn sie gelingt, zur Folge, daß aus einem Nein ein Ja wird. Die ursprüngliche Intention, nicht mit dem Mann schlafen zu wollen, ist einem neuen Willen gewichen[…]Diese Angst vor der Grenzüberschreitung, die man nicht wagt, produziert die Halluzination der Fährnisse, die aus der verdrängten Lust sich nähren und endet schließlich bei der wirklichen Begegnung mit dem anderen Körper, dem Objekt der Begierde, katastrophisch. Dem zu entgehen, kann nur über das typisch sozialdemokratische Projekt der Sexualhygiene gelingen: Die Antwort auf das nicht gewagte Risiko [sic!] ist die Desexualisierung der Sexualität, die Binnenmoral des Reihenhausbewohners – und damit des Todesstrafenforderers.“

Dagegen haben wir nur noch das eine aufzuschreiben: „No means No!“
Männer müssen aber nicht heterosexistisch handeln. Wenn Unsicherheiten darüber bestehen, wann eine sexuelle Handlung zu weit geht und Grenzen verletzt werden, kann sich ein Mensch dementsprechend verhalten. Entgegen dem Stereotyp weiblicher Emotionalität und Unentschlossenheit haben Frauen ein sehr klares Verständnis davon, welches Verhalten eine Vergewaltigung ist.
Dumme Geschichten, die sich halten: Das Märchen vom Trieb…

Ausgehend von dem Unfug, den Wertmüller und Krug in dem sattsam bekannten „Infantile Inquisition“ entwickelt haben, ist in den Debatten um die Definitionsmacht unter den Gegner_innen derselben eine Tendenz auszumachen, in welcher Sexualität als pathologische Konstante gedacht und begriffen werden soll, deren Voraussetzung und Grundlage ein grundsätzliches Gewaltverhältnis zwischen den als ‚natürlich’ gesetzten Geschlechtern bilden soll. Im Rückgriff auf Freud und seine deterministische Trieblehre soll dann das Leben des Individuums, welches wortgewaltig als ‚Kampf um’s Dasein’ entfaltet wird, unter sozialdarwinistischen Voraussetzungen erfasst werden:

„Die Natur, als deren Bestandteil der Mensch sich nur noch angesichts seiner Vergänglichkeit bewusst ist, stellt sich ihm [vom Menschen zum Mann, so einfach geht das…, A.d.V.] von Beginn an als Verführer und Verderber zugleich dar, sie ist sein Triebschicksal […] Anders als beim Tier bleibt dem Menschen immer die vage Erinnerung an die versöhnende Natur, der er in früher Kindheit entrissen wurde. Seither ist alles Anstrengung, Anspannung der Kräfte, Selbstbehauptung. Selbst die Natur zeigt sich nur noch von ihrer unbarmherzigen Seite und dem tagtäglichen Kampf tritt die Verlockung des völligen Loslassens an die Seite. […]
Die Ahnung des Kindes, sich seine Befriedigung am anderen erkämpfen zu müssen, also anders als der Säugling […] etwas für seine sexuelle Erfüllung tun zu müssen, ist doch Beginn der Genitalerotik und aggressives Sich-Erkämpfen eines nie genügenden Lustquantums. Und aus dieser frühkindlichen wie frühmenschheitlichen Erfahrung […] stammt doch die Aggression ‚per se’.“

Dazu erübrigt sich im Grunde jeder Kommentar. Das Weibliche wird in solchen Argumentationen als reine, ‚versöhnende Natur’, der Mann als ‚universelles Prinzip’ dargestellt. Es wird nicht einmal erwähnt, dass es höchst umstritten ist, ob es die so oft bemühten Triebe als eine Art Naturgesetzlichkeit, als angeborenen, determinierenden Teil des ‚Prinzips Mensch’ überhaupt gibt.
Die Fixierung auf eine Sexualität, die als Kompensation der Erniedrigungserfahrungen des unterworfenen Subjektes verstanden wird, verweist auf den Stand eines Bewusstseins, dass reflexhaft auf antisexistische Kritik mit reinem Ressentiment antwortet; solche Argumentationen sind u.E. auch nicht mehr kritisch zu brechen.
An dieser Stelle würden wir dagegen gern vorschlagen, die Perspektive der von den skizzierten Vorstellungen betroffenen Menschen zu beachten und zu respektieren:
Die all den zitierten Äußerungen innewohnende grundsätzlich implizierte ständige Verfügbarkeit von Menschen, vor allem Frauen, als Sexualpartner_innen muss kritisch hinterfragt werden; woher kommt denn die heterosexistische Vorstellung, dass Frauen Objekte männlicher Sexualität seien und quasi permanent als ansprechbare Sexualpartnerinnen zur Verfügung stehen? Sie entspringt Omnipotenzphantasien, die eng mit den Vorstellungen über männliche Sexualität verbunden sind; sie entspricht also der Vorstellungswelt der hegemonialen Männlichkeit. Gegen diese Vorstellung ist es uns wichtig, den Gedanken der sexuellen Selbstbestimmung der Frauen zu betonen und gegen die erwähnten heterosexistischen Vorstellungen in Erinnerung zu rufen!

Den Blick umdrehen: Mein Körper gehört mir!

Schließlich wird gegen die ausgemachte Willkür im Denken und Handeln der Vertreter_innen der Definitionsmacht, anschließend an den schon diskutierten Ruf nach ‚objektiven Kriterien’, das ‚Bürgerliche Recht’ als Referenzrahmen vorgeschlagen, in welchem über die Betroffenen und die Täter einfach ein Urteil gefällt und so entschieden werden solle. Schließlich sei ja der Gerichtssaal dafür da, um über „Schuld und Sühne“ zu befinden. Aufgrund der schon dargestellten Problematik im Umgang mit den Verletzungserfahrungen jeder einzelnen Betroffenen, der Nicht-Kategorisierbarkeit und Nicht-Verallgemeinerbarkeit solcher Erfahrungen, ist davon auszugehen, dass das bürgerliche Recht keine Möglichkeiten bereithält dem sexistischen Normalzustand entgegenzutreten.

Vergewaltigungen sind nicht objektiv beweisbar, sie sind ebenso wenig darstellbar oder gar ‚nachvollziehbar’ zu machen, da die Erfahrungen die Betroffene machen Erfahrungen sind, die in der Mehrheitsgesellschaft der Nicht-Betroffenen gar nicht vorkommen, für die es nicht einmal eine Sprache gibt, die dem Gedanken des Respekts gegenüber Betroffenen gerecht wird. Diese Gewalterfahrungen werden von den betroffenen Menschen sehr unterschiedlich erlebt, die Verletzungen sind demnach zutiefst subjektiv. Die Anwendung objektiver Kriterien, um feststellen zu wollen, was eine Vergewaltigung sei und die dementsprechende Bestrafung nach dem bürgerlichen Rechtssystem entsprechen kaum den Bedürfnissen der betroffenen Personen.

Bei der Definitionsmacht geht es auch gar nicht um die Anwendung eines Strafsystems, in dem Frauen Männern Schaden zufügen. Es geht um den Schutz von betroffenen Menschen, egal welchen Geschlechts. Zuallererst sollen die Bedürfnisse dieser Menschen beachtet werden, ohne dass in genauen Details Rechtfertigungen verlangt werden, die niemanden etwas angehen.
Die Frage ist doch viel eher, woher (ob nun im Gerichtssaal oder beim Politgruppen-Tribunal) das Bedürfnis kommt, noch das allerkleinste Detail über das Geschehene in Erfahrung zu bringen.
Worin gründet der Wunsch von an Definitionsmachtdebatten beteiligten Menschen (und den an dieser Stelle gemeinten Gegner_inner der Definitionsmacht) Details über den Körper der Betroffenen zu erfahren und zu hören oder lesen, was diesen Körpern ‚passiert’ ist. Wer möchte warum nach dem eingeforderten ‚Erlebnisbericht’ darüber urteilen und möglicherweise den Betroffenen entgegenhalten, dass nach Erwägung aller Kriterien ermittelt wurde, dass die betroffene Person nicht vergewaltigt wurde?
Warum ist es also so entscheidend, dass die Betroffenen in aller Öffentlichkeit sagen und beweisen sollen, dass der Täter mit diesem und jenem Körperteil dieses und jenes Körperteil der Betroffenen penetriert hat.
Kurzum: Im Alltagsverständnis gilt eine Vergewaltigung als Vergewaltigung, wenn die Vagina durch den Penis angegriffen werden, darüber hinaus soll dann nach den Kriterien der Definitionsmacht-Gegner_innen sichergestellt werden, dass den Betroffenen wirklich Schmerzen zugefügt worden. Das sich hier artikulierende Bedürfnis nach einer Besetzung der weiblichen Anatomie (bzw. der Anatomie der betroffenen Personen) verdichtet sich zu einer praktizierten Definitionshoheit der Gegner_innen der Definitionsmacht darüber, was als sexuell definierte Praktiken zu gelten hat, was als sexualisierte Praxis angenommen und akzeptiert wird. Dies setzt allerdings ebenso voraus, dass nicht die Betroffenen selber entscheiden, wie sie ihre eigene Sexualität leben wollen. Typischerweise wird in dem hier verhandelten Zusammenhang die weibliche Sexualität räumlich im Inneren des Körpers von Frauen verortet, es wird stillschweigend und einfach so davon ausgegangen, dass weibliche Sexualität angeblich vor allem im Inneren des weiblichen Körpers stattfindet und erst dort sexistisch angegriffen werden könne.
Und im Bürgerlichen Gesetzbuch ist dann auch der Tatbestand der Vergewaltigung als das Eindringen in irgendein Körperteil der Betroffenen durch einen Gegenstand oder ein Körperteil des Täters definiert. Also: Die Zahnbürste im Nasenloch, die Zigarette im Ohr? Die Definition nach den Paragrafen des Gesetzbuches (§ 177/178: Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung) macht nicht erst dieser polemischen Überlegung folgend einfach keinen Sinn, weil es im Bezug auf Sexualität und sexueller Gewalt um individuelle Bedürfnisse und subjektive Empfindungen der betroffenen Menschen geht.

Die zusammengetragenen Einwände gegen die Definitionsmacht stellen in ihrer Gesamtheit einen Angriff auf diejenigen Menschen dar, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Sie werden durch das Nicht-Einräumen ihrer Definitionsmacht wiederholt mit ihren bitteren Erfahrungen und den daraus resultierenden Traumatisierungen konfrontiert. Dabei werden die Betroffenen doppelten und dreifachen Grenzüberschreitungen, die die erlebte erste Aggression und Gewalterfahrung wiederholen, ausgesetzt. Durch das Definitionsrecht für Betroffene soll im Gegensatz dazu die Perspektive dieser wahrgenommen und gestärkt werden und ihre Bedürfnisse beachtet werden; Vergewaltigungen als eine gesellschaftlich verankerte Praxis bekämpft werden. Die Definitionsmacht ist ein politisches Instrument, um den allerorten zu beobachtenden sexistischen Normalzustand, der als Kern die Selbstverständlichkeit der Ausübung sexueller Gewalt vor allem gegen Frauen enthält, anzugreifen. Denn nur wenn sexuelle Gewalt ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz und stillschweigenden Tolerierung entzogen wird, kann diese Praxis als sozialer Normalzustand beendet werden:

Für die Definitionsmacht streiten! Entwickelt Konzepte jenseits des Täterschutzes!

© definitionsmacht.tk // oktober 2006

 Diese im Text häufiger verwendete Abkürzung steht für „unseres Erachtens“.
An dieser Stelle wird „lesbisch“ explizit gegen die Kategorie Frauen ‚abgegrenzt’, weil wir auch den lesbischen Menschen gerecht werden möchte, die sich selber nicht (mehr) als Frauen begreifen wollen.
Wir werden aufgrund der erdrückenden Faktenlage in diesem Text an dem Begriff der/des ‚Täter(s)’ festhalten, um der Normalität der Ausübung sexueller Gewalt durch Männer Rechnung zu tragen. Wir gehen davon aus, dass wir damit der Wirklichkeit eines sexistischen Normalzustandes – an dem eben auch Frauen und andere Geschlechter partizipieren und davon profitieren können – nicht vollends gerecht werden; Männer also auch von sexueller Gewalt betroffen sind und Frauen ebenso als Täterinnen in Frage kommen.
zit. nach Wertmüller, Justus: Über Wüstlinge und Hygienemonster, in: Bahamas 34 (2001), S. 33
zur Verwendung dieser Schreibweise siehe: s_he: Performing the Gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung, in: Arranca! Ausgabe 28 / November 2003
Laut einer vom EU-Frauenrat initiierten und vom BMF 2004 erstellten Studie auf der Grundlage von Direktinterviews unter Frauen zwischen 16 und 85 Jahren gaben 14,5 % der Befragten an, vergewaltigt worden zu sein.
Die Bundeskriminalstatistik (Stand: 2004) weist eine absolute jährliche Zahl von 8331 erfassten Vergewaltigungsfällen aus; wenn in diesem Zusammenhang das Anzeigeverhalten – in der Mehrzahl der Fälle kommt es nicht zu Anzeigen durch die Betroffenen – berücksichtigt wird, ist von einer immensen Dunkelziffer auszugehen. Verurteilt werden jedes Jahr nur ca. 20% der Täter in den offiziell erfassten Vergewaltigungsfällen.
zit. nach: les madeleines: Nein heißt Nein? Grundlegende Erwägungen zum Definitionsrecht der Frau über eine Vergewaltigung, in: Gigi (Nr. 20). Zeitschrift für sexuelle Emanzipation (http://www.gigi-online.de/definition20.html)
Wertmüller, Über Wüstlinge…, a.a.O., S. 34
In der Sprache der Vergewaltiger wimmelt es nur so vor ‚katastrophischer’ Gewalt: Wertmüller, J./Krug, Uli: Infantile Inquisition. Vergewaltigungsdebatten in der Szene: Verdränger werden Verfolger.
Wertmüller, Über Wüstlinge…, a.a.O., S. 34f.

für das definitionsrecht streiten! vorschläge zur diskussionsgestaltung:

von definitionsmacht.tk

voraussetzungen

beachtet, dass in dem diskussionsraum sehr wahrscheinlich auch betroffene anwesend sind.
diskutiert so, dass nicht wieder grenzen überschritten werden!!

führt diese debatte unabhängig von konkreten fällen.

damit ihr in akuten situationen und im sinne der betroffenen reagieren könnt, ist es wichtig
auf eine diskussion zurückgreifen zu können, die vorher geführt wurde.

macht euch vorher klar, was die motivation für eure diskussion ist. warum z.b. eure gruppe
sich jetzt mit definitionsrecht und sexueller gewalt auseinandersetzen will.

die diskussion um das definitionsrecht macht mit frauenverachtenden personen keinen sinn.
denn: wenn feministische positionierungungen grundsätzlich abgelehnt werden hilft auch das
beste argument nicht und ihr reibt euch nur auf.

raumgestaltung

tut niemandem den gefallen, euch berühren zu lassen, verletzen zu lassen. erst checken, ob das gegenüber ein wirkliches interesse an der diskussion hat. zuerst immer fragen, ob es überhaupt in deren interesse liegt, etwas gegen sexuelle gewalt zu tun.

sehr wahrscheinlich wird es vehemente positionen gegen das definitionsrecht geben. dabei mischen sich unverständnis und angst (vor allem unter männern) mit antifeministischen haltungen. versucht dies im diskussionsraum zu unterscheiden.

es kann sehr hilfreich sein, festzuhalten, was für standpunkte in dem raum verteilt sind, ohne diese gleich zu diskutieren – das kommt später. aber so könnt ihr euch einen überblick darüber verschaffen, was eure ausgangslage ist.

diskussionsstrategie

es ist wichtig, die verschiedenen phasen des definitionsrechts in der diskussion erstmal voneinander zu trennen:

- sensibilisiert euch gegenüber den ausmaßen, der normalität und der tabuisierung von sexueller gewalt.

- sexuelle gewalt und vergewaltigungen sind nicht beweisbar; und so haben frauen viel, aber die täter nichts zu befürchten. deshalb ist es wichtig über möglichkeiten des umgangs mit dieser situation zu diskutieren: was können wir der alltäglichkeit sexueller gewalt entgegensetzen? macht eure diskussion hier am definitionsrecht fest!

- grundsätzlich: angriffe auf die idee des definitionsrecht haben noch nie alternativen angeboten, wie mit diesem normalzustand umgegegangen werden könnte, sie verweisen höchstens auf die „objektivität des bürgerlichen rechtes“. gegen die „objektivität“ der gerichtsverfahren und für eine offenkundige unverhältnismäßigkeit des machtmissbrauchvorwurfes sprechen spätestens die offiziellen zahlen. zu tausenden findet jährlich machtmissbrauch durch die täter statt. doch dem wird nichts entgegengesetzt.

- er ist dafür verantwortlich, diesen zustand anzugreifen? Soll der umgang damit an frauenvertreter_innen und gerichte delegiert werden?